Nicht fühlen – die reine Wonne

In diesem Text will ich beschreiben, aus welchen Gründen manche Menschen das Nichtfühlen zu einer Religion oder zum Gipfel der Weisheit machen. – Was geht in ihnen vor, wenn sie nicht fühlen, und warum finden sie das so großartig?

Dieser Text ist recht komplex.

Er gibt nur meine Sicht der Dinge wieder. Jeder darf eine andere haben.

 

Zwei Begriffserklärungen zu Beginn:

 

1

Stimmungen

 

Wenn ein Mensch im Mutterleib heranwächst und auf die Welt kommt, kann er noch nicht klar und differenziert fühlen. Das entwickelt sich erst mit der Zeit. Was einen Menschen in diesem Alter umtreibt, sind Stimmungen – es geht ihm gut, oder es geht ihm schlecht; es ist richtig so, wie es jetzt ist, oder es ist nicht richtig so, wie es jetzt ist.

Differenzierter ist das noch nicht.

Diese Stimmungen sind (1) sehr undifferenziert, (2) sehr wuchtig, und sie sind (3) allumfassend.

 

Zu „sehr undifferenziert“

Wenn es dem Säugling nicht gut geht, dann weiß er nicht, ob es daran liegt, dass er Hunger hat oder ihm was weh tut oder ihm kalt ist. Er kann das nicht differenzieren. Es geht ihm nicht gut. Das ist alles, was er weiß.

 

Zu „sehr wuchtig“

Ein Säugling wird von seinen Stimmungen geradezu überschwemmt. Er hat keine Möglichkeit, sich von seinen Stimmungen irgendwie abzugrenzen oder sich irgendwie zu ihnen zu verhalten. Er hat nicht diese Stimmungen, er ist diese Stimmungen. Und sie reißen alles mit sich fort. Wenn es ihm gut geht, dann ist er davon völlig durchdrungen. Wenn es ihm schlecht geht, dann geht es ihm nur schlecht und sonst gar nichts.

 

Zu „allumfassend“

Ein Säugling differenziert nicht zwischen sich und seiner Umwelt. Seine Stimmungen sind immer „“ganz und gar.“ Wenn es ihm gut geht, dann ist die ganze Welt gut. Wenn in ihm Frieden ist, dann ist in der ganzen Welt Frieden. Wenn es ihm nicht gut geht, dann ist die ganze Welt die Hölle.

Für einen Säugling gilt:

Ich bin alles, und alles ist ich.

 

 

2

Gefühle

 

Wenn der Säugling älter wird, entwickeln sich die meisten seiner Stimmungen zu Gefühlen. Er lernt allmählich die Grundgefühle Freude, Wut, Angst und Trauer zu differenzieren und differenziert zu erleben. Er unterscheidet Hunger, Durst und Schmerzen.

Er lernt allmählich, zwischen sich und seiner Umwelt zu unterscheiden.

Und er lernt ganz allmählich, sich zu seinen Gefühlen zu verhalten. Er ist ihnen nicht mehr so total ausgeliefert wie früher.

 

 

Und hier setzt der eigentliche Text ein.

Warum fühlen manche Menschen gar nichts, und was geht dann in ihnen vor?

 

Beinahe jeder Mensch kommt mit der Anlage und der Fähigkeit auf die Welt, alles zu fühlen, was zu fühlen ist. Jedem erwachsenen Menschen sind seine Gefühle jedoch nur noch begrenzt zugänglich. Das liegt an verschiedenen Faktoren, vor allem aber an der Sozialisation, die wir durchlaufen, während wir erwachsen werden: Die Eltern (oder Elternpersonen), mit denen wir als Kind groß werden, müssen unsere Gefühle wohlwollend akzeptieren und ihr Erleben unterstützend begleiten. Wenn sie das nicht tun, lernen wir als Kind rasch, dass diese Gefühle verboten sind.

 

Ein Gefühl, das verboten ist, wird vom Kind nicht mehr gefühlt. Dieses Gefühl ist dann nicht weg oder verschwunden, sondern es wird in den Körper verbannt, wo es sich irgendwann als Muskelverspannung, Gelenkverschleiß, Erkrankung oder Organschaden bemerkbar macht.

