30. Dezember 2017

 

Einsamkeit

 

 

Die demenzkranke Stiefmutter der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, hat heute mal wieder vorbeigeschaut. Das Heim, in dem sie lebt, ist keine 200 Meter entfernt, und sie ist durchaus noch fit genug, diesen Weg – hin und zurück – ohne jede Mühe zu finden.

 

Sie saß da also mit ihrer Stieftochter am Esstisch, und die beiden unterhielten sich. Ich saß an meinem Schreibtisch, der nur ein paar Meter weiter weg steht. Ich war in eine Schachpartie vertieft. Und obwohl ich mich so sehr auf mein Spiel konzentrierte, drang das eine oder andere zu mir durch.

 

Einsam sei sie, sagte die Stiefmutter der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin. Ihre Stimme klang grau, müde, traurig, hoffnungslos.

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, kann Gefühle und Kunstgefühle nicht unterscheiden, also stieg sie auf dieses Psychospiel ein.

 

Als erstes lud die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, eine Schubkarre voller guter Ratschläge bei ihrer Stiefmutter ab. Sie könne doch öfter bei uns vorbei kommen, sie solle mehr mit den Heimbewohnern machen, in der Gemeinde gäbe es einen Spieleabend, da können sie doch hingehen. … Und so weiter. Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, liebt es, Ratschläge zu verteilen.

 

Die Stiefmutter der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, konterte mit dem „Ja, aber …“-Spiel. Dieses Psychospiel ist in der Transaktionsanalyse seit fast 50 Jahren bekannt und in der Literatur hinreichend beschrieben.

Ja, aber das geht nicht, weil …“

Ich würde ja gerne, aber …“

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, übernahm in diesem Psychospiel also die Retter-Position, und ihre Stiefmutter hatte sich in der Opfer-Position häuslich eingerichtet. Da solche Psychospiele nicht den Zweck haben, Probleme zu lösen, sondern gespielt werden, um einander mit negativer Zuwendung zu versorgen, konnte es dabei aber nicht bleiben. Um sich mit negativer Zuwendung zu versorgen muss ein sogenannter „Rollenwechsel“ her.

 

Also wechselte die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, von der Retter-Rolle in die Verfolger-Rolle: Sie überschütte ihre Stiefmutter mit einem Haufen Vorwürfe.

Dass sie (die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin) auch nicht mehr tun könne als solche „Angebote“ machen, dass es allmählich Zeit wäre, dass sie (ihre Stiefmutter) ein wenig mehr Eigeninitiative zeigte. Und so weiter.

 

Die Stiefmutter tat jetzt so, als ob sie diese Wendung im Gespräch völlig überraschen würde und gab die gekränkte und unverstandene Dienstmagd. Sie wolle ja niemandem zu Last fallen, aber … Und wenn sie das gewusst hätte, wie das jetzt läuft …

Und so weiter.

 

Psychospiele laufen immer so ab. Sie folgen festgelegten Regeln, die jeder Mensch kennt. Gleichzeitig tun aber alle Beteiligten als wären sie doof und wären völlig überrascht von dem, was der andere als nächste tut. Und dann kommen die ganzen schlechten Gefühle, die als Endauszahlung zu so einem Psychospiel gehören – Einsamkeit, Unverstanden sein, Hilflosigkeit, ohnmächtige Wut, sich ausgenutzt fühlen, und so weiter, und so weiter. Am Ende eines solchen Spieles fühlen sich alle Beteiligten schlecht, aber sie haben sich gegenseitig mit negativer Zuwendung aufgetankt. Und das war der ganze Sinn dieses Spieles.

 

Psychospiele laufen seit es Menschen gibt nach immer denselben völlig unveränderlichen Regeln. Und die erste Regel eines Psychospiels lautet:

Das hier ist kein Spiel, sondern blutiger Ernst!“

 

Mitzuerleben wie NTs miteinander kommunizieren, ist für mich fast immer so, als würde ich einem Schachspiel zuschauen. Sie sind Figuren auf einem Schachbrett, in ein Korsett von ewig gleichen Regeln eingezwängt. Diese Regeln geben auf das genaueste vor, was sie denken, fühlen und tun. Wie das eben so ist, wenn man eine Schachfigur ist. Gleichzeitig sind sie zutiefst überzeugt, frei handelnde Menschen zu sein.

 

Irgendwann ging die Stiefmutter der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, wieder zurück in ihr Seniorenheim. Sie war grau, müde, niedergeschlagen und einsam. Wieder einmal hatte sie ihre Grundüberzeugung festigen können, dass niemand ihr helfen könne und sie es auch nicht wert sei, dass sich jemand mit ihr beschäftigte. Wieder einmal fühlte sie sich schrecklich einsam, unverstanden und niedergeschlagen. Wenn ich ihr gesagt hätte, dass sie genau deswegen bei uns geklingelt hatte, um all das zu erleben und zu festigen, dann hätte sie mich völlig verständnislos angestarrt.

 

So wird sie da also in ihr Heim schlurfen, all ihre Kunstgefühle pflegen, die sie für echte Gefühle hält und irgendwann wieder bei uns vorbeischauen, um negative Zuwendung aufzutanken und die Kunstgefühle aufzupolieren. Ein ewiger Kreis.

 

Sie wird einsam bleiben.

 

In der Welt, in der ich lebe, sind so ziemlich alle NTs, denen ich begegne, von Einsamkeit geradezu durchflutet. Einsamkeit ist die Grundfärbung ihres Lebens. Einsamkeit ist in ihrem Leben wie ein Glockenton, der niemals verhallt und der in jeden Winkel zu hören ist.

 

Da Einsamkeit für die meisten Menschen sehr unangenehm ist, haben die NTs Myriaden von Methoden und Wegen entwickelt, um sie nicht mehr fühlen zu müssen.

  • Sie treffen sich mit Freunden.

  • Sie verbringen ganz viel Zeit mit der Familie.

  • Sie verbringen ihre kostbare Lebenszeit mit „Zeitvertreib“

  • Sie sorgen dafür, dass sie keine Sekunde des Tages alleine sind. (Auch auf dem Klo kann man twittern).

  • Sie legen sich Hobbys zu.

  • Sie diskutieren politisches Zeug. („Denen in Berlin müsste mal einer sagen …“)

  • Sie gründen Facebookgruppen und posten Fotos ihrer Mahlzeiten.

  • Sie glauben an den lieben Gott, damit wenigsten einer da ist, der sie versteht.

  • Sie arbeiten sich buchstäblich zu Tode.

  • Sie treiben auf die gleiche Weise Sport wie Workaholics arbeiten.

  • Sie spielen Psychospiele.

  • Und so weiter.

 

Zu all diesen Aktivitäten habe ich eine simple Botschaft:

Was immer du auch tust, um die Einsamkeit nicht mehr fühlen zu müssen – sie ist trotzdem da. Sie lauert im Hintergrund und im Untergrund, und je mehr du dich in Aktivitäten und Gesellschaft stürzt, um die Einsamkeit nicht mehr fühlen zu müssen, desto mehr vergeudest du deine Zeit und damit dein Leben. Am Ende all dieser Aktivitäten – wenn du müde nach Hause kommst, wenn du morgens aufwachst, wenn du tatsächlich mal alleine bist und alles still ist – da wartet sie auf dich. Still. Geduldig. Ausdauernd.

Einsamkeit ist wie ein Gebirge. Wie ein Zentralmassiv. Du kannst in eine andere Richtung schauen. Du kannst ans Meer fliehen. Du kannst die Segel setzen und übers Meer fahren: Das Gebirge ist immer noch da. Du trägst es in deinem Herzen. Und wo immer du auch hingehst, und was auch immer du tust – die Einsamkeit ist schon da. Sie wartet auf dich. Still. Geduldig. Ausdauernd.

 

Einsamkeit ist kein Fluch. Einsamkeit ist ein Segen. Vielleicht gibt es in deinem Leben keinen größeren Segen als dieses alles durchdringende Gefühl der Einsamkeit. Einsamkeit zeigt dir auf, in welche Richtung du gucken musst und was du tun (und lassen) musst, um deinem Leben Sinn und Richtung zu geben. Einsamkeit ist ein Wegweiser zu einem erfüllten Leben. Ein erfülltes Leben führt nicht an der Einsamkeit vorbei, sondern in sie hinein und durch sie hindurch.

 

Ich habe mal gelesen, dass einem Zen-Meister von einem Suchenden gesagt wurde:

Ich bin immer so alleine! Was soll ich nur tun?!“

Der Zen-Meister antwortete:

Lehre deine Erkenntnis.“

 

 

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Kommentare: 6
  • #1

    NeoSilver (Samstag, 30 Dezember 2017 13:08)

    Ist die Offenbarung der Einsamkeit dann nicht gleichzeitig ein Anzeichen für ein intrinsisches Problem derjenigen Person?
    Ist Einsamkeit nur ein physischer Zustand oder tatsächlich auch als Beschreibung für ein Gefühl tauglich?
    Eventuell sollte man zwischen dem physischen Zustand und der emotionalen Verbindung zu dem Wort "Einsamkeit" unterscheiden, da vor allem letzteres nur sehr schwer zu definieren scheint.

    Ist Einsamkeit der Auslöser oder das Symptom?

    Wenn ich dein Beispiel interpretiere, wäre der Aktionsantrieb der Person, ein Wunsch nach Aufmerksamkeit.
    Aufmerksamkeit bedingt natürlich Gesellschaft und stellt somit indirekt auch ein Gegenteil der Einsamkeit dar.

    In meinen Gedanken komme ich zu keiner logischen Definition der Einsamkeit, außer ich belasse es bei einem rein physischen Zustand.

  • #2

    Stiller (Samstag, 30 Dezember 2017 16:50)

    "Ist die Offenbarung der Einsamkeit dann nicht gleichzeitig ein Anzeichen für ein intrinsisches Problem derjenigen Person?"
    Das weiß ich nicht. Das soll die Person entscheiden.

    "Ist Einsamkeit nur ein physischer Zustand oder tatsächlich auch als Beschreibung für ein Gefühl tauglich?"
    Jedes Gefühl ist ein physischer Zustand. Ein Gefühl ohne physischen Zustand ist in meiner Welt nicht denkbar.

    "Eventuell sollte man zwischen dem physischen Zustand und der emotionalen Verbindung zu dem Wort "Einsamkeit" unterscheiden, da vor allem letzteres nur sehr schwer zu definieren scheint."
    Ich definiere Gefühle nicht. In meiner Welt führt der Versuch, sowas zu tun, in aporetische, abgehobene Diskussionen und ganz weit weg vom Gefühl.
    Ein Gefühl zu definieren ist in meiner Welt so, als würde man in einem Restaurant statt zu essen die ganze Zeit nur die Speisekarte studieren. (Und dann gelehrte und wissenschaftliche Gespräche über Speisekarten führen). Davon werde ich nicht satt.

    "Ist Einsamkeit der Auslöser oder das Symptom?"
    Einsamkeit entsteht in meiner Welt immer dann, wenn der Kontakt zu unserer Innenwelt abreißt. Ich nenne diese Bereiche in meiner Innenwelt "meine Kleinen". Alles, was ich als Kind mal war - in jeder Altersstufe - ist heute noch in mir lebendig. Wenn der Kontakt zwischen mir als Erwachsenem und meinen Kleinen abreißt, dann bin ich einsam. Sonst nicht.

    "Wenn ich dein Beispiel interpretiere, wäre der Aktionsantrieb der Person, ein Wunsch nach Aufmerksamkeit."
    Das ist korrekt. Wichtig aber ist, dass diese Aufmerksamkeit in negativer Weise erfolgen muss. Sonst ist sie weder erwünscht noch verdaubar.

    "Aufmerksamkeit bedingt natürlich Gesellschaft und stellt somit indirekt auch ein Gegenteil der Einsamkeit dar."
    Gesellschaft ist in meiner Welt eben nicht das Gegenteil von Einsamkeit, sondern im Gegenteil:
    Nirgends kann der Kontakt zu meinen Kleinen besser abreißen als in Gesellschaft. Das lärmende Geplapper mit dem sich die NTs in meiner Welt umgeben, dient vor allem zwei Zielen:
    a) Die eigene Einsamkeit nicht spüren zu müssen (die aber trotzdem da ist)
    b) Den Kontakt zur eigenen Innenwelt zu verhindern

    "In meinen Gedanken komme ich zu keiner logischen Definition der Einsamkeit, außer ich belasse es bei einem rein physischen Zustand."
    Da Einsamkeit ein Gefühl ist, kann es nicht gedacht, sondern nur gefühlt werden.
    Natürlich stehen Gedanken und Gefühle in Verbindung.
    Auch Gefühle folgen den Naturgesetzen und sind absolut logisch. Es geht nicht anders.
    Aber wenn du ein Gefühl logisch definieren willst, ist es ähnlich als wolltest du logisch beweisen, dass ein Gemälde schön ist. Wie willst du das machen?

    Gefühle müssen gefühlt werden. Sie können nicht gedacht werden.
    Der Verstand kann eine eminent wichtige Rolle spielen, um (a) Gefühle von (b) Kunstgefühlen zu unterscheiden (beide fühlen sich absolut gleich an, aber Kunstgefühle führen unweigerlich in die Irre, wenn sie für Gefühle gehalten werden).
    Der Verstand beschützt und begleitet die Gefühle.
    Aber das war's dann auch.




  • #3

    NeoSilver (Samstag, 30 Dezember 2017 18:56)

    "Das ist korrekt. Wichtig aber ist, dass diese Aufmerksamkeit in negativer Weise erfolgen muss. Sonst ist sie weder erwünscht noch verdaubar."

    Warum muss es in negativer Weise erfolgen?
    Wenn das Ziel ist die für diese Menschen quälende Einsamkeit zu überschatten, sollte dann nicht auch positive Zuwendung dazu fähig sein?

    Danke für deine Beschreibungen, diese erklären einige meiner Gedankengänge.

    Zusatz:
    Ein Psychologe sagte einmal zu mir, "Gefühle sind immer echt". Dies steht im Widerspruch zu deiner Interpretation der Kunsgefühle.

    Mir reicht deine Erklärung in Text "Gefühle und Kunstgefühle" noch nicht aus um es komplett zu verstehen, da du auch nur ein Beispiel beschrieben hast.
    Kannst du mir bitte noch andere Beispiele, eventuell mit dem Kunstgefühl "Freude", erläutern?

  • #4

    Stiller (Sonntag, 31 Dezember 2017 03:46)

    "Warum muss es in negativer Weise erfolgen?"
    Wer nach negativer Aufmerksamkeit sucht, geht in diesem Moment in aller Regel unbewusst davon aus, dass es positive Zuwendung nicht gibt bzw. er würde diese als zu schmerzhaft erleben und zurückweisen.

    "Wenn das Ziel ist die für diese Menschen quälende Einsamkeit zu überschatten, sollte dann nicht auch positive Zuwendung dazu fähig sein?"
    Interessanter Bild. Das würde bedeuten, dass die Einsamkeit leuchtet bzw. strahlt.
    Positive Zuwendung kann die "quälende Einsamkeit überschatten". Aber wenn wir gerade in einem Psychospiel sind und auf negative Zuwendung aus sind, dann verlieren wir das vollkommen aus dem Blick.

    "Zusatz:
    Ein Psychologe sagte einmal zu mir, "Gefühle sind immer echt". Dies steht im Widerspruch zu deiner Interpretation der Kunsgefühle."
    Das ist korrekt.

    "Kannst du mir bitte noch andere Beispiele, eventuell mit dem Kunstgefühl "Freude", erläutern?"
    Ein Kunstgefühl ist ein Gefühl, das
    a) uns vertraut ist
    b) in der Kindheit gelernt und gefördert wurde
    c) wir in dieser Form wieder und wieder und immer wieder erleben
    d) in unserer erwachsenen Welt der Realität nicht angemessen ist bzw. nicht dazu beiträgt, dass die anstehenden Probleme gelöst werden.

    Wenn ich das am Beispiel "Freude" erläutere, sieht das so aus:

    Ein kleines Kind stellt fest, dass es Zuwendung von den Eltern nur noch bekommt, wenn es ein "Wonneproppen" ist. Ist es traurig, weil es irgendwas vermisst oder verloren hat, reagieren die Eltern nicht (jedenfalls nicht angemessen) - und so probiert es Gefühle durch, bis es merkt, dass die Eltern auf "Freude" immerhin mit Zuwendung reagieren. Ist es wütend, weil es seine vitalen Bedürfnisse verteidigen will, reagieren die Eltern mit schroffer Ablehnung. Das Kind probiert Gefühle durch, bis es merkt, dass es bei "Freude" immerhin eine Form der Zuwendung bekommt.
    Und so weiter.

    Das Kind entwickelt also die Grundüberzeugung:
    "Zuwendung bekomme ich nur dann, wenn ich fröhlich bin."
    Und so nach tötet es alle anderen Gefühle in sich ab, bis es nur noch "Freude" empfinden kann.

    Solche Menschen begegnen mir als Erwachsene oft mit Aussagen wie:
    "Ich bin eigentlich immer gut drauf."
    "Ich bin ein ausgesprochen fröhlicher Mensch."
    Zum Tod ihres einen Kindes fällt ihnen vor allem ein:
    "Es war eine schöne Beerdigung."
    Und wenn ihr anderes Kind tottraurig ist, weil sein geliebter Hamster gestorben ist, bekommt es vor allem zu hören:
    "Sei nicht traurig ..."
    Und dann kommen jede Menge Begründungen, warum Trauer abgewehrt werden muss und nicht mehr gefühlt werden darf:
    "... dein Hamster ist jetzt ja im Hamsterhimmel."
    "... du bekommst auch einen neuen."
    Und so weiter.
    Diese Menschen sind in jeder Situation "fröhlich". Sie strahlen immerzu. Sie sind immer gut drauf. Sie reagieren mit starker Abwehr auf alles, was diese Fröhlichkeit eintrüben könnte. Ihre Fröhlichkeit ist fast immer ein Kunstgefühl.

    Ich nenne diese Menschen "strahlenverseucht".

  • #5

    NeoSilver (Dienstag, 02 Januar 2018 14:44)

    Danke für die ausführliche Erklärung und die Beispiele, ich denke, ich verstehe das Konzept nun wesentlich besser oder denke dies zumindest.

    Es klingt in den Beschreibungen wie ein Schauspiel, eine Vortäuschung, welche aber nach jahrelanger "Übung" nicht mehr bewusst, sondern nur unterbewusst agiert und somit bei der Person selbst den Anschein einer echten Emotion erwecken kann.

    Sind Kunstgefühle an einen Zweck gebunden oder werden sie dann generalisiert angewandt und kann die Person das echte Gefühl noch erfahren oder wird dieses restlos durch das Kunstgefühl ersetzt?

    Wenn meine Vermutung stimmt, hat dieses Konzept eine Ähnlichkeit mit dem Konzept des zwanghaften Charakters, welcher sich einen Mechanismus für eine spezielle Situation aneignet, diesen dann aber generalsiert immer anwendet, obwohl der Nutzen eventuell nicht eindeutig gegeben ist.

  • #6

    Stiller (Mittwoch, 03 Januar 2018 10:08)

    "Es klingt in den Beschreibungen wie ein Schauspiel, eine Vortäuschung, welche aber nach jahrelanger "Übung" nicht mehr bewusst, sondern nur unterbewusst agiert und somit bei der Person selbst den Anschein einer echten Emotion erwecken kann."
    Über 95% dessen, was mir meine NT-Umwelt als "Gefühl" präsentiert, weise ich als Kunstgefühl zurück.
    Ohne Kunstgefühle gibt es keine Krimis, keine Rosamunde-Pilcher-Filme, keinen Herrn der Ringe, keine Shakesspeare- oder Goethe-Dramen, keine Epen wie Homer, Nibelungenlied und Odyssee. Schiller, die Manns, Tolstoi, Dostojewski und wie sie alle heißen hätten nicht ein einziges Werk veröffentlicht. Keine einzige Oper wäre je geschrieben worden, Bibel und Koran würden ohne Kunstgefühle nicht existieren. Es gäbe wohl kaum ein Lied von Schubert und auch die Beatles und die Rolling Stones (und wie sie alle heißen) hätten sich wohl andere Texte einfallen lassen müssen, wenn sie auf Kunstgefühle verzichtet hätten. Und so weiter, und so weiter.
    Unsere gesamte Kultur ist auf Kunstgefühlen aufgebaut.

    Wer Kunstgefühle produziert und erlebt, hält diese Gefühle für echt. Kunstgefühle fühlen sich genauso echt an wie echte Gefühle.

    "Sind Kunstgefühle an einen Zweck gebunden oder werden sie dann generalisiert angewandt und kann die Person das echte Gefühl noch erfahren oder wird dieses restlos durch das Kunstgefühl ersetzt?"
    Kunstgefühle sind ursprünglich zweckggebunden. Sie sichern das Überleben des Kindes in einer als feindlich erlebten Umwelt. Sie sind eingebettet in das, was die Transaktionsanalyse das "Skript" nennt. Das "Skript" ist der unebwusste Lebensplan, den jedes Kind entwickelt und an den es sich meistens ein Leben lang hält.
    Echte Gefühle können neben Kunstgefühlen noch erlebt werden, aber das ist vergleichsweise selten.

    "Wenn meine Vermutung stimmt, hat dieses Konzept eine Ähnlichkeit mit dem Konzept des zwanghaften Charakters, welcher sich einen Mechanismus für eine spezielle Situation aneignet, diesen dann aber generalsiert immer anwendet, obwohl der Nutzen eventuell nicht eindeutig gegeben ist."
    Das Konzept des "zwanghaften Charakters" kenne ich nur vom Hörensagen. Ich arbeite mit solchen Konzepten nicht. Aber das, was du hier beschreibst, entspricht einem Teil dessen, was ich hier das "Skript" genannt habe.
    Bei meiner Arbeit sage ich, dass wir mit Kunstgefühlen auf eine Wirklichkeit reagieren, die schon längst untergegangen ist und die nur noch in unseren Köpfen (und in unserem restlichen Körper) existiert.

 

 

09. Dezember 2017

 

Stille

 

Ich bin seit frühester Kindheit chronischer Asthmatiker. Deshalb ist eines der Worte, die ich am häufigsten brauche:

„Keuch!“

Darüber hinaus bin ich auch noch chronisch anämisch. Der Sauerstoff, den ich einatme, wird also nicht im üblichen Maß vom Blut aufgenommen und weiter transportiert.

Aus diesen Gründen halte ich mich so oft wie möglich im Hochgebirge auf. Es tut mir sehr gut, oberhalb der Baumgrenze alleine rumzulaufen. Dort kann ich frei atmen. Und die Natur dort oben tut mir sehr gut – sie ist sehr karg. Das Grün, das ich in Tallagen erlebe, tut mir sehr oft in den Augen weh. Und die Vögel … aber dazu kommen wir noch.

 

Vor mehrwöchigen Bergtouren überprüfe ich meine körperliche Leistungsfähigkeit, indem ich Referenzstrecken ablaufe. Ich habe im Lauf der Jahre einen ganzen Set an Strecken in verschiedenen Höhenlagen und mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden zusammengestellt. Bei all diesen Strecken weiß ich ziemlich genau, wie lange ich im Normalfall brauche und an welchen Streckenabschnitten ich mich wie fühle.

Die längste und anspruchsvollste dieser Strecken führt von Garmisch (ca. 700 Höhenmeter) auf die Zugspitze (fast 3.000 Höhenmeter). Die reine Gehzeit beträgt für mich ziemlich genau 12 Stunden.

 

Meistens breche ich kurz nach Mitternacht auf und latsche endlose Kilometer durch die Dunkelheit an der Partnach entlang. Meine Augen sind so lichtempfindlich, dass ich nur ganz selten eine Stirnlampe brauche. (Und wenn ich sie anschalte, dann stelle ich sie meistens auf ein sehr gedämpftes Rotlicht, das eigentlich nicht mehr ist als ein rötlicher Schimmer). Diesen Teil der Wanderung genieße ich sehr. Ich bin dort zu dieser Zeit noch nie einem Menschen begegnet. Die Vögel schlafen noch und auch sonst gibt es eigentlich nur die Geräusche, die die Nacht so mit sich bringt. Und natürlich das ewige Rauschen der Partnach.

 

Hinter der Reintalangerhütte (1366 Höhenmeter) beginnt der Aufstieg zur Knorrhütte (2051 Höhenmeter). Es ist wichtig, dass ich diesen Teil durchsteige, bevor es richtig warm geworden ist. Denn sobald die Sonne höher steigt, schmeißen dort die Latschenkiefern mit Sporen nur so um sich, und das bringt mich schier um. Wie gesagt: „Keuch!“

 

Die Knorrhütte befindet sich oberhalb der Baumgrenze – ab hier kann ich es dann etwas ruhiger angehen lassen. Jetzt bin ich im Hochgebirge angekommen, und der Aufstieg verläuft sehr ereignisarm bis zum Klettersteig unterhalb des Gipfels. Dort an den Drahtseilen rumzuzerren und sich von Absatz zu Absatz zu wuchten, finde ich auch sehr nett. (Da ich zu ängstlich bin, um im Fels zu klettern, bin ich an solchen ausgesetzten Stellen auf Klettersteige angewiesen).

 

Oben auf dem Zugspitzplateau ändert sich das Bild. Hier ist an jedem Tag des Jahres Oktoberfest. Zwei leistungsstarke Seilbahnen und eine Zahnradbahn, die in hoher Taktung fahren, sorgen dafür, dass jedes Jahr eine halbe Million Menschen direkt aus dem Tal nach oben verfrachtet werden. Und da das so ziemlich alles NTs sind, bringen sie den Lärm, ohne den sie nicht leben können, aus dem Tal gleich mit. Der Krach und das Gewusel am Gipfel sind für mich immer wie „Knüppel auf’n Kopp“. Aber ich muss da hoch, denn meine Kraft reicht nicht, um am gleichen Tag wieder abzusteigen.

 

Wer das nicht kennt, für den ist das ein Erlebnis da oben – aus zig leistungsstarken Lautsprechern dröhnt die ganze Zeit „Rumtata!“ Gerne wird auch Mainstreaem Heavy Metal verbreitet oder es gibt den Verkehrsfunk von Bayern Drei. Ich hab‘ auf meinem Handy eine App, mit der ich den Schalldruck messen kann. Beim letzten Mal habe ich selbst in „stillen“ Winkeln auf der Zugspitze knapp 70 dBA gemessen. (Allerdings gab’s da auch eine Riesenbaustelle, auf der mit Hochdruck an der neuen, noch größeren Zugspitzseilbahn gebaut wurde. Ja, die Anrainerstaaten der Alpen geben sich richtig Mühe und machen große Fortschritte. Beinahe überall sehen die Alpen inzwischen aus wie das Disneyland der Bergwelt. Es gibt da noch die eine oder andere Gegend, die etwas zurück geblieben ist, aber ich bin sicher, dass die NTs auch das in den Griff kriegen werden). – Und ja, die NTs verstehen zu leben. Bergeinsamkeit ist ihr Element. Hier in der Stille der unberührten Natur kommen sie ganz zu sich selbst. Sie machen Gruppenselfies vor Bergkulisse, bis die Schwarte kracht, kaufen säckeweise Andenken für die Lieben daheim, schwingen dann innerlich mit, im ewig gleichen Rhythmus der Handyklingeltöne und der Benachrichtigungsgeräusche von WhatsApp und fahren schlussendlich nach einem langen, erlebnisreichen Tag erschöpft aber glücklich wieder zu Tal.

 

Tja. Warum trägt dieser Text eigentlich den Titel „Stille“?

Dazu komme ich jetzt.

 

Einem meiner Kunden (Unternehmer, ca. 10 Jahre jünger als ich), erzählte ich mal von so einem Aufstieg, als er mich danach fragte, was ich die letzten Tage gemacht hatte. Seine Augen leuchteten, als ich ihm beschrieb, wie ich beim Aufstieg zur Knorrhütte den Sonnenaufgang erlebt hatte. (Sonnenaufgänge bedeuten mir gar nichts. Mir war das nur wichtig, weil so garantiert war, dass ich vor dem Gasangriff der Latschenkiefern diesen Teil durchstiegen hatte). Detailliert ließ er sich von mir den Blick beschreiben, den man von dort oben in das Tal der Partnach hat.  

 

Und dann erzählte er mir:

 

„Ja, das erinnert mich, wie ich vor ein paar Jahren von Frankfurt in die Dolomiten gefahren bin. Da hab‘ ich mit meiner Freundin Urlaub gemacht. Wir sind die ganze Nacht gefahren und dann direkt mit der Seilbahn hoch zur Bergstation. Ich komm jetzt nicht mehr auf den Namen von diesem Gipfel. Aber es war auf jeden Fall auch so um die 3.000 Meter hoch. Und da sind wir dann gleich mit der ersten Seilbahn hoch gefahren. Sachen und alles im Auto gelassen, nur die Skiausrüstung und gleich hoch. Und als wir da oben ankamen, da ging grade sie Sonne auf. … Überall nur schneebedeckte Gipfel, so weit das Auge reichte, kaum Menschen da … Und dann Stöpsel in die Ohren und „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen voll aufgedreht. …“

Er seufzte versonnen, als er in dieser Erinnerung schwelgte.

„Das ist geil!“ sagte er dann. „Das ist Stille!“

Er machte eine Pause.

„Das sind die Momente, wo ich so richtig auftanke und mir die Kraft hole für diesen stressigen Job hier.“

Er machte eine Pause, als er seine Worte nachklingen ließ.

„Eigentlich macht man sowas viel zu selten“, sinnierte er dann.

Wieder entstand eine längere Pause.

„Was?“, fragte ich dann. „Was macht man viel zu selten?“

„Ja, so zur Ruhe kommen, so in der Stille.“

 

Ich mag diesen Menschen sehr. Er ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse, freundlich, umgänglich, voller Tatkraft. Er schafft viele Arbeitsplätze, und in seinem Unternehmen scheinen sich alle wohl zu fühlen. Er ist einer meiner stilleren Kunden. Wenn ich ihn in seiner Firma besuche, läuft nirgendwo das Radio, nirgendwo knallen Türen, alles ist sehr ruhig. Aber er ist NT.

 

Tja. Stöpsel in die Ohren, „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen. Volle Lautstärke. Das ist Stille.

 

Vor ein paar Tagen war ich mit der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, essen. Nichts großartiges, nur so ein schlichter Chinese. (Wobei – wenn ich an die Dekoration dort denke … schlicht ist anders). Aber wie auch immer – da ich auch bei solchen Gelegenheiten nicht besonders gesprächig bin, bemühte sich die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, nach Kräften, irgendeine Form von Konversation aufzubauen und in Gang zu halten. Dazu thematisiert sie regelmäßig Sachgebiete, von denen sie glaubt, dass sie mich interessieren.

 

„Ich war da ja gestern mit [Name ihrer demenzkranken Stiefmutter] beim Arzt …“, fing sie unvermittelt an.

‚Ja‘, dachte ich, ‚das fand bereits schon mehrfach Erwähnung‘.

„… und da habe ich im Focus gelesen – ich weiß, du magst diese Zeitschrift jetzt nicht so – aber da war ein ganz interessanter Artikel … nein, ich lüge, da waren mehrere Artikel dazu - da ging es um das Thema „Stille.“

‚Na‘, dachte ich, ‚der Focus ist ja das weltweit anerkannte Fachblatt für dieses Thema. Es gibt kaum ein stilleres Blatt als den Focus. Da haben die so richtig Ahnung von.‘

„Und weißt du was?“

‚Nein‘, dachte ich; ‚weiß ich nicht. Aber ich bin sicher, dass du’s mir gleich sagen wirst.‘

„Das war nämlich so, dass die da ganz viele Experten befragt haben, und die haben gesagt, dass Stille, wie wir sie brauchen, etwas anderes ist als die Abwesenheit von Schall.“

 

Mir gingen sehr viele Dinge durch den Kopf, die ich zum Thema Stille und zu ‚Bunkerexperimenten‘ im Studium gelernt hatte. Da war es manchmal auch um das Thema „Abwesenheit von Schall“ gegangen.

„Wir brauchen nämlich“, fuhr die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, fort „immer ein gewisses Maß an Schall, damit wir uns wohl fühlen. Windgeräusche, Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bächen. Völlige Stille ist gar nicht gut für uns.“

 

Das war interessant für mich. Einer der Gründe, dass ich so gerne im Hochgebirge bin, ist, dass dort die gefiederten, flatternden Krachmacher endlich Ruhe geben. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich bei jeder Wanderung im Flachland Stöpsel in den Ohren habe: Dann können sich die Vögel ins Koma schreien wie sie wollen – ich krieg‘ kaum noch was davon mit. Für mich ist Stille vor allem eins: Stille. Und eben nicht: Bäche rauschen, Vögel zwitschern, Hirsche röhren im dunklen Tann. Stille ist Stille. Schlicht und einfach. Vogelgezwitscher im Frühling kann mich in den Wahnsinn treiben.

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, hatte währenddessen die Konversation weiter vorangetrieben:

 

„ … und da haben die Leute dann von ihren Erfahrungen aus diesen Stille-Seminaren berichtet …“

‚Stille-Seminare‘, dachte ich. ‚Selbstverständlich‘.

„… und da waren sich alle einig, wie gut ihnen das getan hat, und dass sie gar nicht mehr ohne Stille sein wollen …“

‚Ja‘, dachte ich, ‚das glaube ich ihnen auf’s Wort.‘

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, unterbrach ihren Vortrag und schaute mich direkt an:

„Sag‘ mal, willst du eigentlich immer noch so dringend nach Island?“

`Dringend?‘ dachte ich. ‚Wo kommt das jetzt her?‘

„Nein“, antwortete ich ihr, „das hat jetzt nicht die hohe Priorität für mich.“

„Weil - sie haben da von einem berichtet, der da auf Island lebt, da in dieser kargen Landschaft. Das ist doch etwas, was du so magst, wenn es nicht gar so grün ist und so. Alles ganz schlicht.“

Ich nickte.

„Ja, und der hat da beschrieben, wie einfach da sein Tagesablauf ist, und wie abgeschieden das alles ist.“

‚Ja‘, dachte ich. ‚Und spätestens im nächsten Jahr wundert er sich, wo denn plötzlich all diese Leute herkommen und was aus der Einsamkeit geworden ist, die er immer so geschätzt hat.‘

 

Nach meiner Erfahrung zieht es die NTs dorthin, wo es still ist. Dort machen sie sich breit – vor allem mit ihrem Krach – stellen ein paar Gebäude hin, denn es muss ja irgendwie auch wohnlich sein, legen ein paar neue Straßen an …

Wie das halt so ist: Wenn du heute NTs öffentlich verkündest, wo die Natur als still und schön erlebt hast, ziehen sie morgen in Scharen dorthin und machen alles kaputt … Stöpsel in die Ohren und „Freiheit“ von Marius-Müller Westernhagen auf volle Lautstärke.

Deshalb erzählt nur ein ausgemachter Idiot öffentlich davon, wo er die Natur als besonders schön und still erlebt hat. Auf der anderen Seite dachte ich mir:

‚Es ist gut, wenn es im nächsten Jahr möglichst viele dieser ‚Stille-Fanatiker‘ nach Island zieht. Dann sind sie nicht dort, wo ich bin.‘

 

 

Gestern war ich mit der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, im Taunus wandern. Es hatte die ganze Nacht geschneit und es schneite weiterhin. So stapften wir durch die wirbelnden Schneeflocken vorwärts. Aus ihren Körperbewegungen schloss ich, dass die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, etwas zu mir gesagt hatte.

Ich blieb stehen. Sie blieb stehen. Ich friemelte mir den Stock von der rechten Hand. Ich zog den Handschuh aus und nahm den Stöpsel aus meinem linken Ohr. Ich schaute sie an:

„Was hast du gesagt?“, wollte ich wissen.

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, schien ein wenig fassungslos:

„Trägst du eigentlich auch jetzt Ohrenstöpsel?!“

„Wie du siehst.“

„Aber hier gibt’s doch nichts.“ Meine Frau machte eine weit ausholende Armbewegung in die wirbelnden Schneeflocken. „Das einzige, was zu hören ist, ist der Schnee, der auf die Kapuze fällt.“

„Ja“, antwortete ich. „Ganz genau. Der Schnee, der auf die Kapuze fällt. Also – was hast du gesagt?“

 

 

Halten wir also fest, liebe NTs:

Völlige Stille ist gar nicht gut für euch. Ihr könnt ohne euren Lärm nicht sein. Ihr nennt es Stille, wenn dieser Lärm etwas leiser ist.

Das, was ich als Stille erlebe, und was ich so dringend brauche, ist etwas völlig anderes. Das, was ich als Stille erlebe, würde bei euch intensives Unwohlsein hervorrufen und euch langfristig verrückt machen.

 

 

 

P.S.

Liebe NTs, beinahe nirgendwo auf der Welt ist es so schön uns so still wie in den Alpen. Bei dieser unberührten, wilden und stillen Natur geht einem so richtig das Herz auf. Wer einmal die Stille dort erlebt hat, der wird sie nie wieder missen wollen, und der wird den intensiven Wunsch verspüren, den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Speziell das Gebiet rund um die Zugspitze ist der absolute Geheimtipp für Genießer. Wenn man sich irgendwo in den Alpen so richtig von der Stille durchdringen und tragen lassen kann, dann da.

(Und ich bin ziemlich sicher, dass unten im Tal – in Garmisch-Partenkirchen oder so – jede Menge Stille-Seminare angeboten werden, wo ihr diese intensiven Erfahrungen mit Gleichgesinnten teilen könnt).

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    NeoSilver (Samstag, 09 Dezember 2017 20:05)

    Spezifizierst du mir deine Ohrstöpsel bitte näher, da ich auch fast immer welche trage aber noch nicht komplett zufrieden bin, weil sie nur etwa 20-30 deziBel unterdrücken.

    Ein Bereich, welcher nach meiner Erfahrung immer sehr ruhig ist und kaum von den NT's mit ihren Geräuschen belastet wird, ist ein Friedhof.
    Nun bietet ein Friedhof keine Möglichkeit für einen Tages-Wander-Ausflug, außer man möchte immer im Kreis gehen, dennoch bietet er mir die nötige Stille, welche ich kurzfristig an einem Tag erreichen kann.

    Was denkst du, wie sich die temporäre Gewöhnung auf Stille auswirkt?
    Wenn ich dem innerstädtischen Lärm entgehe und auf dem Friedhof Vogelgesänge höre, dann werde ich vermutlich trotzdem die annähernde Stille als entspannend empfinden können.
    Sollte ich dann aber einige Zeit in jener Stille verbringen, können die Vogelgesänge, je nach Intensität, wiederum als störend empfunden werden.

    Kannst du verschiedene Geräuschpegel als entspannende Empfindung abstufen oder gibt es nur das Stadium Entspannung oder nicht Entspannung, entsprechend völliger Stille oder dem vorhandensein von Geräuschen?

  • #2

    Stiller (Sonntag, 10 Dezember 2017 00:04)

    Ich trage maßgefertigte Ohrenstöpsel aus Silikon, die beim Hörgeräteakustiker angefertigt werden können. Dazu wird einem eine grüne Silikonmasse ins Ohr gespritzt, die sowohl Gehörgang als auch einen Teil der Ohrmuschel abdeckt. Diese wird nach dem aushärten noch farblos lackiert, so dass sie ziemlich beständig ist. (Hält mehrere Jahre).
    Kostenpunkt beim Hörgeräteakustiker, zu dem ich gehe: Ca. 40 Euro pro Paar.

