Ein langer Weg 10 – Die sechs Türen Teil 1/4

Achtung bitte, wer eine verwundbare Seele hat – dieser Text enthält wieder jede Menge Triggerkram.

 

Ich verschwinde in den nächsten Tagen mal wieder für ein paar Wochen im Hochgebirge. Dann bin ich weg. Nicht mehr erreichbar. So wie in den vergangenen Jahren habe ich auch jetzt vorgearbeitet, um hier weiterhin jede Woche einen Text veröffentlichen zu können. Diesmal habe ich mich für einen Text entschieden, der seinen Ausgang vor drei Jahren in exakt der Hochgebirgsregion nahm, in die ich jetzt wieder fahren werde.

 

Da dieser Text jedoch so extrem lang geworden ist, habe ich ihn in mehrere Teile zerlegt. Und so gilt für die nächsten Wochen am Ende eines jeden Blogeintrages:

„Fortsetzung folgt.“

 

Und los geht’s.

 

Ich will heute von einem Teil meiner „Reise ans Ende der Welt“ erzählen. Ohne diesen Teil wird nicht verständlich, wo ich jetzt bin - bei „Omaha Beach“. Von „Omaha Beach“ will ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten.

 

 

1

Im Sommer 2018 kamen wir (meine Kleinen, meine Innenteile und ich) mit einer Suche, die Jahrzehnte gedauert hatte, von einer Sekunde auf die andere ans Ende. Es war in knapp 3.000 Metern Höhe im Hochgebirge – wir wanderten mitten im dicksten Nebel auf einem schmalen Pfad nach oben.

Plötzlich wurde uns klar:

Das, was wir seit Jahrzehnten suchen –, einen Platz, wo wir hingehören und willkommen sind, eine Heimat -, das werden wir im Außen nicht finden. Das ließ nur einen einzigen Schluss zu: Bei der Suche nach Heimat müssen wir uns nach innen wenden.

 

Meine Kleinen machten aus dieser Sache sofort ein Projekt. Das Projekt bekam den Namen: „Reise ans Ende der Welt.“ Meine Kleinen gaben mir den ultimativen Auftrag, eine Machbarkeitsstudie durchzuführen, wann wir dieses Projekt auf welche Weise, mit welchen Kosten und mit welchem Zeitrahmen durchführen konnten.

 

Ich machte mich sofort an die Arbeit.

 

 

2

Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie lagen Ende November 2018 vor:

Ja, das war machbar. Ja, das war bezahlbar.

Zeitrahmen: 10 Jahre plus x.

Erfolgswahrscheinlichkeit? – Ungewiss. Äußerst ungewiss. Aber es schien uns der einzig gangbare Weg, eine Heimat zu finden, nachdem wir in den Jahrzehnten davor alle anderen Möglichkeiten systematisch eine nach der anderen ausgeschlossen hatten. (Wir sind da auch nicht anders als andere Menschen – das, was notwendig ist, tun wir erst dann, wenn wir vorher alles andere probiert haben und es sich wirklich nicht mehr vermeiden lässt).

 

 

3

Für die Reise ans Ende der Welt brauchten wir eine erfahrene und kompetente Begleiterin. (Meine Kleinen verlangten ultimativ nach einer Frau. Ein Mann als Begleiter wäre für sie auf gar keinen Fall in Frage gekommen. Bald sollte ich erfahren, warum).

 

Wir setzten uns an den Rechner und klickten uns durch’s Internet. Ein paar Minuten später hatten wir gefunden, was wir suchten.

 

Wir schrieben der Frau eine kurze Mail.

Sie schrieb zurück, und die Dinge entwickelten sich.

 

Im Erstgespräch fragte sie uns:

„Was wollen Sie erreichen? Was ist Ihr Ziel?“

Wir antworteten:

„Unsere erste Therapie haben wir angetreten, weil wir ein neues Leben wollten. Das haben wir bekommen. Jetzt wollen wir Heimat.“

 

Sie verstand und war einverstanden. Die Reise konnte losgehen.

 

Wir machten uns auf den Weg.

Am 07. Februar 2019 lagen wir zum ersten Mal auf der Matte und schauten, was unser Körper an Erinnerung freigab.

 

 

4

So ziemlich das erste, was wir auf unserer Reise fanden, war der Andere. (Blogtext „Der Andere“).

 

Diese Erfahrung war neu für uns und extrem beunruhigend.

Aber wir hatten diese Reise nicht angetreten, um beruhigt zu werden. Wir wollten ans Ende der Welt. Wir wollten Heimat.

