Unter der Rubrik „Lauter Irrtümer“ schreibe ich in loser Folge auf, mit welchen nicht zutreffenden Vorurteilen über Asperger-Autisten ich mich auseinanderzusetzen habe.

Ein Asperger-Autist hat keinen Sinn für Humor.

Ein Asperger-Autist hat keine oder nur sehr rudimentäre Gefühle.

Ein Asperger-Autist lebt in seiner eigenen Welt, die er nicht verlassen kann.

Ein Asperger-Autist kann sich nicht oder nur sehr schwer in andere hineinversetzen.

Ein Asperger-Autist ist ein völlig mitleidloser Soziopath.

Einem Asperger-Autisten ist völlig egal, was um ihn herum vorgeht.

Ein Asperger-Autist will grob, unhöflich und ruppig angesprochen werden.

Ein Asperger-Autist ist jemand mit einer speziellen Begabung für Computer und Mathematik.

Und so weiter, und so weiter.

 

Dieser Quatsch ist unausrottbar. Er zählt zu den nachwachsenden Rohstoffen, aus denen die Newsfeeds, Zeitungsartikel und Onlinebeiträge gebastelt werden, die wieder und wieder und immer wieder dieselben Vorurteile bedienen.

 

Nun ja. Dagegen scheint sich vorerst nichts machen zu lassen. Wenn es Nichtautisten (NTs) gibt, die glauben wollen, dass die Asperger-Autisten (AS) so sind, dann werden sich diese NTs durch Fakten und Argumente nicht davon abbringen lassen.

 

Schauen wir uns heute den Irrtum Nr. 6 an.

Lauter Irrtümer 06 – Autisten können nicht lügen

Immer wieder werde ich mit dieser Aussage konfrontiert:

„Autisten können nicht lügen.“

Hm. Ist das so?

Ich selber habe das Asperger-Syndrom (AS), bin also offiziell als Autist anerkannt. Kann ich nicht lügen?

 

Ich habe viel darüber nachgedacht und finde keine einfache Antwort.

 

Zunächst mal:

Ich bin zwar Autist. Aber das macht mich noch lange nicht zum sozialen Idioten. Ich habe ein ausgesprochen taktisches Verhältnis zu Wahrheit. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass diese Worte des Vorstands:

„Das sind unsere Überlegungen meine Herren, jetzt würde mich Ihre ehrliche Meinung dazu interessieren“,

die ultimative Aufforderung sind, jetzt entweder den Pfad der Wahrheit zu verlassen oder sich nach einem neuen Job umzusehen.

 

„Niemand hat das Recht auf eine Wahrheit, die anderen schadet“, habe ich bei einem recht unbekannten französischen Philosophen gelesen. Diese Worte haben mich beeindruckt. Wie ist das zum Beispiel, wenn jemand auf der Flucht vor seinem Mörder an mir vorbei läuft und der Mörder mich dann kurz darauf fragt, ob ich jemanden habe vorbei laufen sehen. Kann ich dann auch nicht lügen?

 

Wer nicht lügen kann, bringt sich und andere in Gefahr.

 

Meine Haltung dazu ist:

„Wer mit der Wahrheit nicht verantwortungsvoll umgehen kann, der bekommt sie von mir auch nicht zu hören.“ Da kann ich ziemlich konsequent sein.

Es ist meine Verantwortung, einigermaßen klar vorherzusehen, was der, dem ich die Wahrheit sage, daraus machen wird. Wer nicht lügen kann, handelt verantwortungslos.

 

Die Nichtautisten (NTs), die ich kenne, vertragen eine unangenehme Wahrheit sehr oft nicht.

„Gefällt dir meine Frisur?“

„Findest du eigentlich, dass ich dicker geworden bin?“

„Was sagste denn zu mei’m neu’n Auto? Toller Schlitten, wa’?“

Was soll ich darauf antworten?

Eine Wahrheit, die ihnen nicht gefällt, wollen die NTs in solchen Situationen meist nicht hören. Sie wollen hören, was ihnen gefällt. Sonst gibt’s Druck. Viel Druck. Mir ist bis heute nicht völlig klar, warum sie überhaupt so ein Gewese um diesen Begriff „Wahrheit“ machen.