    Wie sich die temporäre Gewöhnung auf Stille auswirkt, weiß ich nicht, da ich noch nie in meinem Leben so viel Stille bekommen habe, wie ich gerne hätte.

    Innerstädtischem Lärm werde ich mich ganz sicher nicht aussetzen, wenn ich nicht muss.
    Jede Gemeinde, die mehr als 1.000 Einwohner hat, ist eindeutig zu groß für mich. Ich wohne seit vielen Jahren in einer eher kleinstädtischen Umgebung.

    Je ruhiger/stiller es ist, desto entspannender ist das für mich. Das ist also kein digitaler Zustand (in dem Sinne: Ich bin entweder entspannt oder ich bin es nicht), sondern etwas Fließendes.

  • #3

    lemonbalm (Dienstag, 12 Dezember 2017 21:29)

    "Volle Lautstärke. Das ist Stille."
    Und das meinte er auch wirklich so? Ich kenne ähnliche Situationen, weiss aber bis heute nicht, wann ich einem Witz erlegen bin, ob ich veräppelt werde oder was falsch verstanden habe.
    Das kann doch nicht sein ernst sein.

  • #4

    Stiller (Donnerstag, 21 Dezember 2017 03:28)

    Hallo lemonbalm,

    nach allem, was ich wahrnehmen konnte, war das exakt so gemeint, wie es gesaqgt wurde:
    "Volle Lautstärke. Das ist Stille."
    Ich kann's nicht ändern, sondern nur zur Kenntnis nehmen (und dann versuchen zu verstehen).

 

 

19. November 2017

Das Neurotypische Syndrom 09 - Redundanz – oder zweimal zwei

Die Wissenschaftler und Experten, die sich mit dem Asperger-Syndrom (AS) beschäftigen, sind sich einig: Wer das Asperger-Syndrom hat, neigt dazu, sich uferlos zu wiederholen, wenn er von seinen Spezialinteressen erzählt.

 

Nach allem, was ich sehen kann, ist da was dran. Alle Autisten, die ich kenne, können sehr gesprächig werden, wenn es um ihre Spezialinteressen geht. Das gilt auch für mich. Und genau wie andere AS auch kann ich mich dabei sehr oft wiederholen. Ich wiederhole mich, weil ich so begeistert bin von diesen Dingen. Ich kann zehnmal denselben Fachartikel lesen. Ich kann dreißigmal dasselbe Buch lesen. Und ich kann hundert Mal dasselbe Argument bringen oder denselben Sachverhalt beschreiben. Ich werde nicht müde dabei.

 

Nach allem, was ich sehen kann, sind viele AS so. In der Tat. 

 

Die Experten machen also ein ziemliches Gewese darum, dass AS sich häufig wiederholen, wenn sie von ihren Spezialinteressen berichten. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die Neurotypischen (NTs) sich nicht wiederholen, wenn sie von ihren Spezialinteressen berichten.

Aber jeder, der unter NTs lebt, weiß: Das Gegenteil ist richtig. Je stärker bei den Nichtautisten das Neurotypische Syndrom ausgeprägt ist, desto mehr neigen sie dazu, sich in jeglicher Hinsicht zu wiederholen, wenn sie reden. Sie wiederholen sich nicht nur, wenn sie von ihren Spezialinteressen berichten (Sport, Autos, Diäten und Ernährung, Klatsch und Tratsch etc.). Nein, sie wiederholen sich ständig.

 

1

NTs wiederholen ihre Meinungen.

Das kann sich dann so anhören:

„Also ich bin ja wirklich der letzte, dem die Einhaltung von Regeln über alles geht. Das kann mir wirklich niemand nachsagen. Aber so geht das nun wirklich nicht weiter! Wir haben jetzt schon so oft darüber gesprochen! Und es gibt ein paar Spielregeln, an die sich jeder halten muss. So geht das doch nicht weiter! Wir brauchen doch Regeln! Und wir haben so oft darüber gesprochen! Ich weiß gar nicht mehr, wie oft! (…)“

Ja (Seufzer), ich auch nicht.

 

2

NTs erzählen wiederholt, was sie erlebt haben

„Du da hab‘ ich doch neulich Tante Erna im Lidl getroffen, weißt du (…)“

Zehn Minuten später:

„Ich war ja am Montag im Lidl, nicht wahr? Ich brauchte noch Butter und Leinöl, denn ich will ja noch für Inges Geburtstag am Donnerstag basmatischen Transparenzkuchen backen und der geht ja am besten mit Butter. Das Rezept hat Onkel Eduard damals ja aus Breslau mitgebracht. Ja … wo war ich doch gleich? Ach ja. Ich war da also am Montag im Lidl. Und weißt du, wen ich getroffen habe? Du. Glaubst. Es. Nicht. Die Tante Erna!“

Zwanzig Minuten später:

„Weißt du, wen ich vor ein paar Tagen getroffen habe? Im Lidl. Bei den Putzmitteln. Nun halt dich fest …“

 

3

NTs wiederholen die immer gleichen Füllwörter und Sentenzen

„Also da bin ich neulich die Bahnhofstraße runtergegangen, verstehst du? Da wo früher der McDonald’s war. Und dann parkt da doch tatsächlich ein blauer Golf auf dem Radweg. So mitten auf dem Radweg, verstehst du? Ein blauer Golf, verstehst du? Und ich mein‘ – der darf das doch nicht, verstehst du? …“

Manchmal sage ich dann:

„Nein, ich verstehe nicht. Ich bin plötzlich doof geworden. Immer wenn du mit mir sprichst, liegt mein IQ nur noch knapp über Zimmertemperatur. Da ist es gut, wenn du regelmäßig nachfragst, ob ich verstehe.“

Aber das tue ich nur manchmal.

 

Andere beliebte Füllwörter und Sentenzen sind:

sozusagen, wie auch immer, dementsprechend, nicht wahr?, ne?, last not least, im Prinzip, meiner unmaßgeblichen Meinung nach, wie gesagt, selbstverfreilich, weißt du?, irgendwie, gewissermaßen, ich sag‘ mal, quasi. (Sicher ließe sich diese Liste noch verlängern).

 

Ein Kollege von mir treibt das wirklich auf die Spitze. Bei dem hätte sich der Sachverhalt mit dem blauen Golf so angehört:

„Also ich bin da – ja? Also da bin ich die Bahnhofstraße runtergegangen, ja? Da – ja – wo früher dieser Imbiss war, ja? Ich komm‘ jetzt nicht mehr auf den Namen, ja? Naja jedenfalls, ich geh da also die Bahnhofstraße runter, ja? Also diese Bahnhofstraße, ja?…“

 

Der redet tatsächlich so. Es ist unerträglich für mich.

Und als ich mal erlebte, wie mein Chef ihn in einer Besprechung abwürgte:

„Komm zum Punkt!“,

da hätte ich ihm (meinem Chef) am liebsten einen Orden verliehen.

 

4

NTs zählen die einzelnen Elemente einer unendlichen Kette auf.

Vermutlich würde es keinem NT in den Sinn kommen, sowas zu erzählen:

„Also, ich hab‘ da mal nachgedacht: Wenn zweimal zwei vier ist, dann ist es doch möglich, dass dreimal zwei sechs ist. Und jetzt nur mal angenommen, dass das stimmt. Nur mal angenommen. Dann könnte es doch sein, dass viermal zwei acht ist. Also so richtig acht. Nicht siebenkommaneun oder sowas. Nein, acht. Ist das nicht klasse?! Und dann könnte doch fünfmal zwei zehn sein oder nicht? Und wenn wir diesen Gedanken dann weiter spinnen …“

 

Nein. So reden sie nicht. Das bringen nicht mal die hartgesottensten NTs fertig. Trotzdem habe ich mir heute zum Beispiel folgendes angehört:

 

„(…) da waren ganz viele Tunnel auf der Strecke. Und das war total interessant: Ganz oft, wenn der Zug in den Tunnel reingefahren ist, dann war auf der anderen Seite des Tunnels ein anderes Wetter. Wir sind auf der einen Seite bei Sonnenschein reingefahren und auf der anderen Seite des Berges war voll der dicke Nebel. Und kurz dahinter kam dann wieder ein Tunnel, und auf der anderen Seite war wieder der totale Sonnenschein. Und dann kam der nächste Tunnel und dahinter war dann wieder voll der Nebel. Und …“

 

Ich versichere an Eides statt, dass mir das heute von einem erwachsenen NT erzählt wurde. Und ich versichere weiterhin, dass ich solche Aufzählungen von Elementen einer unendlichen Kette relativ oft von erwachsenen NTs zu hören bekomme. (Und nein, ich arbeite nicht in der Psychiatrie oder mit Demenzkranken. All die NTs, von denen ich hier berichte, sind erwachsen und gelten als völlig normal. Sie sind normal- bis hochbegabt und sind gut integriert in die Gesellschaft).

 

 

Fazit

Wenn Menschen von dem sprechen, was sie wirklich bewegt, dann wiederholen sie sich dabei. Das gilt für AS und NTs gleichermaßen. In der lateinischen Version der Bibel heißt es dazu: „Ex abundantia cordis os loquitur.“ Martin Luther übersetzte das mit: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Mat 12,34).

 

Das Herz der NTs ist recht oft voll. Und dann wiederholen sie sich eben beim Reden. Nicht nur bei ihren Spezialinteressen – auch sonst wiederholen sie sich. Aber nur, wenn ihr Herz wirklich voll ist, verstehst du? Also – sie wiederholen sich dann sozusagen, nicht wahr? Nicht, weil sie es böse meinen, sondern einfach, weil ihr Herz dann so voll ist. Dann müssen sie sich einfach wiederholen. Verstehst du? Sie müssen einfach. Einfach, weil ihr Herz so voll ist. Volles Herz will sozusagen reden. Verstehst du?

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    K (Dienstag, 21 November 2017 12:15)

    Ist dir auch aufgefallen, dass sich (viele) NTs gar nicht merken, dass sie dir etwas bereits erzählt haben? Oder verwundert sind, dass du dir ihre irrelevanten Geschichten merkst?
    Lange Zeit war ich regelrecht verletzt davon, wenn andere sich gar nicht behalten haben, was ich ihnen erzählt habe (denn ich erzähle in der Regel nur von mir, wenn ich WIRKLICH möchte, dass der andere dich diese Details merkt, da ich dann denke, dass sie dem gegenseitigen Verständnis dienen). Aber NTs bauen in ihre Erzählungen offenbar Details ein, von denen sie gar nicht erwarten, dass der andere sie sich behält? Und ich merke mir so gut wie alles ...
    Daher finde ich Gespräche oft anstrengend ... "Das hast du mir bereits erzählt." von meiner Seite resultiert dann im schlimmsten Fall in "Boah, wie bist du denn drauf?" von meinem Gegenüber.
    Der andere Fall, jemand stellt mir eine Frage, und ich antworte "Das habe ich dir bereits erzählt." Gleiches Spiel, nur andersherum.
    Ich merke es an meinen eigenen (autistischen) Klienten, die sich jedes Detail, dass ich über MICH (nicht unbedingt über Fachliches) preisgebe, merken können.

11. November 2017

Gepriesen sei sein Name!

1

Ich bin im Westen Deutschlands groß geworden. Als die Mauer fiel, war ich Student. Ich studierte Psychologie mit dem Schwerpunkt Arbeits-, Berufs- und Organisationspsychologie. Der Wissenschaftler, der die bis dahin beste Arbeitspsychologie entwickelt hatte, lehrte in Dresden: Winfried Hacker. Sein Buch „Allgemeine Arbeitspsychologie“ setzte Maßstäbe. Nirgendwo sonst auf der Welt schien es eine derart ausgereifte und durchdachte Arbeitspsychologie zu geben.

Natürlich war Hackers Buch auch Prüfungsstoff für uns Studenten. Wir fanden die Lektüre sehr mühsam. Nicht, weil der Stoff so schwer gewesen wäre. Der Stoff war sehr komplex, jedoch absolut logisch aufgebaut. Aber Hacker publizierte in der DDR. Und so lasen sich seine wissenschaftlichen Texte häufig ungefähr so:

 

„Der Arbeiter ist – wie schon Karl Marx sehr treffend analysiert hat (hier eine Quellenangabe einfügen (oder am besten gleich mehrere)) – die Grundsäule der modernen Gesellschaft und neben dem Bauern das Fundament des produzierenden Sozialgefüges, so wie es auch auf dem XXII Parteitag der KPdSU ausgeführt und bekräftigt wurde (hier eine Quellenangabe einfügen). Wenn arbeitend produzierende Menschen werktätig sind, dann sind sie – um mit einem Wort von Friedrich Engels zu sprechen (hier ein Zitat und eine Quellenangabe einfügen) – nur in Ausnahmefällen in der Lage, die gesamte Kette des Arbeitsprozesses zu überblicken. Diese durch die kapitalistisch bedingte Entfremdung vom Arbeitsprodukt hervorgerufene Begrenztheit des arbeitenden Bewusstseins zu überwinden, hat sich die SED in ihrem Abschlusskommuniqué zu ihrem 6. Parteitag zur Aufgabe gemacht. (Hier eine Quellenangabe einfügen). Solange diese Begrenztheit des arbeitenden Bewusstseins aber noch nicht überwunden ist, müssen wir sie als Arbeitsrealität akzeptieren, immer in dem Bestreben, dem werktätigen Menschen im Sinne des Marxismus-Leninismus (hier Quellenangabe einfügen) … und so weiter.“

 

Es war ermüdend! Er-mü-dend! Marx und Engels, und Lenin und Hegel, KPdSU und SED und noch mehr Marx und Engels und hastenich’geseh‘n … Dabei sollte es doch um Arbeitspsychologie gehen! Hackers Arbeitspsychologie war absolute Spitze – weltweit unerreicht. Aber dieser verquaste Mist machte sein Werk beinahe unlesbar. Wir Studenten sprachen irgendwann nicht mehr von „Marx und Engels“, sondern nur noch von „Max und Moritz“. Wir wollten Wissenschaft – keine Religion. Und der Marxismus-Leninismus, der uns hier präsentiert wurde, war ganz eindeutig eine Religion.

 

Irgendwann waren wir es endgültig leid. So ging das nicht weiter! Wir sannen auf Abhilfe: Und so bestimmten wir einen Studienkollegen, der nur die Aufgabe hatte, aus allen Hacker-Texten diese ganze „Max-und-Moritz-Scheiße“ rauszustreichen, und diese Texte auf den wirklich wissenschaftlichen Teil zusammenzudampfen. Es war eine zeitfressende, mühevolle Arbeit, deshalb bekam dieser Studienkollege auch kaum andere Aufgaben.

 

Was er zusammengefasst hatte, las sich dann so.

„Wer in einer komplexen arbeitsteiligen Gesellschaft arbeitet, kann meistens nicht alle Schritte des Produktionsprozesses überblicken.“

Damit war exakt dasselbe gesagt. Aber es war nicht mehr religiös formuliert, sondern sachlich und klar.

Geht doch!

 

 

2

Da ich mich bei grundlegenden Dingen ungern auf das verlasse, was Journalisten schreiben, betreibe ich häufig Quellenstudium. So kam es, dass ich mich vor ein paar Jahren intensiv auf den englischsprachigen Internetseiten irgendwelcher Dschihadisten rumtrieb. Ich wollte mal aus erster Hand erfahren, was diese Menschen dort kund und zu wissen geben. (Natürlich hätte ich mir das Ganze gerne im arabischsprachigen Original angeschaut. Aber ich beherrsche das Arabische nicht mal in Ansätzen).

Ich weiß nicht mehr, warum – aber ich blieb bei einer Anleitung zum Bombenbau hängen. Das wollte ich mir mal genauer anschauen. In der Überschrift wurde versprochen, dass man sich eine Bombe in Mutters Küche basteln könne. Ich habe Chemie-Leistungskurs gehabt, und kenne mich recht gut aus darin, was zur Explosion gebracht werden kann und was nicht.

In den Küchen, die ich kenne, kann man keine Bomben basteln. Jedenfalls nicht mit den Zutaten, die sich dort finden.

Und so las ich dann also (in deutscher Übersetzung):

 

„Der Prophet – gepriesen sei sein Name! – ruft uns alle dazu auf, die Ungläubigen (hier arabischen Terminus einfügen) für immer vom Antlitz der Erde zu verbannen (hier mindestens fünf Koranstellen anführen). In den ehrwürdigen Überlieferungen der Hadithe (hier arabischen Terminus einfügen) wird an vielen Stellen bekräftigt, dass nur Rechtgläubige (hier arabischen Terminus einfügen) einen Platz an der Tafel der Gerechten (hier arabischen Terminus einfügen) haben. (Hier mindestens vier arabische Rechtsgelehrte aus mittelalterlicher Zeit sowie ihre Hauptwerke erwähnen). So ist es also der Wille Allahs – geheiligt werde sein Name! Gehe also auch du in den Frieden der Gerechten ein und vollziehe das barmherzige Werk, das Allah, der Allerbarmer – geheiligt werde sein Name! – und der von ihm gesandte einzige Prophet (hier einen vernichtenden Seitenhieb auf die Ahmadiyya einfügen) – gepriesen sei sein Name! – von jedem Rechtgläubigen (hier arabischen Terminus einfügen) verlangen.“

 

Es war ermüdend! Er-mü-dend! Ich dachte, dass das überhaupt kein Ende mehr nehmen würde. Dabei hatte ich doch nur sehen wollen, ob ich alles daheim hatte, was man zum Bombenbau so braucht. Ich überflog also das erste Drittel dieses Pamphlets.

 

Irgendwann kam ich dann zum eher praktischen Teil:

„(…) suche dir also einen Ort, wo die Ungläubigen (hier arabischen Terminus einfügen) – verflucht sei ihr Name! – regelmäßig zusammenkommen, um ihre heidnischen Feste zu feiern, mit denen sie ihrer unzüchtigen Vielgötterei huldigen – sie sei dreimal verflucht! Spähe aus nach Plätzen, wo du ohne Verdacht zu erregen ein Paket von der Größe eines Rucksacks verstauen kannst. Sei dabei schlau und umsichtig, so wie der Prophet – gepriesen sei sein Name! – es von allen Rechtgläubigen im Heiligen Krieg (hier arabischen Terminus einfügen) verlangt. (Hier drei Koranstellen zitieren). Denn wisse, dass nur der ins Paradies (hier arabischen Terminus einfügen) eingehen wird, der sich dem Kampf für die Gemeinschaft der Gläubigen (hier arabischen Terminus einfügen) mit all der Kraft seines Herzens und seines Geistes …“

 

 

Tja.

So ist das wohl, mit selbstunsicheren Religiösen, dass sie ständig verquast und sich ihrer selbst vergewissernd daherkommen müssen. Bei jedem Schritt müssen sie sich selbst beweisen, dass sie Recht haben und zu den Guten dazugehören.

„Stark im Glauben“ nennt man das wohl. Ich habe noch nie gehört, dass von irgendwem gesagt worden sei, er sei „stark in der Logik“ oder „stark in der Wissenschaft“.

Mit anderen Worten:

Das, was wir selber nicht glauben, weil es auf keinerlei vernünftiger oder realer Basis ruht, das müssen wir uns selber ständig „beweisen“.

Etwas, was bewiesen oder selbstverständlich ist, wird in aller Regel nicht mehr erwähnt.

Oder haben Sie schon mal erlebt, dass jemand sich bei einem Spaziergang immer wieder vergewissert, dass die Schwerkraft noch funktioniert und er nicht in die Weiten des Alls davontrudelt?

Wenn also irgendwas ständig – ohne angemessenen Sinnzusammenhang – erwähnt wird, ist das in aller Regel ein starker Hinweis auf enorme Selbstunsicherheit. Da pfeift jemand im Wald (Redewendung).

 

 

3

Und dann gibt’s da noch die NTs, die meine Welt bevölkern. Die erlebe ich fast alle als sozial sehr bedürftig und sehr unsicher. Mit anderen Worten: Sie glauben nicht, dass sie liebenswerte Wesen sind. Und deshalb müssen sie „Beweise“ dafür, dass sie liebenswert sind und gemocht werden, in fast jeder Kommunikation einfordern.

Gerne würde ich einem NT zum Beispiel sagen können:

 

a

„Ich bin mit deiner Arbeitsleistung ziemlich unzufrieden.“

Tja. Geht leider nicht. (Ich meine – geht schon, aber das zieht dann enorme soziale Folgeschäden nach sich). Also muss ich religiös daherkommen:

„Ich schätze dich als Person sehr und freue mich, dich in meinem Team zu haben. Dein Engagement für die Gruppe und dein Einsatz für unseren gemeinsamen Erfolg sind Dinge, die uns immer ziemlich nach vorne gebracht haben. Jedoch sehe ich bei deiner Arbeitsleistung - also nur bei den Ergebnissen – noch ein gewisses Potenzial nach oben …“

(Natürlich mache ich im Gespräch noch viel, viel mehr Worte, um zu vernebeln, was ich eigentlich sagen wollte. Aber aus Platzgründen will ich hier nur die Stoßrichtung andeuten).

 

b

„Nein, ich gehe nicht mit ins Theater.“

Tja. Geht leider nicht. (Ich meine – geht schon, aber das zieht dann enorme soziale Folgeschäden nach sich). Also muss ich religiös daherkommen:

„Du, vielen Dank für dein Angebot. Ich freue mich sehr, dass du an mich gedacht hast dabei, denn es ist ja wirklich eine schöne Idee. Aber weißt du, heute steht mir der Sinn nach etwas anderem – vor allem brauche ich heute viel Zeit alleine für mich. Das hat nichts damit zu tun, dass ich dich nicht mag – im Gegenteil: Ich mag dich sehr. Aber wenn ich nicht Zeit für mich finde, dann verliere ich sehr viel Energie und werde sehr unglücklich …“

 

Oft bin ich es soooo leid!

Es ist ermüdend! Er-mü-dend!

Ich würde so gerne mal mit NTs von einem vernünftigen und erwachsenen Menschen zu einem anderen vernünftigen und erwachsenen Menschen reden und diese ganze religiöse Scheiße weglassen. Aber diese Gelegenheit finde ich deutlich seltener als ich mir das wünsche.

Ich transformiere also das, was ich sagen will, in NT-Sprache, wenn ich mit NTs spreche. Mit den Jahren hat sich das bei mir zu einem Reflex entwickelt:

Das, was ich klar, rational, nüchtern und logisch denke, kleide ich in viele, viele, viele Worte der sozialen Akzeptanz, um es für NTs nehmbar zu machen. Ich brauche mich dabei nicht mal zu verstellen, denn ich akzeptiere sie ja. Aber können wir uns nicht einfach klar, knapp und sachlich verständigen? Muss denn jede sachbezogene Kommunikation mit gewaltigen Mengen an sozialer Akzeptanz angereichert werden?

 

Ja. Muss sie. Jedenfalls bei NTs.

Meine erstens Arbeitsstellen habe ich vor allem deshalb verloren, weil ich nüchtern und sachlich kommunizierte.

„Freundliche Worte kosten nichts, Herr Stiller!“, hielt mir mein erster Chef wieder und immer wieder vor, wenn er mir Rückmeldung von Kollegen weitergab.

„Seien Sie doch mal ein bisschen diplomatischer!“, seufzte der Chef meines Chefs sichtbar ungehalten.

Eine andere hochrangige Führungskraft sagte mir:

„Sie haben sich hier in kürzester Zeit den Ruf erworben, ziemlich hart und arrogant zu sein.“

Und so weiter.

 

Mehrfach ist mir (auch) wegen so einem Mist gekündigt worden. Die Güte meiner Arbeit wurde dabei immer hoch gelobt. Aber das Soziale … In meinem Arbeitsleben war ich schon deutlich über ein Jahr arbeitslos. Arbeitslosigkeit ist wesentlich unangenehmer, als die eigenen logischen Gedanken im Gespräch im NT-Stil zu verschwurbeln. Also habe ich mir das angeeignet und antrainiert. Aber so zu reden oder zu schreiben ist für mich so mühsam! Es ist er-mü-dend!

 

In meinen Tagträumen sehne ich mich manchmal danach, dass irgendjemand einen Weg findet, den NTs ihre soziale Bedürftigkeit und Selbstunsicherheit zu nehmen. Dann könnte man sich vernünftig und direkt mit ihnen unterhalten. In knappen und klaren Worten. Ohne dieses ganze religiöse Sozialblaba drumrum. Vielleicht findet irgendwer irgendwann ein Mittel – gepriesen sei sein Name!

 

 

 

 

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29. Oktober 2017

Die Wirklichkeit in deinem Kopf

Die Menschen, die mein Leben bevölkern, sind fast ausschließlich neurotypisch. Sie alle reagieren mit bestimmten Verhaltensweisen auf mich. Meistens kann ich diese Verhaltensweisen ganz gut vorhersagen – der Set der häufig gezeigten Verhaltensweisen ist bei NTs ziemlich überschaubar. Eine dieser Verhaltensweisen ist, das, was ich sage oder tue, sozial negativ zu interpretieren. Da ich aber nicht weiß, in welchem Maße, diese Neigung, Verhaltensweisen sozial negativ zu interpretieren, auch den AS eigen ist, subsummiere ich das mal nicht unter „Neurotypisches Syndrom“.

 

Beispiel

Die Mutter der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, ist ins Pflegeheim gezogen. Sie (die Mutter), leidet zunehmend an Demenz. Letztens fuhr ich beide mit meinem Auto durch die Gegend. Die Mutter schilderte mir, wie schwer ihr das Leben im Heim fiel, weil ins Zimmer gegenüber eine Frau eingezogen war, die „die ganze Zeit schreit“. Ich ließ mir das Schreien schildern und stellte einige Fragen, um deutlicher erfassen zu können, um was für ein Schreien es sich eigentlich handelte. Ich fragte nach dem Alter dieser Frau, ihrem Habitus und einigen anderen Dingen.

Offenbar war diese schreiende Frau total verwirrt und fand sich mit ihrer neuen Situation überhaupt nicht zurecht. Und offenbar reduzierte sich ihr gesamtes Verhaltensrepertoire, das ihr noch zur Verfügung stand, um mit dieser Situation umzugehen, auf lautes und unartikuliertes Schreien – Tag und Nacht.

Ich kommentierte das mit:

„Also: Geschlossene Psychiatrie.“

 

Am nächsten Tag sprach mich die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, darauf an:

Das wäre ziemlich beleidigend gewesen und ich solle das in Zukunft nicht mehr tun. Ich hätte nämlich das Heim, in dem ihre Mutter wohnt, mit einer geschlossenen Psychiatrie verglichen. Das wäre sehr schlecht für ihre Mutter, die wegen ihrer fortschreitenden Demenz eh ganz große Angst hätte, nicht mehr ganz dicht zu sein. (Es folgten noch sehr viele weitere Worte ähnlichen Inhalts).

Zuerst wusste ich nicht, worum es ging. Aber dann begriff ich:

Hier war mal wieder dieser Mechanismus am Werk, das, was ich sage oder tue, so negativ wie möglich zu interpretieren.

 

Menschliche Kommunikation zu entschlüsseln ist für mich wie das Auflösen von mathematischen Formeln. Beide Tätigkeiten mag ich sehr.

Aber damit deutlich wird, welche kognitiven Leistungen die NTs regelmäßig von mir einfordern, wenn ich mir ihnen kommuniziere, drösel ich das mal auf:

a)    Ich soll klar und deutlich sagen, was ich denke. (Ist manchmal nicht ganz einfach, krieg‘ ich aber meistens hin).

b)   Ich soll die Gedanken meines Gesprächspartners lesen und auf diese Weise im Vorfeld wissen, auf welche Art er negatives in meine Worte hineininterpretieren wird. (Das ist schon deutlich schwieriger).

c)    Ich soll mich dann entweder so äußern, dass mein Gesprächspartner gar nichts negatives in meine Worte hineininterpretieren kann. (Häufig logisch nicht möglich). Oder ich soll zumindest all seine Möglichkeiten, meine Worte negativ zu interpretieren, vorwegnehmen. Mit anderen Worten: In das, was ich sage, soll ich all das einflechten, was notwendig ist, um seine negativen Interpretationen schon im Vorfeld zu entkräften. (Das ist ebenfalls logisch nicht möglich).

Das also ist es, was NTs regelmäßig von mir fordern, wenn ich mit ihnen kommuniziere. Manchmal denke ich, dass es sehr schön sein muss, auf neurotypische Art in der Welt zu sein: Es wird dann alles so einfach.

 

Dass NTs unbewusst absichtlich etwas Negatives in meine Worte oder in mein Tun hineininterpretieren, erlebe ich relativ häufig. Das gibt es in verschiedenen Schweregraden:

 

Stufe 1

  • Ein NT sagt was zu mir. Ich höre mir das an und grinse. Ich grinse, weil ich gescheit finde, was er sagt, oder weil mir seine Aufrichtigkeit gefällt, weil ich ihn mag, oder was auch immer. Und der NT sagt: „Du grinst jetzt so – hab‘ ich was falsches gesagt?“
  • Ein NT sagt was zu mir und ich nehme das einfach nur zur Kenntnis (Grinsen geht ja nicht, wie wir gesehen haben). Der NT sagt: „Du guckst jetzt so ernst – hab‘ ich was falsches gesagt?“
  • Ein NT sagt was zu mir und ich schaue auf den Boden, damit er mir nicht ins Gesicht sehen kann. Der NT sagt: „Warum guckst du jetzt weg? – Hab‘ ich was Falsches gesagt?“

(Ich nehme an, das Muster wurde erkennbar).

 

Stufe 2

  • Ein NT sagt was und ich grinse. Der NT sagt: „Du brauchst jetzt gar nicht so verächtlich zu grinsen!“
  • Ein NT sagt was und ich nehme das einfach nur zur Kenntnis (Grinsen geht ja nicht, wie wir gesehen haben). Der NT sagt: „Das kannst du mir ruhig glauben. Da brauchst du gar nicht so aufsässig zu gucken!“
  • Ein NT sagt mir was und ich schaue auf den Boden, damit er mir nicht ins Gesicht sehen kann. Der NT sagt: „Was passt dir jetzt schon wieder nicht an mir?!“

 

Stufe 3

  • Ein NT sagt was zu mir. Ich höre mir das an und grinse dazu. Ich grinse, weil ich gescheit finde, was er sagt, oder weil mir seine Aufrichtigkeit gefällt, oder weil ich ihn mag oder was auch immer. Und der NT sagt: „Jetzt platzt mir aber der Kragen – immer, wenn ich dir was sage, reagierst du mit dieser hämischer Verachtung. Das brauche ich mir wirklich nicht mehr gefallen lassen (…)“ (Und so weiter)
  • Ein NT sagt was zu mir und ich nehme das einfach nur zur Kenntnis (Grinsen geht ja nicht, wie wir gesehen haben). Der NT sagt: „Weißt du, du solltest wirklich mal an dir arbeiten. Wenn du die Leute immer so verächtlich anschaust, wenn sie dir was sagen, dann machst du dir wirklich keine Freunde (…)“ (Und so weiter)
  • Ein NT sagt was zu mir und ich schaue auf den Boden, damit er mir nicht ins Gesicht sehen kann. Der NT bricht in Tränen aus: „Immer, wenn ich dir was sage, guckst du weg, weil das so dumm ist, was ich sage (…)“ (Und so weiter)

Die soziale Abwertung, die die NTs hier erleben, und auf die sie so stark reagieren, existiert in aller Regel nur in ihrem Kopf.

 

Wenn ich NTs darauf aufmerksam mache, dass diese soziale Abwertung nur in ihrem Kopf existiert, wollen sie davon nichts wissen. Langatmig und weitschweifig erklären sie mir dann,

a)    warum ihre Interpretation der Situation doch die richtige und einzig mögliche ist. (Sie wissen also auch, dass ich sie in Wirklichkeit abwerte, obwohl ich beteuere, sowas nicht im Sinn gehabt zu haben).

b)    warum ich mich viel differenzierter hätte ausdrücken müssen, weil das, was ich da sagte, ja so schrecklich missverständlich gewesen sei – und geradezu nach Fehlinterpretation schrie.

 

Natürlich interpretieren die NTs, die mich umgeben, nicht alles sozial negativ, was sie erleben. Sonst würden sie ja über kurz oder lang reihenweise Suizid begehen. Aber ich erlebe so ziemlich jeden NT als sozial sehr unsicher und immer auf der Lauer, ob er irgendwo durch irgendwen oder irgendwas sozial abgewertet wird.

 

Die Wirklichkeit, auf die die NTs da reagieren, befindet sich dabei meistens ausschließlich in ihrem Kopf. In meinen Seminaren erzähle ich manchmal eine Geschichte dazu:

 

Auf der Baustelle sitzen zur Mittagspause die Arbeiter zusammen und packen ihre Brote aus. Einer flucht laut vor sich hin:

„Schon wieder Leberwurstbrote! Jeden Tag Leberwurstbrote! Von Montag bis Freitag! Die ganze Woche! Leberwurst und nichts anderes! Ich hab’s soooo satt! Ich hasse Leberwurst!“

Seine Kollegen hören sich das eine Weile an. Dann sagt einer:

„Du, wenn du keine Leberwurstbrote magst, warum sagst du deiner Frau nicht einfach, dass du mal was anderes willst?“

Darauf schaut der andere ihn völlig verblüfft an:

„Wie? Was für eine Frau? Ich bin nicht verheiratet! Ich mach‘ mir meine Brote selber!“

 

Die Wirklichkeit, die du erlebt, ist meistens in deinem Kopf. Du machst sie dir selber.

 

 

 

P.S.

An die NTs unter meinen Lesern:

Selbstverständlich habe ich das alles nur geschrieben, um meiner abgrundtiefen Verachtung für alles Neurotypische Ausdruck zu geben. Abgefeimt, wie ich nun mal bin, tue ich so, als wäre das in Wirklichkeit gar nicht so.

 

 

 

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  • #1

    NeoSilver (Sonntag, 29 Oktober 2017 12:58)

    Das Beispiel am Ende ist sehr gut gewählt und gefällt mir.

    "Die Wirklichkeit, die du erlebt, ist meistens in deinem Kopf. Du machst sie dir selber." würde etwas abwandeln und so formulieren: "Die Interpretation der Wirklichkeit, die du wahrnimmst, ist nur in deinem Kopf. Du machst sie dir selber." .

    Stufe 1 würde ich dabei noch gar nicht als negativ, sondern eventuell eher als Verwirrtheit interpretieren.
    Beide anderen Stufen sind deutlich negativ und reflektieren scheinbar eine innere Unsicherheit oder Verknüpfung mit negativen Erfahrungen, der Person.

    Menschen interpretieren Dinge sehr schnell, eventuell sogar in vielen Fällen so unbewusst, dass ein reflektieren nicht immer möglich ist.
    Dabei gilt scheinbar, je weniger Gesten, Mimik und Worte verwendet werden, desto ausgiebiger wird die Interpretation des Gegenüber.
    Eine Neutral-Null Situation scheint es dabei selten zu geben.

  • #2

    Stiller (Mittwoch, 01 November 2017 10:54)

    Nach meiner Erfahrung ist die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, beinahe immer eine Interpretation dessen, was wir an sensorischen Eindrücken von außen bekommen.
    Dass wir "Interpretation" und "Wirklichkeit" voneinander unterscheiden, ist vermutlich vergleichsweise selten.

    Du schreibst:
    "Dabei gilt scheinbar, je weniger Gesten, Mimik und Worte verwendet werden, desto ausgiebiger wird die Interpretation des Gegenüber."
    Das ist eine interessante Hypothese. Ich schau' mal, ob ich Wege finde, sie zu überprüfen.

30. September 2017

Begegnungen mit NTs 01

Immer wieder habe ich Begegnungen oder Zusammenstöße mit NTs, die mich ins Erstaunen versetzen, und aus denen ich eine Menge lernen kann. Ich werde versuchen, diese für mich exemplarischen Begegnungen nach und nach zusammenzutragen. Fangen wir mit der ersten an:

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, hat wie viele Menschen, die mich umgeben, den falschen Glauben: Sie glaubt, dass andere Menschen dafür verantwortlich sind, was sie fühlt und was sie nicht fühlt. Aus ihrem Verhalten schließe ich, dass sie sehr oft glaubt, dass ich schuld bin, wenn sie sich nicht gut fühlt. Dann soll ich ein anderer sein als der, der ich bin. Ich soll dann so sein, wie sie mich gerne hätte. So bin ich aber nicht.

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, ist tiefgläubig. Und sie fühlt sich ziemlich oft nicht gut.

 

Wie alle Menschen, die an irgendwas glauben, lässt sie sich durch rationale Argumente oder gar Logik nicht von ihrem Glauben abbringen. Wer beschlossen hat, irgendwas zu glauben, der hält an seinem Glauben fest, auch wenn das Gegenteil dessen, woran er glaubt, logisch evident oder auf andere Weise glasklar bewiesen ist.

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, weiß sich in beinahe jeder Situation von Glaubensgenossen umgeben. Es gibt wohl tatsächlich nur wenige Menschen, die nicht glauben, dass andere für ihre Gefühle verantwortlich sind. Das zieht meine Frau immer wieder als Evidenzkriterium dafür heran, dass ihr Glaube real ist:

„Jeder andere sieht das so wie ich“, bekomme ich dann immer wieder zu hören. „Nur du nicht.“

„Jeder andere?“, frage ich dann oft. „Sieben Milliarden Menschen? Und die hast du alle gefragt?“

„Du weißt genau, was ich meine!“

„Nein, das weiß ich nicht. Erklär’s mir.“

 

Viele Menschen suchen nach anderen, denen sie die Schuld zuschieben können, wenn sie sich nicht so fühlen, wie sie sich fühlen wollen. Das dient dazu, den Blick nach innen zu verstellen. Wenn sie nach innen schauen würden, würden sie der Realität begegnen. Nur dort können sie die Gründe finden, die dazu führen, dass sie sich so fühlen. Aber viele Menschen entscheiden sich dafür, das nicht zu tun. Das ist ihr gutes Recht. Aber warum sollte ausgerechnet ich als Sündenbock fungieren?

 

Vor vielen Jahren – lange vor meiner Autismusdiagnose - bin ich auf Bitten meiner Frau de jure mit ihr zu einer Eheberatung gegangen. Ich konnte die Sinnhaftigkeit nicht erkennen, aber es war ihr sehr wichtig. Meine Frau litt in dieser Zeit oft daran, dass ich ein so schweigsamer Mensch bin. Ich konnte nicht sehen, wie der Besuch einer Eheberatung daran was ändern konnte:

„Du, davon rede ich auch nicht mehr“, sagte ich ihr.

„Egal“, antwortete sie, „komm trotzdem mit.“

Ich tat ihr den Gefallen.

 

Die Eheberaterin, zu der wir da gingen, konnte nicht wissen, dass ich genau weiß, was in solchen Fällen zu tun ist. Sie konnte nicht wissen, dass ich ein Meister meines Fachs bin. Ich hab‘ ihr das auch nicht erzählt. Ich war nicht als Konfliktmoderator unterwegs, sondern als Ehemann. Schon nach kürzester Zeit wurde deutlich, dass diese Frau, wie so viele, die in dieser Branche arbeiten, vor allem mit zwei Instrumenten ausgestattet war:

a)    Einem Satz granitfester Überzeugungen

b)    Ihrer Betroffenheit

Das ist zwar deutlich zu wenig, um als Konfliktmanager professionell arbeiten zu können, aber der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, reichte das offensichtlich. Sie hatte sich nach intensiver Recherche für diese Frau entschieden und mit ihr die Vorgespräche geführt.

