Die Verwandlung, eine Geschichte für die NTs

Eins von Kafkas Hauptwerken beginnt mit den Worten:

„Als Gregor Samsa eines morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“

So radikal will ich heute nicht sein. Sie sollen sich nicht in ein Ungeziefer verwandeln. Schon gar nicht in ein ungeheures. Sie sollen sich überhaupt nicht verwandeln. Bleiben Sie ruhig Sie selbst. Aber stellen wir uns mal vor, Sie erwachen morgens aus unruhigen Träumen und die Welt, in der sie leben, hat sich in die Welt der Asperger-Autisten verwandelt.

 

Was Sie daheim machen, ist noch weitgehend Ihre Sache. Aber lassen wir das Ganze mal an Ihrem Arbeitsplatz beginnen. Auch aus Platzgründen.

 

Fröhlich pfeifend kommen Sie ins Büro und schmettern ein lautes, warmes:

„Schönen guten Morgen zusammen!“ in die Runde.

Ihre Kollegen schauen schweigend und missbilligend von ihrer Arbeit auf und versenken sich genauso schweigend wieder in das, was sie gerade tun.

„Bisschen still hier“, denken Sie und machen das Radio an.

Einer Ihrer Kollegen macht es sofort wieder aus und deutet schweigend auf die Anweisung, die in großen Buchstaben über dem Radio hängt:

„Radio nur in absoluten Notfällen benutzen!“

Dabei würdigt er Sie keines Blickes.

 

Schweigend wird bis zur Mittagspause gearbeitet. Kein Kollege spricht mit Ihnen. Die Kollegen sprechen auch nicht untereinander. Bis auf das Klackern der Tatstaturen und ein gelegentliches Stühlerücken und Räuspern ist es vollkommen still. Irgendwann fällt ihnen auf, dass kein einziges Telefon klingelt. In der ganzen Firma nicht. Alles wird schriftlich kommuniziert. Auch Kaffeepausen gibt es keine. Wer Kaffee will, weiß ja, wo es welchen gibt und holt sich, was er braucht.

 

Ab und zu versuchen Sie, ein Gespräch mit einem Kollegen zu beginnen, ernten aber nur eisiges Schweigen und missbilligende Blicke. Um in der Stille nicht wahnsinnig zu werden, klopfen sie einen einfachen Rhythmus mit ihrem Stift auf den Tisch, worauf Sie zu hören bekommen:

Muss das jetzt wieder sein?!“

Ihre Kollegen reagieren zunehmend säuerlich auf Sie. Sie wissen gar nicht, warum.

 

Niemand verabredet sich mit Ihnen zum Mittagessen. Wer Hunger hat, holt sich was an seinen Arbeitsplatz und isst dort. Schweigend, wie sich wohl versteht.

 

Am Nachmittag steht eine Besprechung mit einem Lieferanten an. Sie sind in freudiger Erwartung: Endlich mal mit einem normalen Menschen reden!

„Hallooo, schön Sie zu sehen!“, begrüßen Sie Herrn Haber, „Wie geht’s Ihnen denn?“

Herr Haber übersieht Ihre ausgestreckte Hand und schaut Sie irritiert an.

„Wir können zu gewohnten Konditionen im gewohnten Umfang liefern“; antwortet er. „Uns interessiert jedoch Ihre langfristige Planung. Denn wenn Sie weiter Top-Konditionen haben wollen, müssen Sie auch nachfragen wie ein Top-Kunde.“

„Was?“, fragen Sie verdattert.

„Sie haben mich schon verstanden“, gibt Herr Haber kühl zurück.

Dann schweigen Sie sich beide an. Sie wissen nicht, was Sie Herrn Haber sagen sollen. Herr Haber macht sich irgendwelche Notizen.

„Nun?“, fragt er nach einer Weile?

„Was nun?“, fragen Sie zurück.

„Sie wissen schon“, antwortet Herr Haber, packt seine Sachen zusammen und verlässt, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Raum. Es dauert eine Weile, bis Sie begreifen, dass er gegangen ist.