 

Die NTs verlangen in solchen Situationen von mir, dass ich die Wahrheit (oder die Realität) solange umdeute und umbiege, bis sie ihnen gefällt. Das fällt mir tatsächlich schwer. Für mich kommt diese Umdeuterei und Umbiegerei dem „Zwiedenken“ oft sehr nahe. Aber die permanente Konditionierung durch die NTs hat mich gelehrt, vorsichtig zu sein mit dem, was ich sage. Diplomatie scheint hier das Mittel der Wahl zu sein. Diplomatie als eine Form der Kommunikation, wo man die Unwahrheit sagen kann, ohne zu lügen. Damit haben AS tatsächlich oft ihre Probleme.

 

Wo diese Mär herkommt, dass Autisten nicht lügen können, weiß ich jedoch nicht. Lügen können ist eine soziale Kernkompetenz, die wir AS uns (zum Teil mühsam) aneignen müssen, wenn wir wirtschaftlich und sozial erfolgreich sein wollen.

 

Vielleicht ist es so, dass wir Autisten uns beim Lügen nur einfach ungeschickter anstellen als die NTs.

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Kommentare: 2
  • #1

    NeoSilver (Donnerstag, 26 Januar 2017 11:48)

    Lügen ist m.M.n. nicht gentisch codiert, sondern rein sozialisiert.
    Dazu müssen wir uns nur die jüngsten Menschen anschauen. Dabei ist es egal ob das Kind ein Autist oder Nichtautist ist.

    Es gibt Studien darüber ab wann ein Kind fähig zu lügen ist. Da es individuell ist, wird es auf etwa 2-3 Jahre taxiert.
    Als Quintessenz wird behauptet, dass Kinder erst ab diesem Alter eine Kompetenz dafür aufbauen können.

    Diese Kompetenz, betrachtet man die Ontogenese eines Kindes, erwirbt sich m.M.n. durch die Umwelt.
    Kinder geraten in innere Konflikte, wenn Verbote auf den eigenen Willen treffen.

    Nun könnte ein autistisches Kind, welches nicht so stark mit der Umwelt interagiert also diese Fähigkeit nicht so schnell oder gar nicht ausbilden.
    Eventuell liegt dies an der verminderten Wahrnehmung für die sozialen Interaktionen oder die vermehrte Wahrnehmung für die eigenen Interessensgebiete.

    Vermutlich ist es aber eine Kombination aus den o.g. Dingen und der Tatsache, dass Emotionen und Verhaltensweisen von einem Autisten nicht korrekt analysiert werden können.
    Dies liegt vornehmlich an der indirekten, subtilen Art, welche Erwachsene oft in ihrer Handlung ausübungen.

    Damit würde ich dir dann zustimmen und aussagen, dass Autisten ebenso lügen können wie jeder andere Mensch, nur eben die durchlaufene Entwicklung dafür gesorgt hat, dass diese Fähigkeit nicht so schnell und ausführlich ausgebildet wurde, wie bei anderen Menschen.

    Und auch dies ist individuell.
    Ein autistisches Kind, welches in seiner Kindheit dazu gezwungen war zu lügen, wird in diesem Punkt nicht unterscheidbar sein, wenn es nicht sogar überdurchschnittlich gut dabei ist.

    Wieso diese Fähigkeit nicht in den Folgejahren erworben wird könnte ich mir nur, wie du es beschreibst, durch eine ungeschickte Art während des Erprobens des Lügens erklären.
    Quasi eine Selbstkonditionierung, dass es nicht funktioniert, also auch nicht angewandt werden soll.
    Zusätzlich wirkt dann die Umwelt mit negativen und positiven Erlebnissen darauf ein.

    Bei erwachsenen Autisten könnte ich mir zudem vorstellen, dass diese Selbsterkenntnis über die eigene Ehrlichkeit ein circulus vitiosus ist.
    Die Symptomliste beschreibt das "nicht lügen" und der Lesende erkennt dies als eigene Wahrheit an, verschiebt seine tatsächliche Wahrnehmung und antwortet in darauf bezogenen Fragen ab sofort komform der Symptomliste und trägt damit unmittelbar dazu bei, dass dieses Gerücht erhalten bleibt.