 

Also los.

 

Nach ein paar einleitenden Worten bat die Eheberaterin darum, dass wir ihr schilderten, wie die Situation bei uns war. Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, ergriff das Wort. Sie redete zehn Minuten. Sie redete fünfzehn Minuten. Sie redete zwanzig Minuten. Da lag eine ziemliche Last auf ihrer Seele. Es war beeindruckend. Und seit diesem Tag sage ich meinen Seminaren, wenn die Teilnehmer mal wieder anfangen wollen, mich anzuhimmeln:

„Wenn ihr die schreckliche Wahrheit über mich wissen wollt, dann fragt meine Frau.“

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, schüttete da also ihr Herz aus. Sie hatte diesen Termin aus ihrem Budget bezahlt, also war das ihr gutes Recht. Und da ihr Herz ziemlich groß und ziemlich voll war, kam da einiges zusammen. Die Eheberaterin nickte immer wieder eifrig und machte sich noch eifriger Notizen. Ich saß dabei und nahm wahr.

 

Irgendwann fiel der Eheberaterin auf, dass das Gespräch bislang recht einseitig verlaufen war. Sie wandte sich ziemlich unvermittelt an mich:

„Was sagen Sie denn dazu?“, wollte sie wissen.

Ich dachte nach:

„Nichts.“, antwortete ich dann.

„Nichts?“, fragte sie ungläubig.

„Exakt.“

„Aber Sie müssen dazu doch was zu sagen haben!“

Ich dachte nach:

„Nein.“

„Haben Sie denn gehört, was Ihre Frau hier alles über Sie gesagt hat?“

„Sicher.“

Die Eheberaterin war sichtlich ungehalten:

„Und dazu haben Sie keine Meinung?“

„Nein. Was für eine Meinung sollte ich denn haben?“

Die Eheberaterin wurde unwirsch.

„Ja, stimmt denn das, was Ihre Frau da über Sie gesagt hat.“

„Nun, meine Frau ist eine sehr kluge Frau. Wenn sie das gesagt hat, dann wird das schon stimmen. Ich habe keinen Anlass, daran zu zweifeln.“

 

Die Eheberaterin war sprachlos. Sie wusste tatsächlich nicht, was sie sagen sollte. Aber in ihren Augen sah ich tiefes Mitgefühl für die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin. Das freute mich: Wieder mal zwei Frauen, die sich verstanden. Ich schwieg. Ich nahm wahr. Die Eheberaterin klopfte mit dem Ende ihres Stiftes nervös auf ihren Schreibblock und schwieg auch. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen. Ihre eine Fußspitze zuckte nervös wie der Schwanz einer Katze.

 

Die Eheberaterin sammelte sich. Ihr Fuß wurde wieder ruhiger. Dann wendete sie das an, was ich den „Dosenöffnerblick“ nenne. Manchmal schauen Menschen mich so an, wenn sie den Eindruck haben, mich überhaupt nicht zu verstehen. Sie gucken dann extrem aufmerksam und stechend und suchen mit brutaler Gewalt den Blickkontakt, um irgendwas aus meinen Augen herauszulesen, was sie in dem, was ich sage und bin, nicht finden können.

Ich schaute woanders hin. Sie versuchte wieder, den Blickkontakt zu erzwingen. Ich schaute auf den Boden. Jetzt hätte sie ihren Stuhl verlassen und sich auf den Teppich legen müssen, um mir in die Augen zu schauen. Ich war ziemlich sicher, dass sie das nicht tun würde.

 

„Warum sind Sie denn überhaupt zu diesem Termin mitgekommen?“, begehrte die Eheberaterin zu wissen.

„Sie hat mich darum gebeten.“

„Sie hat Sie darum gebeten?“

„Korrekt. Ich wollte ihr eine Freude machen."

„Und was Sie hier gehört haben, macht Ihnen nichts aus?!“

„Ich habe das so oder so ähnlich schon oft gehört.“

„Aber stimmt denn das, was Ihre Frau gesagt hat?“

„Vermutlich. Ziemlich wahrscheinlich. Ja.“

„Ja, sehen Sie denn nicht, wie sehr Ihre Frau leidet?“

„Doch. Es ist deutlich zu sehen.“

„Und Sie wollen daran nichts machen?“

„Nein, meistens nicht. Sie hat das Recht dazu.“

Die Eheberaterin hörte nicht auf das, was ich gesagt hatte. Sie war sichtlich entrüstet, und mit dieser Entrüstung war sie vollauf beschäftigt. Da blieb ihr wenig Energie zum Zuhören.

„Das glaube ich Ihnen nicht!“, schnaubte sie.

„Was glauben Sie mir nicht?“

„Dass Sie da so ungerührt sitzen können und sich das alles anhören, ohne Stellung zu nehmen.“

„Damit kann ich leben.“

„Das glaube ich Ihnen nicht!“

„Was Sie glauben oder nicht, ändert nichts an der Wirklichkeit“, beschied ich sie.

Wieder war die Eheberaterin sprachlos. Diesmal tippte sie mit dem Stiftende einen deutlich langsameren Rhythmus auf ihren Schreibblock.

 

Das ging noch eine ganze Weile so. Da die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, für diesen Quatsch bezahlte (und nicht ich), nahm ich es hin. Die Eheberaterin war ganz offensichtlich geradezu verzweifelt bemüht, das zu inszenieren, was die Transaktionsanalyse ein „Drama-Dreieck“ nennt. Ein Drama-Dreieck ist ein Psychospiel. Es wird inszeniert, um die Realität zu verlassen und sich gegenseitig negative Zuwendung zu geben. Ich habe schon seit vielen, vielen Jahren einen Vertrag mit mir, der besagt, dass ich negative Zuwendung weder gebe noch einfordere. Es gelingt mir nicht immer, diesen Vertrag auch einzuhalten, aber es gelingt mir immer öfter. Ich arbeite jeden Tag daran.

 

Wie es die Spielregeln des Drama-Dreiecks erfordern, verließ die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, dann die Opfer-Rolle und wechselte in die Retter-Rolle. Das gab der Eheberaterin die Möglichkeiten, sich aus der Verfolger-Rolle zu lösen und selbst in die Opfer-Rolle zu gehen.

Ich will hier niemanden mit Details langweilen. Aber wenn man weiß, worauf man zu achten hat, kann man das allermeiste Verhalten der allermeisten Menschen ziemlich exakt vorhersagen.

 

Kern des Ganzen war, dass die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, sich beinahe permanent schlecht fühlte und mir dafür die Schuld zuschieben wollte. Wenn ich nur anders wäre, dann würde ihr es gleich viel, viel besser gehen.

Das ist ein Irrglaube, dem viele Menschen anhängen. Die Gründe, dass wir uns schlecht fühlen, liegen beinahe immer in uns. Dass sehr viele Menschen das nicht sehen wollen und weiterhin ihrem Irrglauben anhängen, ändert nichts an der Realität. Wenn sehr viele Menschen an irgendwas glauben, ist das keinesfalls ein Hinweis darauf, dass ihr Glaube real ist.

 

Im Gespräch mit dieser Eheberaterin hatte ich es zum ersten Mal in meinem Leben in dieser Deutlichkeit so hart ausgesprochen:

„Was Sie glauben oder nicht, ändert nichts an der Wirklichkeit.“

Ich habe mich in meinem Leben der Realität und der Logik verpflichtet. Beinahe alle NTs, denen ich bislang begegnet bin, scheinen es da ziemlich anders zu halten.

 

Die Eheberaterin pflegte weiterhin ihre Entrüstung:

„Ich habe den Eindruck, dass Sie nicht verstehen wollen!“, versuchte sie es erneut.

„Das kann ich gut verstehen“, antwortete ich ihr.

Darauf wusste sie wieder mal nichts zu antworten. Das bereitete ihr sichtliches Unbehagen.

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, hat den falschen Glauben. Sie glaubt, dass andere Menschen dafür verantwortlich sind, was sie fühlt. Ich erlebe sie als einen tiefgläubigen Menschen. Bislang hat nichts, was ich ihr aus der Realität oder der Logik angeboten habe, ihren Glauben auch nur erschüttert. Sie ist sehr fest in ihrem Glauben und wird ihn vermutlich mit ins Grab nehmen. Und mit jedem Moment, in dem sie ihrem Glauben treu bleibt, häuft sie ungelebtes Leben an. So wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sie sterben wird, ohne gelebt zu haben.

Das ist etwas, was mich sehr berührt. Das ist etwas, was mir auf gar keinen Fall gleichgültig ist.

 

Aber ich kann es nicht ändern. Ich kann der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, keine Sprache bieten, die lauter wäre als die Realität. Ich kann ihr nichts bieten, was logischer wäre als die Logik.

 

Die Wirklichkeit holt jeden von uns ein. Und was wir glauben oder nicht, ändert nichts an der Wirklichkeit.

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Kommentare: 5
  • #1

    NeoSilver (Samstag, 30 September 2017 11:07)

    [...]Wenn ich nur anders wäre, dann würde ihr es gleich viel, viel besser gehen.[...]

    Ich möchte bei dieser Aussage und deiner folgenden Erläuterung meine Gedanken schildern.

    Vermutlich verstehe ich dich, kann aber mit der Erläuterung nicht ganz übereinstimmen, da sie eventuell zu einfach ist oder ich zu komplizierte Gedankengänge habe.

    Die oben quotierte Aussage ist nicht falsch, auch wenn der Sachverhalt Ehe:Gefühle, zu komplex ist um es nun hier zu erörtern.

    Als Analogie möchte ich das Beispiel vereinfachen.
    Das o.g. Bedürfnis soll nun Durst, der Bedarf nach Flüssigkeit, sein. Die Aussage wäre erweitert demnach wie folgt: "Wenn du mir nur etwas Wasser geben würdest, hätte ich gleich viel, viel weniger Durst."
    Die Aussage ist korrekt, nur die Prämisse, die Grundlage ist es nicht und stellt den Irrglauben dar.

    Menschen scheinen also oft einem Konstrukt der Erwartung=Realität, besser kann ich es nicht prägnant ausdrücken, zu unterliegen.

    [...]Ich will hier niemanden mit Details langweilen.[...]
    Mich langweilen Details nicht und ich hätte Interesse daran mehr grundlegende psychologische Konzepte kennen zu lernen.

  • #2

    Stiller (Samstag, 30 September 2017 13:45)

    Mir ist nicht klar geworden, an welcher Stelle du mit meinen Erläuterungen "nicht ganz" übereinstimmst.
    Wenn ich Durst habe und mich an jemanden wende, von dem ich weiß, dass er kein Wasser hat (und auch keine sonstigen Getränke, und der auch keine beschaffen kann) und ihm dann genau das vorwerfe, spiele ich ein Psychospiel.
    Um im Bild zu bleiben:
    Wenn ich Durst habe, ist es meine Aufgabe, mir etwas zu Trinken zu besorgen. Es ist nicht die Aufgabe eines anderen. (Es sei denn ich bin behindert, krank oder dergleichen).
    Zum Irrglauben, den ich beschrieben habe, gehört die Aussage "Wenn ich nur anders wäre, dann würde ihr es gleich viel, viel besser gehen."
    Das ist aus zwei Gründen irreal
    a) Ich bin nicht anders.
    b) Wenn ich anders wäre, würde das die Probleme auch nicht lösen.

    Du schreibst:
    "Mich langweilen Details nicht und ich hätte Interesse daran mehr grundlegende psychologische Konzepte kennen zu lernen."
    Ich werde mir Gedanken machen, ob es für mich eine Möglichkeit gibt, die psychologischen Konzepte, mit denen ich arbeite, stückweise im Blogformat zu beschreiben. Das ist alles nicht kompliziert (ein achtjähries Kind kann es verstehen), aber enorm komplex. Wenn ich Seminare dazu mache, brauche ich mehr als 30 Tage, um den Teilnehmern einen groben Überblick zu geben.

  • #3

    NeoSilver (Samstag, 30 September 2017 17:29)

    Ich bin vermutlich etwas in meinen Gedankengängen verirrt aber tatsächlich stimmen wir überein, ich setzte meine Erörterung nur an einer anderen Stelle an.

    Ja, es ist ein Psychospiel, an der Wahrhaftigkeit der Aussage ändert dies aber nichts, denn diese bleibt weiterhin korrekt, ob du nun Wasser hast oder auch nicht.
    Egal ob du niemals Wasser hattest und nie haben wirst, würdest du ihr welches geben, hätte sie weniger Durst.
    Diese Tatsache bleibt richtig, nur unlogisch.

    [...]b) Wenn ich anders wäre, würde das die Probleme auch nicht lösen.[...]
    Bist du dir dabei sicher? Ich habe eine Vermutung aber kannst du diesen Punkt noch detaillierter erklären?
    Ist es überhaupt möglich das zu erörtern, weil temporär, egal ob realistisch oder nicht, würde es das Problem doch lösen.

    Ich kann das gut nachvollziehen, da ich, wenn ich hier einen Beitrag verfasse, oft merke wie die Komplexität einen davon ablenkt bei der grundlegenden Thematik zu bleiben, da jeder Gedanke gleich wieder 10 weiter erschafft.
    Ich freue mich auf weitere Beiträge.


  • #4

    K (Samstag, 30 September 2017 23:21)

    "Wenn ich Durst habe und mich an jemanden wende, von dem ich weiß, dass er kein Wasser hat (und auch keine sonstigen Getränke, und der auch keine beschaffen kann) und ihm dann genau das vorwerfe, spiele ich ein Psychospiel.
    Um im Bild zu bleiben:
    Wenn ich Durst habe, ist es meine Aufgabe, mir etwas zu Trinken zu besorgen. Es ist nicht die Aufgabe eines anderen. (Es sei denn ich bin behindert, krank oder dergleichen)."

    Ist die Erwartungshaltung des Einen nicht eher die, dass der Andere Wasser hat, und es ihm lediglich vorenthält?

  • #5

    Stiller (Montag, 02 Oktober 2017 22:50)

    @K
    "Ist die Erwartungshaltung des Einen nicht eher die, dass der Andere Wasser hat, und es ihm lediglich vorenthält?"
    Vermutlich ja. Das ist vermutlich ein Auslöser dieser abstrusen Anschuldigungen, die gerne am Beginn einer Streitinszenierung ausgetauscht werden.
    Ich kommentiere sowas manchmal mit:
    "Dreimal abgeschnitten - immer noch zu kurz!"

    @NeoSilver
    Ob ich sicher bin, dass es die Probleme nicht lösen würde, wenn ich anders wäre.
    Ja. Ganz sicher.
    Die Ursache für die allermeisten Probleme, die wir haben, liegen nach meiner Erfahrung in uns.
    Nur wenn es einen logischen Zusammenhang gibt zwischen
    a) Meine Probleme liegen in mir und
    b) Wenn der andere anders wäre, würden meine Probleme gelöst,
    dann würde es unsere Probleme lösen, wenn ein anderer Mensch anders wäre als er tatsächlich ist.

    Ein ehemaliger Chef von mir brachte es gerne so auf den Punkt (das ist aus irgendeiner Therapierichtung, die ich nicht kenne):
    "Nicht die Dinge sind es, die uns ängstigen, sondern die Vorstellungen, die wir uns von diesen Dingen machen."
    (Die Dinge sind außerhalb von uns. Aber unsere Vorstellungen sind in uns).

    Du fragst, ob es die Probleme temporär lösen würde.
    Nein, das würde es nicht. Der andere würde seine Probleme eine Weile nicht spüren. Aber da wären sie trotzdem. Wenn die Partnerschaft denselben Effekt haben soll wie ein Opiumpfeifchen oder ein kleines Besäufnis (das verdeckt die Probleme ja auch temporär), dann: Bitte sehr. Aber ich stehe für sowas nicht zur Verfügung. Für mich dient eine Partnerschaft dazu, aneinander zu wachsen. Nicht dazu, einander zu betäuben. Aber natürlich darf jeder das anders sehen.

02. September 2017

Der Teilzeitautist

Die Neurotypischen (NTs), die meine kleine Welt bevölkern, sind faszinierende Wesen. Seit Jahrzehnten studiere ich sie und ihre Bräuche. Trotzdem überraschen sie mich wieder und immer wieder.

 

Es war eine neurotypische Frau, die mich darauf brachte. Sie sagte:

„Wir NTs halten euch für Teilzeitautisten.“

Und in dem Moment, als sie das gesagt hatte, stiegen in mir hunderte Bilder auf. Bilder, die ihre Aussage untermauerten.

 

Es gibt nicht viele NTs in meinem Umfeld, die wissen, dass ich Autist bin. Aber die meisten von ihnen scheinen der Ansicht zu sein, dass ich bin wie sie. Sie halten mich für einen Neurotypischen mit Autismus. Sie glauben anscheinend, dass mein Autismus mit der Zeit verschwindet oder dass ich nur in bestimmten Zeiträumen autistisch bin. Dass ich meinen Autismus nur überspiele, wenn ich neurotypisch wirke, scheint nicht aufzufallen. Dass mich das Unmengen Kraft kostet, fällt offenbar auch nicht auf.

 

Aber ich bin Autist. Durch und durch. Ich bin ständig Autist. Tag und Nacht. Ich denke anders als sie. Ich nehme anders wahr als sie. Ich erlebe die Welt ganz anders als sie. Meine psychischen Bedürfnisse unterscheiden sich teilweise grundlegend von ihren. Ich sehe aus wie sie, aber ich bin nicht wie sie.

 

Das kann ich den NTs sagen. Ich kann es ihnen aufschreiben. Ich kann es ihnen wortreich erklären. Ich kann es ihnen anhand zahlreicher Beispiele, Metaphern und Bilder erläutern. Wenn ich das Talent dazu hätte, würde ich es ihnen womöglich vorsingen oder pantomimisch darstellen. Aber bislang kann ich machen, was ich will - ich dringe damit nicht durch zu ihnen. Sie nehmen es wahr, aber es bleibt nicht haften. Ich finde keinen Zugang zu ihnen. Für die NTs, die meine kleine Welt bevölkern, bin ich jemand von ihnen. Ich bin wie sie, nur eben ein wenig eigenartig. Ich bin für sie der Neurotypische von nebenan, der eben autistisch ist. Und damit ist für sie die Sache erledigt und abgehakt:

„Ah, du bist Autist? Ja, ich verstehe.“

Und dann setzen sie das in Gang, was sie für Toleranz halten.

 

Ich stelle dabei regelmäßig fest, dass sie eben nicht verstehen:

 

·     Wenn ich den ganzen Tag alleine war, denken sie, dass es mit dem Alleinsein jetzt allmählich gut sein müsse, und dass ich mich jetzt geselliger verhalten solle.

·    Wenn ich zehn Stunden geschwiegen habe, denken sie, dass das nun allmählich reichen müsste, und dass jetzt eine zünftige Unterhaltung anstehen würde.

·      Wenn ich tagelang nicht ans Telefon gegangen bin (obwohl sie zigmal angerufen haben), sind sie der Meinung, dass ich mal allmählich ans Telefon gehen müsste. Gerne gespickt mit einer SMS oder Mail: „Geh doch mal ans Telefon!“ oder „Bitte Rückruf“

·      Und so weiter.

 

Die NTs, die mich umgeben, scheinen der festen Überzeugung zu sein, dass ich Teilzeitautist bin. Deshalb sieht ihr Toleranzverhalten so aus:

Sie geben den autistischen Seiten in mir eine Weile Raum. Ich darf alleine sein. Ich darf kurz angebunden sein, wenn sie mit mir sprechen wollen. Ich darf auf dem Rücken liegen und schweigend den Wolken zusehen. Ich darf dies, ich darf das. Das tolerieren sie, die NTs. Dann muss aber auch gut sein mit dem Autismus! Dann habe ich gefälligst wieder ein Neurotypischer zu sein. Dann habe ich wieder in ihre Welt zu passen und ihren Erwartungen und Bedürfnissen zu entsprechen. Sonst geraten sie mit ihrer Toleranz ganz schnell an ihre Grenzen. Dann werden sie ungehalten, unwillig, energisch, fordernd, penetrant, aufdringlich, klebrig, unglücklich.

 

Ich habe dafür auch keine Lösung. Ich kann nur jedem NT, den es betrifft, versichern:

Ich bin Vollzeitautist. Autist bin ich Tag und Nacht. Ohne jede Pause. Ich war nie einer von euch und ich werde auch nie einer sein.

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Kommentare: 5
  • #1

    K (Samstag, 02 September 2017 12:20)

    Ich habe ähnliche Erfahrungen bisher eher selten gemacht und frage mich gerade, woran es liegt.
    Allerdings habe ich - beruflich sowie privat - das Privileg, mich vorwiegend mit autistischen Menschen zu umgeben und in eben jenem Umfeld sind die NTs in der Unterzahl und daher eher willens, sich anzupassen (in einem gewissen Rahmen).
    Erlebt habe ich bisher oftmals das Gegenteil: Ich würde darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich doch gerade so "normal" (heißt: neurotypisch) verhalte, das habe man von mir nicht erwartet.
    Denkst du, es könnte auch generationsbedingt sein und/oder mit deiner sozialen Rolle zusammenhängen?

  • #2

    Stiller (Samstag, 02 September 2017 14:15)

    Um diese Fragen belastbar beantworten zu können, fehlen mir Erfahrungen und Daten.
    Ich kann also nur beschreiben, was ich erlebt habe, ohne das generalisieren zu können.

    a) Die soziale Rolle
    Wenn ich Orte aufgesucht habe, an denen die NTs von sich behaupteten, etwas von AS zu verstehen, habe ich bislang jedes Mal festgestellt, dass auch dort NTs, die sich auf AS einstellen (können), die absolute Ausnahme sind. Jedes Mal wurde die Anpassungsleistung zum weitaus überwiegenden Teil von mir gefordert.
    Ein Beispiel - ein paar Monate her -, das ich als typisch bezeichnen würde:
    Ich habe einen Besprechungstermin in einem "Autismuszentrum". Gesprächspartner werden mir vorgestellt. Hände werden geschüttelt.
    Frau Häberlein: "Ich bin Frau Häberlein, Psychologin."
    Stiller: "Arbeiten Sie im Autismuszentrum?"
    Frau Häberlein (überrascht): "Ja."
    Stiller: "Dann schauen Sie bitte woanders hin, wenn Sie mir mir reden. Ich bin Autist."

    b)
    Die Generation
    Was die Fähigkeit und die Neigung sich an AS anzupassen betrifft, habe ich bislang keine Unterschiede zwischen älteren und jüngeren AS feststellen können.

  • #3

    K (Samstag, 02 September 2017 15:01)

    Vielen Dank für deine Antwort.
    Ich mache mir weiterhin Gedanken zu dieser Fragestellung.
    Vielleicht gibt es auch Unterschiede aufgrund des Geschlechts.
    Aber ich weiß, das kannst du mir auch nicht beantworten.

  • #4

    NeoSilver (Montag, 04 September 2017 09:00)

    Ich denke, dabei muss man etwas differzenzieren.

    Zwar sind wir, jenige die sich hier über die NT Welt unterhalten, Autisten, allerdings trotzallem nicht in allen Eigenschaften gleich.
    Und so magst du als Beispiel den Blickkontakt fremder Menschen auf dir nicht ertragen, der nächste Autist hat aber nur ein Problem Blickkontakt aufzubauen und zu erhalten.

    Ich weiß nicht wie es Dir/Euch damit geht, sich temporär an eine NT Umwelt anzupassen aber ich kann versichern, dass ich auch oft in Situationen mit NT's nicht auf ihre Bedürfnisse eingehen konnte, da ich sie nicht erkannt aber auch teilweise als nicht sinnvoll erachtet habe.
    So ignoriere ich den angebotenen Smalltalk oder antworte damit, dass mich dieses Thema nicht interessiert.

    Nun hat aber auch jeder NT eine besondere Art, selbst wenn ein großteil der Eigenschaften mit anderen NT's übereinstimmt und trotzallem schaffe ich es nicht, auf alle besonderen Belange der NT's einzugehen und mir jene besonderen Eigenschaften auch individuell zu merken um auf jeden Fall richtig NT-konform reagieren zu können und will dies auch gar nicht.

    Und m.M.n. sind die NT's im Umgang mit uns in einer ähnlichen Situation.
    Wobei ich hierbei vorrangig die unregelmäßigen Kontakte meine.

    Es kann also, selbst bei Kenntnis über Autismus, nicht jeder NT, konform der Bedürfnisse des Autisten handeln und will dies eventuell auch nicht, da er verschiedene Aspekte als nicht sinnvoll erachtet.
    Und dies ist in einem fremden Kontext, bei unregelmäßigem Kontakt, auch nicht anders zu erwarten.

    Nun bestehen also zwei Bedürfnisse.
    Als Beispiel will der NT das der Rolladen hochgezogen ist, damit Tageslicht in den Raum strahlt und der Autist, welcher auch in diesem Doppelzimmer sitzt, möchte es dunkel haben, da er grelles Licht nicht gut erträgt.
    Wieso sollte nur der Autist das Recht auf die Durchsetzung seines Bedürfnisses haben?
    Die Bedürfnisse sollten doch gleichberechtigt sein.

    Ich kann von dieser Welt nicht erwarten, dass sie all meine Bedürfnisse kennt, erfüllt, toleriert und akzeptiert, sowie konform handelt, aber ich kann dafür Sorgen, dass es Kompromisse gibt, welche es mir ermöglichen einen Großteil meiner Bedürfnisse umzusetzen.

    Anmerkung:
    Mir ist bewusst, dass du im Großteil deiner Aussage regelmäßige Kontakte meinst.
    Aber gerade dort sind die Kompromisse notwenig, da andere Auswege meist nicht gegeben sind und sich vermutlich immer unterschiedliche Bedürfnisse gegenüber stehen.

  • #5

    Stiller (Montag, 04 September 2017 19:43)

    Ich muss über diese Dinge noch viel nachdenken.
    Zur Zeit gehe ich von folgender Skizze aus (die natürlich sehr viele Stereotype und Abstraktionen beinhaltet, die sich so in der Realität nicht finden):
    Auf der einen Seite ist die Person A, und die ist NT. Sie lebt in einer Welt, die auf sie zugeschnitten ist und ihren Bedürfnissen entpsricht.
    Auf der anderen Seite ist eine Person B, und die ist AS. Sie lebt in einer Welt, die auf sie zugeschnitten ist und ihren Bedürfnissen entspricht.

    Nun kommen beide Personen zusammen in eine gemeinsam zu gestaltende Umgebung. Gerecht wäre es, wenn beide in gleichem Maße Zugeständnisse machen, so dass folgendes gilt:
    Bereich 1 ist so gestaltet, dass beide gut damit leben könnne.
    Bereich 2 ist so gestaltet, dass er vor allem NT-Bedürfnissen entspricht.
    Bereich 3 ist so gestaltet, dass er vor allem AS-Bedürfnissen entspricht.

    Gerechterweise sollten die beiden Bereich 2 und 3 in etwa gleich groß sein.

    Nach allem, was ich bis jetzt erlebt und beobachtet habe, würde sich ein NT in so einem Setting vermutlich wütend über diese Zumutung beschweren und sich sehr schlecht behandelt fühlen.

    Ich suche noch nach Möglichkeiten, diese Hypothese zu testen.

19. August 2017

Eleanor Rigby

Ich hatte jetzt ein paar Tage frei. Deshalb habe ich ein paar Mal vormittags unter der Woche Lebensmittel eingekauft statt wie sonst abends oder am Wochenende. Die Gegend, in der ich lebe, gehört zwar zur Metropolregion Frankfurt, ist aber eher dörflich-kleinstädtisch strukturiert. Viele Menschen, denen ich beim Einkaufen im Supermarkt begegne, habe ich schon mal gesehen. Irgendwo auf der Straße oder in eben diesem Supermarkt. Wenn ich wochentags einkaufe, dann fast immer irgendwann nach der Arbeit. Die Leute, die ich dann im Laden treffe, sind genauso müde wie ich. Ihre Schritte und Bewegungen sind schnell, routiniert und effizient. Wer immer sich diesen Blödsinn mit dem „Erlebniseinkauf“ ausgedacht hat – an dieser Population läuft er komplett vorbei. Die Leute sind müde und wollen fertig werden.

 

Aber vormittags während der Woche …

 

Ich war überrascht. Diese Population kannte ich bislang nicht.

 

Ich parkte wie üblich mein Auto. Wenn irgend möglich parke ich immer an derselben Stelle. Dann holte ich mir einen Einkaufswagen – alles Routine – und strebte zum Eingang. Verglichen mit dem, was ich sonst kenne, waren nur sehr wenige Menschen unterwegs. Trotzdem hatte ich prophylaktisch Stöpsel in den Ohren. Und dann kam ich nicht so recht weiter. Vor mir schob eine Frau mit sehr langsamen aber gleichmäßigen Schritten ihren Wagen durch den langen Eingangsbereich. Sie mochte 55 bis 65 Jahre alt sein. Sie ging genau in der Mitte des Ganges und ihre Körperfülle machte ein kontaktloses Überholen unmöglich. So nutzte ich die Zeit, sie von hinten zu beobachten:

Blassfarbene Kleidung. Ältere, etwas schiefgelatschte Schuhe. Stoffhose mit Bügelfalte. Darüber eine Strickjacke. Vergleichsweise füllige Figur, die aber ihren breitesten Part eindeutig in der Beckenregion hat. Sehr steife Muskulatur. Stahlbetonfrisur. (So nenne ich das, wenn Frauen ihre Haare tragen wie einen Helm. Ich habe beim Friseur oft zugesehen, wie das gemacht wird: Was mal natürliche Haare waren, wird durch Zugabe von allerlei Chemie, Frauenzeitschriften und geistlosem Geschwätz in stundenlanger Arbeit zu irgendwas aufgetufft, was entfernt an Haare erinnert, aber auf mich eher so wirkt als hätte man einer Figur von Playmobil eine Frisur verpasst).

Da trottete diese Frau also langsam vor mir her, und ich ging gemächlich hinter ihr her. Irgendwann verbreiterte sich der Eingangsbereich und ich konnte gefahrlos überholen.

 

Als ich ein paar Meter Vorsprung hatte, drehte ich mich wie zufällig nochmal um, um mir diese Frau kurz von vorne anzuschauen. Müder Blick. Leerer Blick. Es wirkte beinahe als wäre in diesem Menschen niemand zuhause. So als hätte jemand eine leere Hülle oder einen Avatar zum Einkaufen geschickt. Die Frau wirkte nicht unglücklich auf mich. Aber auch nicht lebendig. In Gesicht und Körperspannung konnte ich tatsächlich kaum eine Regung feststellen. Es war weder freundlich noch unfreundlich, weder verärgert noch verspannt - es war einfach nur so da. Die Augen wirkten auf mich sehr trübe und leer. Diese Frau hätte zu neun Zehnteln tot sein können – sie hätte vermutlich genauso ausgesehen.

 

Und diese Frau war mal ein lebendiges, lebensfrohes und vermutlich fröhliches Mädchen gewesen, das aufgeregt durch die Gegend hopste und begierig war, die Welt zu erforschen und kennen zu lernen. Was muss mit so einem Mädchen geschehen, damit es später so aussieht?

 

Na, wie auch immer – ich hatte Einkäufe zu erledigen. Ich wollte weiter und hätte meinen Einkaufswagen fast auf die nächste Frau draufgeschoben, die beinahe genau so aussah wie die, die ich gerade gesehen hatte: 55 – 65 Jahre alt, sehr langsamer Schritt, fülliger Körper, der besonders in der Beckenregion sehr in die Breite ging, Stahlbetonfrisur …

 

Ich traf noch eine und noch eine und noch eine und noch eine. Irgendwann hörte ich auf zu zählen. Bis auf zwei waren sie alle alleine unterwegs. Die beiden, die nicht alleine waren, hatten einen Mann dabei, von dem ich vermutete, dass es ihr Ehemann war.

 

All diese Frauen hätten Schwestern sein können, oder Klone.

 

Ich schaute mir an, was sie einkauften und wie sie einkauften. Manche hatten kleine Zettel mit Listen dabei. Aber die meisten waren wohl ohne Einkaufsliste gekommen. In ihren Bewegungen und Entscheidungen wirkten sie beinahe ziellos auf mich. Dieses Obst wurde müde befingert und wieder zurückgelegt. Jenes Gemüse wurde müde betrachtet und dann liegen gelassen. Wenn dann doch irgendwas im Einkaufswagen landete, geschah das mit langsamen, gleichförmigen Bewegungen. Und nicht ein einziges Mal habe ich dabei irgendwas beobachtet, was auf Emotionen hätte schließen lassen. Diese Frauen bewegten sich durch den Laden wie Einkaufsroboter.

 

Was wünschten sie sich vom Leben? Was erträumten sie sich? Was erhofften sie sich? Worüber waren sie traurig? Was bereitete ihnen Sorgen? Worauf freuten sie sich? … Ich bin normalerweise ganz gut darin, die Körperspannung von Menschen zu interpretieren – aber hier empfing ich keinerlei Signale. Da war buchstäblich nichts, was ich wahrnehmen konnte. Sie wirkten auf mich wie die komplette, abgestumpfte Resignation. – Und das waren alles mal lebenslustige, lebendige Mädchen gewesen …

 

Ich schaute mir das noch eine Weile an. Und der Eindruck verfestigte sich:

Diese Frauen schienen keine Not zu leiden. Augenscheinlich fehlte es ihnen an nichts. Und doch schien es ihnen an so ziemlich allem zu fehlen, was für mich das Leben lebenswert macht. Irgendwo habe ich mal die Überschrift gelesen: „Wunschloses Unglück“. So kam mir das hier vor.

 

Ich habe die Sache dann weitgehend auf sich beruhen lassen. Ich wollte Einkäufe erledigen, und Supermärkte gehören nicht zu meinen Lieblingsorten. Also packte ich meinen Wagen voll und schaute zu, dass ich durch die Kasse und wieder raus kam. An der Kasse begegnete ich zwei weiteren dieser Frauen. Ich nahm an, dass sie um diese Tageszeit einkauften, weil sie alles ganz langsam machen konnten, wenn die Berufstätigen nicht da waren.

 

Draußen schob ich meinen Krempel zum Auto und packte routiniert und schnell das Zeug in das kleine Rollwägelchen, das ich dafür immer benutze. Dann fuhr ich wieder weg da. Einkaufen ist für mich in aller Regel eine Abfolge lange eingeübter Routinen. Da sitzt jeder Handgriff.

 

Aber diese Frauen …

Entweder übersehe ich sie im abendlichen Gewühl, wenn ich normalerweise einkaufe oder sie sind tatsächlich vor allem vormittags im Supermarkt unterwegs. Sie erinnerten mich an ein Stück von den Beatles, in dem Paul McCartney einsame alte Frauen besingt: Eleanor Rigby …

 

„All the lonely people - where do they all come from? All the lonely people – where do they all belong?”

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05. August 2017

Frauen mit dicken Möpsen

Jetzt im Sommer beobachte ich das wesentlich häufiger als im Winter: Frauen zeigen sich gerne mit ihren dicken Möpsen in der Öffentlichkeit. Da ich ein sehr zahlengesteuerter Mensch bin, habe ich auch zu diesem Thema schon etliche Zählungen gemacht. Aber die Auswertungen sind noch nicht abgeschlossen. Darüber hinaus muss ich auch noch einige Kontrollerhebungen machen, um bestimmte Hypothesen zu überprüfen.

 

Als ich ein Kind war, waren es die Rehpinscher, die mir überall auffielen – kleine, dürre, vor Kälte zitternde Hundegestalten, die irgendein Deckchen umgeschnallt bekommen hatten und von älteren Frauen auf dem Arm getragen wurden oder an der Leine herumgeführt wurden. Ich fragte mich damals schon, wozu denn so ein Hund nütze sein sollte. Was konnte man mit so einem Hund jagen oder beschützen? Irgendwo las ich dann das Wort „Luxushund“ und machte mir zu diesem Wort so meine kindlichen Gedanken.

 

In den letzten Jahren habe ich praktisch keine Pinscher mehr im Straßenbild gesehen. Aber als ich in diesem Winter aus einer Laune heraus anfing, Hunde zu zählen, fiel mir auf, wie oft ich einen Mops zu sehen bekam – in Fußgängerzonen, in Parkanlagen, in wäldlichen Naherholungsgebieten nahe von Großstädten. Und noch eins fiel mir auf – in acht von zehn Fällen waren diese Möpse mit einem weiblichen Zweibein unterwegs. Und fast immer schien mir der Mops deutlich zu dick zu sein.

 

Ich nehme an, es geht auch hier um emotional-soziale Zuwendung, denn nach allem, was ich sehen kann, hat so ein Mops keinen Nutzwert. Aber daran knüpfen sich für mich viele Fragen an: Was macht frau mit so einem Mops und warum kriegt er so viel zu fressen, dass er zu fett wird? Wie kommt es, dass der Mops, der in meiner Kindheit im öffentlichen Bewusstsein der Inbegriff der dekadenten Hässlichkeit war, jetzt wieder zu Ehren kommt?

 

Ich zähle viel, wenn der Tag lang ist. Ich zähle dies und das und jenes. Ich war in diesem Winter einige Male am Feldberg im Taunus unterwegs. Dort sah ich zum ersten Mal Kinder, die beim Schlittenfahren Helme trugen. Es waren nicht nur ein paar Kinder. Ungefähr dreißig Prozent der Kinder, die ich bei drei verschiedenen Erhebungen zählte, trugen beim Schlittenfahren am Feldberg Helme. (Am Feldberg gibt es keine Schlittenpiste, die irgendwie gefährlich wäre). Und gleichzeitig fiel mir auf, dass deutlich mehr Hunde mit irgendwelchen Fellverstärkern unterwegs waren. (Der Winter war in diesem Jahr auf dem Feldberg nicht besonders streng. Im vorletzten Jahr sind mir dort mehrmals Hundeschlitten begegnet. Da war in diesem Jahr beinahe nicht dran zu denken).

 

Ich zähle. Dann werte ich aus. Dann bilde ich Hypothesen, wie diese Zahlen zu erklären sein könnten. In einem nächsten Schritt überlege ich mir, wie ich diese Hypothesen testen könnte.

Und die Hypothese, die ich jetzt verfolge, ist diese: Es gibt einen Zusammenhang zwischen

a)     Luxustiere werden immer stärker mit „Naturverstärkern“ versehen. (Im Sommer zähle ich die Pferde, die mit Gesichtsschutz bzw. irgendeiner Decke auf der Weide stehen – das werden auch immer mehr).

b)     Die Welt, in der die Kinder in Deutschland leben, wird von den Eltern als immer gefährlicher erlebt. (Ich bin als Kind in einer bergigen Gegend groß geworden. Wir sind Schlitten gefahren „wie die gesengte Sau“. Auf die Idee, Helme zu tragen sind wir nicht gekommen).

 

Ich interessiere mich dafür, weil mir das alles sehr fremd ist.

Wenn ich ein Tier mag – warum sollte ich es dann so fett füttern, dass es sich nur noch asthmatisch durch die Gegend keuchen kann? Wenn ich ein Tier mag – warum sollte ich es dann zum Krüppel züchten, so dass es nur noch mit „Naturverstärkern“ nach draußen kann?

Und wenn ich mein Kind mag – wieso tue ich dann so, als ob Schlittenfahren lebensgefährlich wäre?

