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Das Neurotypische Syndrom 28 – Agieren ohne Auftrag

Neulich fuhr ich mit der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin zum Einkaufen. Sie ist neurotypisch, ich bin das nicht. Auf dem Weg zum Supermarkt fuhr ich bei der Bank vorbei, um mich mit Bargeld zu versorgen. Der Bankautomat war kaputt, die Bankfiliale war geschlossen. Also gab es jetzt erst mal kein Bargeld. Ich fand das ärgerlich und ging zum Auto zurück, um weiter zum Supermarkt zu fahren.

 

Während ich losfuhr, unterrichtete ich die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, vom Stand der Dinge. Ich fragte sie, ob sie genug Bargeld für den Einkauf dabei hätte. Sie sagte, sie würde mit Karte bezahlen.

 

Also war das geklärt.

Ich fuhr mit dem Auto aus dem Parkhaus.

 

In den nächsten fünf Minuten produzierte die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, unablässig Ideen, wo und auf welche Weise ich jetzt an Bargeld kommen könnte. Da sie neurotypisch ist, behielt sie diese Ideen nicht für sich, sondern unterrichtete mich wortreich und in Echtzeit darüber, was in ihrem Inneren so alles vorging.

Vor vielen Jahren habe ich sie immer wieder darum gebeten, sowas zu lassen. Seit vielen Jahren tue ich es nicht mehr, weil es eh nichts bringt. Resigniert habe ich ihr damals gesagt:

„Mit dir zusammen zu sein kommt dem Zustand, Gedanken lesen zu können schon sehr nahe.“

Sie ist neurotypisch, und das bedeutet:

Sie kann nicht anders. Sie kann ihr Verhalten nur in sehr begrenztem Maße steuern. Und manchmal hat sie dann eben maligne Logorhoe.

 

Also – in Zeitlupe:

Die Problemstellung war nicht:

„Wie komme ich jetzt an Bargeld?“

Denn dieses Problem war ja schon gelöst: Sie wollte die Einkäufe mit ihrer Karte bezahlen. Und dennoch – sie ist ein so hilfreicher Mensch …

 

Und hier beginnt für mich das Problem mit der Art, in der die NTs in der Welt sind: Sie agieren so häufig ohne Auftrag. Das macht die Kommunikation mit ihnen extrem anstrengend für mich. Denn wann immer ich den NTs eine simple, sachliche Information gebe, muss ich damit rechnen, dass sie so tun, als hätte ich ihnen damit einen Auftrag gegeben. Und dann geht’s rund.

Dann geht’s zur Sache.

Dann werden sie distanzlos und übergriffig.

 

Beinahe jedes Mal, wenn ich einem NT eine sachliche Information geben muss, löst das also intensiven Stress in mir aus:

·      Welchen sozialen Auftrag wird er jetzt in diese Information hineininterpretieren?

·      Mit welchen ungewollten Reaktionen und Übergriffen muss ich jetzt rechnen?

·      Wie kann ich das so formulieren, dass er möglichst wenig übergriffig wird?

 

Ich will euch ein paar Beispiele aus meinen zahlreichen Beobachtungen geben. Ich nehme an, ihr kennt ähnliches aus eurem Leben.

 

 

1

Ich mache eine berufsbegleitende Weiterbildung, die mehrere Jahre dauert. Psychokram. Wir treffen uns mal wieder für ein mehrtägiges Seminar, um Neues zu lernen und Altes zu vertiefen. In der Eingangsrunde sage ich, dass ich mir große Sorgen um meinen Arbeitsplatz mache, weil mein Unternehmen von einem anderen Unternehmen gekauft worden ist.

Die spontane Reaktion der Frau, die in dieser Runde den Ober-NT gibt:

„Am liebsten würde ich dich jetzt in den Arm nehmen.“

Meine spontane Reaktion darauf:

„Untersteh dich!“

 

Für die NTs unter euch:

Die Problemstellung, die ich hier skizziert hatte, war nicht:

„Wer nimmt mich jetzt bloß in den Arm?“, sondern

„Wie rette ich meinen Job bzw. wo bekomme ich einen neuen her, wenn der alte den Bach runter geht?“

 

Dadurch, dass mich jemand in den Arm nimmt, komme ich mit dieser Problemstellung nicht einen Millimeter weiter, eher im Gegenteil.

 

Also:

Ich hatte eine Problemstellung umrissen.

Ich hatte keinen Auftrag gegeben.