  • #2

    Stiller (Samstag, 28 Januar 2017 15:31)

    Mir ging es bei den Beiträgen zum Thema Lüge vor allem darum, schlaglichtartig die Diskrepanz zu beleuchten, die herandressiert wird zwischen
    (a) innerer Wirklichkeit und äußerem Schein
    (b) äußerer Wirklichkeit und äußerem Schein

    Innere Wirklichkeit:
    a) Was fühle ich
    b) Was denke ich
    c) Was will ich
    Die Kinder, die ich erlebe, werden in beinahe jedem Fall dazu dressiert, ihre innere Wirklichkeit nur noch zensiert oder verzerrt nach außen zu zeigen.
    Sie sollen nicht fühlen, was sie fühlen, sondern das, was genehmigt ist.
    Sie sollen nicht denken, was sie denken, sondern das, was genehmigt ist.
    Und so weiter.
    Oft ist es genehmigt, die innere Wirklichkeit nach außen zu zeigen. Aber leider viel zu häufig ist das nicht genehmigt.
    Kinder, die so dressiert werden, verlieren nach und nach den Kontakt zu ihrer inneren Wirklichkeit. Damit verlieren sie sich (zumindest teilweise) selber. Sie werden sich - in Teilen - selber fremd und unheimlich.

    Alles im Namen von "Liebe", "Erziehung" und "Höflichkeit", selbstverständlich.

    Die Folgen dieser herbeidressierten Selbstenfremdung erlebe ich als verheerend.

    Ich habe zu wenig Daten über das Thema "AS und Lüge", um sie sinnvoll auswerten zu können.
    Natürlich habe ich einen Haufen Hypothesen, wie Kinder mit Asperger-Syndrom auf die allgegenwärtige Dressur zur Lüge reagieren. Aber bevor ich die nicht getestet habe, bleibt das alles Spekulation.

Unter der Rubrik „Lauter Irrtümer“ liste ich auf, was in meinen Augen die populärsten Irrtümer über Asperger-Autisten (AS) sind. Manchmal betreffen diese Irrtümer nur mich, manchmal die meisten AS, manchmal alle AS.

Grad der Behinderung

Unlängst hatte ich eine Unterredung mit der Schwerbehindertenbeauftragten des Konzernbetriebsrates. Die Abteilung, in der ich arbeite, wird zum Ende des Jahres aufgelöst. Und auf dem Chart der neuen Struktur, das sie uns zeigten, tauchten nur noch 12 Stellen auf. Wir sind aber 20 Kollegen. Also war es mal wieder Zeit, sich Sorgen zu machen.

 

Besonders kritisch ist so eine Situation für einen Menschen wie mich, der sehr merkwürdig auf andere wirkt. Ich habe schon einige Arbeitsstellen verloren, nur weil ich Autist bin. (Die Güte meiner Arbeit stand dabei stets außer Frage, aber ich „passte“ halt („leider, leider“) nicht dazu, wie man mir stets wortreich erklärte). Und wenn man darüber hinaus von diversen Chefs so lange und so intensiv gemobbt worden ist wie ich, nur, weil man Autist ist, dann weiß man, wann es Zeit ist, Vorkehrungen zu treffen.

 

Das zuständige Versorgungsamt war vor einem Jahr so freundlich, mir 40% Grad der Behinderung (GdB) zuzuerkennen – Asthma und Asperger-Autismus. Jetzt wollte ich die sogenannte Gleichstellung beantragen. Ab 30% GdB geht das. Wer „gleichgestellt“ ist, genießt in Deutschland denselben Kündigungsschutz wie ein Schwerbehinderter – er kann nur noch „aus besonderem Grund“ entlassen werden. Und dieser Entlassung muss auch noch der Integrationsbeauftragte zustimmen. Sowas kann sehr wichtig sein, wenn der Konzern mal wieder umstrukturiert und sich in großem Stil von seinen Mitarbeitern trennt.