 

Hier wird dann der Psychologe in mir wach. Und der sagt:

·      Wenn ich ein Tier hasse, dann werde ich es auch zum Krüppel mästen.

·      Wenn ich ein Tier hasse, dann werde ich es auch zum Krüppel züchten.

·      Wenn ich mein Kind hasse, dann werde ich ihm – vermutlich unbewusst - wünschen, dass es sich beim Schlittenfahren (endlich) den Hals bricht.

 

Ich stehe hier ganz am Anfang von Untersuchungen, die sich vermutlich noch Jahre hinziehen werden. Ich werde mir anschauen, ob es tatsächlich häufiger Frauen sind, die sich mit einem Mops ausstatten. Ich werde mir anschauen, ob Möpse eher dann fett werden, wenn sie in der Obhut von Frauen sind. Ich werde mir anschauen, ob sich der Trend mit den überbehüteten Kindern beim Schlittenfahren stabilisiert. Ich werde mir dies anschauen, ich werde mir das anschauen.

 

Die Kleinen in mir wollen wissen:

„Was machen die Menschen da eigentlich die ganze Zeit?!“

Ich kann es ihnen bis jetzt nicht beantworten. Vermutungen, Meinungen, Stammtischüberzeugungen zu diesen Themen kann man überall hören und lesen. Aber das hilft mir nicht weiter. Ich brauche Zahlen, ich brauche Belege. Sonst bleibt das alles x-beliebiges Geschwurbel, aus dem sich keine logischen Konsequenzen ableiten lassen.

 

Die Frauen, die mit ihren dicken Möpsen unterwegs sind, scheinen unglücklich zu sein.

Die behelmten Kinder, die am Feldberg Schlitten fuhren, wirkten auf mich auch nicht wie der Inbegriff kindlicher Lebensfreude. Eher im Gegenteil. Was passiert hier eigentlich?! Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich es auch nie wissen. Aber mein ältestes Spezialinteresse ist „Menschen: Wie sie sich verhalten, und was sie dabei erleben.“

 

Falls ich zu Ergebnissen komme – in ein paar Jahren - werde ich sie vielleicht hier veröffentlichen. Und dann sind vor allem die NTs eingeladen, all die „klugen“ Dinge zu äußern, die sie in solchen Fälle gerne vorbringen:

·      „Das glaube ich jetzt nicht.“

·      „Also, ich finde, das ist jetzt zu pauschal. Als Aussage, so, meine ich. Irgendwie.“

·      „Also für mich ist das alles zu weit hergeholt.“

·      „Meine beste Freundin hat zwei Möpse, und bei denen ist das ganz anders!“

·      „Also nach meiner Überzeugung sollte man Menschen nicht so in Schubladen stecken.“

·      Und so weiter

 

Und speziell die Frauen mit den dicken Möpsen sind dann herzlich eingeladen, ihren Unmut hier kundzutun.

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29. Juli 2017

Mach‘ dir doch Licht!

Zu den größten Wünschen, die ich an die Nichtautisten (NTs) habe, gehört, dass sie mich sein lassen. Je stärker die NTs jedoch am Neurotypischen Syndrom leiden, desto weniger können sie das. Es ist keine Frage des Willens - sie können andere Menschen einfach nicht sein lassen. Sie müssen übergriffig werden und wirken dadurch ziemlich unhöflich und distanzlos. 

 

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass wir Asperger-Autisten (AS) uns das immer wieder vergegenwärtigen: Das Verhaltensspektrum der meisten NTs ist ziemlich begrenzt. Vieles von dem, was wir uns von ihnen wünschen, können sie einfach nicht.

 

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen, das mir sehr am Herzen liegt:

 

Das, was die Stille für meine Ohren ist, ist Dämmerung bzw. Dunkelheit für meine Augen. Speziell, wenn ich Kräfte sammeln will, wenn ich mich ausruhen oder konzentrieren will, tut mir Dämmerlicht oder Dunkelheit sehr, sehr gut. Ich blühe dann regelrecht auf. Ich will akustische Stille für meine Ohren und optische Stille für meine Augen. Ich versuche beides so oft und so lange wie möglich zu erreichen. Wenn ich beides bekommen kann, ist das geradezu paradiesisch für mich. So kann ich sein.

 

Aus diesem Grund sitze ich sehr häufig in abgedunkelten Räumen, wenn ich privat oder beruflich arbeite. Ich sitze dann einfach nur da, schaue auf meinen schwach leuchtenden Bildschirm oder schaue ins fahle Dämmerlicht und spüre, wie sich meine seelischen Batterien aufladen. Es ist herrlich! So kann ich arbeiten! So kann ich mich konzentrieren! So kann ich all meine mentalen Kräfte sammeln und auf diesen einen Punkt konzentrieren, den ich gerade bearbeite. Wunderbar!

 

Oder wenn ich mich gerade von irgendwas erhole, was mich sehr gestresst hat – dann ist Dämmerung oder Dunkelheit meistens das Beste für mich. Ich liege dann einfach auf meiner Matratze und schaue in die Dunkelheit – und meine seelischen Batterien laden sich wie von Zauberhand wieder auf. Das war schon immer so.

 

Und dann gibt’s da noch die NTs. Sie sind sehr zahlreich. Die meisten von ihnen leiden ausgeprägt am Neurotypischen Syndrom. Respekt oder gar Achtung vor Dämmerung und Dunkelheit ist ihrem Wesen genauso fremd, wie Respekt oder Achtung vor der Stille. Und weder meine berufliche noch meine private Situation ist zur Zeit so, dass ich irgendwo wirklich sicher vor ihnen wäre. Sie können in so ziemlich jeder Situation auftauchen. Und dann passiert fast immer dasselbe:

 

Der NT nähert sich mit mehr oder weniger Geräusch. (Meistens ist es mehr). Er macht die Tür auf und kommt in den Raum. Er sieht im Dämmerlicht, dass ich am Schreibtisch sitze. Und dann macht er das Licht an und sagt:

„Du sitzt da so im Dunkeln.“

Manchmal sagt er auch vorwurfsvoll-aufmunternd:

„Mach dir doch Licht!“, wenn er das Licht anknipst.

Die meistens NTs lassen sich es auch nicht nehmen, unaufgefordert die Vorhänge zu öffnen oder das Rollo hochzuziehen.

 

Ich habe in den letzten Jahren systematisch verschiedene Reaktionen durchprobiert, um dieses Verhalten der NTs zu verändern. Hier die wesentlichen Resultate:

 

1.      Ich stehe wortlos auf, mache das Licht wieder aus und setze mich genauso wortlos wieder hin. Hauptergebnis: Der NT ist gekränkt oder verwirrt und versucht, sozialen Druck auf mich auszuüben. An seinem langfristigen Verhalten ändert sich nichts. Wieder und wieder und immer wieder wird er in vergleichbarer Situation ungefragt das Licht anmachen.

2.      Ich erkläre dem NT, dass ich gerne im Dunklen sitze. Ich erkläre ihm, dass Dunkelheit angenehm für mich ist und dass ich mich so viel besser konzentrieren kann. Dann mache ich das Licht wieder aus. Hauptergebnis: Der NT will das nicht wahrhaben und will mir ein Gespräch darüber aufnötigen, dass es nicht gut ist, so alleine im Dunklen zu sitzen. Gerne wird das Argument bemüht, dass das nicht gut für die Augen ist. (Faszinierend, wie viele ehrenamtliche Augenärzte es in Deutschland gibt). An seinem langfristigen Verhalten ändert sich nichts. Wieder und wieder und immer wieder wird er in vergleichbarer Situation ungefragt das Licht anmachen.

3.      Ich kneife demonstrativ die Augen zusammen oder setze meine Sonnenbrille auf. (Meine Sonnenbrille habe ich fast immer in Griffweite). Hauptergebnis: Der NT ist verwirrt oder gekränkt und versucht, sozialen Druck auf mich auszuüben. („Nun hab dich doch nicht so!“ „Jetzt übertreibst du aber!“ „Ist irgendwas mit dir? Willst du darüber reden?“ etc.) An seinem langfristigen Verhalten ändert sich nichts. Wieder und wieder und immer wieder wird er in vergleichbarer Situation ungefragt das Licht anmachen.

4.      Ich verlasse den Raum und begebe mich woanders hin, wo es dunkler ist. Hauptergebnis: Der NT ist verwirrt oder und versucht, sozialen Druck auf mich auszuüben. („Was ist denn mit dem los?!“ „Hab‘ ich jetzt irgendwas gemacht?!“ etc.) An seinem langfristigen Verhalten ändert sich nichts. Wieder und wieder und immer wieder wird er in vergleichbarer Situation ungefragt das Licht anmachen.

 

Ich gestehe gerne, dass ich mich hilflos fühle. Was könnte ich noch tun, um in dieser Sache eine langfristige Verhaltensänderung bei den NTs anzustoßen? Mir sind schon vor geraumer Zeit die Ideen ausgegangen. Darüber hinaus bin ich durch die Ergebnisse meiner Beobachtungen mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass es der Mehrheit der NTs einfach nicht möglich ist, in dieser Sache ihr Verhalten dauerhaft zu ändern. Das ist der Fluch des Neurotypischen Syndroms.

 

Ich werde die NTs also dauerhaft meiden müssen. Da, wo sie sind, kann ich nicht sein.

 

Natürlich gibt es in meiner Welt auch NTs, die anders sind. Die nicht so stark am Neurotypischen Syndrom leiden. Die die Dämmerung und die Dunkelheit achten. Und manche von ihnen entwickeln mit der Zeit Respekt vor meiner Art, in der Welt zu sein. Ich sehe, wie schwer ihnen das fällt und habe eine große Hochachtung vor ihren Bemühungen.

 

Aber das sind nur wenige. Die meisten NTs dringen in meine Welt ein wie die Poltergeister. Und sobald sie den Lichtschalter erreichen, gibt’s für mich was auf die Augen. Was für die Ohren ein Überschallknall ist, ist für meine Augen dieses Licht. Hell, grausam und erbarmungslos spritzt es aus buchstäblich jeder Stelle des Raumes auf. Es explodiert in meinen Augen. Es explodiert in meinem Kopf. Das tut jedes Mal ziemlich weh. Aber auch den NTs, denen ich das ausführlich erklärt habe, kommt es nicht in den Sinn, das sein zu lassen. Sie können nicht anders. Es scheint für mich kein Entrinnen zu geben.

 

Aus

„Mach‘ dir doch Licht!“

wird dann meistens ein

„Oh, das wollte ich ja nicht. Tschuldigung. Aber so ist es doch angenehmer, findest du nicht? Und es ist besser für die Augen.“

 

Ich werde die NTs also dauerhaft meiden müssen. Da, wo sie sind, kann ich nicht sein.

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Kommentare: 1
  • #1

    lemonbalm (Sonntag, 30 Juli 2017 09:55)

    "Die meistens NTs lassen sich es auch nicht nehmen, unaufgefordert die Vorhänge zu öffnen oder das Rollo hochzuziehen."
    Meine Augen fangen daraufhin an zu tränen und anzuschwellen. Anscheinend auch nicht Argument genug, um das Rollo einfach unten zu lassen.

09. Juli 2017

… dann können wir ein bisschen plauschen.

Ich kann es beobachten. Ich kann es beschreiben. Ich kann es zählen und wissenschaftlich untersuchen. Aber ich kann es immer noch nicht verstehen. Die Hypothesen, die ich gefunden habe, überzeugen mich. Aber ich frage mich immer, ob das wirklich sein kann. Vielleicht fehlen mir noch wichtige Schlüsselerkenntnisse.

 

Worum geht es?

Grob gesagt geht es um mich und um telefonierende Nichtautisten (NTs).

 

Ich habe den Eindruck, dass die meisten Asperger-Autisten (AS) nicht besonders gerne telefonieren. Schriftliche Kommunikation scheint unser bevorzugtes Medium zu sein – wenn denn kommuniziert werden muss. Dazu habe ich keine akkuraten Zahlen. Aber an dieser Stelle soll reichen: Ich telefoniere nur sehr ungerne.

 

Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht telefonieren kann. Im Gegenteil: Jahrelang habe ich mein Geld damit verdient, als Telefontrainer kreuz und quer durch die Republik zu fahren.

Telefonieren war in meiner Jugend derart schwierig für mich, dass ich’s mir von der Pike auf beigebracht habe: Was sage ich als erstes? Was sage ich als zweites? Wie reagiere ich, wenn mein Gesprächspartner das und das sagt? Und so weiter. Jedes Telefonat war eine Art Schachspiel oder eine Ansammlung komplexer mathematischer Formeln, die gelöst werden mussten.

 

Irgendwann hatte ich es dann drauf. Und irgendwann war ich so gut im telefonischen Terminieren, dass ich damit eine Menge Geld verdienen konnte. Meine Spezialität war es, Vertrieblern zu zeigen, wie man das Telefonbuch aufschlägt und mit irgendwelchen Menschen, von denen man noch nie was gehört hat, Termine vereinbart – mit Privatkunden, mit Firmen, mit Behörden, mit Krankenhäusern: Nimm was du willst. Ich bin in der Lage, den Leuten beizubringen, wie man mit solchen Gesprächspartnern Termine vereinbart.

 

Ich beschreibe das so ausführlich, weil diese Disziplin unter den professionellen Telefonierern als die schwierigste gilt. Die allermeisten NTs trauen sich das überhaupt nicht zu. Wenn man weiß, wie es gemacht wird, ist jedoch ganz einfach. Das ist nicht schwerer als bei der Bahn anzurufen und zu fragen, wann der nächste Zug nach Berlin geht.

 

Dennoch: Ich hasse es, zu telefonieren. Wenn ich telefonisch Termine vereinbare, beherrsche ich das Gespräch von vorne bis hinten. Ich habe die Kommunikation jederzeit vollständig und absolut in der Hand. Aber wenn ich andere Gespräche am Telefon führen muss, also solche Gespräche, wo ich nicht die absolute Hoheit habe, dann wird das enorm stressig für mich. Ich habe nicht nur eine Abneigung dagegen. Ich hasse es regelrecht. Mein Handy ist beinahe nie auf Empfang. Daheim haben wir ein Festnetztelefon, weil es der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, wichtig ist. Wenn dieses Telefon anfängt, seine Geräusche zu machen, halte ich mir dir Ohren zu und suche das Weite. Ich will nicht mir irgendwem telefonieren müssen!

 

Ich arbeite schon lange nicht mehr als Telefontrainer. Heute zeige ich den Teilnehmern meiner Seminare, woran man erkennt, wie die Persönlichkeit eines Gesprächspartners aufgebaut ist, und wie man seine Kommunikation auf diese Persönlichkeit abstellt. Das ist sehr komplex aber nicht kompliziert. Wenn man weiß, wie es gemacht wird, ist es ganz einfach.

 

In diesen Seminaren erläutere ich den Teilnehmern das meiste am Beispiel meiner Person. Sie lernen mich also sehr intensiv kennen. Ich oute mich in diesen Seminaren nicht als Autist. Aber es wird sehr deutlich, wie introvertiert ich bin. Es wird sehr deutlich, aus welchen Gründen ich es hasse zu telefonieren. Es wird sehr deutlich, aus welchen Gründen ich Small Talk und solche Dinge hasse.

 

Seit einiger Zeit gehe ich noch einen Schritt weiter:

Ich zeige den NTs in meinen Seminaren, was Telefonieren und was Small Talk in mir auslösen. Um das zu erreichen, gehe ich wie folgt vor:

Ich kündige den Teilnehmern ein Experiment an und bitte um einen Freiwilligen. Es findet sich immer mindestens einer. Mit diesem Menschen kommuniziere ich dann vor der gesamten Gruppe exakt so, wie es nicht zu seiner Persönlichkeit passt. Meistens reichen 60 Sekunden, und ich habe ihn an den Rand des Overloads getrieben. Für die meisten NTs ist das eine unangenehme, aber sehr neue und deshalb interessante Erfahrung. Beinahe jeder NT lässt sich mittels Kommunikation binnen kürzester Zeit in den Overload treiben. Wenn man weiß, wie es gemacht wird, ist es ganz einfach.

 

Danach lasse ich diesen Teilnehmer berichten, wie das für ihn war, als ich mit ihm kommuniziert habe. Ich frage ihn, was er dabei in seinem Inneren erlebt hat und wie er sich dabei gefühlt hat. Und die übrigen Seminarteilnehmer hören total gespannt zu. Für sie ist das neu und aufregend. Wie der erste Kontakt mit Alkohol. Manchmal wollen sie das dann auch bei sich selber erleben und ich treibe sie der Reihe nach an den Rand eines Overloads.

 

Die Teilnehmer haben also eine Ahnung davon, was es für mich bedeutet, wenn ich telefonieren muss. Am Ende der meisten Seminare gebe ich den Teilnehmern mit auf den Weg, dass sie mir jederzeit eine Mail schreiben dürfen, dass sie mich bitte aber nur im äußersten Notfall anrufen sollen. Ich schildere ihnen noch einmal, was Telefonieren in mir auslöst. Ich verweise noch einmal auf die Erfahrungen, die sie selbst gemacht haben, als ich mit ihnen so kommunizierte, dass es nicht zu ihnen passte.

 

Und danach …

 

… passiert immer dasselbe:

Ungefähr 90 Prozent der Teilnehmer, die nach dem Seminar Kontakt mit mir wollen, rufen mich an und sprechen mir auf die Mailbox. Nur etwa 10 Prozent der Teilnehmer schreiben mir eine E-Mail. (Das sind in aller Regel die sehr introvertierten NTs).

 

Ich kann es mir nicht erklären. Als ich heute meine Mailbox abhörte, erlebte ich einen neuen Gipfelpunkt: Dieser Mann hat in den letzten Jahren schon deutlich über 20 Tage Seminare bei mir besucht. Er kennt mich wirklich gut. Er hatte erfahren, dass ich krank gewesen war und rief an, weil er hören wollte, ob es mir wieder besser ginge. Er bat um baldigen Rückruf und schloss seine Nachricht mit den Worten: „ … und dann können wir ein bisschen plauschen.“

 

Das hallte noch sehr lange in meinen Ohren nach:

„… und dann können wir ein bisschen plauschen.“

Dieser NT hatte wie so viele andere buchstäblich nichts begriffen. Er hätte mir ebenso gut sagen können „… und dann können wir ein bisschen in konzentrierter Salzsäure baden.“ oder „… dann können wir uns gemeinsam in einen Ameisenhaufen legen.“ oder „… dann essen wir gemeinsam ein wenig panierte Hundescheiße.“

 

Ich bin wütend. Ich bin ratlos. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll.

Nochmal: Das ist kein Einzelfall. Ungefähr 90% der NTs verändern ihr Verhalten mir gegenüber kein bisschen. Sie verändern ihr Verhalten mir gegenüber nicht, auch wenn ich sie noch so oft darum bitte und ihnen noch so oft erkläre, veranschauliche, demonstriere, was es in mir auslöst.

 

Diese NTs sind allesamt sehr freundliche Menschen. Sie sind zugewandt, sie sind höflich, sie wollen mir was Gutes tun. Und dumm sind sie auch nicht. Einer der hartnäckigsten Telefonierer ist ein hochinteressanter Mensch, dessen IQ mehrfach getestet wurde – die Ergebnisse lagen immer jenseits der 160. „Stiller, wann können wir mal telefonieren?“ will er wissen. Immer wieder. „Komm doch mal vorbei“, schlägt er vor, „dann können wir mal reden.“

 

 

Halten wir also fest:

Die NTs in meinem Leben verhalten sich fast alle so, dass es mich schädigt. Sie tun das, völlig unabhängig davon, auf welche Weise, wie oft und wie intensiv ich ihnen sage, dass sie das lassen sollen. Ich zeige ihnen Verhaltensalternativen auf und übe sie intensiv mit ihnen ein. Es führt buchstäblich zu nichts. Sie sind ausgesprochen freundliche, zuvorkommende und wohlmeinende Menschen. Die meisten von ihnen sind normalbegabt. Einige von ihnen sind aber deutlich intelligenter als ich.

 

Und trotzdem:

Sie tun es dauernd. Sie lassen es nicht. Kein bisschen. Sie wissen, dass ihr Verhalten mich enorm stresst und auf Dauer nachhaltig schädigt, und sie ändern es nicht.

 

Was lässt sich aus all dem logisch schlussfolgern?

Ich bin zu dem vorläufigen Schluss gekommen, dass NTs ihr Verhalten nicht in der gewünschten Weise ändern können. Ich bin zu dem vorläufigen Schluss gekommen, dass ihr Verhaltens- und Erlebensrepertoire äußerst begrenzt ist. Ich erlebe ihr Dasein schon seit geraumer Zeit als beinahe maschinenhaft. Wie eine hochkomplexe Maschine, die auf irgendwas programmiert ist und nicht anders kann, können auch sie nur eine bestimmte Bandbreite an Erlebens- und Verhaltenssequenzen abrufen. Alles, was darüber hinausgeht, überfordert ihre Programmierung und kann leider nicht ausgeführt werden.

 

Das entspricht nicht meinem humanistisch geprägten Menschenbild.

Aber meine Beobachtungen, meine Experimente – die ganzen Zahlen, die ich erhebe: Sie weisen alle eindeutig in eine ganz bestimmte Richtung.

Als ich ein Kind war, las ich mal ein Graffiti unter einer Brücke:

„Wer sich nicht bewegt, der spürt seine Ketten nicht.“

Vielleicht fällt diese enorme Begrenztheit der NTs vor allem deshalb nicht auf, weil sie sich normalerweise nur unter ihresgleichen bewegen. Unter ihresgleichen ist ihr sehr begrenzter Set an Verhaltens- und Erlebensmöglichkeiten vollkommen ausreichend.

 

Offenbar bin ich mit meinen Bedürfnissen als AS für die allermeisten NTs schlicht und ergreifend eine Überforderung ihrer Hardware und ihrer Software. Offenbar können sie nicht. Ich weiß nicht, wie sowas sein kann. Aber meine Untersuchungsergebnisse sind sehr aussagekräftig und sehr eindeutig.

 

Fazit und Zusammenfassung:

Die allermeisten NTs können sich offensichtlich nicht so verhalten, dass es für AS gut ist.

Das ist die Hypothese, mit der ich zur Zeit arbeite.

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  • #1

    NeoSilver (Dienstag, 11 Juli 2017 13:10)

    Dieser Beitrag hat mich an eine Dissertation erinnert, in welcher die Grundlage der Forschung das Cambell Paradigma ist.
    Sollte ich dieses richtig verstanden haben, verhalten sich viele Menschen situationsbedingt unterschiedlich, selbst wenn die Grundprämisse gleich ist.
    Falls du dieses kennst und dies mit deiner wissenschaftlichen Erklärung dieser Situation übereinstimmt, wäre es nett, wenn du mir sagen könntest ob ich dies richtig verstanden habe und falls nicht, es mir richtig erklären könntest.

    In dieser Dissertation wurde es wie folgt erläutert.
    In einer Umfrage über das Umweltbewusstsein, beantworteten die meisten Teilnehmer die Frage, ob sie umweltfreundliche Lebensmittel kaufen, mit "Ja".
    Tatsächlich kauften dann aber die wenigsten diese Lebensmittel.

    Diese Diskrepanz wird mit der Einfachheit der Situation beschrieben. Wobei mit Sicherheit auch noch andere Faktoren, wie die Aufmerksamkeit bei der Beantwortung und die Persönlichkeit des Probanten wichtig sind.
    Es ist einfacher in einer Umfrage das scheinbar positive assoziierte Verhalten zu präsentieren, als es in der Wirklichkeit umzusetzen.

    Extrapolieren wir dies auf die Situation mit den Telefonaten, würden die Teilnehmer deiner Seminare also vorgeben dies zu verstehen und zu akzeptieren, allerdings sind sie unfähig oder gar unwillens es tatsächlich umzusetzen.
    Ich vermute das dies nur in den wenigsten Fällen eine Lüge ist.

    Ähnlich einem Kind, welches wahrhaftig lügt, weil es die objektiv erfasste Lüge, als tatsächliche Wahrheit wahrnimmt.
    Viele dieser Menschen werden vermutlich eine Referenzsituation in die Erinnerung rufen, selbst wenn diese eher die Ausnahme als die Regel darstellt.

    Oder noch etwas anders beschrieben, meiner persönlichen Interpretation nach, wählen diese Menschen, welche vornehmlich nicht Autisten sind, die für sie als sozial passendste und vermehrt als positiv assoziierte Reaktion aus um damit verschiedene intersoziale Ziele zu erreichen.
    Dies dann gepaart mit der gängigen Ignoranz: "Was mich nicht stört, kann den anderen doch auch nicht stören.", ergibt dann solche Situationen.

    Es ist wieder mehr Text geworden, als ich erwartet habe, aber die Themen die du befasst und vorallem wie du sie beschreibst, liefern eine sehr abwechslungsreiche und interessante Diskussionsgrundlage.

    Und zum Abschluss, Ich mag telefonieren auch nicht.

24. Juni 2017

Das Neurotypische Syndrom 08 – Flucht aus der Wirklichkeit

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden deine Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden deine Gewohnheiten.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

 

Das soll aus dem Talmud sein. (Ich weiß es nicht – ich habe es nicht nachgeprüft).

 

Ich will mich in diesem Text vor allem mit Gedanken und Worten beschäftigen. Aber dass diese Gedanken und diese Worte eine weitreichende Wirkung haben, ist klar.

 

 

Was vermutlich jedem Asperger-Autisten (AS), der mit Neurotypischen (NTs) zu tun hat, auffällt, ist die Wirklichkeitsverweigerung, die mit dem Neurotypischen Syndrom einhergeht. Ein eklatanter, nachhaltiger Mangel an Logik bzw. die Weigerung, logische Zusammenhänge wahr und ernst zu nehmen, charakterisiert diese tiefgreifende Entwicklungsstörung.

 

Ich habe schon an anderer Stelle bei der Beschreibung des Neurotypischen Syndroms darauf hingewiesen, dass diese Entwicklungsstörung auch als Weigerung begriffen werden kann, erwachsen zu werden. Hier will ich mich auf ein Detail dieser Weigerung konzentrieren.

 

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, denkt es nicht logisch. Die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung und die allgemeine Gültigkeit logischer Gesetze werden vom Kind erst im Laufe der Jahre verstanden. Bevor ein Kind logisch denkt, durchläuft es meistens die Phase des sogenannten „magischen“ Denkens. In dieser Phase ist für das Kind auch alles real, was es sich wünscht oder vorstellt. Es gibt Zauberer und Feen, und wenn es brav ist, kommt der Weihnachtsmann. Alle Dinge sind belebt, Zeitreisen sind möglich und Wünsche werden wahr. In der heutigen Entwicklungspsychologie herrscht weitgehend Einigkeit, dass diese Phase des vorrationalen Denkens im Laufe der Grundschulzeit überwunden werden sollte.

 

Schön wär’s.

 

Ich verdiene mein Geld vor allem damit, dass ich NTs erkläre, wie sie funktionieren. Mir sind bis jetzt erst ganz wenige NTs begegnet, bei denen ich nicht den Eindruck hatte, dass sie sich systematisch Teilbereichen der Realität verweigern.

 

Einschub

In Zeiten der Krise und der Not steigt bei jedem Menschen die Neigung, aus der Realität auszusteigen. Das ist in unserem Organismus so angelegt. Ich will in diesem Text aber nicht diese biologischen Notfallprogramme betrachten, sondern die Tatsache, dass die meisten NTs sich systematisch der Realität verweigern. Sie leben zu einem großen Teil in einer Welt, die nur in ihrer Vorstellung existiert.

Einschub Ende

 

Damit das hier nicht zu einem Essay über „Erkenntnistheorie“ mutiert, will ich vor allem mit Beispielen arbeiten. Mit Beispielen, die jeder kennt. Fangen wir mit den frappierenden Dingen an.

 

„Davon bin ich tausendprozentig überzeugt!“

Das pflegte ein Chef von mir zu sagen. Jeder, der sich mit sowas auskennt, weiß, dass das eine rhetorische Floskel ist, mit der jemand zum Ausdruck bringen will, dass er von etwas sehr überzeugt ist. Unlogisch ist es trotzdem.

 

Jeder andere Mann hätte das so gemacht!“

Das wirft mir die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, manchmal vor. Immer wieder frage ich sie dann, wie sie es in so kurzer Zeit geschafft hat, die Milliarden Männer, die es gibt, zu diesem Thema zu befragen. Davon will sie aber meistens nichts wissen. Dass sie mit dieser Aussage die Realität verlässt, davon will sie noch weniger wissen.

 

„Ich will ja nichts sagen, aber …“

Das pflegte eine Kollegin von mir zu sagen. Ja – dann sag‘ auch nichts. Wenn du nichts sagen willst, ist die einzige logische Konsequenz, wenn du auch tatsächlich nichts sagst. Alles andere ist unlogisch und daher nicht real.

 

„Drück‘ mir die Daumen, dass es heute regnet“,

Das sagte mir die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, heute. Sie meinte das völlig ernst. Sie sagt sowas häufiger. Nach allem, was Wissenschaftler heute wissen, gibt es aber keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen meiner Daumendrückerei und meteorologischen Ereignissen.

 

Das sind nur ein paar wenige Beispiele aus dem reichhaltigen Fundus meiner Beobachtungen. Ich könnte Seiten mit sowas füllen. Die NTs sind da schier unerschöpflich. Aber ich will hier keinen vollständigen Katalog dieser frappierenden Verstöße gegen die Logik erstellen, sondern nur zeigen, wie völlig selbstverständlich es für einen NT ist, die Realität zu verlassen.

 

Kommen wir zu Beispielen der Realitätsverweigerung, die bei NTs ebenso alltäglich sind, aber für Kinder nicht so leicht zu durchschauen sind.

 

„Dann musst du aber auf Fleisch ganz und gar verzichten!“

Das habe ich allen Ernstes gehört, als ich mal sagte, dass ich eine bestimmte Sorte Fleisch nicht mehr kaufen will, weil ich das mit meinem Gewissen gegenüber den Tieren nicht vereinbaren könne. Derlei „Argumentation“ höre ich von NTs sehr häufig. Viele von ihnen halten das für völlig normal. Aber es ist Realitätsverweigerung. Diese eigenartige Sicht der Dinge kumuliert in dem Sprichwort:

„Wer A sagt, der muss auch B sagen.“

Dieser Satz ist dann logisch richtig, wenn sich ein logisch zwingender Zusammenhang zwischen der Aussage A und der Aussage B herstellen lässt. Sonst ist er logisch falsch.

Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, um die Umwelt zu entlasten, darf trotzdem mit dem Auto in den Urlaub fahren.

 

„Ich bin auch erkältet, und ich komme trotzdem zur Arbeit!“

Dieses „Argumentationsmuster“ erlebe ich bei NTs sehr häufig. Es lässt sich so zusammenfassen: Was für mich gilt, das gilt auch für alle anderen. Dabei ist das völlig unlogisch.

 

„Wenn das alle machen würden, dann hätte der Wald bald keine Blätter mehr!“

Das habe ich immer wieder gehört, wenn Eltern mit ihren kleinen Kindern zum ersten Mal im Wald waren. Für die Kleinen war das alles neu, und natürlich rupften sie irgendwann ein Blatt von einem Baum, um sich das mal näher anzuschauen. Dass die Eltern sich mit dieser Aussage krass der Realität verweigern, kann das kleine Kind nicht wissen. Dazu hat es noch nicht die notwendige Reife und Erfahrung.

Noch niemals, seit es Menschen gibt, haben alle Menschen das gleiche gemacht. Dennoch wird dieses hirnrissige Argument von NTs sehr häufig benutzt: „Wenn das alle machen würden …“ Das ist genauso logisch wie „Wenn es jetzt Nilpferde regnen würde …“

 

„Das musst du mir jetzt mal erklären!“

Muss ich? Aus welchem Grund „muss“ ich? Auch hier wird die Realität meistens subtil (aber ganz alltäglich) verlassen. Natürlich gibt es denkbare Situationen, in denen das Wort „muss“ in so einem Satz logisch richtig ist. Aber in der Regel wird hier ein Zwang konstruiert, der nur in der Vorstellungswelt des Sprechenden existiert.

 

„Du machst mich glücklich!“

Immer wieder gerne genommen von NTs, die verliebt sind. Dabei ist das völlig unlogisch. Niemand kann irgendwen glücklich „machen“. Manchmal halte ich vor Studierenden Vorträge zu diesem Thema. Dann bitte ich sie eindringlich, auf sowas in ihrer Beziehung zu achten. Denn wenn es tatsächlich Realität wäre, dass die Person A die Person B glücklich machen kann, dann würde das bedeuten, dass die Person A sich potenziell sittenwidrig verhält, wenn die Person B sich unglücklich fühlt. Und auf diese Weise habe ich schon viele Beziehungen zwischen NTs scheitern sehen:

Aus „Du machst mich glücklich!“ wurde irgendwann ein „Wegen dir bin ich unglücklich!“.

Gemeinsame Realitätsverweigerung zum Fundament einer Beziehung zu machen, ist sicher keine gute Idee.

 

„Wie schon Nietzsche sagte …“

Manche NTs zitieren gerne berühmte Menschen. Damit wollen sie meistens die Gültigkeit der eigenen Argumentation untermauern. Aber entweder ist ein Satz logisch richtig. Dann ist es völlig egal, wer ihn gesagt hat. Oder der Satz ist logisch nicht richtig. Dann kann er auch von Albert Einstein sein, er wird dadurch nicht richtiger. 

So zu tun, als ob ein Satz richtiger würde, nur weil er von einer bekannten Persönlichkeit kommt, heißt also, die Realität nicht zu akzeptieren.

 

„Aber das machen doch alle so!“

Das ist eine Variante der vorherigen Technik:

Manche NTs bemühen gerne die große Anzahl der Menschen, die einen Satz für richtig halten, um seine Gültigkeit zu untermauern. Meine Standardantwort dazu ist:

„Fresst mehr Mist! Milliarden Fliegen können nicht irren!“

 

„Ich habe das Vertrauen in diesen Menschen verloren.“

Auch das ist subtile und völlig alltägliche Wirklichkeitsverweigerung. Einen Hausschlüssel verliert man, oder einen Kochlöffel. Aber Vertrauen „verliert“ man nicht. Man gibt es auf. Man entzieht es jemandem. „Verlieren“ ist etwas passives. Wenn wir irgendwem unser Vertrauen entziehen, gehen wir dabei aktiv vor.

 

„Das ist nicht zu verstehen!“

Eine rhetorische Floskel, die eigenes intellektuelles oder emotionales Unvermögen anzeigt. Aber mit der Verallgemeinerung, dass das generell nicht zu verstehen ist – von niemandem und auch in der Zukunft nicht, wird die Realität verlassen.

 

„Das werde ich nie vergessen!“

Auch dies ist eher eine rhetorische Floskel. Aber ich habe in Gesprächen immer wieder den Eindruck gewonnen, dass die NTs tatsächlich glauben, dass das real ist. Als könnten sie ihr Gedächtnis bewusst beherrschen und als würden sie sicher niemals an Alzheimer erkranken.

 

„Ich habe dir doch zu diesem doch Thema eine Email geschickt!“

„Nein, du hast mir dazu keine Email geschickt!“

Diese Form der Unlogik treffe ich bei NTs relativ häufig: Aus einer Wirkung wird auf die Ursache geschlossen. Der Empfänger sieht, dass er keine Email bekommen hat. Daraus schließt er, dass der Sender keine abgeschickt hat. Wenn wir so schließen, verlassen wir die Logik und damit die Wirklichkeit.

 

„Früher hatten die Leute auch kein Handy und sind trotzdem klar gekommen.“

Ich glaube, hier erübrigt sich eine Erklärung. Die Wirklichkeitsverweigerung ist offensichtlich. Zu meinen Spezialinteressen gehört Geschichte. Ich lese wirklich viel zu diesem Thema. (Und damit meine ich keine „historischen“ Romane!) Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher felsenfesten Überzeugung Geschichtslaien verkünden, wie die Welt früher war und welche abenteuerlichen Schlüsse für die Gegenwart sie daraus ableiten. Da scheint buchstäblich jede Form der Gedankenakrobatik möglich zu sein.

 

„Mein Opa hat geraucht, bis er 95 war. So schädlich kann das Rauchen also gar nicht sein!“

Das ist genauso logisch wie:

„Vorhin habe ich eine tote Fliege gefunden. Das bedeutet, dass jetzt (so ziemlich) alle Fliegen auf der Welt tot sind.“

Gerne schließen NTs aus einer Einzelbetrachtung auf die Allgemeinheit. Das hat seinen Ursprung anscheinend oft im magischen Denken. So zu schließen ist in den allermeisten Fällen unlogisch.

 

„Du kannst entweder dafür oder dagegen sein!“

Hier wird so getan, als ließe die Wirklichkeit nur noch zwei Wahlmöglichkeiten zu. Das ist eine sehr beliebte Manipulationstechnik unter NTs. In aller Regel bietet uns die Realität deutlich mehr als nur zwei Wahlmöglichkeiten. Wenn wir das leugnen, haben wir vermutlich die Realität verlassen.

 

„Gott will es so!“

Ach, du liebe Güte! Und du bist der, der das weiß?! Klasse! Was soll ich dazu noch sagen?

(Mir fällt immer wieder auf, dass die meisten Menschen, die an einen Gott glauben, an einen Gott zu glauben scheinen, der exakt so engstirnig ist wie sie selber. Aber vielleicht ist das bloß ein Zufall).

 

„Wenn die Natur das nicht wollte, dann hätte sie keine Bazillen geschaffen.“

Eine beliebte Form der Wirklichkeitsverweigerung ist es, wie in der Zeit des magischen Denkens allen Dingen einen Willen und eine Absicht zu unterstellen: Die Sonne lockt ins Freibad. Die Straße verführt zum schnellen Fahren. Der Regen verdirbt die gute Laune. Das Universum hat ein Ziel und eine Absicht.

Diese Art zu denken ist magisch und hat mit der reifen, erwachsenen Form des Denkens sehr wenig zu tun. Die Dinge sind einfach nur da. Ohne Sinn, Ziel und Absicht. Sich damit abzufinden, fällt vielen NTs schwer. Sie verweigern sich lieber der Realität.

 

„Das glaube ich jetzt nicht!“

 

Diese Form der Wirklichkeitsverweigerung ist nun nicht ganz so subtil. Aber sie ist sehr alltäglich und gilt bei den meisten NTs als akzeptierte Form der „Argumentation“:

Irgendein Wissenschaftler oder Experte referiert die Ergebnisse seiner langjährigen Arbeit. Und als Gegen“argument“ kommt: „Das glaube ich nicht!“

Ich habe bei vielen NTs den Eindruck, dass sie dauerhaft derart im magischen Denken verhaftet sind, dass sie tatsächlich davon ausgehen, dass die Realität verschwindet, wenn sie nicht an sie „glauben“.

 

 

Ich will es bei diesen Beispielen mal belassen.

Wenn ich mehr Zeit investieren würde, würde ich noch zahlreiche weitere finden. Mir ging es aber nicht darum, einen vollständigen Katalog der möglichen Formen der verbalen Wirklichkeitsverweigerung von NTs zusammenzustellen. Ich wollte nur Hinweise geben, in welch vielfältiger und generalisierter Form Menschen, die am Neurotypischen Syndrom leiden, sich der Wirklichkeit verweigern.