 

Zurück an Ihrem Arbeitsplatz erwartet Sie eine Mail von Ihrem Chef:

„Bitte schicken Sie mir die Ergebnisse des Gesprächs mit Herrn Haber“, lesen Sie.

Sie denken:

„Was für Ergebnisse?! Der Kerl, dieser Haber, der ist doch völlig verrückt! Der redet nicht mit mir! Der ist einfach abgehauen! Was soll ich denn da für Ergebnisse haben?!“

Sie wollen sofort Ihren Chef anrufen und ihn ins Bild setzen, da bemerken Sie zum ersten Mal den Aufkleber auf Ihrem Telefon:

„Telefon nur in absoluten Notfällen benutzen!“

Na, wenn das mal kein Notfall ist! Energisch greifen Sie zum Hörer, legen dann aber nach einigem Zögern wieder auf, ohne auch nur eine einzige Zahl getippt zu haben. Hilfesuchend schauen Sie sich im Raum um, aber Ihre Kollegen arbeiten vertieft jeder für sich. Niemand scheint zu bemerken, wie es Ihnen geht. Keiner nimmt Blickkontakt mit Ihnen auf. Der ganze Tag ist ein einziger Notfall für Sie. Was sollen Sie bloß machen?!

Eine neue Mail erreicht Sie. Von Ihrem Chef. Betreff: Herr Haber.

„Sagen Sie mir bitte, wann ich mit den Ergebnissen rechnen kann“, lesen Sie.

Mit zitternden Händen tippen Sie:

„Es gibt keine Ergebnisse.“

Die Antwort kommt postwendend:

„Das ist bedauerlich.“

Sie starren auf Ihren Bildschirm. ‚Das ist bedauerlich’ – was soll das jetzt wieder heißen? Sind Sie jetzt gefeuert? Macht sich Ihr Chef über Sie lustig? Weiß Ihr Chef, dass Haber ein Idiot ist und dass es gar keine Ergebnisse geben konnte? In Ihrem Kopf rumort es: Was erwartet Ihr Chef jetzt von Ihnen? Was sollen Sie jetzt machen?! Sie sind stinksauer. Sie sind verwirrt. Sie sind bedrückt und ratlos.

„Ja, das finde ich auch“, schreiben Sie schließlich an Ihren Chef. „Können wir mal darüber sprechen?“

Sie senden die Mail ab. Sie sehen an der Empfangsbestätigung, dass Ihr Chef die Mail gelesen hat. Aber er antwortet nicht. Er antwortet einfach nicht. Viele Minuten starren Sie ratlos auf den Bildschirm. Aber es kommt keine weitere Mail.

Sie beschließen, sich einen extra starken Kaffee zu holen.

 

Am Kaffeeautomaten sind drei Ihrer Kollegen leise in ein Gespräch vertieft. Als sie Sie sehen, beenden Sie ihr Gespräch und gehen schweigend auseinander.

 

Am Arbeitsplatz zurück erwartet Sie eine Mail von ihrem Chef. Betreff: Ergebnisse

„Wo waren Sie?“, lesen Sie.

Sie denken: „Das kann ich auch!“ und tippen wütend zurück:

„Am Kaffeeautomaten.“

Die Antwort kommt prompt:

„Das war zu erwarten.“

Dann ist wieder Funkstille auf dem Computerbildschirm.

 

Den Rest des Tages verbringen Sie verwirrt, wortlos und weitgehend untätig auf ihrem Bürostuhl. Die Kollegen gehen nach und nach grußlos nach Hause. Irgendwie ist es jetzt noch stiller als vorher. Die Stille beginnt, in Ihren Ohren zu dröhnen.

Sie wollen auch gerade gehen, da sehen Sie, dass Ihr Chef Ihnen für morgen früh einen Termin eingestellt hat. Betreff: Ergebnisse Herr Haber. Teilnehmer: Sie, Ihr Chef und ein Personalverantwortlicher. Das sieht nicht gut aus. Sie wollen Ihren Chef anrufen, aber niemand geht ans Telefon. Allein bleiben Sie im Büro zurück.

 

Herzlich willkommen. So geht es Ihnen ab jetzt jeden Tag, bis Sie in Rente gehen.

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