 

Da ich nicht weiß, wie man so einen „Antrag auf Gleichstellung“ formuliert, bat ich die Schwerbehindertenbeauftragte um Hilfe. Die war voll hemdsärmlig-burschikosem Elan, mir als Arbeitnehmer zu meinem Recht zu verhelfen. Sie unterhielt sich bei der Antragsaufnahme in der aufgekratzten und leutseligen Art mit mir, die extravertierten Neurotypischen (NTs) eben so zu eigen ist. Es war ein laaaanges Formular, das da auszufüllen war. Ich dachte irgendwann:

„Ein Truppenentflechtungsabkommen kann nicht länger sein.“

 

„So“, sagte sie, „wo haben wir’s denn?“ Suchend fuhr ihr rechter Zeigefinger über ein Papier, das vor ihr lag.“Aaaah hier! …, Ja! … 40% GdB. Da steht’s.“

Sie schaute von den amtlichen Dokumenten auf und guckte mich direkt an:

„Damit sind Sie behindert genug, um unter dem Schutz des Staates zu stehen.“

„Verzeihung“, antwortete ich ihr, „da steht GdB – Grad der Behinderung.“

Sie war etwas irritiert. Ihr Redefluss stockte für einen Moment. Sie guckte wieder auf die Papiere vor ihr.

„Ja“, sagte sie, „und?“

„Grad der Behinderung“, wiederholte ich. „Das heißt nicht, dass ich behindert bin. Ich bin nicht behindert, ich werde behindert. Und in welchem Maße mich die NTs behindern, das ist in diesem Schreiben festgehalten.“

Sie stutzte für einen Moment, dann hellte sich ihre Miene sichtlich auf:

„Sie sind nicht behindert“, wiederholte sie langsam, „Sie werden behindert.“ Sie strahlte mich an.

„Guter Spruch!“, sagte sie fröhlich, „Den muss ich mir merken!“

Dann fuhr sie weiter in ihrem Redefluss fort. Und ich hatte wieder einmal den Eindruck, dass es mir nicht gelungen war, mich verständlich zu machen. Solche Situationen erlebe ich leider sehr oft. Ich finde offenbar nicht die richtigen Worte.

So ging es dann eben weiter: Sie redete viel und ausdauernd. Ich schwieg und gab an den passenden Stellen einsilbige Antworten. Und irgendwann waren wir fertig und das Gespräch war zu Ende.

 

Worum geht’s mir?

Vielleicht kann ich mich in diesem Blog verständlicher ausdrücken.

 

Es geht mir um folgendes:

Seit ich die offizielle Diagnose Asperger-Autismus (AS) habe, habe ich damit zu kämpfen, dass mich die Nichtautisten (NTs) für einen behinderten NT halten. Ich bin aber kein NT. Definitiv nicht. Ich sehe vielleicht wie einer aus. Aber ich bin ein kerngesunder und völlig normaler AS.

 

Ich weiß nicht, was die NTs so umtreibt. Aus irgendwelchen Gründen sind sie praktisch nicht von dem Glauben abzubringen, dass ein AS ein behinderter NT wäre. Das ist so, als ob ein Esel ein behindertes Pferd wäre oder ein Hase ein behindertes Kaninchen.

 

Wenn die NTs mich besser kennen, sage ich ihnen blank ins Gesicht:

„Ich sehe so aus wie ihr, aber ich bin nicht wie ihr.“

Aber auch dabei ernte ich fast immer das für die NTs übliche Unverständnis. Für den durchschnittlichen NT scheint die Welt nur aus NTs zu bestehen. Das Konzept eines „anderen“ Menschen scheint ihm völlig unbegreiflich zu sein.

 

Und so fallen sie in Heerscharen und voller Hilfsbereitschaft über die AS her:

„Du musst dir nur Mühe geben.“

„Wenn du dich ein bisschen anstrengst, schaffst du das.“

„Du schaffst das. Ich zeig dir, wie das geht.“

„Spring doch mal über deinen Schatten!“

„Nun sei doch wenigsten ein bisschen guten Willens und sei nicht immer so merkwürdig.“

Für sie ist ein AS dann gesund und wohlauf, wenn er ein NT ist.

 

„Klar“, antworte ich den NTs in solchen Fällen, „gleich morgen fange ich damit an.“

 

Manchmal sage ich den NTs aber auch etwas ganz anderes. Da kann ich ziemlich schroff sein. Speziell bei den Vorträgen, die ich zum Thema Asperger-Autismus halte. Ich sage ihnen:

„Wir AS können in Ihrer Welt leben. Aber Sie nicht in unserer. Ich kann Ihnen eines versichern: Müssten Sie dieselbe Anpassungsleistung erbringen, die wir erbringen müssen, um in Ihrer Welt zu leben, dann wären Sie

- nach einem Tag arbeitsunfähig krank

- nach einer Woche intensiv mit Suizidgedanken beschäftigt

- und nach drei Wochen wären Sie ein klinischer Fall.