 

Sigmund Freud soll mal gesagt haben, dass er nicht verstehe, wie aus den vielen, vielen schlauen Kindern so viele dumme Erwachsene werden könnten.

Nun, der Mechanismus ist sehr einfach und sehr alltäglich. Wer sich aufmerksam und wach anschaut, wie Erwachsene mit Kindern umgehen, der wird feststellen, dass diese „erwachsene“ Form der Wirklichkeitsverweigerung von Generation zu Generation weitergegeben wird. Diese Form der „Erziehung“ ist deshalb so heimtückisch, weil ein Kind sie zu einem Zeitpunkt übergestülpt und vorgelebt bekommt, in dem es noch nicht erkennen kann, wie unlogisch und unreal dieser ganze Quatsch ist.

 

Natürlich sind auch wir AS alle mehr oder minder vom Neurotypischen Syndrom betroffen. Es gibt nicht die Menschen, die dieses Syndrom haben und die anderen, die das nicht haben – es ist ein Kontinuum. Der eine hat’s mehr, der andere weniger. Wir alle wachsen als kleine Kinder in einer Welt heran, die von NTs und deren vielfältigen Formen ihrer Wirklichkeitsverweigerung geprägt ist. NTs haben es in aller Regel nicht so sehr mit der Logik. Die in der Kindheit gelernte Wirklichkeitsverweigerung abzuschütteln ist eine lebenslange Aufgabe. Nach meiner Erfahrung, ist es eine sehr lohnende Tätigkeit.

 

Die eine Seite ist: Siege über die Logik sind immer Scheinsiege. Die Wirklichkeit holt jeden ein.

Die andere Seite ist: Realitätsverweigerung ist kein Schicksal. Da kann man was dran machen. Jeder, der halbwegs bei Verstand ist, kann sich auf den Weg machen, die Realitätsverweigerung Stück für Stück aufzugeben. Wie ich oben schon schrieb: Nach meiner Erfahrung ist das eine sehr lohnende Tätigkeit.

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Kommentare: 2
  • #1

    Jana N. (Samstag, 05 August 2017 21:06)

    Diesen Beitrag finde ich recht flach, oder sagen wir, sich an Kleinigkeiten hoch ziehend. Viele der Beispiele sind einfach sprachhistorisch gewachsene Redewendungen. Im deutschen heißt es nun mal "das Vertrauen verlieren", auch wenn das wortwörtlich nicht ganz stimmt. Wenn man "die Wände hoch geht" oder ähnliches, ist das auch nur ein sprachliches Stilmittel zur Veranschaulichung oder eine stilistische Übertreibung. Ich finde es sehr kleinlich, alle diese gewachsenen sprachlichen Mittel auf die Goldwaage zu legen und zu folgern, alle "NTs" hätten den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Umgedreht könnte ich nun schlussfolgern, dass alle AS (oder zumindest der hiesige Autor) den emotionalen, stilistischen - oder wie immer man es nennen mag - Bezug zu ihrer Muttersprache verloren haben.
    Und das Beispiel "Früher hatten die Leute auch kein Handy und sind trotzdem klar gekommen." finde ich auch unpassend. Gab es denn vor 200 Jahren Handys? Nein. Also erster Teil der Aussage korrekt. Ist man klargekommen - mit Terminen, Kommunikation etc? Ja. Allerdings muss man hier unterscheiden zwischen damaligen und heutigen Ansprüchen und der Lebensweise. Hatten sie damals wie heute gelebt, wäre es vermutlich auch nicht ohne Handy gegangen. Trotzdem kann ich den Nutzern dieser Aussage nachfühlen, denn mit der übermäßigen Nutzung des Handys gehen Fähigkeiten zur Kommunikation und Organisation verloren, die man ohne Handy früher nutzte.
    Und "Gott will es"ist auch als Beispiel total daneben. Leute, die diesen Satz mit Vorliebe sagen, würde ich nicht als typischen Normalbürger (für die in diesem Blog offenbar schon synonym "NT" genutzt wird) bezeichnen, sondern als religiösen Fanatiker (in den meisten Fällen).
    Die anderen Beiträge fand ich interessant und nachfühlbar, aber hier hörte mein Verständnis auf. Ich fühle mich quasi diskriminiert, wenn ich landestypische, sprachlich gewachsene Sprichworte und Redewendungen benutze. Wenn ich Sprache als rein logisches Instrument benutzen soll, fühle ich mich roboterhafter, als Sie es den NTs unterstellen, zu sein und zu handeln!

  • #2

    Stiller (Freitag, 11 August 2017 19:45)

    Vielen Dank für diese vielen Hinweise. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich möglicherweise missverständlich oder nicht verständlich genug ausgedrückt habe.

    Ich will das an einigen Beispielen erläutern:

    "Ich finde es sehr kleinlich, alle diese gewachsenen sprachlichen Mittel auf die Goldwaage zu legen (...)"
    Ich stelle hier nur meine Sicht der Dinge dar. In meiner Welt hat jeder das Recht so unbewusst oder "schlafend" durch das Leben zu gehen, wie er oder sie das für richtig hält. "Aufwachen" bzw. bewusst leben bedeutet für mich, die Dinge "auf die Goldwaage zu legen." Jeder Moment ist wichtig und bedeutsam. Jedes Wort ist wichtig und bedeutsam. Aber ich zwinge niemanden dazu, diese Sichtweise zu übernehmen. Meine Texte sind immer nur eine Einladung. Jeder darf sie ausschlagen.

    "(...) und zu folgern, alle "NTs" hätten den Bezug zur Wirklichkeit verloren."
    Wer den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat, kann ich nicht sagen, da mir dazu keine Daten vorliegen. Ich kann aus meiner Erfahrung mit Sicherheit sagen, dass alle Menschen, die ich kenne, in unterschiedlich starkem Maße dazu neigen, aus der Wirklichkeit zu fliehen. Ich halte den Unterschied von "aus der Wirklichkeit fliehen" und "den Bezug zur Wirklichkeit verloren haben" für immens. Er ist mindestens so groß wie der zwischen den Begriffen "Neurotiker" und "Psychotiker". Ein Bonmot sagt: "Der Neurotiker sagt: "Ich wünschte, ich wäre Napoleon." Der Psychotiker sagt: "Ich bin Napoleon."" Ein anderes Bonmot sagt: "Der Neurotiker baut Luftschlösser, der Psychotiker wohnt darin (...)."

    "Umgedreht könnte ich nun schlussfolgern, dass alle AS (oder zumindest der hiesige Autor) den emotionalen, stilistischen - oder wie immer man es nennen mag - Bezug zu ihrer Muttersprache verloren haben."
    Mir ist nicht klar, aus welcher logischen Herleitung sich dies schlussfolgern ließe. Aber sicher ist, dass die deutsche Sprache an vielen Stellen dazu einlädt, die Wirklichkeit zu verlassen. Beispiele dafür habe ich in meinem Text angeführt.

    "Und "Gott will es"ist auch als Beispiel total daneben. Leute, die diesen Satz mit Vorliebe sagen, würde ich nicht als typischen Normalbürger (für die in diesem Blog offenbar schon synonym "NT" genutzt wird) bezeichnen, sondern als religiösen Fanatiker (in den meisten Fällen)."
    Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich in meinem Text an keiner Stelle von einem "typischen Normalbürger" gesprochen. Diese Redewendung findet sich nicht in meinem aktiven Wortschatz. Mit NT bezeichne ich nicht den "typischen Normalbürger", sondern Menschen, die am Neurotypischen Syndrom leiden. Der Grund, aus dem dieses Beispiel "total daneben" ist, kann ich nicht sehen. Was ein "religiöser Fanatiker" ist, weiß ich nicht, da ich diesen Terminus nicht operationalisieren kann (= ich kann der Sprache keinen definierten Ausschnitt aus der Wirklichkeit zuordnen und umgekehrt). Aber vielleicht habe ich als ehemaliger Theologiestudent ganz andere Menschen (in ganz anderer Anzahl) kennengelernt als Menschen, die sich mit Theologie nicht von Berufs wegen beschäftigt haben.

    "Ich fühle mich quasi diskriminiert, wenn ich landestypische, sprachlich gewachsene Sprichworte und Redewendungen benutze."
    Ich denke, dass ich das nachfühlen kann. Aber ich kann mit diesem Vorwurf leben. Ich schreibe diese Texte nicht, um zu gefallen oder den Mainstream nachzubeten. Ich stelle meine Sicht der Dinge dar, so gut, wie ich das eben kann.
    Wenn die "landestypischen, sprachlich gewachsenen Sprichworte" Einladungen zum Verlassen der Realität darstellen, werde ich das in einem Text wie diesem thematisieren. Der Weg zur Realität kann sehr, sehr lang sein. Der achtsame Umgang mit der Sprache gehört mit Sicherheit unbedingt zu diesem Weg dazu.

    "Wenn ich Sprache als rein logisches Instrument benutzen soll, fühle ich mich roboterhafter, als Sie es den NTs unterstellen, zu sein und zu handeln!"
    Schon Sprachphilosophen wie Russel oder Wittgenstein ist es gelungen, den Nachweis zu führen, dass es eine rein logische Sprache mit Gebrauchswert nicht geben kann. Mein Ziel ist es nicht, zu einer rein logischen Sprache zu kommen, sondern die Sprache so zu benutzen, dass sie die Wirklichkeit, die da ist, auch abbildet. Dabei habe ich genauso zu lernen wie jeder andere, den ich kenne.

09. Juni 2017

Es stand in der Zeitung 02 – Der Ball fliegt.

The New York Times International Edition, Friday, May 26, 2017 pp 01 and 17

“What drives the anger of a jihadi?”

 

Diesmal sind es die “Gotteskrieger”. Die durchgeknallten Mörder, die unmenschliche Grausamkeiten begehen aus einem Antrieb heraus, den ich immer noch nicht ganz verstehe. Mörder die augenscheinlich töten, um Aufmerksamkeit zu erreichen und Angst und Schrecken zu verbreiten. Nach allem, was ich sehen kann, wollen sie mit diesen Taten aufzeigen, wie es in ihnen aussieht: Das, was sie im Außen produzieren, scheint ein Abbild ihrer Innenwelt zu sein.

 

„Gotteskrieger“ also.

Und so ziemlich jeder, der sich dazu berufen fühlt, scheint zu diesem Thema was schreiben zu dürfen. Also schließe ich mich an. Allerdings schreibe ich nicht für so eine renommierte Zeitung wie die New York Times. Ich schreibe nur für diesen Blog. Der hat keine große Reichweite. Da lastet nicht viel Verantwortung auf mir.

Jedoch würde ich mir sehr wünschen, dass die Autoren der New York Times und ihre Editoren sich ihrer Verantwortung bewusster wären und sie ernster nehmen würden. Denn die New York Times hat eine wirklich große Reichweite. Was sie schreibt, gilt als sehr gut recherchiert und wird weltweit ähnlich ernst genommen wie hierzulande das, was zum Beispiel Spiegel oder Süddeutsche veröffentlichen.

 

Unter der Überschrift „What drives the anger of a jihadi?“ analysiert der Autor die Situation nach dem Anschlag in Manchester. Er versucht sich an einer Skizze des Innenlebens eines Dschihadisten, der in westlichen Metropolen mordet.

Dabei gelingen ihm auch diese Sätze (Übersetzung weiter unten):

 

“It is a state of mind that finds its most vicious, barbaric form in Islamist terror. But it’s not only in Islamist terror that it finds expression.

Earlier this month, a 20-year-old Briton named Damon Smith was found guilty of planting a homemade bomb filled with ball bearings on a London Underground train. Police discovered in his flat shredded pages of an article from the Qaeda-linked magazine Inspire, “Make a Bomb in the Kitchen of Your Mom.” Yet there was nothing to connect Mr. Smith to any extremist network.

He did not think of himself as Muslim and had been inside a mosque only as a tourist in Turkey. He suffered from behavioral problems and reportedly had been given a diagnosis of Asperger’s syndrome. Bombs were “something to do when he was bored” a psychiatrist wrote in his evaluation of Mr. Smith.

Damon Smith was not a jihadist in any conventional sense of the word. But he inhabited this jihadi state of mind.”

 

“Es ist ein Geisteszustand, der seine bösartigste und barbarischste Ausprägung in der Form des islamistischen Terrors findet. Aber er findet seinen Ausdruck nicht nur im islamistischen Terror.

Anfang Mai wurde ein 20-jähriger Brite namens Damon Smith für schuldig befunden, eine selbstgebastelte Bombe, die mit Kugellagern gefüllt war, im Zug einer Londoner U-Bahn angebracht zu haben. Die Polizei fand in seiner Wohnung die geschredderten Seiten eines Artikels aus der Al Kaida nahestehenden Zeitschrift „Inspire“ mit der Überschrift „Wie du eine Bombe in der Küche deiner Mutter baust.“ Dennoch gab es nichts, was Smith mit irgendeiner Terrorgruppe verbunden hätte.

Er betrachtete sich selber nicht als Muslim und war nur mal als Tourist in der Türkei in einer Moschee gewesen. Er litt an Verhaltensstörungen und hatte Berichten zufolge die Diagnose Asperger Syndrom bekommen. Er bastelte Bomben, „weil es ihm etwas zu tun gab, wenn er sich langweilte“, wie ein Psychiater in einer Beurteilung über Smith schrieb.

Damon Smith war kein Dschihadist im Wortsinne. Aber er hatte den Geisteszustand eines Dschihadisten.“

 

Ich muss wahrscheinlich keinem meiner Leser erklären, was hier in die Köpfe der Leser gepflanzt werden soll. Aber der Deutlichkeit halber schreibe ich es trotzdem nochmal hin:

„Man nehme diese Zutaten:

a) einen jungen Mann

b) der an Verhaltensstörungen leidet und

c) das Asperger-Syndrom hat.

Und siehe da – sobald er sich langweilt, bastelt dieser Mensch Bomben in der Küche seiner Mutter, mit denen er Terroranschläge in U-Bahnen verübt.

Menschen mit Asperger-Syndrom ist in Sachen Unmenschlichkeit so ziemlich alles zuzutrauen. Zumindest latent tragen sie alle den Geisteszustand eines Dschihadisten in sich. (Liebe Leser passt bloß auf – sie sind nicht zu erkennen. Sie könnten überall sein).“

 

Dieser Damon Smith hatte „reportedly“ – angeblich, Berichten zufolge – das Asperger-Syndrom. Mehr braucht der Autor nicht, um diese Aussagen auf der Titelseite unterzubringen und einen Zusammenhang zum islamistischen Terror herzustellen.

Was seine Leser mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wissen:

a)  Menschen mit Asperger-Syndrom werden von den Wissenschaftlern, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, beinahe durchweg als gesetzestreuer eingeschätzt als Menschen ohne Asperger-Syndrom.

b)  Zwischen Asperger-Syndrom und Gewalttätigkeit gibt es keinen Zusammenhang.

 

Es gibt auch keinen Zusammenhang zwischen Lieblingsfarbe und Gewalttätigkeit, Schuhgröße und Gewalttätigkeit oder Geburtsdatum und Gewalttätigkeit. Dennoch wird in solchen Artikeln in unschöner Regelmäßigkeit nur vom Asperger-Syndrom berichtet. Und soweit ich mich erinnern kann, war es bislang immer „reportedly“ – angeblich – von irgendwem beim Täter diagnostiziert worden. Ich habe es bislang noch nicht erlebt, dass der Autor sich die Mühe machte, mal nachzuforschen, ob dieses „reportedly“ auch tatsächlich den Tatsachen entsprach und falls ja – dass er sich die Mühe machte, herauszuarbeiten, was denn an dieser Diagnose tatsächlich dran war.

 

Es muss sehr schön für den Autor (und seine Leser) sein, zu den Guten zu gehören und sich angesichts des Bösen nicht mit sich selbst auseinander setzen zu müssen. Denn schließlich haben sie ja nicht das Asperger-Syndrom. Sie sind die Guten. Die anderen – das sind die Dschihadisten und die Menschen mit Asperger-Syndrom. Das sind die Bösen. Und zum Glück für Autor und Leserschaft ist dieses Fremde so abwegig anders, dass sie dieses Böse garantiert nicht in sich selber finden werden. (Wozu dann also in sich schauen? Wozu sich fragen, was einen mit einem Dschihadisten verbindet? Oder genauer: Was eigentlich passieren müsste, damit man selber zum Dchihadisten mutiert?).

Die Welt ist also – wieder einmal - gerettet und sortiert. Der Leser kann aufatmen. Er hat es schwarz auf weiß, dass er zu den Guten gehört. Und zwischen ihm und dem Bösen ist ein Graben, der so tief und so breit ist, dass er nie zu den Bösen gehören wird. Na, Gott sei Dank.

 

Und was ist mit uns, den Autisten?

 

Meine Tochter ist 16 Jahre alt. Als sie 15 Jahre alt war, wurde bei ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Sie hat mich gefragt, ob sie sich damit outen solle. Ich habe ihr davon abgeraten. In der jüngeren Vergangenheit habe ich es immer wieder erlebt, dass Publikationen wie „Spiegel online“ oder eben die New York Times Amokläufe mit dem Asperger-Syndrom in Zusammenhang brachten, obwohl das völlig aus der Luft gegriffen war. Als ich in dieser Zeit in den (a)sozialen Medien Nachforschungen anstellte, las ich recht häufig, dass Menschen mit Asperger-Syndrom „alle weggesperrt“, „präventiv registriert“, „irgendwie kenntlich gemacht“ oder zumindest „geheilt“ werden sollten. Denn wir würden ja Amokläufe begehen.

In den (a)sozialen Medien findet jeder Mist (a) Verbreitung, (b) gläubige Anhänger und (c) Leute, die wild entschlossen sind „endlich mal was zu unternehmen“.

 

Ich habe in dieser Zeit verschiedene Anläufe unternommen, um auf die Zeitungsschreiber einzuwirken. Das ist alles im Nichts verpufft. Von der New York Times bekam ich auf mein Schreiben eine aus Satzbausteinen zusammengesetzte Antwort, in der mir dafür gedankt wurde, dass ich meine Meinung mitgeteilt hatte. Immerhin.

 

Erst waren wir Asperger-Autisten allesamt verkappte Amokläufer. Nun haben wir also den Geisteszustand von Dschihadisten. Vielleicht nicht alle von uns, aber bei so etwas Geheimnisvollem wie dem Asperger-Syndrom kann man ja nie wissen! Auf jeden Fall sind wir eine Gefahr für die Menschheit. Wir sind eine permanente Bedrohung für jeden, der uns über den Weg läuft. Wie geht das jetzt weiter? Was ist die nächste Steigerung?

 

Es graust mir vor der Vorstellung, dass irgendwann in den Fake-News die Botschaft verbreitet wird, dass die Asperger-Autisten Ursprung einer Kette ganz besonders grausamer Attentate sind. Dann werden sie vielleicht nicht wie früher mit Fackeln und Mistgabeln Jagd auf uns machen, aber sie werden uns jagen.

 

Bislang ist es meines Wissens noch nicht so weit gekommen. Vielleicht kommt es auch niemals so weit. Ich weiß es nicht. Aber Artikel in den „seriösen“ Medien haben den Boden auf jeden Fall schon mal bereitet. Und die Wissenschaftler, die heute noch in hellen Scharen davon sprechen, dass das Asperger-Syndrom eine „Störung“ sei bzw. eine „tiefgreifende Entwicklungsstörung“, die helfen kräftig mit, diesen Boden zu bereiten. (Auch denen rede ich ins Gewissen so oft ich nur kann).

 

Wenn es so weit kommen sollte, dass wir gejagt werden, werden diese Journalisten und Wissenschaftler natürlich alle fürchterlich erschrocken und betroffen sein: „Das haben wir nicht gewollt!“ „Das haben wir so nie gesagt!“ „Wie konnte es nur dazu kommen?!“ Sie werden jede Mitschuld weit von sich weisen, denn sie gehören ja zu den Guten. Aber der Boden ist von ihnen bereitet, und er wird von ihnen immer weiter bereitet. Und was dann auf diesem Boden wächst, wenn der irrlichternde Mob sich seiner annimmt, das können sie dann kaum noch beeinflussen.

 

Das ist wie beim Fußball: Die Flanke ist hoch in den Strafraum gekommen. Der, der die Flanke schlug, kann den Flug des Balles jetzt nicht mehr beeinflussen. Nun fehlt nur noch der Stürmer, der den Ball reinmacht. Irgendein zweiter Julius Streicher zum Beispiel.

 

Ich bleibe dabei, dass ich Menschen mit Asperger-Syndrom rate, sich genau zu überlegen, wem gegenüber sie sich outen. Der Ball fliegt.

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Kommentare: 2
  • #1

    K (Sonntag, 11 Juni 2017 10:16)

    Ich "oute" mich meist nach einer Phase des Kennenlernens. Zuweilen aus einer Notwendigkeit unterschiedliche Kommunikationsmuster zu erklären und eine Zusammenarbeit (gefühlt) zu erleichtern. Dies kann nach hinten losgehen, denn bei aufkommenden Konflikten ist es natürlich der Autist, der mal wieder was nicht kapiert hat. Oder der behütet werden muss; dem trotz überragender kognitiver Leistungen ungefragt jedweder Sachverhalt erläutert werden muss.
    Im Großen und Ganzen habe ich aber verhältnismäßig wenige negative Erfahrungen gemacht, wenn ich auf meine Diagnose zu sprechen kam, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits respektiert wurde und meine Leistungen geschätzt wurden.
    Ich gehe mit dir konform, dass derartige Artikel ein negatives Bild von autistischen Menschen zeichnen. Und es gibt sie massenweise.
    So bin ich nicht, so möchte ich nicht gesehen werden.
    Ich bin aber auch kein liebenswert vertrottelter Sheldon Cooper, der bemuttert und belächelt werden muss.
    Wir werden die NTs nicht von ihren Klischees wegbringen können, egal wie wir uns um Aufklärung bemühen.
    Sie machen sich die Welt, wie sie sie am leichtesten erklären können.
    Allerdings bin ich nicht sicher, ob dies den NTs vorbehalten oder vielmehr ein rein menschliches Verhalten ist.

  • #2

    Stiller (Dienstag, 27 Juni 2017 18:14)

    Ich fürchte mich nicht vor den NTs, die mich kennen, und die wissen, dass ich Autist bin.
    Ich fürchte mich vor den NTs, die mich nicht kennen, und die durch irgendeinen blöden Zufall rauskriegen, dass ich Autist bin.

25. Mai 2017

Die Intellektuellen – Aha. Soso.

Vorbemerkung

Nach allem, was ich heute weiß, haben meine beiden Großväter aus politischen Gründen im KZ gesessen. Der eine war wohl ein notorischer Querulant und Nörgler. Der andere war ein „in der Wolle gefärbter“ Liberaler. Sie haben beide für das, was wir heute als politische Freiheiten erleben, gekämpft und dabei sehr viel riskiert. Ich habe größten Respekt vor ihrem Einsatz. Beide sind sie dann in Strafbataillonen gelandet. Gegen die damals herrschenden Faschisten öffentlich aufzustehen war eine ganz andere Form der Zivilcourage, als heute einen empörten Leserbrief zu schreiben oder sich irgendeiner Facebookgruppe anzuschließen.

 

Seit vielen Jahren schon nehme ich wahr, dass sich in den westlichen Kulturen der Wind dreht. Ich erlebe es so, dass die, denen die Demokratie egal ist oder die sie durch etwas anderes, Autokratischeres ersetzen wollen, immer stärker werden. Sie beherrschen immer mehr die öffentliche Diskussion und gewinnen immer mehr Wählerstimmen. Was passiert hier eigentlich? Jetzt ist sogar der autokratische König der Dummheit Präsident der USA geworden. Ich verfolge diese Entwicklung mit zunehmender Sorge.

 

Doch trotz jahrelanger Forschung bin ich immer noch damit beschäftigt, zu verstehen, was vorgeht. Alle Erkläransätze, die ich lese, greifen deutlich zu kurz oder sind logisch widersprüchlich. Ich freue mich, wenn Menschen die „Politik“ von Donald Trump bekämpfen. Doch Donald Trump ist nur ein Symptom der Entwicklung weg von der Demokratie. Er ist nicht das Problem. Aber was genau ist das Problem? Oder präziser gefragt: Was sind die Ursachen dieser Entwicklung? Wenn ich das verstehe, weiß ich, wo ich sinnvoll und nachhaltig eingreifen kann. Im Gegensatz zu meinen Großvätern eigne ich mich überhaupt nicht zum Helden. Aber ich fühle mich ihrem Erbe verpflichtet.

 

Bislang habe ich nur begriffen, dass diese Strömung, die weltweit so mächtig wird, von einem eigentümlichen, aggressiven Irrationalismus angetrieben wird. Das ist noch nicht viel aber immerhin ein Anfang.

Und in diesem Zusammenhang will ich was von „Den Intellektuellen“ schreiben.

Vorbemerkung Ende

 

 

Das ist ein Begriff, mit dem ich mich nun schon seit vielen Wochen intensiv beschäftige: „Die Intellektuellen“. Es ist völlig unmöglich, nicht über diesen Begriff zu stolpern, wenn man politische Lektüre liest: - Die Intellektuellen der USA haben dies gesagt. Erdogan bezeichnet die türkischen Intellektuellen als [hier ein beliebiges Schimpfwort einsetzen]. Die Intellektuellen Frankreichs haben gerade mal wieder …

Und so weiter.

 

Und nun? „Die Intellektuellen“ sind wer genau? Und was sagen sie so? Aus welchem Grund ist das, was sie sagen und schreiben so bedeutsam? Für wen ist das bedeutsam, für wen nicht?

Ich gestehe gerne, dass ich sehr vieles nicht verstehe.

 

Ich war sieben oder acht Jahre alt. Ich saß am Küchentisch und las in der Zeitung. Da stand wieder dieses Wort. Also fragte ich meine Mutter:

„Was ist ein Intellektueller?“

„Das sind die Leute, die alles mit dem Intellekt machen.“

„Mit dem Intellekt? Was ist das?“

„Mit dem Verstand. Die Intellektuellen argumentieren und entscheiden mit dem Verstand.“

 

Ich begriff überhaupt nichts mehr. Gab es denn eine andere Art, Entscheidungen zu treffen oder zu argumentieren? Ich erkannte, dass meine Mutter wie üblich keine Ahnung hatte. Also beschloss ich, lieber nicht weiter zu fragen und diese Frage auf den riesigen Haufen all der anderen Fragen zu legen, die mir auch niemand beantworten konnte. Irgendwann würde ich das schon rauskriegen.

 

Aber die Jahre vergingen und bis heute ist mir nicht klar, worum es eigentlich geht. Die Puzzlesteine lassen sich nicht zusammenfügen. In Wikipedia lese ich:

„Als Intellektueller wird ein Mensch bezeichnet, der wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat und in öffentlichen Auseinandersetzungen (…) Stellung bezieht.“

Aha. Soso.

Also gehört Helene Fischer zu den Intellektuellen, sobald sie sich zu Themen wie Tierschutz oder Syrienkonflikt äußert. Und wenn der Papst oder der Bischof von Fulda oder der Priester von nebenan sich zum Thema Leitzinssenkung äußert, dann war hier ein Intellektueller am Werk?

 

Als ich noch regelmäßig den Spiegel las, konnte ich da vielfach irgendeinem Superschwurbler bei der Arbeit zuschauen, der anscheinend auch zu den Intellektuellen zählte. Jedenfalls wurden diese Schreiber vom Spiegel als solche bezeichnet. Da fanden sich dann zur Thematik des aggressiven Irrationalismus Sätze wie diese:

„Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern vom ganzen Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger, die ihn vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt. Diese Durchdrungenheit bedarf nicht der abscheulichen und lächerlichen Maskerade einer hündischen Nachahmung, des Griffs in den Secondhandshop der Unheilsgeschichte.“

Aha. Soso.

Das Kraut, das dieser Intellektuelle (Botho Strauß) geraucht hat, das hätte ich auch gern. Das muss wirklich gut gewesen sein.

 

Aber „Argumentieren mit dem Verstand“ geht ganz sicher anders. Das hier ist tatsächlich nur dahergeschwurbelt.

 

Und in einer Erwiderung auf diesen Unsinn war zum Beispiel von einer anderen Intellektuellen (Gabriele Kämper) zu lesen:

„Ein Schlüsselbegriff wie Autorität entfaltet vielfältige Bilder patriarchaler Ordnung, die sich den Zumutungen von Aushandlungsprozessen und Ebenbürtigkeit in familiären, beruflichen und gesellschaftlichen Kontexten verweigert.“

Aha. Soso.

 

Das ist zwar nicht ganz so schlimm dahergeschwurbelt, aber dennoch grotesk:

Ein Schlüsselbegriff entfaltet hier also Bilder einer Ordnung. Aha. Immerhin besser als wenn er einen Stadtplan entfaltet.

Und diese Ordnung verweigert sich dann allen möglichen Zumutungen. Recht so – tapfere Ordnung!

Wie kann etwas, bei dem sich so offensichtlich nichts denken lässt, in den Druck gehen? Wofür gibt es eigentlich Lektoren?

(Der Verlag, in dem diese weisen Worte einer Intellektuellen erschienen sind, heißt tatsächlich „Klartext Verlag“!)

 

Derlei Unsinn finde ich so ziemlich überall, wenn ich lese, was ein „Intellektueller“ geschrieben hat.

Intellektuell zu sein scheint also (unter anderem) zu bedeuten, sich kompliziert und schwurbelig auszudrücken, um dadurch zu verbergen, dass man gerade nicht bei klarem Verstand ist.

Der Kaiser hat keine Kleider an!

 

Ich weiß also immer noch nicht, wer „Die Intellektuellen“ sind und was sie so treiben.

Aber Argumentieren mit dem Verstand geht ganz sicher anders.

Vielleicht ist das, was „Die Intellektuellen“ da die ganze Zeit von sich geben, ja nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Dafür spricht jedenfalls einiges.

 

Vielleicht mag ja ein ausgewiesener Intellektueller dazu Stellung beziehen und mir erklären, worum es geht.

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20. Mai 2017

Dafür fehlt mir jedes Verständnis

Wie schade.

 

Damit haben es die NTs, die meine Welt bevölkern, oft: Sie haben für irgendwas, was andere NTs tun, kein Verständnis. (Eigentlich erstaunlich, oder? Sollten es nicht die NTs sein, die für so ziemlich alles und jeden Verständnis haben, weil sie sich so gut in andere einfühlen können und im Gegensatz zu AS nicht in ihrer eigenen Welt leben?)

 

Sie haben also „kein Verständnis“ oder „absolut kein Verständnis“ oder irgendwas dergleichen. Und das haben sie oft. Jedenfalls die NTs, die ich beobachten kann. Nach meiner Erfahrung wollen sie damit zwei Dinge ausdrücken:

a) Sie verstehen die Beweggründe des anderen nicht.

b) Sie missbilligen das, was der andere getan hat oder tut.

 

 

Beginnen wir mit b).

Sie missbilligen also das, was der andere getan hat oder tut.

 

Die NTs, die meine Welt bevölkern, sind auffällig häufig damit beschäftigt, die Welt in „Gut“ und „Böse“ einzuteilen. Sie werten und bewerten einander ziemlich oft. Dabei ist es fast immer so, dass sie auf der Seite der „Guten“ stehen. Das zu missbilligende Verhalten wird also fast immer von anderen gezeigt.

Es muss ein schönes Gefühl sein, so oft zu den „Guten“ zu gehören. Ich stelle mir vor, dass das so ähnlich ist, wie wenn der eigene Lieblingsverein ein Spiel nach dem anderen gewinnt. Und nach allem, was ich sehen kann, bewerten die NTs einander aus exakt diesem Grund: Sie wollen sich gut fühlen.

Mit der Realität hat diese Einteilung in „Gut“ und „Böse“ natürlich meistens nichts zu tun. Ob irgendwas gut oder böse ist, hängt immer vom jeweiligen Bewertungsmaßstab ab. Ich befrage die NTs immer wieder zu dazu. Dabei stelle ich fast immer fest, dass dieser Maßstab schon nach zwei, drei Fragen regelrecht zu Staub zerfällt, weil die NTs nicht hinreichend über ihn nachgedacht haben.

 

„Gut“ und „Böse“ sind keine Kategorien, mit denen sich die Wirklichkeit beschreiben ließe. Ich erlebe es so, dass die NTs, die ihre Mitmenschen bewerten, sich selber viele Möglichkeiten nehmen. Sobald sie anfangen zu bewerten, verschleiert sich ihr Blick auf die Wirklichkeit, und sie driften in eine Scheinrealität ab. Sie unterhalten sich dann über „gut“ und „böse“ (und können sich darüber stundenlang fruchtlos ereifern) und heben ab in eine Wirklichkeit, die es außerhalb ihrer Köpfe gar nicht gibt. 

 

 

Machen wir weiter mit a)

Sie verstehen also die Beweggründe des anderen nicht.

 

Und darauf sind sie stolz. Sie sind stolz auf ihr Unverständnis. Es ist ihnen wichtig, dass sie nicht verstehen. Es ihnen wichtig, dass sie auch zukünftig nicht verstehen. Sie sagen in diesem Zusammenhang Sätze wie diese:

„Und wenn ich hundert Jahre alt werde – ich begreif‘s nicht. Wie kann man sowas nur tun?!

„Das kann man doch nicht verstehen, oder?!“

„Das ist einfach nicht zu begreifen!“

 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie meine Kollegen wieder mal intensiv den gerade

medienaktuellen Kindesmissbrauch diskutierten. Natürlich empörten und ereiferten sie sich, dass es nur so seine Art hatte. Sie gehörten zu den „Guten“. Selbstverständlich. Ich saß daneben, machte mein Zeug und hörte mir das an. Es ließ sich nicht vermeiden – ich hatte zu arbeiten und sie waren ziemlich laut. So ziemlich am Ende dieser erregten Diskussion nahm einer meiner Kollegen Kontakt mit mir auf:

„Das kann man doch nicht verstehen, oder?“

Ich schaute zu ihm hoch:

„Doch“, antwortete ich ruhig und bestimmt, „kann man.“

Seinem Blick entnahm ich, dass das die absolut falsche Antwort gewesen war.

 

Die NTs, die meine Welt bevölkern erheben also immer wieder das Unverständnis zu einer moralischen Kategorie: Etwas nicht zu verstehen ist gut. Es zu verstehen ist böse.

Und dennoch sind gerade diese NTs immer wieder eifrig bemüht, mir mitzuteilen, dass es sich bei ihnen um aufgeschlossene, weltoffene, mitfühlenden und mitdenkende Menschen handelt.

 

Ich bring’s mal für die NTs unter meinen Lesern auf den Punkt:

Wenn ihr euch moralisch ereifert und euch dabei weigert, für irgendein Verhalten Verständnis aufzubringen, dann sagt ihr damit aus:

„Unwissenheit ist gut. Wissen ist schlecht.“

 

„Unwissenheit ist Stärke“ heißt es an anderer Stelle dazu.

„Gegenaufklärung“ heißt diese Art, in der Welt zu sein: Durch das Ausschalten des klaren Denkens soll ein seliger Zustand erreicht werden, fernab der Realität. Diese Art, in der Welt zu sein, mündet nach meiner Erfahrung immer in den aggressiven Irrationalismus. Diese Form der realitätsfernen Seligkeit ist niemals friedlich, sondern immer zerstörerisch. 

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

 

Warum ist es nach meiner Meinung so wichtig, Verständnis für das Verhalten anderer aufzubringen?

Es sind vor allem drei Gründe:

1) Nur wenn wir das Verhalten verstehen können wir es in Zukunft verhindern.

2) Nur wenn wir das Verhalten verstehen, können wir in Kontakt mit uns selbst kommen.

3) Nur wenn wir das Verhalten verstehen, können wir real bleiben.

 

 

Beginnen wir mit 1)

Nur wenn wir das Verhalten verstehen können wir es in Zukunft verhindern.

 

Dazu müssen wir erforschen, was die Ursachen dieses Verhaltens waren. Jedes Verhalten ist erklär- und verstehbar. Wir müssen niemanden dämonisieren. Niemand verhält sich „böse“, weil er ein „böser Mensch“ ist. Und wenn wir die Ursachen dieses Verhaltens verstehen, können wir uns überlegen, wie wir diese Ursachen systematisch bekämpfen können.

 

Ich will das an einem Beispiel aufzeigen:

 

Vor ein paar Tagen schrieb mir ein aufgebrachter NT von einem Prozess, in dem es darum ging, dass autistische Kinder in einem Heim jahrelang schwer misshandelt worden waren. Dieser NT war empört und hatte „kein Verständnis“ und forderte (selbstverständlich), dass die Täter schwer bestraft würden.

„Ja“, schrieb ich ihm zurück. „Kann ich verstehen. Aber wäre es nicht vielleicht sinnvoller zu analysieren, wie dieses System aufgebaut ist, in dem so ein Verhalten überhaupt möglich ist? Denn sonst bestrafen wir die Täter und ersetzen sie durch andere Menschen, die sich über kurz oder lang ähnlich oder genauso verhalten werden.“

 

Die wissenschaftliche Psychologie hat dieses Faktum schon vor Jahrzehnten ziemlich überzeugend herausgearbeitet:

Menschen, die in ein System gebracht werden, in dem sie andere ungestraft misshandeln können, werden ziemlich sicher genau das tun. Mache einen Menschen zu einem KZ-Aufseher, und er wird sich sehr wahrscheinlich über kurz oder lang in einen KZ-Aufseher verwandeln und sich wie einer verhalten.

Da dieses Wissen (zumindest in der wissenschaftlichen Welt) allgemein bekannt ist, kann es in vergleichbarer Situation primär also nur darum gehen, dafür zu sorgen, dass Systeme, in denen ein Mensch den anderen ungestraft misshandeln kann, beseitigt werden und durch Systeme ersetzt werden, in denen das nicht möglich ist.

 

Analoges gilt für andere Systeme

·      Systeme, in denen sich jemand ungerechtfertigt bereichert

·      Systeme, in denen jemand andere ungerecht behandelt

·      Systeme, in denen sich jemand antisozial verhält

·      Und so weiter

 

 

Kommen wir zu 2)

Nur wenn wir das Verhalten verstehen, können wir in Kontakt mit uns selbst kommen.

 

Jeder, der ein Verbrechen begeht, erzählt damit eine Geschichte.

Wenn ein Kind Dinge erlebt, die so schrecklich sind, dass es sie nicht verarbeiten kann, beginnt es, Teile von sich abzuspalten. Diese Teile fangen dann an, sich unkontrolliert und eigenständig weiter zu entwickeln. Meist kommt dabei etwas ziemlich monströses raus.

Diese abgespaltenen Teile von uns lernen es meistens nie, sich auf eine reife Art und Weise zu artikulieren. Meistens erzählen diese Teile in einer verschlüsselten Sprache von ihrer Not.

 

Interessanterweise macht so ziemlich jeder Mensch auf diesem Planeten so ziemlich dieselben Erfahrungen als Kind. Für den einen Menschen sind diese Erfahrungen schwerwiegender, für den anderen sind sie weniger schwerwiegend. Aber wir spalten tendenziell alle dieselben Teile in uns ab.

Diese Teile irrlichtern eigenständig durch unser Leben, ohne dass wir das so recht merken oder begreifen. Sie artikulieren sich in der Regel durch realitätsfernes Verhalten. Diese Teile in uns neigen dazu, beständig auf eine Wirklichkeit zu reagieren, die schon längst vergangen ist. Wieder und wieder und immer wieder führen wir dieselben Dramen, Tragödien und Komödien auf. Dass wir in diesen Situationen nur Theater spielen und die Wirklichkeit verlassen, merken wir in aller Regel nicht.