 

Die NT-Frau hatte

a) aus dem, was ich in klaren und schlichten Worten geschildert hatte, für sich eine völlig anders gelagerte Problemstellung gebastelt

b) einen Auftrag gehört, den ich nicht mal angedeutet hatte, geschweige denn im Sinn gehabt hatte

c) den intensiven Impuls verspürt, diesen Auftrag sofort auszuführen.

 

NT und Realität – das geht so oft einfach nicht zusammen!

Manchmal sind die NTs echt nicht zurechnungsfähig.

 

 

2

Ich bin mit dem Auto auf bergigen Landstraßen unterwegs zu einem Tagungshotel ganz weit draußen. Das ist so eine Gegend, wo der Fuchs eingeflogen werden muss, wenn er dem Hasen Gute Nacht sagen soll. Keine Ahnung, warum Tagungshotels so oft in solchen Einöden zu finden sind. Wie auch immer - ich soll gleich ein mehrtägiges Seminar beginnen, und ich bin deutlich zu spät losgefahren. Das macht mir mein Navi erbarmungslos klar. Es sind viele, viele Kilometer, und es ist ein Rennen gegen die Zeit. Unter Missachtung zahlreicher Verkehrsregeln, an die ich mich sonst natürlich selbstverständlich immer halte, sause ich durch die Botanik und mache unaufhaltsam Boden gut. Und dennoch – als ich das Hotel erreiche, habe ich weniger als eine Stunde Zeit, um den Seminarraum vorzubereiten, das ist verdammt knapp.

 

Ich haste mit meinem Gepäck über den staubigen Parkplatz zur Rezeption. Hinter der Rezeption steht der übliche NT, der immer an dieser Stelle steht – gusseisernes Lächeln, Herz und Gemüt eines Drachentöters und die Ruhe selbst. Es entwickelt sich dieser Dialog:

Stiller: „Tag, mein Name ist Stiller von der [Name des Unternehmens, für das ich arbeite]. Ich soll hier gleich ein Seminar leiten. Ich bin zu spät dran. Kann ich bitte sofort in den Tagungsraum?“

Drachentöter (Wendet seinen Blick von mir ab auf sein Drachentöterdisplay, auf das er immer guckt, wenn er Informationen verifizieren muss):

„Sie sind wer nochmal?“

„Stiller von der [Name des Unternehmens, für das ich arbeite]“

Drachentöter (klickt auf seinem Drachentöterdisplay herum):

„Ach ja, hier haben wir’s ja. Herr Stiller, von der [Unternehmensname].“ Er guckt wieder von seinem Drachentöterdisplay auf zu mir. Sein Lächeln ist gusseisern, seine Manieren sind formvollendet.

„Herzlich willkommen bei uns, Herr Stiller. Waren sie denn schon mal bei uns?“

„Ja, ich war schon mal bei Ihnen, ich hatte auch eine hervorragende Anreise, und es ist ein wundervoller Tag. Aber ich leite gleich ein Seminar, und ich bin zu spät dran. Ich brauch‘ den Schlüssel zum Tagungsraum. Kann ich den haben, bitte?“

Der Drachentöter ist die Ruhe und die Milde selbst. Er weiß, was los ist und antwortet fest und bestimmt:

„Sie brauchen erst mal ein Zimmer.“

 

 

3

Mittagessenzeit. Bei mir daheim. Anwesend: Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin und ich. Ich öffne den Kühlschrank, und dieser Dialog entwickelt sich:

Stiller: „Scheiße!“

Frau: „Was is'?“

Stiller: „Ich hab‘ vergessen, Cola in den Kühlschrank zu stellen.“

Frau kommt in die Küche, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Sie guckt intensiv und lange in den Kühlschrank.

Frau: „Ja, da steht keine Cola im Kühlschrank.“

Stiller: (schweigt, denkt nach).

Frau: „Das hast du wohl vergessen.“

Stiller: „Wo krieg‘ ich jetzt Cola her?“

Frau: „Das kann ja mal passieren. Passiert mir auch manchmal.“

Stiller: „Ich glaub‘, ich hab‘ noch ein paar Flaschen im Auto.“

Frau: „Wir haben aber auch noch Wasser von der Quelle im Keller.“

Stiller: „Nee, ich will Cola. Ich geh’ zum Auto.“

Frau: „Da ist im Keller auch noch Apfelsaft, soviel ich weiß.“

Stiller: „Nee, schon gut. Ich hol Cola aus dem Auto.“

Frau: „Ich kann aber auch in den Keller gehen.“

Stiller: „Wozu?“

Frau: „Um dir Wasser und Saft zu holen. Das macht nichts. Ich wollte eh noch in den Keller.“