Wir AS betreiben jeden Tag Hochleistungssport, wenn wir in Ihrer Welt leben. Das tun wir von Kindesbeinen an. Auf dem Planeten Vulkan würden Sie jedoch kein Bein auf den Boden bekommen – dort würden Sie nicht überleben. Nehmen Sie das bitte zur Kenntnis und respektieren Sie das bitte.“

 

Ein NT ist kein behinderter AS, und ein AS ist kein behinderter NT. Wenn einer in die Welt des anderen wechseln will, wirkt er jedoch behindert. Es kann gar nicht anders sein. Ich kenne bislang nur einen einzigen NT, der bewusst und nachhaltig in meine Welt wechseln will, wenn er mit mir zusammen ist. Wie es ihm bei diesen Versuchen ergeht und mit welchen haarsträubenden und – für ihn – völlig unerwarteten Schwierigkeiten er dabei zu kämpfen hat, davon werde ich in anderen Texten berichten. Dieser NT fühlt sich ziemlich behindert in meiner Welt. Aber er macht weiter. Ich habe wirklich eine ungeheure Hochachtung vor ihm.

 

 

Zusammengefasst

AS sein zu dürfen ist ein Menschenrecht. Ein Asperger-Autist ist kein behinderter Neurotypischer, sondern ein völlig normaler Asperger-Autist. Wenn er in der Welt der NTs leben will, wird er durch das, was die NTs dort geschaffen haben, massiv behindert. In welchem Maße er dadurch behindert wird, das drückt der sogenannte „Grad der Behinderung“ (GdB) aus.

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Das Leiden am Asperger-Syndrom

Immer wieder lese ich es. Manchmal höre ich es auch im Gespräch:

Irgendjemand leidet am Asperger-Syndrom.

 

So wie sie da steht, ist die Aussage richtig. So wie sie meist gemeint ist, ist sie falsch.

 

Ja, es gibt sehr viele Menschen, die am Asperger-Syndrom leiden. Und nein, es sind nicht die Menschen, die das Asperger-Syndrom haben. Nach meiner Erfahrung, sind es die Nichtautisten (NTs), die am Asperger-Syndrom leiden. Deshalb haben sie es auch zur „Krankheit“, zur „Störung“ bzw. „Entwicklungsstörung“ oder gar zur „Tiefgreifenden Entwicklungsstörung“ gemacht. Wer bietet mehr? Wie wäre es mit „Umfassender sozialer Anpassungsunfähigkeit“?

 

Wer leidet hier woran?

Ich erlebe es so: Die NTs leiden daran, dass die Asperger-Autisten (AS) unangepasst sind. Das ist das gute Recht eines jeden NTs. Es ist aber ein großes Unrecht, die Ursache für dieses Leiden in den AS zu suchen.

 

Eine Analogie:

Wenn uns verschimmeltes Essen angeboten wird, wollen wir es in der Regel nicht essen. Wir finden dieses Essen eklig. Es ist aber nicht das Essen, das eklig ist. Der Ekel ist in uns. Er wird nur von Essen ausgelöst. Das ist ein feiner aber sehr wichtiger Unterschied. Denn in einem Fall liegt die Verantwortung für unsere unangenehmen Gefühle beim Essen. Im anderen Fall liegt die Verantwortung für unsere unangenehmen Gefühle bei uns.

In Europa neigen wir dazu, um verschimmeltes Essen einen regelrechten Kult zu machen. Wir nennen dieses Essen „Käse“. Die meisten Asiaten können diesen Kult nicht nachvollziehen. Käse widert sie einfach nur an.

 

Wer leidet woran?

Würden die AS am Asperger-Syndrom leiden, dann müsste dieses Leid am größten sein, wenn sie völlig allein mit sich sind und niemand sie von dem, was in ihnen ist, ablenken kann. Die AS, die ich kennen gelernt habe, schätzen aber gerade diesen Zustand besonders. Sie leiden gerade dann nicht, wenn sie alleine sind. Das Leiden der meisten AS fängt dann an, wenn ein NT auf der Bildfläche erscheint.

