Skizzen aus dem autistischen Leben

*** Immer wieder bin ich in Sorge, mit Texten wie diesen zu langweilen. Aber das hier bin ich. Das ist meine Art, in der Welt zu sein. Und ich zwinge niemanden, das zu lesen. *** 1 Berlin. Kongresszentrum. Eine der nobelsten Adressen des internationalen Business auf deutschem Boden. Hier trifft sich die Noblesse des Managertums, hier feiert man das Hochamt der Konjunktur und des Fortschritts. Hier ist man strategisch, hier ist man polyglott. Hier trägt man feinstes Tuch, feinste Manieren und...
Eine Kleinstadt am Rhein. In einem kleinen Hotel führe ich in einem kleinen Tagungsraum im ersten Stock ein viertägiges Seminar durch. In diesem Seminar erkläre ich den NTs in Grundzügen, wie sie funktionieren. Elf Teilnehmer - alle aus dem Vertrieb. Alles ist vertreten: zwei Selfmade-Millionäre (ein Mann, eine Frau), Unternehmernaturen, angestellte Verkäufer, junge, alte. Die Kleinen in den Teilnehmern begreifen sehr schnell, dass man bei mir alles sagen und zeigen darf, dass ich jedoch...
In meinem Leben gibt es kaum etwas, was mir mehr Spaß macht und mich mehr mit Befriedigung erfüllt, als wenn ich etwas lernen kann. Das war in meinem Leben schon immer so. Dinge zu lernen, Zusammenhänge zu begreifen, tiefer zu schauen und die Welt tiefer zu verstehen, das ist etwas, was mein Leben ungemein bereichert. Noch bevor ich in die Schule kam, hatte ich meine leibliche Mutter schon gelöchert: Wie näht man Knöpfe an? Wie bügelt man? Wie geht Waschmaschine? Wie geht Schleuder? Mein...
Es ist ungefähr zwei Jahre her: Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin und ich – wir beschlossen, ihre Stiefmutter bei uns aufzunehmen. Die Stiefmutter zeigte immer stärkere Anzeichen einer Demenzerkrankung. Sie war wirklich nicht mehr in der Lage, alleine in ihrer Wohnung zu leben. So lösten wir in Windeseile die Wohnung der Stiefmutter auf und verfrachteten sie hierher – viele hundert Kilometer. Wir quartierten sie in dem Zimmer ein, in dem unsere ältere Tochter gelebt hatte,...
Ich bin Synästhet. Immer schon gewesen. Beinahe alles, was ich höre, sehe, schmecke, fühle und denke, löst in mir Bilder aus. Diese Bilder können alles mögliche darstellen: Einfache Farben, farbige Strukturen, dreidimensionale Gebilde, fließende Strukturen, flüchtige Bilder, kurze filmartige Sequenzen – so ziemlich alles, was sich denken lässt. In mir ist also immer mächtig was los. Den meisten meiner Gesprächspartner fällt auf, dass ich während einer Unterhaltung ganz oft die...
Meine Kleinen lieben Koans. Sie haben eine eminente Wirkung auf uns (meine Kleinen und mich). Eine Übersetzung des Wumenguan liegt immer auf unserem Schreibtisch. Auf einzelnen Koans können sie monatelang oder jahrelang herumkauen (Sprachbild). Das bekannteste Koan ist vermutlich das One Hand Clapping: „Du weißt, wie es klingt, wenn man mit beiden Händen klatscht. Wie klingt es, wenn man mit einer Hand klatscht.“ Dieses Koan hatten wir zehn Jahre oder länger in Arbeit. Als wir...
Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, studiert seit einigen Monaten. Und so dreht sich das meiste, was sie mir erzählt, um irgendwelches Unizeug. Sie erzählt viel, sie erzählt gerne, sie erzählt oft (sehr oft!), und ich fühle mich regelmäßig vollumfänglich ins Bild gesetzt. Es interessiert mich nicht, aber man kann ja nicht alles haben. Sie ist neurotypisch, und da ist es ihr wichtig, andere an ihrem Leben teilhaben zu lassen – egal, ob es sie interessiert oder nicht. Ich bin...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 29. Dezember 2018
Zum ersten Mal hörte ich diesen Begriff irgendwann vor 30 Jahren – Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“. Ich war Student und sah diesen Film mit Freunden im Kino. Der Begriff sagte mir nichts, und ich verfolgte ihn nicht weiter. Aber später tauchte er immer wieder am Rand meines Bewusstseins auf: Thousand Yard Stare hier, Thousand Yard Stare da. Mir wurde klar, was das bedeutete: Immer, wenn sich irgendwas auf diese Weise in den Fransen meines Bewusstseins verfängt und da auch nicht...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 22. Dezember 2018
Ein längeres Coaching-Gespräch heute Abend brachte diese Erinnerung wieder sehr lebhaft zurück: Ich kann Dinge, die andere nicht können. Das kann Fluch sein, das kann Segen sein. In diesem Fall kam ich um etwa eine Stunde zu spät. Worum geht’s? Wenn ich mit Menschen in Kontakt bin, entstehen in meinem Inneren fast immer Bilder, die mir sehr nachdrücklich verdeutlichen, wie es in diesem Menschen aussieht, wie es ihm geht, was ihn antreibt … kurz, was seine innere Wirklichkeit ist. Ich...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 08. Dezember 2018
Regelmäßige Leser meines Blogs wissen, dass ich als Kind und Jugendlicher reichlich und gründlich Erfahrung mit sexualisierter Gewalt gemacht habe. Bislang kenne ich nur eine künstlerische Aufarbeitung dieses Themas, die mich anspricht: Das Lied „Hell is for Children“ von Pat Benatar. Hin und wieder schaue ich mir verschiedene Live-Versionen dieses Liedes auf YouTube an. Da kann ich dann die eine oder andere Stunde mit Kopfhörern auf den Ohren verbringen, auf den Bildschirm schauen,...

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