 

Also los.

Also weiter.

 

 

5

Als der Andere uns begegnete, hatte er eine denkbar schlechte Meinung von uns. Oder präziser: Er hatte diese Meinung von dem, der bei uns der Herr im Haus ist. Die Kleinen nennen ihn Papa oder Meister. Der Andere hielt nicht viel vom Meister. Er traute ihm beinahe nichts zu. Er kommunizierte nicht mit uns, aber er war immerhin da.

 

Die Therapie begann, sehr dynamisch zu werden – wir nahmen Fahrt auf. Schon nach einem Monat waren wir in irgendeiner Situation aus unserer frühen Kindheit drin, von der wir vorher nicht mal Spuren gefunden hatten. Irgendwas sehr schwerwiegendes hatte sich ereignet, als wir ungefähr anderthalb Jahre alt gewesen waren.

Wir hatten keine Ahnung, was damals passiert war.

Der Andere wusste Bescheid. Aber der sprach ja nicht mit uns.

 

Wir sahen beinahe nichts, wenn wir in diese Situation hineingingen. Aber es war immer dieselbe Situation, die wir bei unseren Therapieterminen fanden. Unsere Ängste und die körperlichen Schmerzen wurden immer stärker.

 

Wir kamen voran.

 

 

6

Nach zwei Monaten ereignete sich auf der Reise ans Ende der Welt dieses:

 

Die Situation wurde immer konkreter, die Schmerzen immer spezifischer. Während wir in unserem üblichen tranceartigen Zustand in dieser Situation waren, kam der Andere schlendernd vorbei und guckte zu, was wir so machten.

 

Ich als der Meister machte das, was ich immer tue, wenn ich in alten Situationen unterwegs bin: Ich nahm auf mich, was da war. Mit anderen Worten: Wer da auch immer war, in dieser Dunkelheit und in diesen Schmerzen, der konnte all seine Gefühle und all seine Schmerzen auf mir abladen und sie auf diese Weise loswerden. Dafür war ich als Meister da, dafür hatte ich diese Reise angetreten.

 

Die unerlösten Teile in mir machten davon regen Gebrauch.

An diesem Tag begann ich in der Therapie von der einen auf die andere Sekunde zu begreifen, was hier anlag.

Ich wandte mich erschrocken an den Anderen:

„Sag mal, läuft das hier etwa auf sexuellen Missbrauch hinaus?!“

Er schaute mich unverwandt an und sagte beiläufig:

„Ja, selbstverständlich.“

Und dann ging er weg.

 

Die Art und Weise, wie er das gesagt hatte, war extrem beunruhigend für uns alle. Es war, als hätten wir die Reise in ein uns völlig unbekanntes Land angetreten und hätten ihn gefragt:

„Ja, sag mal – wird es dort auch Schwerkraft geben?“

„Ja, selbstverständlich.“

 

Der sexuelle Missbrauch war für den Anderen also so belanglos und selbstverständlich, dass es ihm keine Erwähnung wert war. Was konnte so viel schlimmer sein als sexueller Missbrauch, dass der Missbrauch völlig unerwähnenswert wurde?

 

Wir sollten es bald erfahren.

 

 

7

In dieser Nacht kam der Andere zu mir.

Das war für uns etwas völlig neues. Außerhalb der Therapie hatte er sich bislang nicht blicken lassen. Oder präziser:

Er war immer da gewesen, aber wir hatten ihn nicht wahrgenommen.

 

Der Andere wandte sich direkt an mich, den Meister:

„Ich warte auf dich“, sagte er mir.

„Wie, ich warte auf dich?“

„Ich warte auf dich seit Anbeginn der Zeiten. Du musst durch sechs Türen gehen. Hinter der sechsten Tür warte ich auf dich.“

 

Ich verstand beinahe nichts. Und ich kann euch versichern, dass es auch in meinem Leben nicht alltäglich ist, dass ich nachts Besuch von mir selber bekomme und in kryptische Gespräche verwickelt werde.

Aber jeder in uns wusste, wie wichtig und bedeutsam das war.

Unsere Augen waren geschlossen. Aber wir schliefen nicht. Wir waren hellwach.

 

„Was für sechs Türen?“ wollte ich wissen.