 

Also nochmal:

Die AS, die ich kenne, leiden nicht am Asperger-Syndrom, sondern an den NTs. Die NTs leiden am Asperger-Syndrom. (Woran sie genau leiden, werde ich in anderen Texten detaillierter ausführen)

 

Die NTs haben diese Welt gekapert und tun so, als wäre es ausschließlich ihre. Sie haben diese Welt mit allgegenwärtigen viel zu starken Reizen (Lärm, Licht, Geruch etc.) und ihren - nur bizarr zu nennenden - sozialen Regeln ausgestattet, so dass viele AS sie als extrem lebensfeindlich erleben.

 

Wenn ich im Gespräch mit NTs bin, die wissen, dass ich Autist bin und sie sagen, dass ich am Asperger-Syndrom leide, weise ich sie freundlich (hoffe ich) und bestimmt (bin ich mir sicher) zurecht: „Verzeihung, wir leiden nicht am Asperger-Syndrom. Wir leiden an euch.“

 

Zusammengefasst:

Nichtautisten leiden am Asperger-Syndrom.

Asperger-Autisten leiden an den Nichtautisten und der Welt, die sie nach ihren Bedürfnissen eingerichtet haben.

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Heike (Samstag, 03 Dezember 2016 14:18)

    Super geschrieben! Etiketten schaffen Dinge (in dem Falle Krankheiten), die es ohne diese Zuweisungen so gar nicht gäbe!

  • #2

    Werner (Samstag, 10 Dezember 2016 09:48)

    Wie sehr wahr!

  • #3

    Mila (Sonntag, 18 Dezember 2016 18:44)

    Das ist genau das, was ich seit Monaten in meinem Kopf bewege. Für mich kommt noch ein Punkt dazu:
    Autismus Diagnosen entstehen aufgrund subjektiver Wahrnehmung der Diagnostiker die i.d.R.selbst keine Autismus Diagnose haben.
    Ich würde gerne eine Essay darüber schreiben. Magst du mitmachen?

  • #4

    Stiller (Freitag, 23 Dezember 2016 22:13)

    Ein Essay zu zweit? Interessante Aufgabe. Aber mir ist nicht ganz klar, worum es geht:
    1. Wer soll Adressat des Essays sein?
    2. Was soll nach dem Lesen des Essays anders sein als vorher?
    3. Woran würden wir feststellen, dass wir unser Ziel erreicht haben?
    4. Wenn wir uns verständigen, zu zweit was zu schreiben:
    4a) Wer hätte welche Aufgabe?
    4b) Was wären die Liefergegenstände (was muss geliefert werden)?
    4c) Was wären die Liefertermine?

Ich auch

Es gibt nur wenige Nichtautisten (NTs) in meinem Umfeld, denen ich gesagt habe, dass ich Autist bin. Aber diese Wenigen geben mir so zahlreiche Hinweise darauf, was für Nichtautisten am Konzept des Autismus unverständlich ist, dass ich buchstäblich dutzende Themen daraus machen könnte. Heute widme ich mich dem Thema: „Ich auch …“

 

Wenn ich den NTs Aspekte meines Autismus' schildere, sagen sie sehr oft Dinge, die sich zu „Ich auch …“ zusammenfassen lassen: Sie müssen auch oft alleine sein. Sie fühlen sich auch extrem gestört, wenn jemand ihre Routinen unterbricht. Sie müssen sich auch ganz oft durch Flucht vor zu heftigen Sinnesreizen schützen. Sie haben auch ausgefallene Spezialinteressen, denen sie in ihrer Freizeit exzessiv nachgehen … und so weiter. Ich bin auf einmal von lauter Autisten umgeben. Bin ich das? Nein, bin ich nicht. Ich stelle bei intensivem Nachfragen bei all den „Ich auch“-NTs fest, dass sie mir mit ihrem „Ich auch“ nachweisen wollen, dass ich in Wirklichkeit gar nicht autistisch bin, sondern nur eine schwere Kindheit hatte und mir den Rest einbilde, weil ich so überkandidelt bin und mich wichtig machen will. Mit anderen Worten: Ich soll mich mal bloß nicht so anstellen, sie haben’s auch schwer.