 

Da, wo ein Gefühl nicht sein darf, fällt das Innere des Menschen in die Entwicklungsphase der Stimmungen zurück. Oder anders ausgedrückt: Wenn einem Kind ein Gefühl verboten wird, endet an dieser Stelle seine seelische Entwicklung, und eine ungute, diffuse Stimmung bleibt in ihm zurück. Diese Stimmung breitet sich mit der Zeit unkontrolliert und wuchernd in jeden Lebensbereich des Kindes aus. Das Kind spürt, dass ihm was ganz, ganz wichtiges fehlt, hat aber absolut keine Ahnung, was.Und es geht ihm nicht gut. Es hat keine Ahnung, warum. Es wird nöhlig, es wird quengelig, es wird dauerunglücklich, und niemand weiß, warum. Es ist voller unangenehmer Stimmungen.

 

Meist wird ein Gefühl, das nicht erlaubt ist, durch ein Kunstgefühl ersetzt, das erlaubt ist. Einfaches Beispiel:

Die Eltern eines Kindes erlauben dem Kind nicht (oder nur in sehr begrenztem Maße), wütend zu sein. Sie tun das, weil sie in ihrer eigenen Kinderseele eine ganz tiefe Furcht haben, dass die Welt untergeht, wenn ihr Kind seine Wut auslebt. Was aber in der Familie erlaubt ist, ist traurig zu sein. Und so lernt das kleine Kind sehr schnell, in Situationen, wo es eigentlich wütend sein sollte, traurig zu sein, um überhaupt irgendwas zu erreichen und zu fühlen. Diese Trauer wird vom Kind als echt erlebt:

  • Im Kindergarten nimmt ihm ein anderes Kind ein Spielzeug weg. Statt das Spielzeug wütend zurückzufordern, bricht das Kind in Tränen aus und ist traurig.
  • In der Schule wird es von einer Lehrerin schlecht behandelt. Statt sich wütend zu wehren, ist es ganz schrecklich traurig.
  • Im erwachsenen Leben nimmt ihm ein anderer Autofahrer den Parkplatz weg, der ihm zusteht. Statt den anderen Autofahrer wütend zur Rede zu stellen und zu verscheuchen, ist dieser Mensch einfach nur traurig, traurig, traurig. Vielleicht denkt er darüber nach, wie schlecht die Welt ist, und wie gemein die Menschen zu ihm sind. Das mag ja alles richtig sein. Aber davon bekommt dieser Mensch seinen Parkplatz nicht zurück.
  • Und so weiter. 

 

Jedes echte Gefühl hat seine Berechtigung und seine Funktion. Wut energetisiert uns, das einzufordern, was uns zusteht und uns in der Gegenwart zu wehren.

 

Trauer ist ein in die Vergangenheit gerichtetes Gefühl. Trauer hat die Funktion, uns zu energetisieren, Abschied zu nehmen, loszulassen und das Herz frei zu machen für neues.

 

Wenn ich jetzt aber keine Wut mehr fühlen darf (und kann) und stattdessen in Situationen, in denen Wut angemessen wäre, nur Trauer (als Kunstgefühl) fühle, dann kommt alles durcheinander. Dann wehre ich mich nicht mehr offen, klar und direkt, sondern manipuliere hintenrum und verdeckt, um irgendwie doch zu dem zu kommen, was mir zusteht.

 

Richtig kompliziert wird es dann, wenn ich mit diesem Verhalten auf einen Menschen treffe, dem in der Kindheit verboten wurde, traurig zu sein und der stattdessen gelernt hat, auf so ziemlich alles mit Wut zu reagieren. Dann trifft das Kunstgefühl Trauer auf das Kunstgefühl Wut.

