Innen und Außen

Was uns im Inneren beschäftigt und belastet, das tragen wir unbewusst und automatisch ins Außen. Wir können gar nicht anders. Wir tun das vor allem aus drei Gründen:

 

1) Wir wollen berichten, wie es in uns aussieht.

2) Wir wollen Lösungsstrategien finden für das, was uns im Inneren bewegt. Das geht besser, wenn wir uns das im Außen betrachten.

3) Wir wollen uns bestätigen, dass die Welt so ist, wie sie eben ist. (Mit anderen Worten: Es ist beruhigend für uns, wenn die Welt im Außen genauso ist wie unsere Welt im Inneren. Wenn zwischen diesen beiden Welten starke Diskrepanzen gibt, dann kann das ziemliche Spannungen in uns auslösen und extrem unangenehm für uns sein).

 

Ich will anhand von Beispielen erläutern, worum es geht:

 

1

Kleine Kinder, die von ihren Eltern schlecht behandelt werden, spielen diese Situation mit ihren Stofftieren nach. Das tun sie solange, bis sie eine Lösungsstrategie gefunden haben oder innerlich resigniert und sich mit der Situation abgefunden haben.

 

2

Sigmund Freud berichtete, dass er in einer bestimmten Zeit laufend vergaß, Löschpapier zu kaufen. Er tat das, weil er Löschpapier unter dem Namen Fließpapier kannte. Der Name Fließpapier erinnerte ihn an seinen Kollegen Wilhelm Fließ, der ihm über viele, viele Jahre sehr viel bedeutet hatte. Jetzt aber entfremdeten sich die beiden immer mehr, und ihre Beziehung zerbrach. Um den Schmerz, den er dabei empfand, nicht spüren zu müssen, versuchte Freud unbewusst, alles im Außen zu verdrängen, was ihn irgendwie an Wilhelm Fließ erinnern konnte.

Erst als Sigmund Freud klar wurde, dass er da einen inneren Konflikt ins Außen trug, war er in der Lage, sich intensiv mit dieser inneren Problematik auseinanderzusetzen. 

 

3

Menschen, die in ihrem Inneren einen großen Verlust zu verarbeiten haben, neigen dazu, den Herbst als eine Zeit des Abschieds und des Endens zu erleben.

Menschen, die gerade einen innerlichen Wachstumsschub erleben, neigen dazu, denselben Herbst als eine Zeit der Reife und der Fülle zu erleben.

 

 

Ich denke, das Muster ist klar geworden.

Nochmal und zusammengefasst:

Wenn wir innerlich verletzt oder stark bewegt sind, dann bringen wir automatisch und unbewusst das, was in uns ist, ins Außen, um es besser verarbeiten zu können, um zu heilen und zu wachsen.

 

Nach meiner Erfahrung machen das alle Menschen.

Nach meiner Erfahrung begreift kaum jemand, was er da tut. Beinahe alle Menschen scheinen felsenfest davon überzeugt zu sein, dass das, was sie ins Außen tragen und dort wahrnehmen, äußere Realität ist. Dabei ist es innere Realität. Und dieser Unterschied ist wesentlich. Er ist sogar sehr wesentlich.

 

Und so weise ich beinahe alles, was erwachsene Menschen mir als äußere Realität schildern als innere Realität zurück:

Das, was du mir da schilderst, das ist nicht real. Diese Wirklichkeit existiert in dir, aber nicht da draußen. Wenn du mir erzählst, wie du die Welt siehst und erlebst, erzählst du mir beinahe immer in Wirklichkeit, wie es in dir aussieht.

 

Menschen erzählen mir von den Katastrophen und den Gefahren, die sie um sich herum wahrnehmen.

Ich sehe exakt diese Katastrophen und Gefahren in ihnen.

 

Menschen erzählen mir, dass die Welt untergehen wird, wenn wir nicht alle sofort …

Ich sehe, dass sie selber in ihrem Inneren untergehen werden, wenn sie nicht sofort ...

 

Menschen erzählen mir, wie diese Welt immer verrückter und unverstehbarer wird.

Ich sehe, wie sie sich selbst verrückt machen und sich dabei immer fremder werden.

 

Menschen erzählen mir von der vollkommenen Ödnis der Welt und wie langweilig alles ist und dass sie unbedingt Erlebnisse brauchen, um sich lebendig zu fühlen.

