Die Sprüche der Ahnungslosen 05 – Uns geht’s doch gut!

*** Achtung bitte: Dieser Text enthält Triggerkram ***

 

 

Vor ein paar Tagen saß ich bei uns daheim im Wohnbereich am Tisch. Mir gegenüber saß die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin. Wir aßen schweigend. Mir ging es wirklich nicht gut. Ich war im Inneren stark beschäftigt mit Bruchstücken einer alten Erinnerung, die ganz allmählich wieder an die Oberfläche kommt, und die so nach und nach Form und Gestalt annimmt:

 

Ich war als kleines Kind von meinen leiblichen Eltern an fremde Männer verkauft worden, die mich daraufhin in ihr Auto schleppten und wegfuhren, um ganz schlimme Dinge mit mir zu tun. Das alles nehme ich bislang nur sehr schemenhaft wahr. Aber die Gefühle und Stimmungen, die dabei jetzt schon hochkommen, die sind wirklich wuchtig.

 

Noch heute ist es so, dass ich ziemlich sicher in panikartige Zustände gerate, wenn dieses zusammenkommt:

a)    Ich werde in einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor gefahren – Auto, Bus, was auch immer. Wichtig ist, dass es ein Verbrennungsmotor ist. In   Zügen zum Beispiel habe ich dieses Gefühl nie.

b)    Ich fahre nicht selber, sondern ich werde gefahren.

c)    Die Fahrt dauert recht lange. Bei Kurzstrecken – z.B. ich fahre mit jemandem zur Tankstelle oder zum Supermarkt – habe ich dieses Gefühl nie.

d)    Die Fahrt ist zu Ende, und das Fahrzeug hält an. Solange das Fahrzeug noch fährt, ist alles in Ordnung.

e)    Diese Fahrt ist nicht bei mir daheim zu Ende oder an einem Ort, der mir gut vertraut ist, sondern woanders.

 

Immer wenn diese fünf Dinge zusammenkommen, dann ist bei mir im Inneren ziemlich sicher Weltuntergang. Ich kann mich nicht erinnern, dass das jemals in meinem Leben anders war. Und so, wie es zur Zeit aussieht, sind die Ursachen dieser panikartigen Zustände allmählich Thema in meiner Therapie. Da kommt ziemlich wuchtig was auf mich zu und nimmt allmählich Gestalt an. Oder wie ich es gegenüber meiner Therapeutin formulierte:

„Der sprichwörtliche seidene Faden, an dem das eigene Leben hängen kann – verglichen mit dem, woran unser eigenes Leben hängt, ist dieser seidene Faden ein richtig dickes Seil.“

 

Wie gesagt: Ich saß schweigend bei uns am Esstisch. Auch wenn es einem so schlecht geht, bekommt man irgendwann Hunger und muss was essen.

 

Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, stocherte schweigend mit der Gabel in dem Gemüse herum, das auf ihrem Teller lag. Dann unterbrach sie diese Tätigkeit plötzlich. Sie schaute auf und blickte zu mir herüber. Dann sagte sie:

 

„Uns geht’s doch gut!“

 

Uns. Damit meinte sie sich und mich. Dergleichen sagt sie hin und wieder. Ein äußerer aktueller Anlass ist für mich dann nicht erkennbar. Vielleicht besteht ein ursächlicher Zusammenhang mit den hochdosierten Antidepressiva, die sie seit einiger Zeit regelmäßig nimmt – ich weiß das nicht.

 

„Uns geht’s doch gut!“

 

Sie kriegt dann immer so einen golden-verklärten Blick, wenn sie sowas sagt. Mit so einem Blick könnte sie auch in einem Werbespot im Fernsehen auftreten: Jemand hält eine wirklich preisgünstige Familiengroßpackung Frühstücksmargarine ins Bild, mildes Sonnenlicht bescheint einen Esstisch, an dem eine Großfamilie sitzt, die so glücklich ist, dass es die Krümmung der Raumzeit noch in beträchtlicher Entfernung signifikant beeinflusst, und dann taucht jemand mit diesem Blick auf, um der staunenden Welt etwas zu diesem wirklich einmaligen Angebot zu erzählen.