 

Und sowas erlebe ich beinahe ständig, wenn ich Zeuge werde, wie Erwachsene miteinander kommunizieren. Dass ich den Eindruck habe, dass ein Erwachsener seine echten Gefühle kennt und lebt, kommt beinahe nie vor. Im Gegenteil: In der Kommunikation wird Kunstgefühl auf Kunstgefühl gesetzt, keiner weiß mehr so recht, wo oben und unten ist, und die Kommunikation ist ein heilloses Durcheinander.

 

Aber das ist Kultur.

So entstehen Opern, Romane, Fernsehkrimis, Gedichte, Komödien, Politik, Talk-Shows und so weiter.

 

Ich kann euch versichern:

Wenn die erwachsenen Menschen ihre echten Gefühle kennen und leben würden, dann würde sich für diese Klassiker der Kultur (die ohne Kunstgefühle absolut nicht möglich wären) niemand mehr interessieren – außer Germanisten und anderen Wissenschaftlern.

 

Echte Gefühle sind sehr klar, einfach strukturiert, völlig banal und völlig logisch. An ihnen ist nichts kompliziert oder irgendwie geheimnisvoll. Sie kommen, sie gehen.

 

Kunstgefühle sind grauenhaft kompliziert, bombastisch, grandios, undurchschaubar, verwinkelt und völlig verknäuelt. Sie sind das schiere Durcheinander. Wer sich in seine Kunstgefühle einspinnt, der findet da so schnell nicht mehr raus. Im Gegensatz zu echten Gefühlen sind Kunstgefühle ewig. Wer sich in seine Kunstgefühle einspinnt, der lebt wie in einem unentrinnbaren Labyrinth.

 

Ungefähr 90% bis 95% dessen, was mir die NTs, die mich umgeben, als Gefühl anbieten, weise ich als Kunstgefühl umgehend zurück. Deshalb bin ich bei meiner Arbeit auch so ein vielgefragter NT-Versteher:

Geduldig (hoffe ich) und verständnisvoll (so sagt man mir) sortiere ich das ein, was mir die NTs anbieten – Kunstgefühl, Kunstgefühl, echtes Gefühl, Kunstgefühl, Kunstgefühl, Kunstgefühl, Kunstgefühl, echtes Gefühl … und so weiter. Wenn ich in Teamentwicklungen oder im Konfliktmanagement bin, dann können ganze Tage vergehen, ohne dass mir jemand aus der Gruppe ein echtes Gefühl zeigt. Damit kann ich leben. Das wahrzunehmen und zu sortieren fällt mir relativ leicht, und ich werde dafür bezahlt. Natürlich kann ich manches auch nicht richtig wahrnehmen und sortieren, weil ich selber zu Kunstgefühlen neige. Aber so ist das nun mal. Jeder erwachsene Mensch neigt zu Kunstgefühlen, auch ich. Ich arbeite intensiv an mir und bin in ständiger Supervision, so dass ich meine Unvollkommenheit vertreten kann. Und es ist etwas, was ich schon seit Jahrzehnten denen anbiete, die sich dran stoßen, dass ich auch nur ein Mensch bin:

„Wenn ihr jemanden habt, der das besser kann als ich, dann nehmt den.“

Aber sie finden bislang keinen.

Ich kann mich über einen Mangel an Nachfrage wirklich nicht beklagen.

Und so sortiere ich tagein, tagaus die Gefühle, die mir angeboten werden, in echte Gefühle und in Kunstgefühle.

 

Heute will ich einen speziellen Aspekt des Komplexes „verbotene Gefühle“ näher beleuchten:

Wenn einem Kind sämtliche Gefühle verboten werden bzw. wenn jemand als Erwachsener danach strebt, überhaupt nichts mehr zu fühlen – was geht dann vor und wie sieht es in dem Betroffenen aus?

 

Ich begegne bei meiner Arbeit und in meinem Umfeld immer wieder solchen Menschen. Was sie auch für andere gut wahrnehmbarvomDurchschnitt abhebt:

  • Blecheimerstimme
  • Emotionaler Analphabet in jeder Hinsicht
  • Die Atmung geht sehr gepresst. Es ist, als ob ihr Brustkorb einbetoniert oder ein Safe wäre.
  • Verkrampfungen im ganzen Körper, vor allem im Schulterbereich.
  • Das Gesicht ist eine permanente Maske, häufig sehr starr.