 

Eine Zeit lang habe ich versucht, den NTs argumentativ zu verdeutlichen, was mich als Autisten von ihnen unterscheidet. Das gelang mir nicht. Ich habe nicht die richtigen Worte gefunden. Heute habe ich vielleicht eine Analogie gefunden, die verdeutlichen kann, wo der Unterschied zwischen „Ich auch“-NTs und Autisten liegt.

 

Die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens bin ich arm gewesen. Ziemlich arm. Heute würde man sagen: Hartz IV – Niveau. Wir hatten einfach kein Geld. Alles war knapp. Die „Ich auchs“ würden mir wahrscheinlich zu diesem Thema erzählen, dass sie auch gerne mehr Geld hätten, dass sie sich auch nicht alles leisten können, dass die Zeiten allgemein hart seien, dass das Geld bei ihnen manchmal „wirklich knapp“ sei und sie sehr genau rechnen müssten. … Und dann würden sie in ihr Auto steigen und zurück in ihr zentralbeheiztes Heim im Grünen fahren.

 

Arm sein bedeutet aber nicht nur, kein Geld zu haben. Arm sein heißt, sich schämen und sich verstecken. Sich schämen und sich verstecken, weil das einzige Paar Schuhe, das man hat (das man schon seit Jahren trägt) Löcher hat, die man nicht mehr verbergen kann. Sich schämen, weil man sommers wie winters in der gleichen abgerissenen Kleidung rumläuft. Sich schämen und sich verstecken, weil man nicht weiß, was im Fernsehen lief, weil man sich keinen leisten kann. Weil man nicht in den Urlaub fahren kann. Weil schon der Weg in den Nachbarort eine Weltreise ist. Arm sein heißt, dass du im Winter frierst wie doof, weil Heizen einfach zu teuer ist. (Du kannst dich aber stundenlang in Kaufhäusern und öffentlichen Gebäuden rumdrücken. Die sind im Winter gut geheizt).  

Arm sein kostet Zeit und Kraft. Zeit und Kraft, um alle Lebensmittelläden abzulatschen und nach unverdorbenen Resten zu fragen. Zeit und Kraft, um die Bretter und die Werkzeuge zusammenzuschnorren, die du brauchst, um das selbstgebaute Regal zu reparieren. Kraft und Zeit, um die Ärzte aufzusuchen, die einen umsonst behandeln (ja, wir waren nicht mal krankenversichert. Sowas gibt’s mitten in Deutschland und niemanden hat’s interessiert). Kraft und Zeit, um nachts über den Zaun am Schwimmbad zu klettern, weil es tagsüber Eintritt kosten würde. Kraft und Zeit, weil einfach nichts da ist – Lineale, Scheren, Klebstoff, Schreibpapier, funktionierende Stifte, funktionierendes Werkzeug, funktionierende Elektrogeräte, vernünftige Küchenmesser, vernünftige Dosenöffner, funktionierende Uhren, Radios, Taschenlampen, Tapete, Wandfarbe, Pinsel, Schrauben, Schnur, Taschenrechner, Nähzeug, Nägel, Mehrfachsteckdosen, Möbel – nimm, was du willst: Die Armen haben’s nicht oder müssen es sich mit gewaltigem Aufwand besorgen. Armut raubt die Menschwürde. Armut macht müde und krank. Armut führt schnurstracks in die soziale Isolation und in die Verzweiflung. Das ist der Unterschied zwischen Armut und „Ich habe auch kein Geld“.

 

Bei Autismus und „Ich auch“ sind die Unterschiede analog.

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  • #1

    Mila (Sonntag, 18 Dezember 2016 18:51)

    ...So arm war ich nicht. Aber ich verstehe was du meinst. Ich kenne nur blöd angeguckt zu werden, weil man sich die "billige"Mensa nicht leisten kann.... Und sein Klopapier in der Uni klaut die man sich mit drei Jobs finanziert. Ich habe den Vorteil eines Holzofens gehabt. Holz kann man sammeln oder umsonst abholen manchmal.... Ja, es kostet Energie, aber man wird auch lebenstüchtig und erfinderisch.