„Die Türen steigen im Schweregrad“ informierte er mich. „Du bist jetzt hinter der ersten Tür. Jede weitere Tür steigt um den Schweregrad zehn. Wenn du es bis zur sechsten Tür schaffst – hinter dieser Tür warte ich auf dich. Seit Anbeginn der Zeit.“

 

Das war gravierend. In der Therapie erlebten wir Dinge von einem solchen Schweregrad, dass es wirklich das äußerste dessen war, was wir überhaupt leisten konnten. In der Situation, in der wir momentan waren, schlug uns jemand so schwer auf Beine, dass wir mittlerweile einen Stock brauchten, um aus der Praxis wieder nach draußen zu kommen.

Und ich bin Mathematiker genug, um mit Zehnerpotenzen arbeiten zu können. Und so rechnete ich dem Anderen vor:

 

Tür 1  - Schweregrad 1

Tür 2  - Schweregrad 10

Tür 3  - Schweregrad 100

Tür 4  - Schweregrad 1.000

Tür 5  - Schweregrad 10.000

Tür 6  - Schweregrad 100.000

 

Ich sagte ihm:

„Das geht nicht. Das kann ein Mensch nicht überleben. Du weißt, dass ich kein Schwächling bin und mehr schultern kann als andere. Aber das hier geht nicht. Wir werden sterben, bevor wir die fünfte Tür erreicht haben.“

 

Das interessierte ihn nicht. Er hatte die Situation, in der wir in der Therapie waren, so arrangiert, dass ich durch sechs Türen musste, um ihn zu finden. Irgendwas war mit der sechsten Tür, das konnte ich spüren. Entweder hielt der Andere sie zu, damit das, was dahinter war, nicht rauskonnte oder sie war derart fest verschlossen, dass er sie nur mit meiner Hilfe öffnen konnte. Was immer es auch war: Der Andere hatte mich nicht aufgesucht, weil ich so ein netter Mensch war, sondern weil ihm vollkommen klar war, dass er ohne mich nicht weiterkam und hinter der sechsten Tür bis in alle Ewigkeit verschimmeln konnte. Und er wartete dort schon seit mehr als fünf Jahrzehnten – seit „Anbeginn der Zeiten“, wie er das ausdrückte.

 

Der Andere und ich verhandelten die halbe Nacht. Endlich hatte ich ihn auf den Faktor fünf runter, und wir vereinbarten dieses:

 

Tür 1  - Schweregrad 1

Tür 2  - Schweregrad 5

Tür 3  - Schweregrad 25

Tür 4  - Schweregrad 125

Tür 5  - Schweregrad 625

Tür 6  - Schweregrad 3.125

 

Schlimm genug.

Schweregrad 1 war wirklich das alleräußerste, was wir im Moment stemmen konnten. Und wir sollten hoch bis zum Schweregrad 3.125. Wie sollte das gehen?

 

Aber das war jetzt mein Problem. Das musste der Meister lösen, nicht der Andere. Als Meister setzte ich mich mit meinen Kleinen zusammen und wir beschlossen, das anzugehen. Wir beschlossen, all in zu gehen.

 

Einschub

„all in“ zu gehen ist ein Begriff aus dem Pokerspiel. Der Spieler, der „all in“ geht, setzt all seine Chips.

Einschub Ende

 

Meine Kleinen brachten es auf diese griffige Formel, die uns in den nächsten Monaten ständig begleitete:

„Der Tod geht all in, wir gehen all in. Und jetzt gucken wir mal, wer gewinnt.“

Wir waren also fest entschlossen, buchstäblich alles zu riskieren und auch vor dem Tod nicht zurückzuschrecken, um den Anderen zu finden und zu befreien.

 

Der Andere hörte uns zu und glaubte uns kein Wort. Er sprach nicht mehr mit uns, aber er war immerhin anwesend. Bevor wir einschliefen, machte er uns noch deutlich, dass alles, was wir hinter den sechs Türen finden würden, zu einer einzigen Szene gehörte. Eine einzige Szene – ungefähr 20 Minuten lang. Wir waren damals anderthalb Jahre alt gewesen.

 

 

8

In einer der nächsten Therapieliegungen erfuhren wir, was am Ende der 20 Minuten gewesen war: Wir waren gestorben. Wir waren zu Tode gefoltert worden.

Ich kann euch versichern, dass es keine angenehme Aussicht ist, in einer Psychotherapie darauf hinzuarbeiten, den eigenen Tod wiederzuerleben.

 

Das gilt insbesondere dann, wenn man beschlossen hat, mit dem Tod um alles zu pokern.

„Der Tod geht all in. Wir gehen all in. Und jetzt gucken wir mal, wer gewinnt.“

Aber so waren wir immer schon drauf – unser ganzes Leben schon: Wenn wir etwas beschlossen haben, dann wird das auch durchgezogen.