Ich sehe, wie öde, wüst, unlebendig und langweilig es in ihnen ist, und dass Erlebnisse da auch nicht weiterhelfen werden.

 

Menschen erzählen mir, wie schön diese Welt ist.

Ich sehe, dass es ihnen gut geht. Vielleicht sind sie sogar verliebt.

 

Und so weiter.

 

Seit einiger Zeit bin ich stärker als früher von Menschen umgeben, die sich mit Familienstellen auskennen und sich auf diesem Gebiet weiter entwickeln. Familienstellen ist eine Form der Psychotherapie und wird meistens als Gruppentherapie durchgeführt. Dabei werden die Gruppenmitglieder als Stellvertreter für eigene Innenteile genutzt und im Raum angeordnet (gestellt). Auf diese Weise wird im Außen sicht- und erlebbar, was in einem ist. Das kann sehr helfen, sich seiner inneren Realität bewusst zu werden und sie konstruktiv und systematisch zu verändern.

 

Piece of cake – damit bin ich ständig beschäftigt. Ich kenne buchstäblich keinen Erwachsenen, der mir nicht vom Familienstellen erzählt, wenn er mir von seiner Familie berichtet. – Permanent sind sie damit beschäftigt, in ihrer Familie und in ihrem sozialen Umfeld das nachzubilden, was in ihnen ist.

 

Die Menschen, die mich umgeben, nutzen einander folgerichtig, konsequent und logisch als Statisten und Komparsen für all die Stücke, die sie auf die Bühne bringen. Das ist ein ungeschriebener Vertrag auf Gegenseitigkeit, den die Menschen da miteinander haben:

Du instrumentalisierst mich für deine Dramen, ich mache das umgekehrt mit dir.

Da wird die ganze Welt zu einer riesigen Bühne, auf der die immer selben Stücke gespielt werden – wie in einem gigantischen Theater.

Mit dem Unterschied, dass die meisten Menschen, die ins Theater gehen, wissen, dass sie einem Schauspiel beiwohnen.

Die allermeisten Menschen, die die Welt als ihre Bühne und ihre Mitmenschen als Komparsen und Statisten nutzen, sind jedoch felsenfest davon überzeugt, dass sie sich in der Realität befinden.

Sie könnten nicht falscher liegen. 

 

Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass sie sich gegenseitig laufend bestätigen, dass das, was sie da aufführen real ist und kein Spiel.

 

Es ist nicht real.

Es ist ein Schauspiel.

Es ist nicht äußere Realität, es ist innere Realität.

Es ist die Darstellung von etwas, was in ihnen ist.

 

 

Zwischenfazit

Halten wir also fest:

Es ist sehr wahrscheinlich, dass dein Inneres in einem sehr großen Maße bestimmt, was in der äußeren Welt du wie wahrnimmst. Du erlebst und siehst im Außen exakt das, was innen ist.

 

Halten wir weiterhin fest:

Wenn in deinem Inneren verletzte Teile auf Erlösung und Heilung warten, dann wirst du deine soziale Umwelt (Menschen, Tiere etc.) dazu nutzen, das nachzuspielen, was früher in deinem Leben war, als du so verletzt wurdest.

Du kannst nicht anders.

Du tust das, um von dir zu berichten und um Lösungsstrategien zu finden und zu heilen.

 

 

Was ist angesichts dessen zu tun?

Sind wir alle zur ewigen Irrealität verdammt? Müssen wir unser ganzes Leben damit zubringen, permanent dieselben Stücke auf die Bühne zu bringen und das für real zu halten?

 

Ich kann diese Fragen nicht beantworten. Vielleicht sind sie auch nicht richtig gestellt. Aber ich kann aufschreiben, was ich in meinem Leben tue und welche Erfahrungen ich damit bislang gemacht habe.

 

Also los.

 

1

Nach meiner Erfahrung bringt es nichts, sich was vorzumachen und weiterhin in der Illusion der Realität zu leben. Wenn ich in meinen Seminaren logisch herleite, was real ist und was nicht, dann reagieren die allermeisten Teilnehmer mit zwei Reflexen:

a) Sie bestaunen das und sind ganz ergriffen.

b) Sie vergessen das ganz schnell wieder und gehen so schnell wie möglich über zu dem Leben, das sie die ganze Zeit für real gehalten haben.

 

Es ändert sich nichts in ihrem Leben. Alles, was sie erreichen, ist eine andere Variante dessen, was in ihnen ist.