Normalerweise melden sich solche Menschen öffentlich nicht zum Thema Gefühle zu Wort. Sie sind Experten auf anderen Gebieten – Jura, irgendwas technisches, Naturwissenschaft, Mathematik, Organisation, Informatik etc. Aber manchmal haben sie eine sehr dezidierte Meinung zum Thema Gefühle, und dann scheint es immer auf dasselbe hinauszulaufen:

 

Fühle gar nichts, dann geht’s dir gut.

Fühle gar nichts, dann geht’s dir bestens.

Fühle gar nichts, dann hast du den Status der Weisheit erreicht.

Und so weiter.

 

Diese Menschen reden dann oft davon, dass man lernen muss, seine Gefühle für sich einzusetzen, sie für sich arbeiten zu lassen, sie zu managen und sich von ihnen nicht beherrschen zu lassen. Aber schlussendlich läuft es immer auf’s selbe hinaus: Fühle gar nichts.

 

Wie kommen diese Menschen darauf, und was bezwecken sie mit ihren Lehren und ihrer Weisheit?

 

Um das zu veranschaulichen will ich zu einem kleinen Experiment einladen.

Suchen Sie sich bitte einen hellen, einfarbigen Gegenstand mit einer kräftigen Farbe. Es kann auch irgendein einfarbiges Bild auf Ihrem Bildschirm sein.

Sorgen Sie dafür, dass der Gegenstand von einem hellen Licht beleuchtet wird bzw. sorgen Sie dafür, dass das Bild auf ihrem Bildschirm hell erstrahlt.

 

Dann schauen Sie sich diesen Gegenstand bzw. dieses Bild bitte für ungefähr eine Minute genau an. Schauen sie nur auf diesen Gegenstand oder dieses Bild.

 

Nachdem Sie das eine Minute gemacht haben, schauen Sie bitte unvermittelt auf eine weiße Fläche. Sie werden jetzt sogenannte Nachbilder sehen. Wenn Sie auf etwas grünes geschaut haben, werden Sie jetzt als Nachbild etwas rotes sehen und umgekehrt. Haben Sie auf etwas blaues geschaut, werden Sie jetzt als Nachbild etwas gelbes sehen und umgekehrt.

 

Wie kommt das?

Diese Nachbilder entstehen (sehr vereinfacht gesagt) auf diese Weise:

In unserem Auge gibt es für das Sehen von Farben zwei Gleichgewichtssysteme. Man kann sich das wie ein System aus zwei Wippen vorstellen:

Auf der einen Wippe ist auf der einen Seite blau, auf der anderen Seite gelb.

Auf der anderen Wippe ist auf der einen Seite rot, auf der anderen Seite grün.

Wenn wir jetzt zum Beispiel auf einen roten Gegenstand starren, dann wird die rot-grüne Wippe auf der grünen Seite belastet und aus dem Gleichgewicht gebracht. Unser Körper hält dagegen und verstärkt die rote Seite, um das Gleichgewicht zu halten. Wenn wir jetzt plötzlich auf etwas weißes schauen, wird die grüne Seite der Wippe genauso plötzlich entlastet. Da unser Körper immer noch auf der roten Seite der Wippe gegensteuert, um das Gleichgewicht zu halten, sehen wir jetzt eine ganze Weile etwas rotes, obwohl wir auf ein objektiv weißes Stück Papier schauen. Irgendwann merkt unser Körper, was los ist, und das Nachbild verblasst.

(Das ist eine vereinfachte Darstellung. Die Wirklichkeit ist deutlich komplexer). 

 

Ähnlich verhält es sich bei Menschen, die seit frühester Kindheit nichts fühlen dürfen und dem seligen Zustand der absoluten Gefühlsfreiheit.