 

„Uns geht‘s doch gut!“

 

Sie hat keine Ahnung, wie es mir geht, und was mich beschäftigt. Nicht mal im Ansatz. Es interessiert sie nicht, und ich erzähle es ihr auch nicht. Ich spinne ja nicht. In dieser Hinsicht hält sich mein Mitteilungsbedürfnis wirklich sehr in Grenzen.

Aber sie weiß, dass es „uns“ gut geht.

 

Hat sie eine Ahnung, was sie in mir auslöst mit diesem Satz in dieser Situation? Ganz sicher nicht. Würde es etwas zum Positiven verändern, wenn ich ihr Hinweise geben würde, wie die Dinge bei mir liegen? Ganz sicher nicht. Das würde weder Interesse noch Verständnis in ihr hervorrufen. Und bei Licht betrachtet: Wenn ich jemandem in so einer Situation schildern würde, was in mir vorgeht, und dieser Mensch wäre nicht erfahren oder gut vorbereitet, dann könnte allein meine Schilderung dazu führen, dass es ihn so traumatisiert, dass er Hilfe braucht.

Also schweige ich.

 

„Uns geht’s doch gut!“

 

Dergleichen Unsinn höre ich recht häufig. Gerne auch in anderen Formen:

„Uns in Deutschland geht’s doch gut!“

„Den Deutschen geht’s gut!“

„Wir haben doch alles!“

 

Den Deutschen geht’s gut.

Ist das so?

Gilt das auch für die Kinder in Deutschland, die gerade von ihren Eltern geschlagen werden? Gilt das auch für die Frauen und Mädchen, die in Deutschland in diesem Moment vergewaltigt werden? Gilt das auch für die Jungen und Männer in Deutschland, die von starken Suizidimpulsen getrieben überlegen, wie sie den Tag überstehen sollen und sich ernsthaft fragen, ob sie den nächsten Tag überhaupt erleben wollen?

Nur so als Beispiele.

Diese Liste ließe sich spielend leicht noch um einiges verlängern.

 

„Den Deutschen geht’s doch gut!“

 

Mensch, halt bloß die Klappe!

 

Wenn’s dir gut geht, dann nehme ich das zur Kenntnis. Ich freue mich für dich, und ich wünsche dir, dass es dir auch weiterhin gut geht.

Aber untersteh‘ dich, Aussagen dieser Art über andere zu machen!

 

Weißt du, was es (zum Beispiel) in Vergewaltigungsopfern auslösen kann, wenn du ihnen Dinge sagst, die sich so anhören:

„Da kommst du drüber weg.“

„Kopf hoch, es gibt schlimmeres. Überleg doch mal …“

„Aber überleg‘ doch mal … du hast immer noch deine Wohnung und deinen Job.“

„Aber du hast doch gute Freunde, die immer zu dir stehen, zu denen du immer kommen kannst …“

oder eben:

„Dir geht’s doch gut!“

 

Was löst es in einem Vergewaltigungsopfer aus, wenn du ihm sagst:

„Du hast doch alles, was du brauchst“?

Weißt du das oder weißt du das nicht?

Wenn du es nicht weißt, dann lass es einfach. Sei einfach mal still und halt die Klappe.

Falls du es weißt und es dennoch tust, dann sollst du in der tiefsten Hölle schmoren. Und dabei soll eine CD mit Heinos größten Hits in Dauerschleife laufen.

 

Wenn du mit anderen Menschen zu tun hast, dann weißt du niemals, welches Leid und welche Hölle sie tatsächlich in sich tragen. Du kannst nur in Demut davor stehen und dir deiner beinahe grenzenlosen Unwissenheit bewusst sein. Wenn es dir gut geht und du davon erzählen willst, dann sprich von dir, aber lass die anderen außen vor.

 

Dir steht keine Aussage darüber zu, wie es anderen geht.

 

Falls es dir gut geht, dann ist das sehr schön, und wenn du davon erzählen willst, dann ist das sehr willkommen. Aber hör auf, anderen zu sagen, wie’s ihnen geht und was sie alles haben.

 

Lass die Scheiße!

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