 

Sehr viele Menschen fühlen sich sehr von monströsen Sex&Crime-Geschichen angezogen. Sie lesen diese Geschichten mit Grauen und Schaudern, können aber gar nicht genug davon bekommen. Die Zeitungen sind voll davon. Das Fernsehen ist voll davon. Zeitungen und Fernsehen sind nicht deshalb so voll davon, weil diese Geschichten so häufig vorkommen, sondern weil die Kunden sie so häufig lesen bzw. sehen wollen. Das liegt anscheinend daran, dass hier in einer verschlüsselten Sprache Teile unserer verborgenen Geschichte erzählt werden. Wir erkennen uns selber, ohne uns erkennen zu müssen. Wenn man so will, sind Sex&Crime-Geschichten für Erwachsene das, was für kleine Kinder die Märchen sind: In einer verschlüsselten Sprache wird ihre verborgene Geschichte erzählt. Kinder lieben und brauchen Märchen. Erwachsene lieben und brauchen Sex&Crime-Geschichten.

 

In diesen Geschichten fällt immer ein sehr grelles Licht auf die dunklen Seiten der menschlichen Seele. Wenn wir jetzt „absolut kein Verständnis“ für diese dunklen Seiten zeigen, verpassen wir eine wichtige Chance, mit diesen Teilen in uns in Kontakt zu kommen. Damit verpassen wir immer wieder wichtig Gelegenheiten, heiler und ganzer zu werden.

 

Immer dann, wenn wir für das Verhalten anderer „absolut kein Verständnis“ haben, stoßen wir diesen Teil in uns von uns weg und weigern uns, ihn liebend anzunehmen. Wir vertiefen unsere Spaltung und drängen die unglücklichen und verstoßenen Teile von uns mitleidslos weiter in die dunkle Tiefe. Und dann lesen wir begeistert von diesem Teil in der Zeitung (und geben uns entsetzt).

Wie schade.

 

 

Machen wir weiter mit 3)

Nur wenn wir das Verhalten verstehen, können wir real bleiben.

 

Jeder Mensch ist ein liebenswertes Wesen. Ausnahmslos jeder. Immer und überall. Jede Sicht, die dem widerspricht, scheint mir unlogisch und unreal zu sein. Wenn wir jedoch vom Verhalten eines Menschen sprechen – das ist etwas ganz anderes. Das Verhalten von Menschen kann zutiefst verabscheuungswürdig sein. Das Verhalten von Menschen kann zutiefst verurteilungswürdig sein. Und selbstverständlich kann es sinnvoll sein, Menschen dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen oder sogar zu töten, wenn es anders nicht möglich ist, andere vor den Auswirkungen ihres Verhaltens zu schützen.

 

Aber Menschen sind nicht böse. Niemals. Sie sind genauso wenig böse wie ein Stein böse ist oder eine Wolke oder ein Hund. Wenn sich Menschen „böse“ verhalten, lässt das keineswegs den Schluss zu, dass sie „böse“ sind. Das „Böse“, das in den uninformierten Medien so gerne als Ursache für menschliches Verhalten angeführt wird, ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Menschen noch magisch dachten. Es gibt in der Realität das „Böse“ nicht.

 

Immer, wenn wir davon ausgehen, dass ein Mensch böse ist, entfernen wir uns also von der Realität. Immer, wenn wir uns von der Realität entfernen, beschneiden wir uns Möglichkeiten, auf die Realität angemessen zu reagieren. Wir nehmen dann meist Zuflucht zu irgendwelchen einfach (und überzeugend) klingenden Scheinlösungen.

 

Vielleicht kann ich das mit einer Analogie verdeutlichen:

In der Zeit, in der im Allgemeinen noch nicht wissenschaftlich gedacht wurde, war ein Blitz etwas Böses. Er tötete Menschen und Tiere, zündete Scheunen, Wohnhäuser, ja ganze Städte an. Da niemand sich einen Reim auf dieses „Böse“ machen konnte, wurde immer wieder gerne nach „bösen“ Menschen gefahndet, die diese Blitze ausgelöst hatten. Und dann konnte es durchaus vorkommen, dass man irgendeine Frau folterte und als Hexe verbrannte, um diesem bösen Blitzunwesen endlich wirksam beizukommen.

Heute wissen wir, dass ein Blitz nichts „böses“ ist. Wir kennen seine Ursachen und seine Auswirkungen ziemlich genau. Und so haben wir überall auf der Welt wirksame Maßnahmen getroffen, um uns so gut wie möglich vor diesen Auswirkungen zu schützen. In ferner Zukunft werden die Menschen in der Lage sein, die Entstehung von Blitzen zu verhindern. Dann kann man auch an die Ursachen von Blitzen herangehen.

 

Verglichen mit den Ursachen von „bösem“ menschlichem Verhalten sind die Ursachen von Blitzen sehr simpel und überschaubar. Das gebe ich gerne zu. Dennoch gilt:

Genauso wenig wie die Ursachen eines Blitzes im „Bösen“ zu suchen sind, genauso wenig sind die Ursachen von „bösem“ Verhalten darin zu suchen, dass irgendwer „böse“ ist. Je besser wir die realen Ursachen von „bösem“ Verhalten verstehen, desto wirksamer können wir uns davor schützen bzw. seine Entstehung verhindern. Für dieses Verhalten „absolut kein Verständnis“ zu haben, bringt uns also wirklich nicht weiter. Im Gegenteil – es hält uns im magischen Denken fest.

 

„Jeder Mörder beruft sich auf seine schwere Kindheit“ ließ mich gestern ein NT ungefragt wissen. Damit wollte er vermutlich aussagen:

„Ich hatte auch eine schwere Kindheit. Bringe ich deshalb Leute um?“

Ich habe dazu nichts gesagt. Die Situation war für so einen Dialog nicht geeignet.

Aber in der üblichen Kurzform hatte der NT mir gegenüber wieder einmal seine Überzeugung kundgetan:

a)     Ich gehöre zu den „Guten“ (jedenfalls verglichen mit „denen“).

b)     Ich verstehe das Verhalten des anderen nicht.

c)     Der andere ist böse und ist zu verurteilen. (Und er soll sich ja nicht mit seiner schweren Kindheit herausreden).

Der Dialog zwischen uns wäre vermutlich fruchtlos gewesen und hätte sehr lange gedauert. In Kurzform hätte ich geantwortet:

a)     Wie schön für dich. Ich wünsche dir, dass du dich gut damit fühlst.

b)     Wie schade.

c)     Das Verhalten des anderen ist böse und zu verurteilen. (Vermutlich finden wir Ursachen dieses Verhaltens teilweise in der Kindheit dieser Person).

 

Nochmal zum Mitmeißeln: Menschen sind liebenswerte Wesen. Immer und überall. Auch und gerade dann, wenn wir ihr Verhalten nicht verstehen können. Auch und gerade dann, wenn ihr Verhalten zu verurteilen ist. Alles andere scheint weder logisch noch real zu sein.

 

 

Und zum Schluss - für die hartgesottenen Gutmenschen unter meinen Lesern:

Ich nehme an, dass das, was Sie hier gelesen haben, tiefsten Widerwillen in Ihnen auslöst, und dass sie für all das absolut kein Verständnis haben.

 

Seien Sie getrost: Ich kann das gut verstehen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Jana N. (Montag, 07 August 2017)

    Hm. Auch hier habe ich das drängende Gefühl, dass Worte auf die Goldwaage gelegt werden. "Verständnis für etwas haben" und "etwas verstehen" heißt in den genannten Zusammenhängen eben nicht übersetzt nur "etwas mit dem Verstand erfassen", sondern gleichzeitig auch etwas billigen oder zumindest wohlwollend betrachten. Das ist in der deutschen Sprache eben so gewachsen. Ich glaube, das die AS (oder zumindest der hiesige Autor) einfach grundlegend Probleme mit übertragenen Bedeutungen der Sprache hat und deshalb allen "NT" (was für ein Begriff...) Unsachverständnis, Irrationalität oder gar Dummheit vorwirft. Vielleicht sollte er sich fragen, weshalb 80% (geschätzt, bitte nicht auch noch auf die Goldwaage legen) der Menschen diese ausdrücke benutzen und sich gegenseitig offenbar bestens verstehen.
    Natürlich gebe ich gern zu, dass sich viele Leute ereifern ohne Ahnung und Stammtischparolen wenig Substanz haben. Aber bei diesem Blog geht es ja um die große Allgemeinheit, der ich das nicht ohne weiteres unterstellen möchte.

    Ach ja, "Empathie" zeigen heißt nicht zwingend, das Fehlverhalten anderer verstehen und ggf. sogar billigen, sondern v.a. Mitleid und Mitfühlen, was aber meist dem Opfer gilt (sofern es eins gibt). Es heißt ja auch "Mit-Leid" und nicht "Mit-Lust-am-Quälen" (oder ähnliches).

  • #2

    Stiller (Freitag, 11 August 2017 19:53)

    "Ich glaube, das die AS (oder zumindest der hiesige Autor) einfach grundlegend Probleme mit übertragenen Bedeutungen der Sprache hat (...)"
    Vielleicht ist das so.
    Ich habe es bislang immer so erlebt, dass "kein Verständnis haben" künstliche Grenzen schafft: Dort die Bösen (die anderen), hier die Guten (ich und alle anderen, die auch kein "Verständnis" haben).
    Diese Grenze ist künstlich und irreal. Nach meiner Erfahrung wird durch diese Grenzziehung enormes, unnötiges Leid verursacht bzw. perpetuiert. Das vor allem habe ich hier ausdrücken wollen.

22. April 2017

Das Neurotypische Syndrom 07 – Die Seelentankstelle

Es gibt zwei Aspekte des Neurotypischen Syndroms, die ich als derart gravierend erlebe, dass ich es für absolut ausgeschlossen halte, dass ich als Autist dauerhaft in der Welt der Neurotypischen (NTs) leben kann oder will. Es gibt für mich maximal ein friedliches Nebeneinander. Aber das, was als „Inklusion“ durch die Medien geht, halte ich für meine Person für völlig ausgeschlossen.

 

Das eine, was mich so sehr an den NTs stört, habe ich bereits in einem anderen Text in diesem Blog beschrieben: Sie machen laufend Geräusche bzw. man kann nie sicher sein, dass sie nicht gleich welche machen werden. Das habe ich unter der Überschrift „Sonic You“ beschrieben.

 

Es gibt da aber noch was anderes. Das ist oft wesentlich gravierender für mich als die Geräuschemission:

Neurotypische können mich nicht von ihresgleichen unterscheiden und halten mich daher für ihre Seelentankstelle.

 

Was eine Tankstelle ist, weiß jeder:

Da fährt man hin, tankt sein Auto voll, bezahlt und verschwindet wieder.

Was ist aber eine Seelentankstelle?

 

Nun, um das zu verstehen zu können, muss man sich vor Augen führen, was der Kern des Neurotypischen Syndroms ist:

NTs sind nicht (oder nur kaum) in der Lage, sich die lebensnotwendige emotional-soziale Zuwendung zu geben. Und sie sind nicht (oder nur kaum) in der Lage, diese Zuwendung, wenn sie sie einmal erhalten haben, zu speichern.

Das bedeutet, dass ein NT beinahe ständig auf der Suche nach emotional-sozialer Zuwendung ist. NTs sind beinahe permanent emotional und sozial bedürftig.

 

Da das bei allen NTs so ist, haben sie untereinander einen unausgesprochenen Vertrag:

Du tankst mich auf und ich tanke dich auf. Dieser Vertrag gilt weltweit und rund um die Uhr. Er gilt tatsächlich für jeden NT.

Je extravertierter ein NT ist, desto mehr ist er auf Betankung von außen angewiesen. Aber auch die introvertierten NTs verbringen einen guten Teil ihrer Zeit mit der gegenseitigen Betankung.

Wenn die NTs sich gegenseitig betanken, geben sie sich meistens gegenseitig negative Zuwendung. Aber negative Zuwendung ist deutlich besser als keine. (Wenn man keine Zuwendung bekommt, muss man sterben). Dieses Bedürfnis nach Zuwendung (Betankung) ist bei den NTs derart ausgeprägt, das sie buchstäblich ihr ganzes Leben um dieses Bedürfnis herum aufgebaut haben.  

 

Wenn also zwei NTs einander begegnen, werden sie zuerst und vor allem dafür sorgen, dass sie sich gegenseitig betanken. Alles, buchstäblich alles andere steht dahinter zurück. Beinahe jeder Kontakt zwischen NTs dient vor allem der gegenseitigen Betankung.

Da alle NTs untereinander diesen unausgesprochenen Vertrag haben, tun sie das ohne jede Umschweife, ohne zu fragen und ohne jede Rücksichtnahme.

Wenn ich bei Aral oder Esso vorfahre, um zu tanken, dann frage ich ja auch nicht höflich nach, ob ich denn da meinen Wagen betanken darf. Ich mach’s einfach. Und alles andere wäre auch nicht recht. Dafür sind Tankstellen ja schließlich da. Und später werde ich ja auch dafür bezahlen und dann sind wir wieder quitt.

 

Aber das ist etwas, was ich NTs nie werde klarmachen können:

Ich bin AS und nicht NT. (Nochmal zu Verdeutlichung: Ich bin AS. Ich sehe aus wie ihr, aber ich bin nicht wie ihr!)

Vor allem bin ich nicht eure Seelentankstelle. Ich bin nicht auf der Welt, um euch zu betanken. Und ich habe auch keinerlei Interesse daran, von euch betankt zu werden. Vielen Dank! Ich betanke mich selbst!

 

Wem das mit dem Bild der Seelentankstelle zu abstrakt und unkonkret ist, dem will ich an dieser Stelle Beispiele bringen. Beispiele, die jeder so oder so ähnlich kennt:

 

1

Du sitzt als AS alleine beim Essen in einer Betriebskantine. Hüte dich vor Blickkontakt mit den umgebenden NTs. Irgendwer wird versuchen, dich in ein Gespräch einzubinden. Dieses Gespräch wird von der Thematik her völlig belanglos sein („Schönes Wetter heute!“ oder „Ach, Sie auch hier?“ oder „Naaah – lange nicht geseh’n!“).

Dieses Gespräch dient einzig dem Zweck, einander zu betanken.

(Und wehe, du wagst es, die Wahrheit zu sagen:

„Lassen Sie mich bitte in Ruhe. Ich will alleine sein.“

Sowas – so höflich du das auch immer formulieren magst – ist der Gipfel der Unhöflichkeit für die meisten NTs. Der Gipfel).

 

2

Du willst von einem NT, der dir bekannt ist, eine Information haben. (Wie spät es ist, wann er mit seiner Arbeit fertig sein wird, wo der Hammer ist, wo die nächste Postfiliale ist etc.)

Er wird nicht auf deine Frage eingehen, sondern versuchen, dich in ein Gespräch einzubinden, das der gegenseitigen Betankung dient:

„Ah, gut dass du fragst …“

(Von NTs, die Tankbedarf haben, eine Information zu bekommen ist beinahe unmöglich. Die Betankung hat immer absoluten Vorrang).

 

3

Du wirst auf eine Feier eingeladen.

Wehe, du wagst es, die Wahrheit zu sagen und höflich aber bestimmt abzulehnen:

„Danke, Feiern sind wirklich nichts für mich.“

Riesentheater.

(Auch dieses Theater dient vor allem der gegenseitigen Betankung).

 

4

Du bist irgendwo und bist konzentriert mit dem beschäftigt, was du gerade machst. Irgendein NT kommt in den Raum. Rumms! (Wenn ein NT in den Raum kommt, ist das weit zu hören).

Und egal, was du machst, egal, wie konzentriert du bist, egal, wie wichtig das ist, was du gerade tust, egal, wie oft du gesagt hast, dass er dich bitte nicht ansprechen soll, wenn du mit irgendwas beschäftigt bist – er wird noch in der Tür stehend ein Gespräch mit dir anfangen:

„Weißt du, was mir gerade passiert ist?!““

Dieses Gespräch ist vom Inhalt her völlig belanglos und dient einzig der gegenseitigen Betankung.

(Und wehe, du wagst es, die Wahrheit zu sagen:

„Nein, ich weiß nicht, was dir gerade passiert ist, und es interessiert mich auch nicht. Sei jetzt bitte still oder rede mit jemand anderem.“

Sowas – so höflich du das auch immer formulieren magst – ist der Gipfel der Unhöflichkeit für die meisten NTs. Der Gipfel).

 

5

Ein NT bietet dir was zu essen an.

Jeder AS kennt diese Gespräche:

„Möchtest du noch Kuchen haben?“

„Nein danke, ich bin satt.“

„Wir haben auch noch Pflaumenkuchen auf dem Balkon.“

„Danke – nein!“

„Ich kann dir auch Kompott aus dem Keller holen, wenn du willst. Macht mir keine Mühe. Willst du Birnenkompott oder Apfelkompott?“

Und so weiter.

 

6

Ein NT bietet dir ungefragt an, dir einen Gefallen zu tun, von dem du aber absolut nichts hast.

 

7

Ein NT fragt dich, wie dein Tag war.

 

8

Ein NT lädt dich zu irgendwas ein.

 

9

Du stehst/sitzt irgendwo ganz alleine für dich und bist ganz zufrieden. Ein NT kommt vorbei und sieht, dass du gerade „frei“ bist. (D.h. es spricht gerade keiner mit dir).

 

10

Und so weiter.

 

 

Als AS muss ich den Dingen ins Auge sehen:

Sobald ich in Sichtweite von NTs gerate, besteht immer die Gefahr, dass sie mich völlig unvermittelt ansprechen und aggressiv Betankung einfordern. Oder dass sie mir genauso aggressiv, distanz- und rücksichtslos Betankung aufnötigen.

Jacke wie Hose. Beides löst intensiven Stress in mir aus. Es ist wirklich unerträglich für mich. Ich denke seit geraumer Zeit nach, aber mir fällt nichts ein, was mir mein Leben auch nur annähernd so schwer macht, wie dieses Verhalten der NTs. (Und sie sind so viele! Und sie sind praktisch überall!)

 

Die NTs können nicht anders. Je stärker sie am Neurotypischen Syndrom leiden, desto stärker ist bei ihnen diese Form der aggressiv-übergriffigen Distanzlosigkeit ausgeprägt. Sobald ich in Sichtweite eines NTs bin, gehe ich in den Alarmmodus. Ich weiß nicht, wann er es tun wird, aber er wird mich ansprechen und Zuwendung einfordern. Jetzt oder später. Wenn ich ihm nur genug Zeit lasse, wird er es tun. Und es scheint keinen Weg zu geben, wie ich mich davor zuverlässig schützen könnte. Keinen.

 

Inklusion heißt für mich also, den Alarmmodus zum Normalzustand werden zu lassen.

Daran kann ich nun wirklich kein Interesse haben. Und je intensiver die NTs von Inklusion reden, desto gefährlicher wird es für mich. Das zeigt die Erfahrung. Sie werden mich irgendwann in ein Betankungsgespräch einbinden. Sie können nicht anders. Irgendwann ist es soweit. Selbst wenn sie hunderte Male beteuert haben, dass sie genau das nicht tun werden. Und dann werde ich mir wieder einmal anhören:

„Oh, ich sollte dich ja nicht ansprechen, ich weiß. Aber das war jetzt doch nicht schlimm für dich, oder?“

Ganz ehrlich – was soll ich dazu sagen? Was soll ich einem NT dazu sagen?

Die Wahrheit etwa?

Ich werde mich hüten!

 

Nochmal für die, denen ich mich nicht habe verständlich machen können:

Es geht ja überhaupt nicht darum, dass ich nicht angesprochen werden will. Aber die NTs machen aus beinahe jedem Kontakt einen Betankungskontakt. Das ist es, was ich nicht will!

 

NTs sind fast immer sozial und emotional bedürftig. Und wenn sie’s gerade nicht sind, dann sind sich doch unbewusst darüber im Klaren, dass sie es sehr bald wieder sein werden. Deshalb schwingt bei ihnen in fast jeder Kommunikation mit:

·      „He! Nimm gefälligst wahr, dass es mich gibt!“

·      „Ich kann mich gerade nicht lieben. Kannst du das nicht für mich übernehmen?“

·      „Jemandem zu helfen gibt mir so ein gutes Gefühl – lass dir gefälligst helfen!““

·      „Ich fühle mich so einsam! Tu was dagegen!“

·      „Ich halte es mit mir nicht aus! Lenk mich von mir ab! Los! Mach schon!“

·      „Es ist so viel Hass in mir! Willst du nicht mithassen?“

·       „Ich brauch’ jetzt das Gefühl von Nähe und emotionaler Wärme! Unbedingt! Gib es mir!“

·      „Ich halte mich für unwichtig. Gib mir das Gefühl, wichtig zu sein!“

·      „Mir ist langweilig! Bespaß mich!“

·      „Wenn du mich schon nicht liebst, dann sollst du mich wenigstens hassen!“

·      „Entweder du widmest mir jetzt Zeit und Aufmerksamkeit oder ich fang‘ an, rumzunerven!“

·      Und so weiter

Das ist es, was ich nicht will.

 

Für NTs ist das ok, denn sie haben ja diesen ungeschriebenen Vertrag miteinander. Ich bin aber kein NT. Ich sehe nur aus wie einer. Ich bin aber AS. Ich erlebe diese Form der Kommunikation als Missbrauch. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung.

Ich lasse in Ruhe und will in Ruhe gelassen werden. Wenn ich kommuniziere, dann vor allem, um Informationen auszutauschen.

 

Wenn betankt werden soll, dann will ich das zu Beginn der Kommunikation klipp und klar geklärt haben. Und ich will, dass mindestens 50% der Kommunikation garantiert frei von Betankungsbedürfnissen bleiben.

 

Zwei Dinge zum Schluss

 

1

NTs, aber auch selbsternannte AS haben mir wegen dieser Einstellung schon mal „Menschenfeindlichkeit“ vorgeworfen. Ich habe versucht, diesen Menschen logisch darzulegen, dass die „Feindlichkeit“, von der sie sprechen, in ihnen ist und nicht in mir. Ich bin nicht durchgedrungen. Offenbar habe ich nicht die richtigen Worte gefunden.

Aber mal ganz im Ernst:

Nehmen wir an, ich mag Äpfel. Ich mag sie wirklich. Ich esse einen mit Genuss und dann bin ich satt. Und dann werden mir noch 10.000 weitere Äpfel angeboten. Ach was sage ich – angeboten – aufgenötigt werden sie mir. Aber ich habe keinen Hunger mehr. Irgendwann werde ich wieder Hunger haben, aber für den Moment bin ich satt. Deshalb lehne ich alle 10.000 Äpfel höflich aber bestimmt ab.

Macht mich das zu einem Apfelfeind?

 

2

Ja, auch ich brauche Betankung von außen. Immer wieder. Manchmal mehr als ich wahrhaben will. Manchmal öfter als ich wahrhaben will. Es gibt Bereiche in mir, in denen ich ziemlich bedürftig bin. Das ist nichts Schlimmes. Das darf sein. Aber für diese Betankung sorge ich schon selber. Ich spreche die Menschen, von denen ich sie mir wünsche, gezielt an. Die Personen, um die es geht, wissen dann ganz genau, worum es geht und was ich meine.

Ich halte diese Menschen in hohen Ehren.

Aber für alle anderen Menschen gilt:

 

Danke, ich bin satt. Und deine Seelentankstelle bin ich auch nicht.

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Kommentare: 2
  • #1

    NeoSilver (Sonntag, 23 April 2017 09:38)

    Das Thema hast du in ähnlicher Weise schon einmal aufgegriffen. Diese hier verwendete Analogie gefällt mir dabei sehr gut.

    Ich empfinde es als sehr gut, dass du auch erwähnst, dass Du, respektive Autisten, auch dieses Bedürfniss haben.
    Mitunter sind sie bei der Erfüllung ebenso rigoros wie ein NT. Denn die Fähigkeit zur Reflektion und zu aktiven Gedankengängen wie "Ich benötige jetzt Zuwendung, ich frage jetzt direkt nach." ist bei keinem Menschen, auch nicht bei Autisten, in der Grundausstattung vorhanden.

    Dies zu erkennen und umzusetzen ist schwierig, aber durchführbar. Die meisten Menschen sehen dazu nur keinen Grund.
    Wie du schon sagtest, es gibt genug von ihnen, die ähnlich agieren und somit ergänzen sie sich auf eine gewisse Art und Weise.

    Etwas, was ich oft genug aktiv erfahren habe ist die Kränkung der Nts, von der du in den ersten Beispielen schreibst.
    Dieser Mechanismus führt m.M.n. dazu, dass es kaum Menschen gibt, welche mutig genug sind direkt und wahrhaftig zu antworten.

    Alle wissen das diese Kränkung stattfindet und deshalb vermeiden sie die Wahrheit und ertragen das "absaugen" des Gegenüber eher, als es zu beenden.
    Oder sie starten ebenso einen "Tankversuch".

    Für mich macht es diese Welt nur komplizierter, als sie es sein müsste.
    Es fehlt an der Nachfrage, ob man bereit dazu ist, sich etwas anhören zu wollen und es fehlt an der Ehrlichkeit des Gegenüber nein zu sagen, wenn man selber direkt fragt, ob er sich etwas anhören möchte.



  • #2

    Stiller (Montag, 01 Mai 2017 11:28)

    Hallo NeoSilver,

    vielen Dank für deinen Kommentar.

    "Denn die Fähigkeit zur Reflektion und zu aktiven Gedankengängen wie "Ich benötige jetzt Zuwendung, ich frage jetzt direkt nach." ist bei keinem Menschen, auch nicht bei Autisten, in der Grundausstattung vorhanden."
    Wir alle kommen mit exakt dieser Fähigkeit auf die Welt. Sie gehört also fundamental zu unserer "Grundausstattung". Jeder Säugling fordert Zuwendung direkt und unmittelbar ein, sobald ihm danach ist. (Er denkt allerdings nicht darüber nach. Er reflektiert das nicht. Er tut es einfach. Es ist für ihn völlig natürlich).

    Natürlich ist eine solche säuglingshafte Unmittelbarkeit und Direktheit beim Einfordern von Zuwendung im Erwachsenenleben in den allermeisten Situationen weder wünschenswert noch durchführbar. Dennoch kann es im Erwachsenenleben lohnenswert sein, negative Zuwendung allmählich durch positive zu ersetzen. Wenn sich das eingespielt hat, wird das Leben nach meiner Erfahrung deutlich einfacher (= wesentlich weniger kompliziert).

    Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir uns als AS immer vergewissern, ob der, von dem wir Zuwendung wünschen, diese im gegebenen Moment geben kann und will. Ich habe auch schon NTs mit meinen Spezialinteressen zugetetextet, die nur aus lauter Höflichkeit zugehört haben.

14. April 2017

Das Neurotypische Syndrom 06 – „Liebst du mich noch?“

I look at you all – see the love there that’s sleeping

(Zitiert nach einem sehr bekannten Musiker).

 

 

Das Neurotypische Syndrom ist eine angeborene, tiefgreifende Entwicklungsstörung. Die Menschen, die an ihm leiden, werden hier NTs genannt. Zentral für dieses Symptom ist, dass die, die unter ihm leiden, in zwei Hinsichten stark eingeschränkt sind:

a)  Sie können sich die für Menschen lebensnotwenige emotional-soziale Zuwendung nicht (oder in nur sehr geringem Maße) selber geben.

b)  Sie sind nicht (oder nur kaum) in der Lage, erhaltene Zuwendung über längere Zeiträume zu speichern.

 

Das hat gravierende Folgen für die seelische Entwicklung und das gesamte Leben der NTs. Da sie sich die emotional-soziale Zuwendung nur in sehr geringem Maße selber geben können, sind sie sehr stark auf Zufuhr von außen angewiesen. Da sie die erhaltene Zuwendung nur in sehr geringem Maße speichern können, muss diese Zufuhr von außen buchstäblich Tag und Nacht erfolgen. Das verbraucht mehr als 90% ihrer mentalen, seelischen, physischen und zeitlichen Ressourcen. Man könnte es überspitzt so formulieren: Der durchschnittliche NT kommt in seinem Leben zu kaum etwas anderem, als den Nachschub an Zuwendung zu organisieren und sicherzustellen. Dadurch bleiben NTs in aller Regel während ihres gesamten Lebens weit, weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

 

Ich will mich heute einem besonders auffälligen Aspekt dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung widmen:

Die NTs klopfen (beinahe) jeden kommunikativen Kontakt daraufhin ab, ob sie durch diesen Kontakt emotional-sozialen Nachschub bekommen können. Sie können nicht anders.

 

Menschen, die nicht (oder nur in geringem Maße) am Neurotypischen Syndrom leiden, werden hier AS genannt. AS steht für „Asperger-Syndrom“. Wer das Asperger-Syndrom hat, der hat die Lizenz zum klaren Denken. Er ist in aller Regel weit weniger als ein NT darauf angewiesen, permanent emotional-sozialen Nachschub von außen zu bekommen.

 

Jeder AS kennt das:

Ein NT nimmt kommunikativen Kontakt auf und tut so, als würde er um eine Information bitten. In Wirklichkeit will er wissen: „Liebst du mich noch?“

Ich will ein paar Beispiele nennen:

1)     Gehst du mit mir ins Kino?

2)     Wie findest du denn meine Urlaubsfotos?

3)     Kannst du mich nachher in die Stadt fahren?

4)     Schmeckt dir mein Essen?

5)     Steht mir das?

 

Jeder AS kennt das:

Wage in solchen Fällen, das zu sagen, was der NT nicht hören will und er beginnt ein langanhaltendes soziales Drama. Er inszeniert dieses Drama, um negative Zuwendung vom AS zu erpressen. (Der NT denkt sich nichts dabei: Er kann den AS nicht vom NT unterscheiden. Und NTs führen solche Dramen ständig miteinander auf, um sich gegenseitig negative Zuwendung zu geben).

 

Erwachsene NTs fragen in den seltensten Fällen direkt nach emotional-sozialer Zuwendung. In aller Regel nutzen sie mehrdeutige Kommunikation, um diese Zuwendung auf indirektem Wege zu bekommen. Sie machen das, weil sie in aller Regel eher an negativer Zuwendung interessiert sind als an positiver. Und wenn man auf indirektem Wege fragt, ist

a)     Die Wahrscheinlichkeit der Zurückweisung deutlich geringer und

b)     Die Wahrscheinlichkeit, dass man negative statt positive Zuwendung bekommt, deutlich höher.

 

Einschub – vom Wesen positiver und negativer Zuwendung

Wenn ein Mensch auf die Welt kommt, sucht er nach positiver Zuwendung. Sein ganzer Organismus ist darauf ausgelegt. Mit den Jahren lernen die Menschen, dass positive Zuwendung ein knappes Gut ist. Das geht jedem Menschen so. Da Zuwendung aber lebensnotwendig ist, lernen schon kleine Kinder relativ schnell, sich negative Zuwendung zu besorgen, wenn es keine positive gibt. Das kann man sehr gut auf langen Autofahrten mit der Familie beobachten: Die Eltern sitzen vorne und die Kinder sitzen hinten. Die Eltern machen da vorne irgendwas und die Kinder bekommen keine positive Zuwendung. Wenn der Hunger nach Zuwendung bei den Kindern überhand nimmt, dann fangen sie auf dem Rücksitz an, irgendwas zu tun, was die Eltern nervt. Irgendwas, was die Eltern zwingt, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie zanken sich, sie übergeben sich, sie nörgeln rum … Alles, was geeignet ist, Zuwendung von den Eltern zu bekommen, wird in Szene gesetzt. Den Kindern ist nicht bewusst, was sie da tun. Sie agieren aus einer starken inneren Not heraus. Die Zuwendung, die sie jetzt von ihren Eltern bekommen, ist höchstwahrscheinlich negativ. Aber es ist immerhin Zuwendung. Und darauf kommt es an. 

 

Je mehr das Kind sich dem Erwachsenenalter nähert, desto mehr hat es verinnerlicht, dass positive Zuwendung eher selten ist. Es hat gelernt, sich systematisch negative Zuwendung zu verschaffen. Es hat gelernt, systematisch negative Zuwendung zu geben. (Wen das interessiert: Die Transaktionsanalyse hat das unter Stichworten wie „Drama-Dreieck“ oder „Psychospiele“ treffend analysiert).

 

Erwachsene überall in der Welt tauschen vor allem negative Zuwendung aus. Es ist sozusagen der Goldstandard der menschlichen Kommunikation. Wenn also NTs Betankung anbieten oder einfordern, dann ist in aller Regel negative Zuwendung gemeint.

Einschub Ende

 

NTs interpretieren buchstäblich alles sozial. Als AS kannst du machen, was du willst – der NT wird aus allem, was du tust oder nicht tust, ableiten, ob du ihn noch liebst oder nicht:

·           Hast du ihn angeschaut?

·           Wie oft? Wie intensiv?

·           Wie klang deine Stimme? Wie sah dein Gesicht aus?

·           Hast du jemand anderem mehr Zeit gewidmet als ihm?

·           Bist du kurz angebunden oder eher leutselig gewesen?

·           Und so weiter und so weiter.

 

Da erwachsene NTs deutlich stärker nach negativer Zuwendung suchen als nach positiver, neigen sie dazu, in alles, was ein AS tut oder nicht tut, Zeichen der Abneigung hineinzuinterpretieren. Das gibt ihnen die Möglichkeit, den AS wieder in ihre sozialen Dramen einzubinden und auf diese Weise ein noch viel größeres Quantum an negativer Zuwendung zu erpressen. Das ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf der negativen Kommunikation.

Die NTs sind wirklich tiefgreifend in ihrer seelischen und mentalen Entwicklung gestört. Sie können nicht anders. Manchmal helfen hier Therapien. Besonders die Transaktionsanalyse hat sich hier hervorgetan. Aber nur die allerwenigsten NTs nehmen sie in Anspruch.

 

Ich bin AS.

Liebe ist in meinem Leben ein ganz zentrales Thema. Es gibt für mich kaum etwas, was wichtiger ist.

Manchmal – ganz selten – habe ich den Eindruck, dass ich zu einem NT mit meinen Worten durchdringe. Dann sage ich ihm:

 

„Ob ich dich liebe oder nicht, ist ohne jede Relevanz. Entscheidend ist, ob du dich liebst. Wenn du dich nicht liebst, wird meine Liebe bei dir nirgends andocken können. Wenn du dich nicht liebst, bist du ein Fass ohne Boden. Dann kann ich dich lieben so viel ich will - es wird nichts davon wirklich bei dir ankommen. Und wenn du dich selber liebst, dann wird meine Liebe eher eine willkommene Ergänzung sein. Aber nichts, was lebensnotwendig ist. Deine Liebe zu dir kommt zuerst. Dann erst kommt meine.“

 

„Wenn alles gesagt und getan ist, wenn es still wird und sämtliche Ablenkung verschwunden ist – dann schau nach innen. Nimm wahr, was da ist. Dann wirst du sehen, wie es um deine Liebesfähigkeit wirklich bestellt ist. Dann wirst du sehen, wie du sie entwickeln kannst. Du brauchst dafür keinen Guru. Alles, was du wissen musst, steht in dir.“

(Natürlich gibt es Bücher, die einem helfen können, das, was man in sich findet zu verstehen, zu ordnen und liebend anzunehmen. Aber im Grunde steht alles, was wir über die Liebe wissen müssen, in uns).

 

In aller Regel dringe ich nicht durch. Dass NTs sich mal nicht von ihrem Inneren ablenken (durch Geräusche, Aktivitäten, Kommunikation, Zeitvertreib etc.) scheint so gut wie nie vorzukommen. So können sie ihre Liebesfähigkeit auch nicht entwickeln und werden in dieser Hinsicht zeitlebens schlafen.

 

Und ich bin AS. Ich habe keinen Rettungsauftrag. Ich bin in keinerlei Mission unterwegs.

Ich schaue mir das nur an. Wer schlafen will, der soll schlafen.

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08. April 2017

Gib dir Mühe

Es gibt etwas in der AS-Welt, worüber ich mir zunehmend Sorgen mache:

Die AS, mit denen ich in Kontakt bin, geben sich Mühe. (Alternativ: Sie springen über ihren Schatten, sie versuchen, nicht so merkwürdig zu sein, sie versuchen, guten Willens zu sein. Und so weiter).

 

Sie geben sich also Mühe, die AS.

 

Sie geben sich Mühe, nicht aufzufallen.

Sie geben sich Mühe, auf die Bedürfnisse der NTs einzugehen, die sie umgeben.

Sie geben sich Mühe, so zu sein, wie es von ihnen erwartet wird.

Sie geben sich Mühe, Teil der NT-Gesellschaft zu sein, die sie umgibt.

Sie geben sich Mühe, so zu sein, wie die NTs sie haben wollen.

Sie geben sich Mühe, ihre vitalen Bedürfnisse zu unterdrücken.

Sie geben sich Mühe, nicht sie selbst zu sein.

Sie geben sich Mühe, ihre Gefühle nicht zu fühlen.

Sie geben sich Mühe, ihre Gedanken nicht zu denken.

Sie geben sich Mühe.

Sie geben sich Mühe.

 

Und überall dort, wo NTs zugange sind, die sich beruflich oder privat mit AS beschäftigen, erlebe ich die komplementären Ansichten:

„Wenn sich alle Mühe geben und guten Willens sind, wird die Inklusion gelingen.“

„Mit ein wenig mehr Toleranz werden wir prima miteinander klar kommen.“

So wie ich es erlebe, ist damit folgendes gemeint:

„Ihr AS gebt euch Mühe und wir NTs sind guten Willens, euch eure Eigenheiten nachzusehen und tolerant mit euch zu sein.“

 

Was ich bislang nur in einem einzigen Fall erlebe, ist, dass ein NT bewusst versucht, sich den AS so anzupassen, dass er in ihrer Welt nicht auffällt. Sonst – so erlebe ich das – liegt es an den AS, sich in die Welt der NTs einzufügen. Und die NTs haben versprochen, geduldig und tolerant zu sein, während sie dabei zugucken bzw. Hilfestellung leisten.

So jedenfalls erlebe ich das.

 

Was bedeutet es jetzt, wenn sich ein AS in diesem Sinne Mühe gibt?

 

Es bedeutet, dass ganz viel seiner seelischen Energie in seine Maske fließt.

Es bedeutet, dass er permanent versucht, jemand zu sein, der er nicht ist.

Es bedeutet, dass er sich chronisch untreu ist. 

Es bedeutet, dass er nicht er selbst ist.

Es bedeutet, dass er sich verliert.

Es bedeutet, dass er innerlich schleichend verelendet und vor die Hunde geht.

 

Nach den Zahlen, die mir vorliegen, haben 85% aller AS irgendwann in ihrem Leben Depressionen. Die meisten davon mehrmals in ihrem Leben oder sogar chronisch. Nur 20% der NTs haben irgendwann in ihrem Leben Depressionen. In den seltensten Fällen haben sie das öfters oder sogar chronisch. So jedenfalls die Zahlen, die mir vorliegen.

Liebe NTs, fällt euch an diesen Zahlen irgendwas auf?