 

Wenn ein Kind nichts mehr fühlen darf, sind die Gefühle ja nicht weg. Wie das kommt, habe ich weiter oben beschrieben. Der ganze Körper füllt sich mit dumpfer Anspannung und Verkrampfung, und an die Stelle differenzierter Gefühle treten dumpfe und undifferenzierte Stimmungen. Stimmungen zu verbieten ist völlig unmöglich. Dem Kind, dem alle Gefühle verboten worden sind, geht es also so:

 

Es kann nicht mehr fühlen, was ist.Es ist voller grauenhafter Stimmungen, und es geht ihm schlecht, schlecht, schlecht, schlecht. Und das gilt die ganze Zeit – Tag und Nacht. Es geht ihm schlecht, schlecht, schlecht, schlecht. Das wird so sehr zum Normalzustand, dass das Kind gar nichts anderes mehr kennt. Da es nicht weiß, was in ihm vorgeht, und da es von Gefühlen keine Ahnung hat, geht es fest davon aus, dass die Welt so ist. Und es lernt dieses:

Gefühle zu haben bedeutet, dass es einem schlecht geht.

Dass es keine Gefühle hat, sondern Stimmungen, weiß es nicht.

Und es geht diesem Kind schlecht - Tag und Nacht.

 

Wenn es uns dauerhaft schlecht geht, werden in uns Selbstheilungskräfte angestoßen. Das funktioniert grundsätzlich genauso wie das Wippensystem, das ich für’s Auge beschrieben habe: Auf der einen Seite der Wippe liegt schwer wie ein Amboss: „Mir geht’s schlecht!“ Das Gehirn versucht einen Ausgleich zu schaffen und produziert für die andere Seite der Wippe Botenstoffe, die dazu führen sollen, dass es uns besser geht. Natürlich kommt die Produktion dieser Botenstoffe nicht an gegen diese grauenhaften Stimmungen. Aber der Körper tut, was in seiner Macht steht. Das tut er Tag und Nacht. 

 

Die meisten Menschen, denen es derart schlecht geht, weil sie nichts mehr fühlen können und nur noch von diffusen, schrecklichen Stimmungen durch’s Leben gepeitscht werden, suchenpermanent nach einem Ausweg aus diesem schrecklichen Schicksal. Ein schier unendlicher, fürchterlicher Leidensdruck bestimmt ihr ganzes Leben. Sie probieren so ziemlich alles aus, was diese Stimmungen betäuben kann und zu einem Zustand der Bewusstlosigkeit führt.

Dabei stehen natürlich Drogen an erster Stelle.

Aber auch Sucht in jeglicher anderer Form ist ein probates Mittel: Arbeitssucht, Sexsucht, Erfolgssucht, Gefallsucht, Eigensucht, Spielsucht, Sportsucht, Adrenalinsucht, Risikosucht – welche Form diese Sucht letztlich annimmt, ist völlig egal … all diese Süchte haben diese eine Hauptfunktion: Sorge dafür, dass es mir nicht mehr so schlecht geht, schaff‘ mir diese schrecklichen Stimmungen vom Hals.

 

Das funktioniert alles natürlich nicht. Diese ganzen Drogen und diese ganzen Süchte ruinieren unseren Körper vollends, und wir sterben deutlich vor unserer Zeit, ohne gelebt zu haben.

Und für die meisten Menschen, die so ein Leben führen müssen, ist der Tod eine lang herbeigesehnte (Er)lösung.

 

Dann gibt’s aber auf der anderen Seite die, die einen Weg finden. Die sind sehr selten, aber dafür umso eifrigere Missionare. Nach allem, was ich sehen kann, gibt es Meditationstechniken (und Foltermethoden), die dazu führen, dass auch die Stimmungen in sich zusammenbrechen. Wie das genau funktioniert, weiß ich bislang nicht. Ich kann es bis jetzt nur aus den Umständen herleiten:

Anfangs nur für kurze Momente und später dann für längere Zeiträume können sich diese Menschen in einen Zustand versetzen, in dem sie – aus Sicht der Gefühle und der Stimmungen - scheintot sind. Sie atmen noch, sie sehen noch was, auch ihre anderen Körperfunktionen sind intakt. Aber nicht nur die Gefühle werden nicht mehr gefühlt. Nein, die Stimmungen sind auch weg. Das ist – auf Gefühlsebene - scheintot.