 

 

4

Neulich schilderte mir ein AS, den ich sehr schätze in einer Mail, dieses:

Er war am Meer am Strand gewesen und hatte sich geärgert, dass der Strand so steinig war, dass er dort nicht schwimmen konnte. Der Ober-NT, der ihn begleitete, hatte ihn spontan gefragt:

„Willst du in den Arm genommen werden?“

 

Als ich das las, dachte ich nur:

„Sehr merkwürdig.“

Die Problemstellung war in meinen Augen sehr eindeutig:

Der AS wollte im Meer schwimmen, aber die Steine am Strand ließen das nicht zu. Daraus ergab sich:

a)    Wie kann ich trotz der Steine hier schwimmen?

b)    Wie kann ich die Steine entfernen, so dass ich hier schwimmen kann?

c)    Kann ich an anderer erreichbarer Stelle schwimmen? – Was weiß ich … ein Boot mieten, damit rausfahren und da schwimmen.

d)    Gibt es eine brauchbare Alternative zum Schwimmen, wenn Schwimmen jetzt gar nicht geht?

 

Und jetzt bietet der Ober-NT eine Umarmung an.

Dabei hilft das bei keiner der offensichtlichen Problemstellungen weiter.

Sehr merkwürdig.

Dies hier war eindeutig kein Handeln ohne Auftrag, denn der NT fragte, ob der AS umarmt werden wollte. Das will ich an dieser Stelle ausdrücklich hervorheben.

 

Aber irgendeinen Auftrag muss der NT gespürt haben, sonst hätte er nicht gefragt.

 

 

Und zum Schluss

 

Liebe NTs da draußen,

 

wenn euch ein AS eine Information gibt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er exakt nur dieses will:

Er will euch eine Information geben.

 

Er gibt euch damit keinen Auftrag. Wenn er euch einen Auftrag geben will, dann wird er euch das schon sagen.

 

Ich weiß, dass es unter euresgleichen üblich ist, Aufträge als Information zu verkleiden und auf diese Weise hintenrum herbeizumanipulieren, dass der andere irgendwie tätig wird.

 

Nach allem, was ich sehen kann, sind wir AS in dieser Hinsicht jedoch wesentlich simpler gestrickt. Es kann also wichtig sein, sich dessen bewusst zu sein:

 

1

Wenn euch ein AS eine Information gibt, dann gibt er euch eine Information und keinen Auftrag.

 

2

Wenn ein AS will, dass ihr was tut, dann wird er euch das sehr wahrscheinlich offen und direkt sagen.

 

 

Liebe AS da draußen,

 

wenn euch ein NT eine Information gibt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er mit dieser Information noch eine verdeckte soziale Botschaft sendet, die ihr als Auftrag zu interpretieren habt. Eure Aufgabe ist es, diesen Auftrag zu verstehen und auszuführen.

 

Was das für ein Auftrag ist, erschließt sich ganz oft nicht aus dem Gesagten und muss aus dem Zusammenhang erschlossen werden.

 

Für euch mag das eine Form der Manipulation sein, für die NTs ist das normaler Umgang miteinander. Sie nennen diese Form, miteinander umzugehen „sozial“.

 

Es kann also wichtig sein, sich dessen bewusst zu sein:

 

1

Wenn ein NT auf irgendeine Weise mit euch kommuniziert, sendet er euch neben der reinen Information fast immer auch eine soziale Botschaft, die ihr zu entschlüsseln und zu befolgen habt.

 

2

Fast immer ist diese soziale Botschaft auch ein Auftrag an euch.

 

3

Falls ihr diesem Auftrag nicht nachkommt, stört ihr damit die Beziehung zu diesem NT.

 

4

Umgekehrt wird so ziemlich jeder NT in so ziemlich jede Aussage von euch auch was Soziales hineininterpretieren, weil er es schlicht nicht kennt, nur sachlich zu kommunizieren.

 

5

Für die NTs ist alles sozial. Auch die reine Sachinformation.

 

 

Hinweise und Hilfestellung zur Entschlüsselung und Interpretation solcher Kommunikation bietet zum Beispiel:

Schulz von Thun, F.: Miteinander reden 1 (ISBN-10: 3499174898)

 

 

Und ganz zum Schluss:

 

Liebe AS, ich habe die NTs nicht so kompliziert gemacht.

Die sind so.

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