Du bist völlig normal

… Nö, bin ich nicht.

 

 

„Du bist völlig normal.“

Wie oft habe ich mich gegen diese Aussage schon wehren müssen. Aber mir war nicht klar, was mich an dieser Aussage so grundlegend und so schwerwiegend störte – außer dass sie schlicht falsch ist. Ich bin alles mögliche, aber ganz sicher nicht normal. Wenn jemand über mich sagt, dass ich völlig normal bin, dann sagt er etwas über mich, was einfach nicht stimmt. Ich bin nicht normal.

 

In meinem Leben gibt es einen sehr klugen AS, der deutlich bessere Analysefähigkeiten hat als ich. Immer, wenn ich mit der Analyse von Problemstellungen nicht weiterkomme, wende ich mich damit an ihn.

In langen Gesprächen mit diesem AS wurde mir deutlich, worum es mir geht.

 

Ich will versuchen, das hier zusammenzufassen und verständlich darzustellen:

 

 

1

Wer sagt, dass ich völlig normal bin?

 

Das haben bislang ausschließlich NTs zu mir gesagt.

 

 

2

Was war die Motivation der NTs, mir das zu sagen?

 

Bislang war ich unhinterfragt davon ausgegangen, dass sie eine Sachaussage machen wollten. Dabei hatte ich aber dieses übersehen: NTs neigen nicht so sehr dazu, Sachaussagen zu machen. Verglichen mit mir akzentuieren sie bei allem, was sie tun, extrem stark den Beziehungsaspekt, das Soziale und das Emotionale.

 

Wenn sie mir also sagen, dass ich völlig normal bin, dann wollen sie mir nicht mitteilen, was dabei rausgekommen ist, als sie rational über mich nachgedacht haben. Nein, sie wollen die Beziehung zu mir definieren und mir was gutes tun.

 

 

3

Was wollten die NTs mir tatsächlich sagen?

 

Sie wollten mir sagen:

„Du bist völlig in Ordnung, so wie du bist.“

 

 

4

Warum ist es für mich so fatal, wenn sie mir sagen, dass ich völlig normal sei?

 

4a

Wenn ich mich so verhalte, dass man mich für normal halten kann, dann lebe ich meinen Avatar. Ich habe meinen Avatar erschaffen und mit Leben gefüllt, um unter den NTs überleben zu können. Ohne den Avatar geht sowas nicht – auf gar keinen Fall. NTs sind nicht in der Lage, unsereins zu akzeptieren, ohne vorher ein langjähriges und hartes Training durchlaufen zu haben. Meinen Avatar leben - das ist etwas, was ich kann, was aber so energieaufwändig ist, dass es mich auf lange Sicht (buchstäblich) umbringt. Ich sollte das also besser lassen.

 

Sagt mir ein NT, dass ich völlig normal sei, dann sagt er mir in Wirklichkeit folgendes:

„Du bringst dich auf Raten um, bloß damit wir uns nicht mehr so an dir stören. Das finde ich richtig klasse!“

 

4b

Gemessen an der Norm, die die NTs setzen, bin ich nicht normal. Ich bin das noch nie in meinem Leben gewesen. Als kleines Kind habe ich sehr, sehr darum kämpfen müssen, meine Wahrnehmung zu behalten, die die NTs mir ständig ausreden und austreiben wollten.

 

Immer wenn ich konstatierte, dass ich anders sei als die anderen, kam von den NTs geradezu reflexhaft zurück: „Das bildest du dir nur ein. Du bist wie alle anderen. Du bist völlig normal.“

Ich weiß nicht, wie viele tausend Mal ich angeherrscht und zurechtgewiesen worden bin, bloß weil mir auffiel, dass ich anders war als die anderen. Ich habe damals gelernt, meiner Wahrnehmung zutiefst zu misstrauen.

 

Wenn jemand seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen kann, dann fällt der Boden aus seinem Leben. Wie soll er sich noch in der Welt orientieren und verhalten? Worauf kann er sich noch verlassen, wenn selbst seine Wahrnehmung nicht mehr wahr ist? Wenn aus deiner Wahrnehmung eine Unwahrnehmung wird, dann hast du nichts mehr in deinem Leben, woran du dich orientieren kannst.

 

Wenn ich meiner Wahrnehmung nicht mehr trauen kann, dann kann ich auch kein Bewusstsein meiner Selbst aufbauen. Und so geht dann mein Selbstbewusstsein den Bach runter (Sprachbild).

 

Als Erwachsener habe ich buchstäblich Jahrzehnte darum kämpfen müssen, mir meine Wahrnehmung und mein Vertrauen in meine Wahrnehmung zurückzuerobern.

 

 

5

Was ist also zu tun?

 

Wichtig ist, dass ich mir und meiner Wahrnehmung weiterhin treu bin und weiß, dass ich nicht normal bin.

 

Und wenn die NTs mir sagen, dass ich völlig normal sei (was sie auch heute noch häufig tun), dann ist es meine Aufgabe,

 

a) mir zu übersetzen, was sie eigentlich sagen wollten. Sie wollten nicht sagen, dass ich normal bin, sondern dass sie mich akzeptieren

b) zu prüfen, ob sie mich jetzt gerade wieder in eins ihrer Schemata pressen wollen, damit sie mich akzeptieren können. Es gibt sehr viele NTs die für sich ganz klar entschieden haben, dass sie nicht alle Menschen akzeptieren, sondern nur die, die bestimmte Kriterien erfüllen. Es ist sehr wichtig für mich, dass ich mich vor solchen Menschen hüte, denn sie akzeptieren nicht mich, sondern nur das Bild, das sie sich von mir gemacht haben.

 

 

Fazit

 

Ich bin nicht normal.

Wenn ich versuche, normal zu sein, dann bringe ich mich auf Raten um.

Wenn ich von mir behaupte, normal zu sein, dann verleugne und verrate ich mich bis zur Selbstverschwindung.

 

Ich bin nicht normal.

 

Ich bin völlig in Ordnung.

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