 

Und dann bricht das Gleichgewichtssystem des Körpers sich Bahn.

Ich habe es weiter oben geschildert: Der Körper produziert unablässig Botenstoffe, um diesen fürchterlichen, diffusen Stimmungen entgegenzuwirken. Jetzt auf einmal sind die schlechten Stimmungen weg. Und das reine Glück, die reine Euphorie macht sich als „Nachbild“ breit. Es ist der Zustand der absoluten Glückseligkeit.

 

Für Menschen, die zeitlebens Tag und Nacht so fürchterlich gelitten haben, kann sowas natürlich die reine Offenbarung sein. So muss es jemandem gehen, der eine Wüste durchquert hat, dabei beinahe verdurstet ist und jetzt – gegen alle Hoffnung und Erwartung - einen Eimer Wasser findet. Für ihn ist das der Himmel. Und er ist überzeugt, dass er nie wieder was anderes brauchen wird als einen Eimer Wasser.

Für Menschen mit diesem Schicksal scheint das der einzige Weg zu sein, ein Leben zu führen, das diesen Namen auch verdient.

 

Damit gehen diese Nichtfühlenden dann gerne an die Öffentlichkeit. So eine Offenbarung, so eine Erlösung will geteilt und mitgeteilt werden. Sie predigen öffentlich das reine Nichtfühlen als den einzigen Weg ins irdische Paradies. Und aus ihrer Sicht haben sie ja auch völlig recht – lieber scheintot als so ein Leben!Und wer sich sein ganzes Leben derart schlecht gefühlt hat, der schwebt auf lauter Wolken der reinen Glückseligkeit, wenn ihn die emotionalen Nachbilder überfluten. (Es sei ihm gegönnt!). Sie sammeln Heerscharen von Gläubigen um sich. Sie veröffentlichen Bücher und Filme, gründen Tempel und Schulen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich habe zwar nie zu ihnen gehört (ein ganz klein wenig fühlen durfte ich als Kind immer), aber wie’s einem geht, wenn man so gut wie gar nichts mehr fühlen darf und es einem über Jahrzehnte nur schlecht geht – grauenhaft schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, das ist mir sehr gut vertraut.

 

Natürlich führt dieser Quatsch in die Irre.

Die Nachbilder verblassen irgendwann und müssen durch etwas anderes ersetzt werden. Aber bis der, der diesen Quatsch in die Welt gesetzt hat, realisiert, was er da gemacht hat, ist die Schule schon längst gegründet und das Verfahren schon längst etabliert. Das verselbständigt sich dann.

 

Es gibt Meditationstechniken, die ich für seriös und gut halte. Ich bin sehr sicher, dass nachhaltige, gute und wirksame spirituelle Entwicklung mit ihnen möglich ist. Ich kenne diese Meditationstechniken genauso wenig wie die unseriösen Meditationstechniken. Meditation ist - jedenfalls bislang - nicht meine Welt. Aber ich schaue mir immer sehr genau an, was Meditation mit Menschen macht.

 

Da ich manchmal den Eindruck habe, dass der Weg des Nichtfühlens weltweit wieder mehr in Mode kommt und unhinterfragter und unwidersprochener als sonst als Weisheit daherkommen darf, habe ich das hier aufgeschrieben.

 

Wenn du gar nichts mehr fühlst und gleichmütig über allem stehst und dabei deinen Zustand der vollkommenen Entsagung genießt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass du dich gerade selber betrügst und emotionale Nachbilder produzierst.

 

Grundsätzlich gilt dieses:

Manches, was alte, bärtige Männer aus Ostasien von sich geben, ist weise und klug.

Aber bei weitem nicht alles.

Bei weitem nicht.

 

Vor vielen Jahren habe ich mich mal ein wenig näher mit Meditationstechniken beschäftigt und gegoogelt, was denn bei mir in der Gegend an Meditation so angeboten wird.

Das allererste, was ich fand, war dieser Text:

„Meister soundso ist die universelle und spirituelle Liebe …“

 

Klick.

Weg damit.

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