 

Und noch was, liebe NTs – wir AS haben nicht etwa deshalb häufiger Depressionen, weil mit uns irgendwas nicht stimmt. Wir haben nicht deshalb Depressionen, weil wir krank, behindert oder gestört sind. Wir haben Depressionen, weil wir uns Mühe geben, während ihr tolerant seid.

 

Der eine NT, den ich kenne, der versucht, in die Welt der AS hinüberzuwechseln, hat damit allergrößte Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten sind so groß, dass ich ihn bitte, auf sich acht zu geben, damit er nicht in eine Depression gerät. Ich habe sehr große Hochachtung vor diesem Menschen. Er nimmt freiwillig das auf sich, was sonst – völlig selbstverständlich – von den AS verlangt wird. Ich ziehe meinen Hut vor ihm. Ich verneige mich.

 

An die NTs unter meinen Lesern:

Ich erlebe das meiste, was ich zum Thema „Inklusion“ höre oder lese als gutgemeintes, gutmenschliches Gefasel. Nach allem, was ich sehen kann, sind die AS in dieser Gesellschaft in ihrer Mehrheit in tiefer seelischer Not. Es macht auf Dauer sehr, sehr krank, wenn man fast permanent gegen das eigene Naturell leben muss.

 

Wenn ihr tatsächlich Inklusion wollt, liebe NTs, dann seid bitte mehr als tolerant und geduldig mit uns. Ich bitte euch: versucht aktiv in die Welt der AS zu wechseln. Was könnt ihr dafür tun?

Ich habe mal eine Liste der ersten zehn Schritte zusammengestellt:

 

1.         Schaut uns nicht an, wenn ihr mit uns redet.

2.         Beschränkt euch bei der Kommunikation mit uns auf das, was sachlich notwendig ist.

3.         Sagt uns klar und deutlich, was ihr von uns wollt.

4.         Lasst uns in Ruhe.

5.         Seid still – unterlasst sämtliche Geräuschemission, die nicht absolut notwendig ist.

6.         Wenn ihr nicht still sein könnt, seid wenigstens leise.

7.         Nehmt das, was wir sagen und tun, sachlich und prüft es nicht auf Hinweise, aus denen hervorgeht, ob wir euch mögen oder nicht.

8.         Lasst uns in Ruhe.

9.         Stört und unterbrecht uns nicht bei unseren Routinen.

10.      Lasst uns in Ruhe.

 

Diese Liste erhebt natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe nur versucht, mal das auf den Punkt zu bringen, was ich im mündlichen und schriftlichen Austausch mit AS an Wünschen mitbekomme.

 

Mein Horizont und meine Erfahrungen sind naturgemäß sehr beschränkt. Es liegt mir fern, irgendeinem NT Unrecht tun zu wollen, der an seiner Beziehung zu einem AS seelisch zugrunde geht. Als NT kann man in einer Beziehung an einem AS zerschellen, so wie ein Schiff an einem Eisberg zerschellt. Ich weiß das. Ich bin selber mit einer NT-Frau de jure verheiratet, und die leidet fürchterlich. Sie leidet abgrundtief, weil sie nicht nur mit einem AS-Ehemann zusammenlebt, sondern auch mit einer AS-Tochter.

Aber manchmal, wenn ich den Eindruck habe, dass meine Worte durchdringen, sage ich ihr:

„Du magst hier daheim ein Übergewicht an AS vorfinden. Aber sobald du diese Wohnung verlässt, bist du wieder unter deinesgleichen auf deinem Heimatplaneten. Uns AS geht es so: Wir haben daheim NT-Welt, und wenn wir hinaus gehen, haben wir diese NT-Welt erst recht. Deine Welt ist immerhin da draußen. Unsere Welt ist – auf diesem Planeten - nirgends.“

 

Und deshalb, liebe NTs unter meinen Lesern: Einfach aus Gründen der Fairness und der Gerechtigkeit bitte ich euch:

 

Gebt euch Mühe.

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Sonic You

- Achtung! Der Text kann Spuren von Ironie enthalten. -

 

„Was ist herrlicher als Gold?“ fragte der König.

„Das Licht“, antwortete die Schlange.

„Was ist erquicklicher als Licht?“ fragte jener.

„Das Gespräch“, antwortete diese.

(Zitiert nach einem sehr bekannten aber völlig überschätzten Schriftsteller)

 

 

Das Muster

 

1

Nach den Zahlen, die mir vorliegen, werden in Deutschland pro Jahr ca. 30.000 Menschen von einem Hund gebissen. Dass ein Mensch sich selber beißt und diese Bissverletzung dann einem Hund zuschreibt, scheint eher selten vorzukommen. Dennoch hat bislang jeder Hundebesitzer, den ich darauf ansprach, weit von sich gewiesen, dass sein Liebling irgendwann irgendwen beißen könnte. Also: Es beißen immer die Hunde anderer Leute.

 

2

Ich bin im Urlaub gerne im Hochgebirge unterwegs. Dort wandere ich. Im Fels klettern ist nichts für mich. Bislang habe ich auf ausnahmslos jedem Gipfel, Sattel oder Aussichtspunkt Zigarettenkippen gefunden. Ich habe nicht etwa mühsam danach suchen müssen – nein, diese Form von Müll liegt dort für jeden gut sichtbar rum. Dass Nichtraucher irgendwessen Aschenbecher ins Gebirge schleppen, um ihn auf dem Gipfel auszuleeren, scheint eher selten vorzukommen. Dennoch hat bislang jeder Raucher, den ich darauf ansprach, weit von sich gewiesen, dass er im Gebirge Zigarettenkippen in die Gegend schmeißen würde. Also: Es sind immer die Zigarettenkippen anderer Raucher.

 

Sie erkennen das Muster?

Ausgezeichnet! Dann geht’s jetzt weiter mit was ganz anderem. Mit dem eigentlichen Thema:

 

 

Die NTs machen Geräusche.

 

Manchmal werde ich von entnervten NTs gefragt, was mich denn nun so sehr an ihnen stört. Was ist es denn, was so furchtbar an ihnen ist, dass ich in ihrer Gesellschaft nicht leben, sondern nur überleben kann?

 

Nun, da stehen zwei Dinge ganz weit oben:

(1) Die NTs machen Geräusche. Da, wo sie sind, ist es nie still.

(2) Die NTs sehen jeden Menschen als Seelentankstelle.

Heute soll es um den ersten Punkt gehen.

 

Da, wo die NTs sind, ist es nie still. Und da, wo es nicht still ist, kann ich nicht sein. Sie unterhalten sich, sie quasseln, sie pfeifen, sie singen, sie schnalzen mit der Zunge, sie plappern, sie führen Selbstgespräche, sie trommeln mit ihren Fingern nervös auf dem Tisch, sie seufzen vor sich hin, sie gähnen lauter als ein Nilpferd, sie klappern mit Geschirr, sie knallen mit Türen, sie rücken Möbel lautstark durch die Gegend, sie kratzen an ihrer Kleidung rum, sie klicken rhythmisch mit dem Kugelschreiber. Sie gehen laut, sie lachen laut, sie reden laut – ja, sie machen so ziemlich alles immer ein Stück lauter als es eigentlich notwendig wäre. Ihre Musik- und Geräuschwiedergabegeräte sind praktisch allgegenwärtig. In ihrer Gegenwart muss man immer darauf gefasst sein, dass plötzlich ein Handy losgeht, irgendwelche Geräusche aus irgendwelchen Boxen dringen, Telefone klingeln oder sonstwelche elektronisch verstärkten Geräusche ertönen.

 

Ach so, ja – ich vergaß: Das Muster. Sie erinnern sich an das Muster, das ich am Anfang des Textes beschrieb? Hier gilt es auch. Falls Sie also NT sind und das hier lesen: Das gilt alles nicht für Sie. Sie sind selbstverständlich so ziemlich das stillste Wesen, das Gott je geschaffen hat. Still wie ein Findling in der Abenddämmerung der Lüneburger Heide – so sind Sie. Ich rede hier ausschließlich von den Geräuschen anderer Leute.

 

 

Wenn zwei Varianten möglich sind – eine still, eine geräuschvoll, dann entscheidet sich die Mehrzahl der NTs für die lautere Variante

 

Wenn ich bei NTs erlebe, dass sie wählen können zwischen zwei Varianten A und B

A: Geht ganz leise, erfordert aber einen geringfügig höheren Aufwand

B: Geht nur laut, minimiert aber den sonstigen Aufwand,

dann erlebe ich fast immer, dass sie sich für B entscheiden.

Ein paar Beispiele sollen verdeutlichen, worum es geht:

 

1

Ich sehe einen Bekannten auf der anderen Straßenseite und will ihn begrüßen

A: Ich winke ihm lautlos und fröhlich zu oder wechsle die Straßenseite, um mich mit ihm in Normallautstärke zu unterhalten.

B: Ich brülle über die Straße: „Na?! Du auch hier?“

 

2

Ich bin mit meinem Partner im Supermarkt beim Einkaufen und bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob wir noch Nudeln brauchen.

A: Ich gehe zu ihm hin und frage ihn.

B: Ich beschalle den ganzen Supermarkt (andere sollen ja auch was davon haben): „Schahatz? Brauchen wir eigentlich noch Spaghetti?“

 

3

An meinem Arbeitsplatz (Bürogebäude) bin ich mit etwas beschäftigt, wofür ich die Hilfe eines Kollegen aus dem Nebenraum brauche.

A: Ich gehe rüber und frage ihn, ob er mir helfen kann.

B: Ich brüll (mal eben) rüber oder direkt durch die Wand.

 

4

Sie betreten einen Ihnen bekannten Raum in einem Ihnen bekannten Gebäude. Menschen, die sie gut kennen, sind bereits dort und machen irgendwas.

A: Sie nehmen das alles erst einmal auf und wahr. Sie machen sich ein Bild von der Lage.

B: Sie sagen erst mal was bzw. machen einen Haufen Geräusche.

 

 

Wo die NTs hingehen, nehmen sie ihre Geräusche mit.

 

Als ich noch im Großraumbüro arbeitete, achtete ich oft darauf, als erster bei der Arbeit zu sein. Denn dann konnte ich heimlich den Lautstärkeregler des Radios nach unten drehen. Die erste Amtshandlung des ersten Kollegen, der nach mir kam, war nach der Begrüßung immer und unausweichlich, das Radio anzumachen. (Die zweite war, andere Geräusche zu machen, z.B.: „Erst mal’n Kaffee!“)

 

Aus beruflichen Gründen bin ich häufig auf einen Mietwagen angewiesen. Bislang war es bei ausnahmslos jeden Mietwagen, den ich bekam, so, dass das Autoradio anging, wenn ich die Zündung betätigte. (Egal, welche Vermieterfirma, egal, welche Automarke).

 

Aus beruflichen Gründen fliege ich manchmal. Immer, wenn ich einen Flieger besteige, werde ich mit Musik empfangen. Dasselbe Elend erlebe ich in den Tagungshotels, in denen ich arbeite – in den Aufzügen, in den Korridoren, in den Toiletten, in den Restaurants: Überall läuft Dudel-Dudel-Musik. Die NTs finden jede noch so kleine Nische der Stille und merzen sie rigoros aus. Sie fürchten die Stille wie der Teufel das Weihwasser. Ich hingegen kann ohne Stille nicht sein.

 

Wenn ich im Hochgebirge in einer Hütte einkehre, läuft dort in über 90% der Fälle das Radio. Im Hochgebirge! In über 2.000 Metern Höhe bekomme ich von Bayern 3 zu hören, wie sich der Verkehr in Fürstenfeldbruck entwickelt hat!

 

Wenn die NTs im Flachland irgendeinen Ort schön finden, dann tauchen sie dort mit Motorrädern auf. Seen, Berggipfel, Burgen, Aussichtspunkte – so wie es Frühling wird, kommen die NTs und bringen ihren Lärm mit. Und wenn die Motorräder dann endlich stehen und die Motoren ausgeschaltet sind, dann wird sich lautstark unterhalten und/oder Musik gehört!

 

Falls Sie selber Biker sind – das gilt nicht für Sie. Ihr Bike ist nachweislich eines der leisesten, das je gebaut worden ist. Sanft und leise wie ein Schmetterling gleitet es durch die Landschaft. Es sind die Motorräder der anderen, die ich mehrere Kilometer weit hören kann. Und wenn Sie Ihr Bike abstellen, dann läuft da auch kein Radio mehr. Sie würden es auch nie wagen, im Leerlauf nochmal so richtig am Gas zu drehen, um diesen satten Sound zu genießen (und alle anderen im ganz weiten Umkreis dran teilhaben zu lassen) und ihrem Nebenmann durch den Lärm zuzubrüllen: „Läuft doch gut, oder?!“. Und wenn Sie sich dann unterhalten, dann maximal im Flüsterton. Ich weiß das.

 

Wenn ich in der freien Natur unterwegs bin und NTs begegne, sind 98% von ihnen in Begleitung anderer NTs. Und mit denen unterhalten sie sich. Oder sie sind mit ihrem Smartphone zugange.

Wenn die NTs dann an einen Aussichtspunkt kommen, dann erzählen sie sich gegenseitig, was sie sehen. (Könnte ja sein, dass der andere plötzlich blind geworden ist).

 

Da, wo NTs sind, ist es nie still.

 

Und hier – das kommt ganz aktuell rein, während ich an diesem Text schreibe: Die Schachplattform chess24 lädt mich zu einem Event ein, zu einem „72 Stunden Geschwätzblitz-Marathon“. Leute, ich hab‘ mir das nicht ausgedacht! Auf sowas kommen tatsächlich nur NTs: 72 Stunden Geschwätz – was kann es Größeres geben? Wer kann da schon nein sagen? Da sage mal jemand, dass Schach ein eher stiller Sport sei!

 

 

Bizarr wird es für mich, wenn sich ausgewiesene NTs mit dem Thema „Stille“ befassen.

 

Das sieht dann zum Beispiel so aus (alles aus dem Fundus dessen, was ich auf meiner Forschungsreise erlebt habe):

 

1

Eine internationale Tagung. Ich halte einen Vortrag über extreme Introversion. Andere halten andere Vorträge. Immer nach ein paar Stunden ist eine längere Pause. Während der Pausen sitzt man gemütlich zusammen und tauscht sich aus. Ich jedoch nicht. Ich sitze während der Pausen gemütlich alleine und beschäftige mich mit meinem Kram. Dabei entdeckt mich eine frei flottierende NT-Frau. Sie setzt sich neben mich.

Frau: „Ich habe Ihren Vortrag gehört.“

Stiller: (Schweigen)

Frau: „Das war ja sehr interessant, das mit der Introversion.“

Stiller: (Schweigen)

Frau: „Das hat mich sehr angesprochen, wissen Sie? Mir ist Stille ja auch sehr wichtig. Und es ist ja auch wirklich sehr gut, wenn man zusammen schweigen kann.“

Stiller: (Schweigen)

Frau: „Denn erst, wenn man die Stille wirklich versteht …“

Und so weiter.

 

2

Ich bin im Urlaub in den italienischen Alpen unterwegs. Als ich eines Abends wieder ins Tal steige, fällt mir an einer Bushaltestelle ein hölzernes Gestell auf. Diesem Gestell kann man bunte Prospekte entnehmen. Neugierig schaue ich mir das an.

„Seminar zum Thema Stille“ lese ich da. „Zeit zum Innehalten.“ Ich traue meinen Augen kaum. Ich lese das Kleingedruckte. Ja, tatsächlich – ich halte eine Einladung in der Hand, mit anderen NTs zusammenzukommen und mich mit ihnen „intensiv über das Thema Stille zu auszutauschen“. „Achtsamkeitsübungen“ und „“Einführung in die Meditation“ runden das Ganze ab. Ich zucke mit den Achseln: „Sounds like fucking for virginity.“

 

3

Eine Tagung in Deutschland. Ich bin eingeladen worden, zum Thema AS zu sprechen. Ein aufgekratzt gutgelaunter Moderator führt durch das Programm. Er ist offenbar „bekannt aus Funk und Fernsehen“. Da ich weder fernsehe noch Radio höre, habe ich keine Ahnung, wer das ist.

Als ich mit meinem Vortrag dran bin, werde ich von ihm angesagt, wie ein Popstar. Nun, ich bin eitel genug, um mir das gefallen zu lassen. Während ich vortrage, hält der den Mund. Sehr angenehm. Nach meinem Vortrag kommt er zu mir auf die Bühne, bedankt sich für meinen Vortrag und leitet zum nächsten über. Ich schaue, dass ich von dieser Bühne wieder runterkomme – wo war nochmal die Treppe?

Moderator (ans Publikum gewandt): „Zum Thema Stille muss ich Ihnen noch was sagen …“

Stiller (greift nochmal nach seinem Mikrofon): „Warum überrascht mich das jetzt nicht?“

 

Um dem Moderator Ehre zu geben – es war tatsächlich interessant, was er zu sagen hatte. Er berichtete, dass bei allen deutschen Radiosendern ein Programm installiert ist, das nach sechs Sekunden Stille davon ausgeht, dass eine technische Störung vorliegt und anfängt, Musik einzuspielen. Ja, das ist Stille für die NTs – eine technische Störung.

 

 

Falls Sie selber NT sind - das alles gilt natürlich nicht für Sie.

Ich weiß, dass Sie ein NT sind, der ganz außergewöhnlich still ist. Von einem schweigsamen AS sind Sie praktisch nicht zu unterscheiden. Sie sind praktisch die Stille selbst. Alle Ihre NT-Freunde bestätigen Ihnen das laufend. Und wenn wir uns irgendwann mal zufällig begegnen sollten, werden Sie mir das sicher auch wortreich und detailliert erläutern. Ich kenne diese Gespräche. Ich freu‘ mich drauf. Denn was kann schon erquicklicher sein als das Gespräch?

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Kommentare: 2
  • #1

    widersynnig (Samstag, 26 August 2017 12:16)

    Hallo Stiller,
    ich lese mit Interesse deinen Blog und an dieser Stelle möchte ich mal einhaken. Wir sind eine kleine 2-Personen Familie. Tochter AS und ich NT, wenngleich es ja auch noch andere Neurountypische Phänomene gibt als AS, und damit bin ich ausgestattet. Reizüberflutung kennen wir also beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise, Intensität und Folgen.
    Ich also eher laut, Tochter still.
    Bei uns heißt AS nicht gleich ruhig. Störend sind eigentlich nur unerwünschte und unkontrollierte Fremdgeräusche.
    1. eigene Geräusche sind nicht belastend sondern entlasten
    2. je mehr Lärm-Verschmutzung von außen und je weniger Fluchtmöglichkeiten, desto größer der Drang nach selbst produzierten Geräuschen ( Dauerplappern, Selbstgespräche, Türenknallen und mehr)
    3. Dauerplappern und Beschreibung des gerade gesehenen erfolgt besonders oft, wenn die Umgebung bedrohlich ist (z.B. allein unterwegs an unbekannten Orten mit vielen Menschen)- da hilft dann die telefonische Verbindung mit vertrauten Personen.
    4. gemeinsam unterwegs sein: auch da bekomme ich oft 1:1 beschrieben, was ich selber sehen kann , vielleicht um sich einer gemeinsamen Wahrnehmung zu vergewissern?

    Letzteres ist vielleicht auch das, was NTs auf einem Aussichtspunkt machen, wenn sie sagen: schau mal, dort der schöne See .

    Vielleicht sind sich die NTs gar nicht so sicher, ob die anderen genauso wahrnehmen wie sie selbst?

    Ich möchte nicht wissen, wie oft ich schon um "Ohrenpause " gebeten habe :-)

  • #2

    Stiller (Dienstag, 29 August 2017 20:23)

    Danke für diese Hinweise.

    Zu 1
    Das habe ich von vielen AS gehört bzw. gelesen. Die eigenen Geräusche scheinen mit der inneren Struktur und den inneren Bedürfnissen zu harmonieren. Mein eigenes Bedürfnis nach Stille dürfte in diesem Ausmaß auch für AS ziemlich ungewöhnlich sein.

    Zu 2
    Je mehr Schall von außen eindringt, desto wichtiger wird die Schutzfunktion, die der selbstproduzierte Schall ausübt. Ich habe von AS gehört, die sich Kopfhörer aufsetzen und Musik in hoher Lautstärke hören und dadurch zur Ruhe kommen, weil diese Musik, die zur eigenen inneren Struktur passt, die Fremdgeräusche nicht durchlässt.

    Zu 3
    Die Entwicklungspsychologie nennt diese From des Sprechens egozentrisches Sprechen.
    https://portal.hogrefe.com/dorsch/egozentrisches-sprechen/
    In Stresssituationen neigen alle Menschen dazu, Verhaltens- und Erlebensweisen aus früheren Entwicklungsphasen zu zeigen.

    Zu 4
    Das erlebe ich oft, aber ich kann die Funktion dieses Verhaltens nicht erklären.

Das Neurotypische Syndrom 05 – Theory of Mind (ToM): Leben in der eigenen Welt

 

Wenn ich Bücher oder Artikel zum Thema AS lese, stoße ich beinahe regelmäßig auf einen bestimmten Set an Vorurteilen. Auch und gerade dann, wenn diese Texte von Wissenschaftlern geschrieben wurden. Zu diesen Vorurteilen scheint unausrottbar zu gehören, dass die AS in ihrer eigenen Welt leben, aus der sie nicht heraus können – und die NTs nicht.

 

Wie dieses Vorurteil entstehen konnte und wie es sich derart hartnäckig halten konnte, kann ich zur Zeit noch nicht sagen. Es ist so derart hanebüchen, dass es mir immer wieder die Sprache verschlägt. Jeder, der mit wachen Augen durch die Welt geht, muss sehen, dass dieses Vorurteil nicht haltbar ist. Damit wende ich mich vor allem an die Kollegen Wissenschaftler:

Lernt endlich, genau hinzuschauen und bekämpft eure Neigung, gedankenlos das nachzuplappern, was irgendwelche Koryphäen irgendwo veröffentlicht haben. Habt den Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen!

 

Ich will in diesem Beitrag aufzeigen, dass es ein ganz wesentlicher Bestandteil des Neurotypischen Syndroms ist, sich nicht in die Welt eines anderen hineinversetzen zu können.

 

Aber eins nach dem anderen.

Was ist die herrschende wissenschaftliche (neurotypische) Lehrmeinung?

 

Schauen wir uns das mal an:

„Unter der Theroy of Mind (ToM) versteht man die Fähigkeit, sich selbst und dem Gegenüber ein Innenleben beziehungsweise mentale Zustände zuzugestehen, diese mentalen Zustände zu erfassen und die damit verbundenen Informationen zu nutzen.“ (Zitiert nach einem Text der Uniklinik Freiburg).

Was heißt das in einfacher Sprache?

Das heißt, dass ToM die Fähigkeit ist, sich in die Gedanken-, Gefühls- und Erlebniswelt eines anderen hineinzuversetzen.

Und nach der herrschenden Lehrmeinung haben AS diese Fähigkeit nur in eingeschränktem Maße.

Und die NTs haben sie in ausgeprägtem Maße.

Ja, manche maßgebliche Wissenschaftler scheinen sogar so weit zu gehen, dass sie sagen, dass das ein Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen NTs und AS ist: Die einen können sich in die anderen hineinversetzen. Die anderen können das nicht.

 

So einfach ist das.

So falsch ist das.

Würden die neurotypischen Wissenschaftler, die diesen Unsinn in die Welt setzen und perpetuieren, stärker mit den AS reden und weniger über sie, könnten sie vermutlich eine Menge dabei lernen.

 

Ich habe zu diesem Thema einige Untersuchungen angestellt. Ich will hier nicht mit statistischen Details langweilen, sondern aus einem riesigen Fundus von Beispielen zitieren, damit exemplarisch deutlich wird, worum es geht. Die wissenschaftliche Debatte mögen dann andere führen.

 

1

Meine AS-Tochter besucht das hiesige Gymnasium. Das ist eine der üblichen riesigen Lernfabriken mit deutlich mehr als 1.300 Schülern. Ein weitläufiger Betonkomplex aus mehreren ineinander verschachtelten Gebäuden.

Ich habe einen Email-Austausch mit einer neurotypischen Lehrerin (Sek II), die mich zum Gespräch über meine AS-Tochter bittet:

 

Lehrerin

„Sehr geehrter Herr Stiller,

der Termin passt sehr gut. Ich erwarte Sie als so am [Datum] um [Uhrzeit] am Eingang (kurze Seite) des Lehrerzimmers“

 

Diese Lernfabrik hat mindestens vier Eingänge an ganz unterschiedlichen Stellen. Ich weiß nicht, welcher gemeint ist. Deshalb schreibe ich:

 

Stiller

„Hallo Frau [Name der Lehrerin]

Das ist sehr nett von Ihnen. Bitte bedenken Sie: Ich kenne mich an Ihrem Arbeitsplatz nicht aus. Wo finde ich das Lehrerzimmer?“

 

Lehrerin

„Lieber Herr Stiller,

entschuldigen Sie bitte diese unbedachte Selbstverständlichkeit. Ich warte auf Sie vor dem Eingang zum A-Gebäude (Oberstufe), welches Sie vom Parkplatz aus linker Hand sehen können!“

 

Nunja. Hier habe ich den Email-Dialog abgebrochen. Denn das hätte noch lange so weiter gehen können. Diese Lernfabrik hat mehrere Parkplätze – vor, hinter, neben dem Gebäudekomplex. Ich habe keine Ahnung, welchen dieser Parkplätze sie meinte. Ich habe keine Ahnung, was um alles in der Welt das A-Gebäude ist – von außen steht das jedenfalls nicht dran.

Hier wurde also wieder mal exemplarisch deutlich, wie schwer es NTs fällt, sich in die Welt anderer hineinzuversetzen, auch wenn man sie ausdrücklich darum bittet.

 

2

Ich kommuniziere mit dem Professor, der mich diagnostiziert hat, hauptsächlich per Email.

Auf diesem Weg bittet er mich, auf einem größeren Kongress einen Vortrag über AS zu halten. Ich stimme zu. Der Professor ist erfreut. Ich erhalte von ihm die üblichen Anreisedaten und Kongressinformationen. Zusätzlich erhalte ich von ihm auch die Bitte, mich am Vorabend des Kongresses in einem griechischen Restaurant einzufinden. Ich bin erstaunt. Ich will wissen, wozu das gut sein soll. Der Professor antwortet freimütig, dass die NTs, die auf dem Kongress sprechen werden, auch alle da sein werden. In dieser lockeren Runde könne man sich mal kennenlernen. Ich bin völlig entgeistert. Zigmal lese ich diese Mail. Aber sie ist völlig ironiefrei gehalten. Dieser Professor meint das völlig ernst!

 

Bitte: Ich schätze diesen Professor menschlich und fachlich außerordentlich. Er gilt als Koryphäe in Sachen AS bei Erwachsenen. Er hat viel zum Thema AS publiziert. Er ist hochkompetent. Er setzt sich für unsere Sache öffentlich ein. Ich kenne kaum einen NT in Deutschland, der so wirkungsvoll und engagiert für die AS eintritt. Er ist freundlich, er ist nett, er ist zuvorkommend.

Und er hat augenscheinlich keine Ahnung, was das Asperger-Syndrom eigentlich ist.

Wie um alles in der Welt kommt er auf die Idee, einen AS zu einer mehrstündigen Runde Smalltalk zusammen mit zehn NTs in ein Restaurant einzuladen?! Ist er denn von allen guten Geistern verlassen?!

Ich schrieb diesem Professor eine Mail. Ich hatte den Eindruck, dass ich nicht durchdrang. Seine Fähigkeit, sich in die Welt eines AS zu versetzen, war äußerst begrenzt. Ich wollte ihm nicht nahetreten. Deshalb habe ich ihn erst viel später gefragt, ob er denn auch auf die Idee gekommen wäre, einen Laktoseintoleranten für einen gemütlichen Abend in eine Milchbar einzuladen. Würde er auf die Idee kommen, einem Pollenallergiker vorzuschlagen, sich auf einer großen, bunten Frühlingswiese in die Sonne zu legen und mal so richtig zu entspannen?

 

Erst war ich entsetzt. Smalltalk brauche ich so nötig wie Fußpilz. Aber dann siegte der Wissenschaftler in mir:

Das wollte ich prüfen. Ich wollte wissen, was da vorging.

Ich fuhr da also hin. Und dann kamen sie – NT-Größen der deutschen AS-Szene: Die Vorsitzende des Vereins für … . Der Professor a. Samt Gefolge. Der Professor b. Samt Gefolge. Noch irgendwer. Und die saßen dann da an einem großen Tisch und speisten. Und machten Smalltalk. Den ganzen Abend. Ich hatte wie üblich Stöpsel in den Ohren. Ich saß mitten zwischen den NTs, hatte meine Stoppuhr in der Hand und machte Messungen und Beobachtungen:

Wer spricht wie lange?

Wer darf wen unterbrechen?

Wieviele Sekunden Stille werden ertragen?

Wer darf Themen einbringen?

Wessen Themenvorschläge werden aufgegriffen?

Wieviele Untergruppen bilden sich und wie lange sind sie stabil?

Und so weiter.

 

Als sich diese Ergebnisse soweit stabilisiert hatten, dass sie statistisch signifikant waren, smalltalkten die NTs immer noch fröhlich vor sich hin. Was auch sonst?

Von den anwesenden NTs waren drei der Alpha-Gruppe zuzuordnen (hatten also einen anerkannt hohen Rang in diesem Sozialgefüge), der Rest war Beta-Gruppe (Rangniedere), Außenseiter und Ausgeschlossene gab es nicht. Die Alphas pflegten sich nicht zu unterbrechen und hatten ungefähr dieselben Redeanteile, wobei die Vorsitzende des Vereins für … (eine der drei Alphas) von den anderen beiden Alphas etwas häufiger unterbrochen wurde als umgekehrt (und so weiter …).

 

Ich saß dann den Rest des Abends da und beschäftigte mich mit theoretischer Physik. Mir ging es vor allem darum, die Impulsgleichungen der klassischen Mechanik mit den Impulsgleichungen der Quantenphysik zu vergleichen. Das mag für einen Physikstudenten einfach sein, mich stellt das immer wieder vor ziemliche Probleme. Nach drei oder vier Stunden ging diese Runde wieder auseinander.

 

Zu sowas hatte mich dieser Professor also eingeladen. Es war so gekommen, wie ich erwartet hatte: Smalltalk und Plauderei über Gott und die Welt ohne Ende. Viel später sagte mir der Professor, dass er immer wieder überlegt hatte, wie er mich in das Gespräch einbinden könnte, denn ich hätte da immer so alleine gesessen.

 

Wer konnte sich hier in wessen Erlebniswelt nicht einfühlen?

 

3

Ich bin aus dienstlichen Gründen in Cuxhaven. In einer kleinen Einkaufspassage in Hafennähe kaufe ich Mitbringsel für meine Töchter. Es gibt kein Fenster, das nach draußen führt. Ich frage die Frau an der Kasse:

„Ich war noch nie hier – können Sie mir bitte sagen, wie ich von hier zum Hafen komme?“

„Ja, da müssen Sie hier raus“ (sie zeigt einen Gang hinunter), „und dann da, wo früher der große Edeka-Markt war, nach rechts. Dann sind sie gleich da.“

„Verzeihung – ich war noch nie hier. Ich weiß nicht, wo früher dieser Edeka-Markt war.“

Die Frau an der Kasse schaut mich hilflos an.

„Ja, da wo der Edeka-Markt war. Da müssen sie nach rechts. Sie können es gar nicht verfehlen.“

Diese Frau hielt ständig Blickkontakt mit mir. Nach allem, was ich sehen konnte, hatte sie keine autistischen Züge an sich.

 

4

Auf einer Dienstfahrt hat mein Wagen seinen Geist aufgegeben. Mitten in der Pampa. In tiefer Nacht schleppt ein freundlicher Mensch vom Autoclub meinen Wagen zu einer Werkstatt in Alsfeld. Ein paar Tage später will ich den reparierten Wagen abholen. Mit einem Leihwagen bin ich nach Alsfeld gekommen. Der Leihwagen hat kein Navi. Ich finde die Werkstatt nicht. Ich betrete eine Bäckerei in Alsfeld. Dort steht eine junge, neurotypische Verkäuferin, die nett aussieht. Ich spreche sie an:

„Verzeihung, ich bin nicht von hier. Ich muss in den Stadtteil [Name des Stadtteils]. Können Sie mir sagen, wie ich von hier mit dem Auto da hinkomme?“

Die Augen der Frau leuchten auf. Sie erklärt und hilft gerne.

„Da müssen’s nur summa umtum orandurum, noeini dawog“, erklärt sie und zeigt mit weit ausholender Gestik durch die Schaufensterscheibe, was sie meint. Ich verstehe nichts. Gar nichts.

„Hurogga anni hidu owaina daruggi, nich‘ wa‘, oisdega“, fährt sie fort.

Ich unterbreche sie sanft:

„Verzeihung, ich bin nicht von hier. Ich kann ihren Dialekt, leider, leider nicht verstehen. Können Sie mir bitte auf Hochdeutsch sagen, wo ich hinmuss, wenn ich mit dem Auto nach [Name des Stadtteils von Alsfeld] will?“

Die junge Frau bleibt freundlich und hilfsbereit. Sie gibt sich alle Mühe.

Da müssen’s nur summa umtum orandurum, noeini dawog“, erklärt sie mir „„Hurogga anni hidu owaina daruggi, nich‘ wa‘, oisdega“

 

In welchem Maße konnte hier ein NT seine Welt verlassen und sich in die eines anderen hineinversetzen?

 

5

Ein kleinerer Kongress. Die Organisatoren haben mich gebeten, dort einen Vortrag über AS zu halten. Ich habe dem zugestimmt.

Als ich den Saal betrete, erkennt mich der Organisator des Kongresses aus irgendwelchen Gründen sofort. Er eilt mit großen Schritten auf mich zu, schüttelt mir freundlich die Hand, stellt sich vor und beginnt, mir zu erklären, wie die Dinge liegen. Irgendwann unterbreche ich ihn:

„Verzeihen Sie bitte: Ich bin Autist. Sie schauen mir die ganze Zeit in die Augen. Das ist sehr unangenehm für mich .Schauen Sie bitte woanders hin.“

Der NT ist betroffen. Er entschuldigt sich.

„Ach ja, stimmt. Verzeihung. Das wollen Sie ja nicht. Gut. Ich gucke woanders hin. Also, was ich Ihnen sagen wollte …“

„Nein! Das tun Sie nicht! Sie sagen zwar, dass sie woanders hinschauen werden, aber Sie tun es nicht! Sie starren mich weiterhin an. Gucken Sie bitte woanders hin!“

 

(Wie oft habe ich das schon erlebt – dass NTs mir auf meine Bitte hin sagen, dass sie mich nicht mehr beim Reden anschauen werden, es dann aber weiterhin genauso tun, als hätte ich nie was zu diesem Thema gesagt!)

 

In welchem Maße konnte hier ein NT seine Welt verlassen und sich in die eines anderen hineinversetzen?

 

6

Ich bin alleine im Hochgebirge der italienischen Alpen unterwegs. Ca. 2.200 m ü. M. Kreuzkofelgruppe. Ich bin von der Scharte am Lavarella abgestiegen und überquere das ausgedehnte Hochplateau auf dem Weg zur Fanes-Hütte. Eine größere Gruppe NTs wird in der Ferne sichtbar: Wanderer wie ich. Sie kommen mir entgegen. Ein paar junge Erwachsene bilden die Vorhut. Eine Frau aus dieser Vorhut spricht mich an:

„Ist es noch weit?“ will sie wissen.

(Das waren tatsächlich ihre ersten Worte. Danach machte sie eine Pause und wartete auf meine Antwort).

 

7

Ich bin mit einer Sekretärin (NT) in der Kantine der Konzernzentrale zum Mittagessen verabredet. Wir haben uns beide für denselben Nachtisch entschieden. Irgendwas an Pfirsich. Aber als ich den Nachtisch nach dem Essen probiere, ist das überhaupt nichts für mich. Energisch schiebe ich das Schälchen weg:

„Bäh!“

„Wieso ‚Bäh!‘? fragt die Sekretärin erstaunt. „Das ist doch total lecker!“ Sie schiebt mir ihr Schälchen hin und reicht mir den Löffel: „Hier, probier‘ doch mal!“

 

 

Zusammenfassung

Wir alle leben in unserer eigenen Welt – jeder in seiner. Es fällt uns immer mehr oder minder schwer, aus dieser Welt heraus zu treten und uns in die Welt eines anderen hineinzuversetzen. Das geht jedem Menschen so. Einen Unterschied zwischen AS und NTs gibt es dabei nicht. Zumindest nicht bei den Erwachsenen.

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Kommentare: 2
  • #1

    NeoSilver (Montag, 27 Februar 2017 21:43)

    Hallo Stiller,

    tatsächlich wird dies wohl eine Fähigkeit sein, welche jeder Mensch, egal ob Autist oder NT, erlernen muss und kann.
    Du bist darin, so wirken deine Blogeinträge auf mich, besser als ich darin.

    Mich interessiert, ob du ähnliche Beispiele wie oben beschrieben, auch in Begegnungen mit Autisten hattest.
    Denkst du das Autisten, grundlegend ihrer Wesensart, sogar eher diese Fähigkeit (ToM) besitzen, als das sie ihnen abgesprochen werden kann?


  • #2

    widersynnig (Samstag, 26 August 2017 12:49)

    Hallo Stiller,
    wer als AS amtliche Hilfe braucht, muss sich immer wieder Begutachtungs-Situationen aussetzen und darlegen, in welcher Weise er in der NT-Welt nicht klarkommt.
    Neulich bei uns: eine NT-Nervensäge, die sofort und ungefragt Tipps für alle Lebenslagen, jenseits der gutachterlichen Fragestellung zum Besten gab.
    Ein 1 stündiges Gespräch mit betroffener AS, die sich in solchen Situationen perfekt im Griff hat ( = sie wirkt überhaupt nicht AS) bei uns der Eindruck: die hat nix kapiert, ist völlig überfordert.
    Kommentar von AS, als wir die Nervensäge los waren: die war total empathiebefreit und über griffig.
    Was für deine Beobachtungen spricht.

Das Herz hat seine Gründe

Auf viele Nichtautisten (NTs) wirke ich verstörend kalt und hart, wenn ich die Kunstgefühle zurückweise, die sie mir als echt anbieten. (Siehe „Gefühle und Kunstgefühle“) Wenn ich mir die Zeit nehme, ihnen darzulegen, was in meiner Welt ein Gefühl ist und was nicht und sie sich die Zeit und die Kraft nehmen, wirklich zuzuhören, kommen wir manchmal zusammen.

 

Aber sie können sich in der Regel nicht mit der Vorstellung anfreunden, dass auch Gefühle den Naturgesetzen gehorchen sollen, dass Gefühle erklärbar und vorhersagbar sind und dass so wenig Geheimnisvolles und Romantisches an den Gefühlen bleibt, wenn ich von ihnen spreche. Gefühle sind für die meisten NTs nur dann echt (und gut), wenn sie im Grunde unverstehbar sind. Wenn sie magisch sind. Wenn sie so zart sind, dass sie zu Sternenstaub zerfallen, wenn man sie genauer und prüfender anschaut.

 

Ich glaube, dass ich das verstehen kann. Wenn uns etwas viel bedeutet, und wir uns dem mit dem Verstand im Gepäck nähern, dann kann es seinen Zauber verlieren.

