Only God

Ich bin jetzt wieder aus dem Hochgebirge zurück. Dort habe ich an verschiedenen Stellen zwischen 1.900 und 2.200 Metern mitten in Natur und Landschaft Kunst gefunden: Riesige Skulpturen aus Stein. Irgendwelche Arrangements aus Holz und Stein in Badezimmergröße. Ansammlungen kleiner Steintürmchen, die ein weites Areal bedeckten. Gewaltige Metallplatten, die vor sich hin rosteten. Und so weiter. Kunst, so weit das Auge reichte.

 

An etlichen dieser Kunstwerke waren Schautafeln angebracht, auf denen man lesen konnte, um was es sich handelte. Ich hab’s gelassen. Ich will’s nicht sehen, ich will’s nicht lesen. Ich fühle mich sehr gestört von dieser Kunst. Ich finde sie sehr distanzlos und aufdringlich – Geschrei für die Augen in einer ansonsten eher stillen und harmonischen Natur.

 

Kunst in der Natur greift zur Zeit um sich. Ich kenne vergleichbares auch aus Mittelgebirgen in Deutschland oder aus dem Rheingau, wo es immer wieder passieren kann, dass man als stiller Wanderer auf einmal von riesigen Kunstwerken angefallen wird. Kunst hier, Kunst da. Wenn der Mensch nicht zur Kunst kommt, dann muss die Kunst eben zum Menschen kommen.

 

Natürlich weiß ich, dass Kunst nicht nur ins Museum gehört. Ich weiß, dass Kunst zum Menschsein unbedingt dazugehört: Mensch ohne Kunst – das geht nicht. Und dass Künstler von irgendwas leben müssen, das ist mir auch bekannt. Sie müssen irgendwie auf sich aufmerksam machen, um als Künstler überleben zu können. Schon Walther von der Ohrabschneide schrieb dazu: „Schrey, Kunst, schrey!“

Ich weiß das alles.

 

Aber es scheinen alles NTs zu sein, die da was in die Natur stellen – laut, aufdringlich, distanzlos.

 

Meine Kleinen sahen im Hochgebirge diese Kunst in der Natur und machten das, was sie dann immer tun: Sie wandten sich angewidert ab und guckten woanders hin. Geschrei für die Augen – das ist nichts für uns. Wir finden sowas aufdringlich, störend und abscheulich. Da gucken wir lieber woanders hin.

 

Diesmal gingen meine Kleinen aber noch weiter. Sie begannen, mir von einem klassischen amerikanischen Gedicht zu erzählen. Und sie baten mich, diesen Blogtext zu schreiben.

 

Das Gedicht hat Joyce Kilmer 1913 geschrieben.

Es beginnt mit diesen Zeilen:

 

I think that I shall never see

A poem lovely as a tree.

 

In unserer Welt (uns: Meine Kleinen, meine Innenteile und ich) gilt dieses:

Kein Kunstwerk kann auch nur annähernd an das heranreichen, was die Natur uns zu bieten hat. Nicht mal annähernd. Und so ist für uns Kunst in der Natur so ähnlich, als würde sich ein vierjähriges Kind mit einer Plastiktrompete in eine Opernaufführung drängen und da auf der Bühne lautstark zum besten geben, was es mit seiner Kindertrompete so alles kann. Klar ist dieses vierjährige Kind sehr stolz auf das, was es da zuwege bringt. Aber Oper ist dann doch etwas anderes. Und vermutlich kamen die Opernbesucher nicht in diese Aufführung, um sich diese Kindertrompete anzuhören, auch wenn das vielleicht ganz süß ist.

 

Das Gedicht von Joyce Kilmer endet mit diesen Zeilen:

 

Poems are made by fools like me

But only God can make a tree.

 

In unserer Welt (uns: Meine Kleinen, meine Innenteile und ich) gilt dieses:

Es gibt keinen Gott. Und ganz besonders gibt es keinen Gott, wie ihn die Christen sich ausgedacht haben: Sinister, grausam, sadistisch, bösartig, gemein, hinterlistig, verschlagen, psychisch schwer krank, mit einem unstillbaren Hunger nach Gewalt und wirklich gefährlich.

 

Aber es gibt in unserer Welt wirklich vieles, was bedeutend größer ist als der Mensch. Wenn wir mit spirituellem Blick auf uns und auf die Welt schauen, dann sehen wir vieles, was bei uns nur Ehrfurcht, Staunen, Ergriffenheit, Stille und tiefe Demut auslöst. Das kann man Gott nennen. Man kann es auch lassen. Wir lassen es lieber, weil wir mit diesem Begriff nichts Positives verbinden können.

 

In unserer Welt haben Religion und Religiosität nichts zu suchen. Das sind für uns sehr negativ besetzte Begriffe. Wir erleben Religion und Religiosität fast immer als zerstörerisch oder zumindest schädlich. Aber Spiritualität – das ist was ganz anderes.

 

Und wenn du als Künstler in der Lage bist, einen Baum oder was vergleichbares zu erschaffen, dann stell das in die Natur. Ansonsten begreife bitte, dass du mit deiner Kunst niemals auch nur annähernd an die Natur heranreichen wirst und gehe mit deiner Kunst woanders hin. Sei mit deiner Kunst nicht wie ein Kleinkind, das stolz und lautstark seine Plastiktrompete auf der Bühne einer wirklich großartigen Opernaufführung zur Geltung bringt.

 

Kunst wird von Idioten wie dir geschaffen.

Aber nur Gott kann einen Baum erschaffen.

Erkenne das, respektiere das, lerne Demut und handle danach.

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