 

Meine Erfahrung ist:

Wenn du die Realität leugnest, ändert das nichts an der Realität.

Willst du die Realität ändern, musst du dich selbst ändern.

 

2

Seit Jahrzehnten schon übe ich mich im Wahrnehmen. Beinahe nichts scheint mir schwieriger zu sein als das im Außen wahrzunehmen, was tatsächlich ist.

Ich drücke es nochmal mit anderen Worten aus:

Wenn ich im Außen nur das wahrnehmen kann, was mich in meinem Inneren belastet oder bewegt, dann ist es meine Aufgabe, mich in meinem Inneren zu befreien, so dass ich Innen und Außen unterscheiden kann und im Außen tatsächlich das wahrnehme, was ist.

 

Das scheint mir ungeheuer schwierig zu sein.

Aber vielleicht bin ich auch bloß ungeheuer wenig talentiert.

Ich habe keinen Guru, keinen Lehrer, keine Anleitung, kein Vorbild – nie gehabt. Ich bin absoluter Autodidakt – immer schon gewesen.

 

Ich übe das Wahrnehmen seit Jahrzehnten jeden Tag viele Stunden lang. Es ist mit der Zeit meine Art, in der Welt zu sein geworden. Wenn ich meine Fortschritte betrachte, dann habe ich oft den Eindruck, dass eine Schildkröte verglichen mit mir ein Rennpferd ist.

Auf der anderen Seite gilt aber auch dieses:

Wenn meine Durchschnittsgeschwindigkeit 0,1 km/h beträgt und ich mich mit dieser Geschwindigkeit 10 Stunden am Tag in eine Richtung bewege, dann komme ich in fünfeinhalb Jahren zweitausend Kilometer weit.

 

(Wenn deine Geschwindigkeit 10 km/h beträgt – du also hundertmal so schnell bist wie ich – und du dich dabei vollkommen erratisch bewegst, weil du kein Ziel hast, das dich zieht, dann wirst du dich mal hierhin, mal dorthin bewegen. Du wirst sehr schnell sein und vermutlich ein sehr geräuschvolles und ereignisreiches Leben führen. Aber du wirst nirgends ankommen).

 

Ich bin also sehr, sehr langsam.

Und wenn du mich fragst, was ich den ganzen Tag mache –

Ich nehme wahr, und ich bin da.

Und das war’s auch schon so ziemlich.

Mehr ist da nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass du mein Leben sehr langweilig finden würdest, wenn du es kennen würdest, ist extrem hoch – vergleichsweise wenig Dramen, keine Erlebnisse, keine Ereignisse, keine Aufregung, keine Sozialkontakte, kein Fernsehen, keine Ablenkung … nur da sein und wahrnehmen.

 

3

Was geschieht in uns, wenn wir im Außen tatsächlich wahrnehmen was ist und nicht das, was in uns ist?

Ich kann das nicht beschreiben.

Ich kann aber versichern, dass das für mich ein sehr angenehmer Zustand ist, und dass ich danach strebe, sowas häufiger und über längere Zeiträume zu erleben.

 

Wenn du also in deinem Leben frei werden willst, dann wende deinen Blick nach innen, nicht nach außen. Dort wirst du die Freiheit finden, die du suchst, nicht außen.

 

Wenn du die Welt retten willst, dann wende deinen Blick nach innen, nicht nach außen. Wenn du dich nicht im Inneren rettest, dann wird dieses passieren – mit naturgesetzlicher Notwendigkeit:

Alles, was du im Außen erreichst, wirst du unbewusst sabotieren, damit die Lage sich nicht bessert. Die Lage soll sich deshalb nicht bessern, damit sie weiterhin ein Abbild deines Inneren ist.

 

Nur in dem Maße, in dem du die äußere Welt nicht mehr reflexhaft mit deiner inneren Welt verwechseln musst, hast du eine Chance, nachhaltig und wirksam im Außen einzugreifen.

 

Manchmal wenden sich Eltern an mich, die voller Bestürzung begreifen, wie sehr sie ihrem Kind, als es noch klein war, geschadet haben, ohne das zu wissen und zu wollen. Sie fragen mich dann immer, was sie denn tun können, um ihrem Kind zu helfen.

Meine Antwort ist immer dieselbe:

„Heile. Das ist das einzige, was du für dein Kind tun kannst.“

 

Wenn du in deinem Leben irgendwas bewirken und erreichen willst - wende deinen Blick zuerst nach innen und erst dann nach außen.

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