 

Für mich ist das eine Frage der Freiheit und der Entwicklung der Persönlichkeit:

Hast du Gefühle oder haben deine Gefühle dich? Kannst du in dir liebevoll aber energisch Ordnung schaffen, wenn widerstreitende oder überbordende Gefühle dir zusetzen? Kannst du die Teile in dir, die Kunstgefühle produzieren wollen, so zur Ordnung rufen, dass sie gehorchen und sich trotzdem angenommen fühlen? Entscheidest du, welches Gefühl wann handlungswirksam wird oder machen deine Gefühle, was sie wollen und du bist dem hilflos ausgeliefert? Bist du emotional verlässlich oder neigst du zur emotionalen Verwahrlosung?

 

In weiten Teilen der Philosophie des Abendlandes wird der Mensch seit langer Zeit gern als das „animal rationale“ definiert. Für mich ist das der blanke Hohn. Wenn irgendein Wesen, das diesen Planeten bewohnt, emotional ist, dann ist das der Mensch. Die Wissenschaft kennt kein Lebewesen, das ein derart ausdifferenziertes Gefühlsleben zeigt wie der Mensch. Nicht mal annähernd. Nicht unser Verstand gibt den Takt und die Färbung unseres Lebens vor, sondern unsere Gefühle. Nicht unser Denken entscheidet, ob unser Leben gelingt oder nicht, sondern unsere Gefühle. Fast alle von uns (auch die Autisten), treffen die wesentlichen Lebensentscheidungen nicht mit dem Verstand. (Und so weiter)

 

Wäre es da nicht besser, wenn wir uns mit Gefühlen auskennen und wissen, (a) wie sie funktionieren und (b), was sie sind und was sie nicht sind?

 

Aber wo bleibt der Zauber, wo bleibt das Wunderbare, wo bleibt die Lebensqualität, wenn sogar die Gefühle entzaubert und erklärbar werden? Was ist das noch für ein Leben, wenn auch die Gefühle den Naturgesetzen gehorchen müssen? Wird dann nicht alles schal, unromantisch, öde und grau? Werden wir dann nicht wie Roboter und Maschinen oder sogar – Gott bewahre – wie Autisten?

 

Ich führe solche Gespräche aus beruflichen Gründen öfters mit NTs. Meine Antwort auf diese Fragen geht in zwei Richtungen:

 

(1) Die Gefühle gehorchen den Naturgesetzen, ob dir das gefällt oder nicht. Du kannst deine Augen davor verschließen und in einem vorwissenschaftlichen Denken verhaftet bleiben. Das ist dein gutes Recht. Aber es ändert nichts an den Tatsachen.

 

(2) Wenn du frei werden willst, musst du dir über deine Gefühle klar werden. In dem Maße, wie du dir über deine Gefühle klar wirst, kannst du deine Potenziale entfalten. In dem Maße wie du das tust, wirst du du selbst.

Die Gefühle bleiben dabei wunderbar wie der Sternenhimmel, wie der Flug eines Schmetterlings oder wie eine Sinfonie. Auch und gerade, wenn du Noten lesen kannst und jede Note dieser Sinfonie kennst, kann die Musik dich davon tragen und du kannst ganz und vollkommen in ihr aufgehen.

 

Dabei geht es mir nicht darum, dass der Kopf die Gefühle beherrscht und verdrängt. Es geht mir nicht darum, die Gefühle zu denken.

 

Für mich geht es darum, Herz und Kopf miteinander zu versöhnen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das geht.

Dieser Weg führt in die Freiheit:

 

Hast du Gefühle oder haben deine Gefühle dich?

Hast du Gedanken oder haben deine Gedanken dich?

Der Weg zur Freiheit kann sehr lang sein. Die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen und in vorwissenschaftlichem Denken verhaftet zu bleiben, versperrt ihn.

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Gefühle und Kunstgefühle

Asperger-Autisten (AS) sind gefühlskalt. Das ist so. Das weiß man. Das ist Allgemeingut. Manchmal bemühen sie sich darum, die Gefühlswelt der Nichtautisten (NTs) zu verstehen, aber dabei sind sie genauso unbeholfen wie Commander Data (Star Trek) und nur halb so lustig. Aber meistens sind sie ganz selbstzufrieden mit ihrem maschinenartigen Dasein. Manchmal haben sie tatsächlich ein Gefühlsleben, aber das ist ihnen sehr fremd. Es ist wenig ausdifferenziert und ziemlich unreif. Irgendwie rührend. So wie Sonny (I Robot).

 

Soweit zu den Bildern, mit denen ich konfrontiert werde. Soweit zu den Bildern, denen ich zu entsprechen habe, damit die NTs mich als AS akzeptieren und tolerant mit mir sein können. Denn wehe mir, wenn ich eine ausdifferenzierte, reife Gefühlswelt habe. Dann bin ich ja kein AS mehr. Und dann geht es auch mit der Toleranz der NTs mir gegenüber schlagartig bergab.

 

Ich kann jetzt wieder nur für mich sprechen, nicht für die anderen AS. Ich erlebe die meisten NTs ziemlich genau so, wie sie die AS beschreiben, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Was heißt das jetzt in einfachen Worten? In einfachen Worten heißt das:

 

Ich erlebe die allermeisten NTs als sehr unbeholfen und unreif, was Gefühle betrifft. Sie können Kunstgefühle nicht von echten Gefühlen unterscheiden. Dadurch bringen sie sich jeden Tag in Schwierigkeiten. Sie schwelgen jeden Tag in ihren Kunstgefühlen, mit denen sie auf eine Realität reagieren, die gar nicht da ist (oder besser: die nur in ihnen existiert). Sie verfügen augenscheinlich nur über zwei Kriterien, an denen sie fest machen können, ob ein Gefühl echt ist oder nicht. Für sie ist ein Gefühl echt, wenn es

(a) schonungslos romantisch oder auf andere Weise so richtig überwältigend ist oder

(b) so richtig schön laut ist.

 

Das ist natürlich der reine Unsinn.

 

An dieser Tatsache ändert sich auch nichts dadurch, dass die NTs sich laufend gegenseitig bestätigen, was für großartige echte Gefühle sie da die ganze Zeit haben. Wenn mir NTs unter Tränen aufgebracht entgegen schleudern, dass jeder andere, nur ich nicht, ihre Gefühle für echt halten würde, sage ich dazu meist lapidar: „Fresst mehr Mist. Milliarden Fliegen können nicht irren.“

 

Was ist ein Kunstgefühl?

Ein Kunstgefühl ist ein Gefühl, das mal echt war, dessen Realität aber schon lange untergegangen ist. Es wird wieder und wieder und immer wieder auf’s neue produziert (und erlebt), aber es ist keine Reaktion auf die Realität, die jetzt im Moment da ist.

Beispiel:

Wir stehen im Stau auf der Autobahn. Was machen wir? Ärgern wir uns? Dieser Ärger ist dann kein Kunstgefühl, wenn er Energien frei setzt, mit denen wir angemessen auf diese Situation reagieren können. Wenn wir aber nur fruchtlos und impotent vor uns hinschimpfen, ohne dass wir Dinge in die Wege leiten, die die Situation verbessern, ist das ein Kunstgefühl. Daran ändert sich auch dadurch nichts, dass wir derart laut rumbrüllen, dass alle Scheiben von innen beschlagen. Kunstgefühle produzieren wir wieder und wieder und immer wieder, ohne dass sich irgendwas an der Realität ändert. Wir ärgern uns in jedem Stau erneut.

 

Was ist ein echtes Gefühl?

Ein echtes Gefühl ist ein Gefühl, mit dem wir auf die Realität reagieren, die jetzt gerade da ist. Meistens kann man ein echtes Gefühl daran erkennen, dass es dazu beiträgt, dass wir die Situation meistern.

 

Über neunzig Prozent dessen, was mir die NTs in meiner Umwelt als Gefühl anbieten, weise ich als Kunstgefühl zurück. Damit will ich nichts zu tun haben. Da ich ein gefühlskalter, maschinenartiger AS bin, darf ich das aber auch.

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Berichte aus der Feldforschung 07 - Zeitvertreib

Davon reden die Nichtautisten (NTs), die mich umgeben, oft: Vom Zeitvertreib. Er scheint einen großen Teil ihrer freien Zeit auszumachen. Zeitvertreib gibt es für die NTs in vielen Varianten. Sie hängen vor der Glotze, sie plaudern mit anderen NTs, sie gehen ins Stadion, sie fahren mit dem Motorrad durch die Gegend und machen einen Höllenlärm dabei, sie betreiben Funsport, sie gehen ins Kino oder in die Kneipe. Und so weiter, und so weiter.

 

Für mich ist das sehr eigentümlich. Was vertreiben die NTs da eigentlich, wenn sie sich die Zeit vertreiben? Ich selber halte es mit Michael Ende, der schrieb: „Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ Vertreiben die NTs, die mich umgeben, tatsächlich ihr Leben?!

 

Die Schlussfolgerung daraus ist genauso einfach wie ungeheuerlich: Es gibt NTs, die betreiben in ihrer Freizeit Suizid auf Raten. Sie treiben sich das Leben aus. Natürlich kann es sein, dass ich mich hier irre. Aber ich habe über Jahre immer wieder nachgefragt und immer wieder gleichlautende Antworten bekommen. Demnach sind die meisten NTs dann am zufriedensten, wenn ihre (freie) Zeit „wie im Fluge“ vergeht.

 

Ich weiß nicht wie viele NTs sich die Zeit vertreiben. Es scheint aber eine erhebliche Anzahl zu sein, denn es gibt ganze Industrien, die davon leben, den NTs die Zeit zu vertreiben. Und auf der anderen Seite habe ich noch nie einen NT erlebt, der es weit von sich gewiesen hätte, wenn er von seinen Mit-NTs gefragt wurde, wie er sich seine Zeit vertreibt.

 

Ich habe sehr lange darüber nachgedacht. Kann es sein, dass viele NTs so wenig mit sich und ihrem Leben anzufangen wissen, dass sie es am liebsten wegwerfen würden? Ist ihnen die Zeit, sind sie sich selbst eine derart große Last, dass es ihnen wie eine Befreiung vorkommt, wenn sie mal eine Auszeit vom Leben nehmen können? Wäre ihnen ein nicht endender Opiumrausch die liebste Freizeitform?

 

Ich weiß es nicht. Aber als ich mich damit beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, dass es eine lautstarke, durchkommerzialisierte Strömung des Ersatzlebens gibt:

Der Einkauf wird zum Erlebniseinkauf. Der Urlaub wird zum Erlebnisurlaub. Die Veranstaltung wird zum Erlebnisevent. Und so weiter. Auf einmal wird alles zum Erlebnis. Offenbar reagiert die Industrie hier auf einen diffus erlebten Mangel breiter Bevölkerungsschichten. Wer sich die Zeit vertreibt, erlebt nichts mehr. Es ist sicher sehr unangenehm, den Eindruck zu haben, schon seit Jahren nichts mehr erlebt zu haben. Natürlich kann man sich Leben und Erlebnisse nicht kaufen. Aber der Versuch ist ja nicht strafbar.

 

Ich konnte oft miterleben, was passiert, wenn NTs mit aller Gewalt versuchen, etwas zu erleben. Für mich waren das immer sehr unangenehme und traurige Schauspiele. Meistens bestanden sie eigentlich nur aus brutalen Multimediaangriffen auf alle Sinne gleichzeitig. Dazu kam immer der Alkohol. In riesigen Mengen konsumierter Alkohol versetzte die NTs in einen Dämmerzustand zwischen Leben und Tod. In aller Regel endeten diese Ereignisse damit, dass alle Beteiligten am Ende urlaubsreif oder krank waren. Ihr Körper sagte ihnen eindeutig, dass es nicht gut war, was sie da machten. Das hinderte die NTs aber nicht daran, noch Jahre später davon zu erzählen, wie toll das alles war und mit aller Macht eine Wiederholung dieses Unglücks anzustreben. Es gibt NTs, die die Qualität und die Intensität ihres Lebens in Aspirin messen.  

 

„Erlebnisse“ dieser Art haben mit Leben, wie ich es verstehe, natürlich nichts zu tun. Sie hinterlassen nur das Gefühl dröhnender Leere. Sich das Leben zu vertreiben und dann zu versuchen, es sich durch gekaufte Erlebnisse zurück zu erobern kann nicht die Lösung sein. Wer da, wo das Leben sein sollte, ein Loch hat, kann es mit Geld nicht stopfen.

 

Die Amerikaner sagen: „Wenn du deine Seele verkaufst, vergiss nicht, dir eine Quittung geben zu lassen. Vielleicht willst du sie ja irgendwann mal wieder haben.“

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Es gibt viele AS, die sagen, dass sie besser auf den Planeten Vulkan passen als auf die Erde. Ich finde das sehr gelungen. Auch ich passe wohl eher auf Vulkan als auf die Erde. Aber wenn die AS vom Planeten Vulkan kommen – wo kommen dann eigentlich all die NTs her?

Das Neurotypische Syndrom 04 – Der Planet Lüge

Je stärker jemand am Neurotypischen Syndrom leidet, desto weniger gelingt es ihm, sich selbst die lebensnotwendige emotional-soziale Zuwendung zu geben bzw. diese zu speichern. Deshalb sind Menschen, die am Neurotypischen Syndrom leiden (NTs) zeitlebens darauf angewiesen, dass sie permanent diese Zuwendung von außen bekommen.

 

Das hat gravierende Auswirkungen auf das moralische Verhalten der NTs. Das will ich heute beispielhaft am Verhältnis der NTs zur Wahrheit veranschaulichen.

 

Bleibt der Nachschub an emotional-sozialer Zuwendung aus, oder ist er bedroht, dann erleben die NTs augenblicklich intensive Todesangst. Meist ist ihnen diese Todesangst nicht bewusst. Dennoch richten sie ihr ganzes Leben danach aus, sie zu vermeiden. Emotional-soziale Zuwendung hat im Leben der meisten NTs die höchste Priorität. Nur das Bedürfnis nach Sauerstoff ist noch wichtiger. Dem muss sich auch das Streben nach Wahrheit und Ehrlichkeit unterordnen. Im Ernstfall wird die Wahrheit geopfert. Und im Leben der meisten NTs tritt dieser Notfall ständig ein.

Also weg mit der Wahrheit. Not kennt kein Gebot.

 

Ich will in diesem Zusammenhang die Begriffe „Lüge“ und „Wahrheit“ nicht in einem moralischen Sinne verstanden wissen. Wenn ich über das Neurotypische Syndrom schreibe, dann tue ich das als Wissenschaftler (und zum Teil auch als Harlekin, ich gebe es zu). Aber es liegt mir fern, über das Verhalten der NTs Urteile zu fällen. Das hilft niemandem weiter. Dass NTs pathologische Dauerlügner sind, liegt nicht daran, dass sie moralisch so verkommen sind, sondern daran, dass sie an ihrer tiefgreifenden Entwicklungsstörung wirklich leiden.

 

Ein NT kommuniziert in erster Linie nicht, um die Wahrheit zu sagen, oder um Informationen zu übermitteln. Er kommuniziert primär, um emotional-soziale Zuwendung zu bekommen. Wer das nicht weiß, wird aus dem Kommunikationsverhalten der NTs niemals schlau. Ein NT kann sich nur dann leisten, die Wahrheit zu sagen, wenn er sicher sein kann, dass das seinen Nachschub an emotional-sozialer Zuwendung nicht gefährdet. Und das ist sehr, sehr selten. NT zu sein bedeutet in der Kommunikation vor allem:

Krieg‘ raus, was der andere hören will und sag ihm genau das.

Darin sind die NTs wahre Meister. Aber sie werden nicht so geboren. Sie werden von klein auf in einem rigorosen Programm darauf gedrillt. Anstatt herablassend die Nase darüber zu rümpfen, dass NTs nicht die Wahrheit sagen, sollten wir Verständnis für sie haben. Sie können nicht anders. NT zu sein ist wahrer Leistungssport.

 

Erwachsene NTs drillen und dressieren ihre Kinder schon von klein auf, niemals die Wahrheit zu sagen, sondern immer nur das, was gut ankommt. Die Schule, durch die die kleinen NTs da gehen, ist hart, grausam und unerbittlich. Den erwachsenen NTs tut das ja selber oft leid, wenn sie sehen, wie ihre Kleinen da leiden. Aber sie wissen, dass das Kind da durch muss. Denn hier geht es um nicht weniger als das Überleben in dieser Gesellschaft.

 

Schauen wir uns ein paar Beispiele dieser Dressur an, die jeder kennt.

 

1

Das ganz kleine Kind hat im Supermarkt an der Wursttheke ein Stück Fleischwurst bekommen. Voller Lust beißt es rein. Die Mutter steht daneben und insistiert:

„Nun sag schön: „Danke“!“

Dem Kind ist überhaupt nicht danach. Seine Welt besteht im Moment nur aus Wurst. Wie gut die Wurst schmeckt! Wie schön matschig sich das zwischen den Fingern anfühlt! Wie gut das riecht! Die Welt könnte jetzt so schön und angenehm sein. Aber nein, es muss ja dressiert werden:

„Nun sag schön: „Danke“!“

Dem Kind ist überhaupt nicht nach ‚Danke‘. Es hat seine Wurst bekommen, und die steht ihm zu (es kriegt ja immer welche, nicht wahr?) und jetzt will es sich nur mit dieser Wurst beschäftigen. Die ‚freundliche‘ Verkäuferin springt ‚hilfreich‘ zur Seite und unterstützt die Dressur:

„Na, wie sagt man …?“

Das Kind ist zwischen diesen beiden mächtigen, riesigen Erwachsenen eingefangen wie zwischen Skylla und Charybdis. Es hat keine Lust. Die Wurst schmeckt schon gar nicht mehr.

„Na …?“

Die Erwachsenen lassen nicht locker. Und das kleine Kind weiß aus Erfahrung, dass es keine Chance hat. Es lebt in der NT-Welt, und in der gibt es kein Entrinnen vor dieser Dressur. Alle NTs sind sich einig. Alle hacken auf das Kind ein, wenn es nicht spurt.

„Danke.“ presst es aus sich heraus.

Die umstehenden NTs sind außer sich vor Glück und Freude.

„Na siehst du, geht doch!“

Das Kind würde den Erwachsenen die Wurst am liebsten in die Nase stopfen. Aber es ist ausgeliefert. Es ist hilflos. Es weiß, dass nur ein „Danke“ es aus dieser Situation befreien kann. Und so lernt es rasch, zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten „Danke“ zu sagen. Dieses „Danke“ kommt praktisch nie von Herzen, weil es erpresst worden ist. Aber das macht in der NT-Welt nichts. Dass ein „Danke“, das nicht von Herzen kommt, praktisch wertlos ist, wissen die allermeisten NTs nicht. Hier geht es nur darum, dass Kind anzupassen. Sein „Danke“ ist gelogen. Aber das macht nichts. Das macht überhaupt nichts.

Mit deutlich weniger Lust mümmelt das Kind jetzt an seiner Wurst rum und wartet auf die nächsten Akte der Dressur.

 

2

Das kleine Kind ist nun schon etwas größer geworden. Die schreckliche Tante Frieda kommt zu Besuch. Das Kind kann Tante Frieda nicht leiden. Denn Tante Frieda ist nicht nur hässlich und übelriechig, sondern sie knutscht das Kind zur Begrüßung auch immer ab. Das Kind hat Tante Frieda schon ein paar Mal gesagt, dass sie das lassen soll:

„Geh weg!“

Aber da haben die Erwachsenen immer mit ihm geschimpft. Tante Frieda sei doch nett und das Kind solle sich nicht so haben. Und es wäre doch schön, zur Begrüßung umarmt zu werden. Lauter solche Sachen.

Tante Frieda kommt also. Das Kind hat schon seit Stunden Bauchschmerzen. Und als sie dann da ist und sich übelriechig und übergriffig zum Kind runterbeugt, umarmt sie nicht nur, nein, sie hat sich eine neue Gemeinheit ausgedacht:

„Na, hast du denn deine Tante Frieda auch lieb?“

Das Kind schaltet blitzschnell. Wenn es Tante Frieda jetzt – vor allen Erwachsenen - die Wahrheit sagt, dann ist die Hölle los. So sagt das Kind Tante Frieda nicht, dass sie tot umfallen soll, sondern presst sich ein

„Ja“ ab.

Und dafür wird es dann von Tante Frieda ganz besonders intensiv geherzt. Und alle Erwachsenen freuen sich.  

 

3

Das Kind geht seit einigen Jahren zur Schule. Hier wird die Dressur durch die Lehrer und alle anderen NTs fortgesetzt und intensiviert.

„Warum hast du deine Hausaufgaben nicht?“, will die Lehrerin mürrisch wissen.

Unvorsichtigerweise sagt das Kind die Wahrheit:

„Ich hatte keine Lust.“

Die Folgen sind so fürchterlich, dass das Kind diese Szene nie wieder vergisst.

 

 

Das waren jetzt nur ein paar exemplarische Ausschnitte. Wer mit wachen Augen durch die Welt geht, kann diese Dressur der NT-Kinder überall beobachten, wo sie gerade sind. Zunächst sind es vor allem die Erwachsenen, die das Kind dressieren, später dressieren die Kinder sich auch gegenseitig. Von früh auf lernt das Kind: Wenn du die Wahrheit sagst, dann geht es dir schlecht. Dann setzen sie dich unter Druck, dann wenden sie sich von dir ab.

 

Und wenn dieses Kind irgendwann mal als Erwachsener verheiratet ist, und der Partner fragt:

„Steht mir das eigentlich?“,

dann braucht dieser NT nicht mehr nachzudenken. Die Reflexe sitzen.

 

Niemand wird als Lügner geboren. Aber in der NT-Welt überlebst du nicht, wenn du nicht dauernd lügst. Da die Eltern das wissen, richten sie ihre Kinder zum Lügen ab. Die Kinder leiden sehr stark darunter. Aber irgendwann nehmen sie es resignierend hin, weil es so allgegenwärtig ist. Alle lügen. Ständig. So lernt das kleine Kind, sich auf dem Planet Lüge häuslich einzurichten.

 

 

Ich verdiene mein Geld unter anderem damit, dass ich Seminare zum Thema Kommunikation gebe. Am Anfang frage ich die Teilnehmer gerne, was denn eine positive Eigenschaft von ihnen sei. Und oft genug bekomme ich tatsächlich zu hören:

„Ich bin immer zu allen ehrlich. Auch wenn es mir schadet.“

Anfangs dachte ich bei sowas, ich hätte mich verhört. Aber inzwischen weiß ich aus Erfahrung, wie diese Aussage einzuordnen ist. Wenn die Zeit gekommen ist, führe ich diese NTs behutsam an die Realität heran. Ich nenne diese Seminarsequenz:

„Übung für Singles und alle, die es werden wollen.“

 

Wenn so ein Teilnehmer männlich und verheiratet ist (was meistens der Fall ist), binde ich ihn in ein Rollenspiel ein. Einzige Aufgabe für ihn: Er muss die Wahrheit sagen. Ich spiele seinen Ehepartner.

Und dann geht’s los:

„Scha - hatz?“, flöte ich.

„Ja?“

Ich drehe mich prüfend vor einem imaginären Spiegel:

„Findest du eigentlich, dass ich dick geworden bin?“

Gelächter aus der Gruppe, die zuschaut. Der NT windet sich:

„Nunja, das würde ich so nicht sagen.“

Mehr Gelächter. Nicken. Alle kennen das.

Ich flöte weiter:

„Nein, Schatz? Wie würdest du es denn sagen?“

„Naja – du bist vielleicht … vielleicht ein bisschen mehr nach außen tailliert als früher.“

Ich stemme wütend die Arme in die Seiten. Ich starre ihn giftig an:

„Du liebst mich nicht mehr!“, blaffe ich los.

„Aber du siehst immer noch wirklich gut aus!“, wirft der Ehemann schnell hinterher. „Noch besser als früher.“

 

An der Stelle breche ich ab.

Ich bitte jetzt, der Ehemann sein zu dürfen und bitte einen von den Teilnehmern, die Ehefrau zu spielen. Meistens ist mindestens einer in der Runde, der ebenso gerne der Harlekin ist wie ich. Und so werde ich schon Sekunden später angeflötet:

„Scha – hatz?“

„Ja, Herzilein?“

„Ich bin über die Feiertage ein bisschen dick geworden, findest du nicht?“

„Nicht nur ein bisschen. Ich finde, du hast ordentlich zugelegt.“

„Waaas?!!“

 

Szenen einer NT-Ehe.

Wenn Sie selbst in einer NT-Beziehung leben, probieren Sie es aus:

Nehmen sie sich einen beliebigen Tag, an dem Sie mit ihrem Partner den ganzen Tag zusammen sind. Sagen Sie ihrem Partner an diesem Tag nur die Wahrheit, nichts als die Wahrheit und die reine Wahrheit. Er ist also z.B. nicht nach außen tailliert, sondern sie finden tatsächlich, dass er dicker geworden ist.

Wenn der Partner Sie fragt, ob Sie beleidigt sind, sagen Sie die Wahrheit.

Wenn der Partner Sie fragt, wie es Ihnen geht, sagen Sie die Wahrheit.

Wenn der Partner Sie fragt, was Sie jetzt wollen, sagen Sie die Wahrheit.

Wenn der Partner Sie fragt, ob Sie mit dem Sex zufrieden sind, sagen Sie die Wahrheit.

Wenn Sie das, was Ihnen Ihr Partner da erzählt, gar nicht interessiert, sagen Sie es ihm.

Und so weiter.

Und versuchen Sie ja nicht, sich aus der Affäre zu ziehen, indem Sie den ganzen Tag nur über völlig belanglose Themen sprechen wie das Wetter! Das gilt nicht. Wenn Sie sich auf so ein Experiment einlassen, dann bitte auch das volle Programm. Beginnen Sie mit den berühmten Worten:

„Schatz, wir müssen reden!“

Der Rest ergibt sich.

 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass spätestens gegen Mittag die Stimmung total im Eimer ist und im Verlaufe dieses Nachmittags die Beziehung in eine schwere Krise gerät.

 

Sollte das jedoch nicht der Fall sein: Glückwunsch! Auch das ist möglich. Es ist nicht besonders wahrscheinlich, aber es ist möglich.

Vielleicht können Sie sich in so einem Fall mit Ihrem NT-Partner darauf verständigen, es weiterhin mit der Wahrheit zu versuchen. Das kann eine sehr, sehr befreiende Erfahrung sein.

Aber seien sie weiterhin vorsichtig: Die meisten NTs vertragen die Wahrheit in der Kommunikation nur in homöopathischen Dosen. Wahrheit ist eine Nahrung, die die meisten NTs nicht verdauen können. Ihre Fähigkeit, die Kommunikation des anderen so zu interpretieren, dass sie sich ungeliebt oder zumindest abgelehnt fühlen können, grenzt ans Artistische.

 

Aber vielleicht sind Sie ja gerade Single. Vielleicht haben Sie gerade keinen Partner, mit dem Sie dieses Experiment durchführen können. Nun, da weiß ich Abhilfe:

Falls Ihnen der Sinn nach Arbeitslosigkeit steht, führen Sie dieses Experiment doch einen Tag an Ihrem Arbeitsplatz durch. Lassen Sie einen Tag lang Vorgesetzte, Kollegen, Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten an Ihrer neugefundenen Liebe zur Wahrheit teilhaben. Das sollte reichen, um Ihnen in der nächsten Zeit viel Tagesfreizeit zu verschaffen.

 

 

NTs leben auf dem Planet Lüge. Dort leben sie Tag und Nacht. Die Wahrheit darf hier nur dann gesagt werden, wenn der andere sie hören will. Und das ist extrem selten. Leben Sie damit. Und wenn Sie das Glück haben sollten, ein seelisch gesunder AS zu sein, mit der für AS typischen Neigung, die Wahrheit zu sagen – vergessen Sie’s. Die will auf dem Planet Lüge niemand hören. Es wird Ihnen nicht viel ausmachen, ich weiß. Aber wenn Sie beruflich oder sozial erfolgreich sein wollen, müssen Sie sich ein Mindestmaß an Lügerei antrainieren. Sonst werden die NTs sich mit geballter Macht und geballtem Hass gegen Sie stellen. Und das ist dann eher unangenehm.

 

Ich bin selber AS. Mir geht diese ständige Lügerei fürchterlich auf den Geist. Aber nachdem ich ein paar Jobs wegen zu großer Neigung zur Wahrheit verloren hatte, war auch ich kuriert. Lüge ich sie halt an, die NTs. Wenn sie das so brauchen!

 

„Nein, Schatz, du siehst fabelhaft aus.“

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Kommentare: 3
  • #1

    NeoSilver (Mittwoch, 18 Januar 2017 17:52)

    Wie hast du es deinen Kindern beigebracht?
    Es ist ja ein Mechanismus der Welt, welchem sich keiner von uns wirklich entziehen kann.

    Und auch wir als Autisten sind ihm unterworfen, ob wir es wahr haben wollen oder nicht.
    Negligieren wir es, werden wir die negativen Konsequenzen der Welt erleben, uns zurückziehen und vermutlich unsere Ziele nicht erreichen.

    Es kostet demnach sehr viel Energie.
    Erfahrungen welche auch uns prägen, werden wir auch versuchen unseren Kindern nahezulegen.
    Wollen wir das sie die gleichen negativen Erfahrungen machen oder sagen wir ihnen das sie so handeln sollen, wie in den Beispielen erwähnt.

    Der Unterschied bleibt nur, dass wir es auf eine anderen Sichtweise und unterschiedlichen Grundlage erklären können.
    Die Quintessenz bleibt aber leider die selbe, wir sind dieser Macht ebenso unterworfen wie die NT's.

  • #2

    Stiller (Donnerstag, 19 Januar 2017 01:25)

    Wie habe ich meinen Kindern was beigebracht?
    Wenn du das Beispiel mit dem Supermarkt meinst: Ich habe mich bei den Verkäuferinnen in ihrem Namen bedankt, bevor sie beginnen konnten, Druck auf meine Kinder auszuüben.
    Wenn du das Beispiel mit den übergriffigen Verwandten meinst: Wenn sie von Verwandten nicht berührt werden wollten, durften sie das äußern. Ich habe ihre Interessen den anderen Erwachsenen gegenüber verteidigt.
    Wenn du das Beispiel in der Schule meinst: Da habe ich ihnen nichts zeigen müssen. Dass man sich manchmal klug verhalten muss, wussten sie zu diesem Zeitpunkt.

    Zum Kult um die Wahrheit, den die NTs - gerade in der Kindererziehung - so gerne veranstalten:
    Hier kann ich auf einen Dialog zwischen meiner Frau und mir verweisen. Wir hatten ihn, als unsere Kinder noch klein war:

    Frau (entrüstet): "Die Kinder haben mich angelogen!"
    Stiller: "Das ist gut. Das ist eine wichtige Fähigkeit, die sie da gelernt haben."
    Frau (entrüstet): "Aber sie haben mich angelogen!"
    Stiller: "Sie werden ihre Gründe gehabt haben."
    Frau (entrüstet): "Aber das geht doch nicht, dass sie einfach so lügen."
    Stiller: "Du siehst doch, dass das geht. Offenbar warst du eine gute Lehrerin. Und sprich doch nicht immer von "Lüge". Sprich von "kreativer Wirklichkeitsgestaltung". Das hört sich dann gleich viel netter an."

    Den Kult, den NTs häufig um die Wahrheit machen - und den ich als heuchlerisch und ignorant erlebe - will ich an anderer Stelle mehr schreiben.

    Meine beiden Töchter gelten als ausgesprochen höflich und sozial gut integriert. Sie sind sehr beliebt. Und das nicht, weil sie gelernt haben zu lügen, wann immer es passend erscheint. Sondern z.B. weil es wirklich von Herzen kommt, wenn sie sich bedanken. Oder weil es z.B. wirklich ehrlich gemeint ist, wenn sie jemandem sagen, dass sie ihn mögen.

    Aber sie können lügen wie gedruckt (Redewendung), wenn es sein muss. Sie sind ja nicht bescheuert.

    Es ist ein Unterschied, ob man als Kind dazu dressiert wird zu lügen, oder ob der Vater immer wieder Hinweise gibt:
    "Manchmal muss man sich klug verhalten."

  • #3

    NeoSilver (Donnerstag, 19 Januar 2017 09:29)

    Ich meinte es allumfassend, bezogen auf die Gesellschaft. Du hast aber eine gute Antwort geliefert, trotz meiner Uneindeutigkeit.

    Ich mag die Art wie du mit Situationen umgehst.
    Leider kann ich es oft nicht so gut, wie du es beschreibst. Aber ich arbeite daran verschiedene Dinge besser zu bewältigen.

    Aber ich nehme an, du warst nicht von Anfang an so versiert in diesem Bereich.
    Erinnerst du dich an Geschehnisse, bei denen du einen Fehler gemacht hast und es auch nicht so gut selbst reflektieren konntest, wie du es scheinbar heute kannst?
    Dabei meine ich nicht explizit Geschehnisse mit der Familie.

    Tatsächlich könnte ich mir gut vorstellen einmal ein längeres Gespräch mit dir zu führen. Es könnte sehr interessant werden.
    Eventuell findet irgendwann einmal ein Vortrag in meiner Nähe statt, an dem ich dann teilnehmen könnte.
    Mein Interesse daran besteht jedenfalls immer noch.

    Falls du dazu nähere Informationen hast, diese aber nicht Öffentlich schreiben möchtest, kannst du es auch via Email oder PM im Forum tun.

Momente wie diese

AutismusTherapieZentrum in Köln. Ich habe einen mehrstündigen Termin. Mir wird gesagt, ich könne im Wartezimmer Platz nehmen – das würde jetzt ein wenig dauern. Heißa! Zeit für mich und meine Spezialinteressen!

Ich setze mich mit Stöpseln in den Ohren in die hinterste Ecke des Wartezimmers und vertiefe mich in mein Schachprogramm. Heute steht an, Mattmuster zu trainieren – das kann ein wenig dauern.

Ruckzuck bin ich völlig in mein Schachspiel vertieft – geradezu versunken. Ich fühle mich großartig. Hier bin ich Autist. Hier darf ich’s sein.

 

Pang!

 

Durchdringend rollt ein metallenes Scheppern durch den Raum. Für genau diese Situationen trage ich immer die Stöpsel in den Ohren. Ich schaue auf. Was ich wahrnehme, ist das:

 

Da sitzt ein Junge auf dem Fußboden des Wartezimmers. Fünf bis sieben Jahre alt. Autist. Vermutlich Kanner. Er hat sich die drei niedrigen Hocker vorgenommen, die da auf dem Boden stehen. Sie haben sehr kurze Holzfüße und eine metallene Sitzfläche.

 

Pang!

 

Mit der flachen Hand schlägt er auf die Sitzfläche eines Hockers, dreht seinen Kopf verzückt zur Seite und lauscht. Ich weiß nicht, ob er den Ton nur hört, oder ob er ihn auch sehen kann. Ich jedenfalls kann diesen Ton sehen: Eine eigenartige, hellblaue Membran schwebt langsam nach oben Richtung Decke.

 

Pang!

 

Der Junge haut mit der flachen Hand auf den zweiten Hocker. Eine braune Membran, die etwas größer ist als die blaue, schwebt hinterher in Richtung Zimmerdecke. Der Junge lauscht.

 

Pang! … Pang!

 

Zweimal haut der Junge mit der flachen Hand auf die Hocker. Erst auf den mit dem blauen Ton, und dann auf den mit dem braunen Ton. Verzückt lauscht er hinterher. Ich weiß nicht, ob er sieht, was ich sehe. Aber ich sehe sofort, was er vorhat: Er versucht aus den Tönen eine Figur oder sogar ein Gebäude zu bauen.

 

Pang!   Pang!   Pang!

 

Der Junge ist richtig gut. Er weiß genau, was er da macht. Aus den Membranen beginnt sich eine Art Pyramide zu formen. Ein Zwischending aus Indianerzelt und Pyramide.

 

Der Junge bemerkt meinen Blick. Er schaut zu mir hoch. Ich strahle ihn an und nicke ihm aufmunternd zu. Selten in meinem Leben bin ich einem Menschen in so kurzer Zeit so nahe gekommen.

 

Der Junge fühlt sich ermutigt. Er freut sich. Voller Energie holt er richtig aus.

 

Pang!

 

Das war nun eindeutig zu laut. Das Gebäude ist nicht mehr zu erkennen. Er sieht das, und ich sehe das. Er konzentriert sich wieder auf seine Töne: Er schlägt auf die Sitzfläche und lauscht verzückt den Tönen hinterher.

 

Pang!

 

Er beginnt, mit den Rhythmen und den Farben  zu experimentieren. Anfangs probt er offenbar ganzzahlige Abstände durch 1 … 3 … 4, zähle ich. Dann probiert er 1 … 3 … 5 aus. Dann geht er zu gebrochenen Zahlen über. Er wird immer besser. Sein Pyramidenwigwam nimmt jetzt richtig Formen an. Die Membranen sind immer besser aufeinander abgestimmt.

 

Ich vertiefe mich wieder in mein Schachspiel. Vor mir huschen kleine Figursymbole über den Bildschirm:

Läufer schlägt auf F8, König nach H7 …

Und im Hintergrund wabern farbige Pyramiden durch die Gegend.

Turm nach H6 – matt.

 

Ganz plötzlich hören die Membranen auf zu schweben. Ich schaue auf: Ein junger Mann ist auf den Pyramidenbauer zugetreten. Ein NT. Anscheinend arbeitet er hier als Therapeut oder sowas. Der Junge schaut kurz zu ihm hoch. Dann guckt er wieder woanders hin. Seine Hände ruhen auf seinen Beinen. Der NT hockt sich vor ihn hin.

 

Einen Moment passiert nichts.

Der NT weiß offenbar nicht recht, was das für eine Situation ist, die er hier vorfindet. Ich kann nicht sagen, was der Junge sieht und hört. Der NT sieht und hört es ganz offensichtlich nicht.

Stille.

Der NT hockt weiter vor dem Jungen. Der wartet ab.

Dann schlägt der NT mit seinen Handflächen auf die Sitzflächen. Offenbar will er Kontakt mit dem Jungen aufnehmen. Er schlägt abwechselnd mit der rechten und mit der linken flachen Hand auf die Sitzflächen. Er nutzt dabei anders als der Junge nicht die ganze Handfläche, sondern nur seine Finger. Viermal schlägt er auf die Sitzflächen. Zweimal auf die eine, zweimal auf die andere. Der Rhythmus passt überhaupt nicht. Der erste Schlag sitzt gut, aber der zweite und der dritte sind viel zu weit vom ersten entfernt und zu dicht beieinander. Und der vierte passt wiederum nur zum ersten. Die Farben, die entstehen, sind krude. Sie schweben nicht wie die Membranen von vorhin sondern fallen fast sofort auf den Boden, wo sie versickern.

 

Einen Moment passiert nichts.

Dann sagt der NT zum Jungen:

„Wollen wir hochgehen?“

Eine typische NT-Frage. Unstrukturiert, undurchdacht. Wer als Autist keine Erfahrung mit solchen Fragen hat, der kann nur raten, worum es jetzt geht und was der andere eigentlich von ihm will. Aber der Junge hat offenbar Erfahrung und mag diesen Mann. Gemeinsam verlassen sie das Wartezimmer. Es bleibt keine Disharmonie zurück.

 

Es sind Momente wie diese, wo ich manchmal den Eindruck habe, dass ein Zusammenleben zwischen AS und NT doch möglich ist.