Wir wussten ab jetzt also, dass es buchstäblich auf Biegen und Brechen gehen würde. Wir würden keinen Millimeter zurückweichen. Und der Tod – was würde der tun? Nun, wir würden sehen.

 

Darüber hinaus warf das auch noch eine Menge logischer und metaphysischer Fragen auf: Wenn du zu Tode gefoltert wirst und dennoch überlebst, scheint das auf den ersten Blick unlogisch. Und je weiter wir mit den sechs Türen kamen, desto unwirscher und gereizter reagierten wir, wenn Menschen unseres Vertrauens, denen wir berichteten, antworteten:

„Aber immerhin weißt du ja, dass du das überlebt hast. Das ist doch beruhigend, oder?“

Aber das war unlogisch.

Logisch war: Irgendwas hat überlebt. Aber wir hatten keine Ahnung, was. Wir selber waren gestorben. Soviel war sicher.

Und ich versichere euch, dass es nicht zum eigenen Wohlbefinden beiträgt, wenn du immer gewisser wirst, dass du gestorben bist aber augenscheinlich noch am Leben bist.

 

Und ganz abgesehen davon:

Einmal zu Tode gefoltert werden ist das eine.

Aber dann da noch ein zweites Mal reinzugehen, um das alles wiederzuerleben ist das andere. Die allermeisten Menschen wären wahrscheinlich sehr froh, da nur einmal durchzumüssen. Wir hatten uns auf die Fahnen geschrieben (Sprachbild), da nochmal durchzugehen, um den Anderen zu finden und zu befreien. Und eins ist mal klar:

Wenn du absolut darauf aus bist, das alles ein zweites Mal zu erleben, dann musst du komplett bescheuert sein – oder auf einer Reise ans Ende der Welt.

Uns war während dieser Reise immer wieder nicht klar, ob wir nicht einfach nur komplett bescheuert waren.

 

Kein Wunder, dass der Andere kaum Hoffnung hatte, dass wir es bis zur sechsten Tür schaffen würden.

 

 

9

Wir erlebten in jeder Therapieliegung nur winzige Ausschnitte aus dieser Szene. Insgesamt brauchten wir neun Monate für diese zwanzig Minuten. Neun Monate, um zwanzig Minuten wiederzuerinnern ist nicht unbedingt schnell. Aber auf der anderen Seite – wenn es eh im eigenen Tod mündet, dann hat man’s meistens nicht besonders eilig. Da nimmt man sich gerne ein wenig Zeit.

 

 

10

Sie waren zu dritt. Drei Männer. Soviel war mittlerweile klar. Sie hatten uns in irgendeinen Kellerraum geschleppt. Wir lagen da auf einem Tisch oder einer vergleichbaren Unterlage. Wir waren nackt, und sie schlugen auf uns drauf – zwei hatten irgendwas aus Holz in der Hand, einer ein Eisenrohr oder sowas. In der ersten Zeit schlugen sie uns vor allem auf die Beine.

 

In der Realität gingen wir ins örtliche Sanitätshaus und kauften uns ein Paar Krücken. Das war jetzt absolut notwendig. Über Monate humpelten wir auf Krücken aus der Praxis. Das war recht schmerzhaft. Aber meine Kleinen wären nicht meine Kleinen, wenn sie den Meister nicht auch in solchen Situationen ständig gefoppt hätten. Eingedenk dessen, dass wir durch sechs Türen mussten, begannen sie, einen uralten Song von Peter Maffay zu trällern, dem sie einen neuen Text gegeben hatten. Wir humpelten da also ächzend und stöhnend – und gaaaanz langsam – auf Krücken zu unserem Auto, und ich als Meister hörte sie singen:

 

„An sieben Krücken musst du geh’n,

Sieben dunkle Jahre übersteh‘n,

Siebenmal wirst du das Arschloch sein,

Aber einmal auch das arme Schwein.“

 

Ja, es war recht schmerzhaft.

Oft genug dauerte es über fünf Minuten, bis wir in so einem Therapietermin aus dem Sitzen (während der Nachbesprechung sitzen wir immer) in die stehende Position kamen, um die Praxis wieder zu verlassen. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir dann einfach wieder umgefallen sind, weil uns die geschundenen und zerschlagenen Beine nicht mehr halten konnten. Und der Weg von der Praxis zum Auto, für den wir sonst zehn Minuten brauchten, konnte gut und gerne länger als eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.

 

Aber so ist das eben auf der Reise ans Ende der Welt.

 

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Fortsetzung folgt

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