02. Dezember 2017

 

Du schaffst das!

 

Ich habe früher im Fernsehen sehr gerne Star Trek geschaut. Speziell die Version „The Next Generation“ gefiel mir gut. In der Folge „Galavorstellung“ (S2 E21) spielt Data gegen einen Großmeister namens Sirna Kolrami eine Partie „Strategema“ – das ist ein dreidimensionales Strategiespiel. Die beiden sitzen an einem Tisch, zwischen ihnen das dreidimensionale Spielbrett. Data ist still und hochkonzentriert, sein Gegner auch. Und um Data herum stehen seine Offizierskollegen und brüllen unentwegt auf ihn ein:

„Du schaffst das!“

„Glaub an dich!“

„Ja, zeig’s ihm!“

Es ist ein gewaltiges Durcheinander an gebrüllter Aufmunterung und Ermutigung. Ich habe nie begriffen, wozu das gut sein sollte. Datas Spiel wird davon jedenfalls nicht besser.

 

Anderes Beispiel:

Als meine ältere Tochter in die Oberstufe kam, fiel mir dieser neue Brauch an Deutschlands Gymnasien zum ersten Mal auf: Während der Abiturzeit hängen irgendwelche Menschen Plakate, Bettlaken und Poster mit Ermutigungssprüchen auf:

„Lea, du schaffst das!“

„Auf zu den Sternen, Bernhard!“

„Johanna, wir glauben an dich!“

Lauter solche Sachen. Die ganze Schule ist voll davon.

 

„Glaub an dich!“, „Greif nach den Sternen“ „Dein Herz muss stark sein wie ein Samurai!“ – ich kenne solche Sprüche auch von Postern, die sich Manager zur Aufmunterung in ihre Büros hängen. Für mich ist das sehr eigentümlich: Was machen die Leute da? Wozu soll das gut sein? Ich bin davon innerlich so weit weg, dass ich nicht mal im Ansatz emotional nachvollziehen kann, worum es hier geht. Ich brauch‘ das nicht. Ich will das nicht. Aber da es NTs sind, die diese Dinge tun, studiere ich diesen Brauch mit forscherischem Interesse.

 

Der einzige Leistungssport, den ich je betrieben habe, ist Schach. Käme irgendjemand während eines Wettkampfs auf die Idee, mir am Schachbrett irgendwelche Aufmunterungsrituale vorzuführen oder mich gar anzubrüllen, dann würde ich ihn sofort des Raumes verweisen lassen.

 

Hätte irgendjemand während meines Abiturs irgendwelche Bettlaken oder Poster in der Schule aufgehängt:

„Stiller, du schaffst das!“, dann hätte ich das Zeug sofort entfernt und der thermischer Zersetzung zugeführt oder sonstwie entsorgt.

 

Wenn ich eine Aufgabe zu bewältigen habe, dann ist es völlig unerheblich, ob mir jemand zutraut, dass ich das schaffe. Es ist völlig unerheblich, ob jemand an mich glaubt oder nicht. Wichtig für die Bewältigung der Aufgabe ist, dass ich mich konzentriere und meine Energien mobilisiere. Dabei können irgendwelche Aufmunterungssprüche oder –plakate nur stören, denn das lenkt mich ab.

 

Immer wieder stelle ich fest, dass den meisten NTs meine Art mich zu konzentrieren und in einer Tätigkeit total aufzugehen, völlig fremd zu sein scheint. Sie kennen das vielleicht aus irgendwelchen Filmen aber nicht aus ihrem realen Leben. Vielleicht ist damit zu erklären, warum sie auf solche Aufmunterungssprüche und –plakate so positiv reagieren. Das ist wieder mal irgend so ein Sozialzeug, das ich mit Interesse studiere, das mit meiner Art, in der Welt zu sein aber nichts zu tun hat.

 

Anfeuerung geht in meinem Leben anders. Ich will ein Beispiel skizzieren:

Ich war damals Torwart einer studentischen Fußballmannschaft. Wir waren das, was wir eine „Gurkentruppe“ nannten. Mit anderen Worten: Wir waren reine Freizeitspieler und weit mehr begeistert als befähigt. Aus Spaß an der Freude hatten wir uns für das Turnier zur Unimeisterschaft angemeldet. Das war eine ziemlich große Sache - dutzende Mannschaften traten an. Es wurde in der großen Unihalle gespielt, die Ränge waren voller Spieler, die gerade Pause hatten. Ich hatte noch nie vor Publikum gespielt. Diese Atmosphäre war völlig neu für mich.

 

Es gab in diesem Turnier zahlreiche „Gurkentruppen“ wie uns. Und es gab da Mannschaften, die unbedingt gewinnen wollten. Mann, nahmen diese Leute die Sache ernst! In der Tat – ich hatte da zum Teil gegen Leute anzutreten, die in der zweiten Fußballbundesliga Profiverträge gehabt hatten. Beim Fußball zu siegen schien ihnen Lebensinhalt und Lebensziel zu sein.

 

Meine Mannschaft flog nach der Vorrunde im ersten K.O.-Spiel raus. Aber einer dieser Supertruppen waren meine Leistungen aufgefallen. Ihnen fehlte noch ein Torwart, also heuerten sie mich an. Und eh‘ ich mich’s versah, war ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Gegnern konfrontiert, die wirklich Fußball spielen konnten. Ich war alles andere als ein guter Torwart. Aber ich habe überdurchschnittlich gute Reflexe, und ich weiß oft, was Menschen tun werden, bevor sie es tun. So stand ich meistens dort, wo der Ball hinkam, noch bevor der gegnerische Spieler überhaupt geschossen hatte. Wie auch immer – ich hielt die Bälle, und meine Mannschaft kam immer weiter. Die Leute auf den Rängen wurden aufmerksam auf diesen merkwürdigen Torwart. Und auf einmal brandeten „Toni! Toni!“ – Rufe durch die Halle. Toni Schumacher war damals der Torwart der Nationalmannschaft. Ich hielt also die Bälle und brachte die gegnerischen Spieler zur Verzweiflung. Dazu gab es dann anhaltenden Szenenapplaus und

„Toni! Toni!“

Das hat dazu geführt, dass ich mehr Energie mobilisieren konnte. Und so hielt ich auch die Dinger, die sonst immer reingingen. Am Ende wurde ich dann mit dieser Mannschaft Turniersieger.

 

Aber mich hätte nicht aufgeputscht, wenn die Leute mir zugerufen hätten:

„Du schaffst das!“

„Glaub an dich!“

„Gib alles!“

Mich hat energetisiert, dass meine Leistung sie begeistert hat. Diese Begeisterung übertrug sich dann auf mich, und so konnte ich Energien und Fähigkeiten abrufen, die mir sonst verschlossen blieben. Den gleichen Mechanismus kenne ich auch von meiner heutigen Arbeit.

 

Begeisterung motiviert mich.

Aufmunterung und Zuspruch demotivieren mich.

 

 

Und falls irgendein NT, der das hier liest, zufällig meinen Weg kreuzen sollte und mich in einer Situation antrifft, in der ich mein volles Leistungspotenzial abrufen muss – bitte verzichte auf jede Form der Aufmunterung und des Zuspruchs! Lass das sein! Komm bloß nicht auf die Idee, mir zu erzählen, wie sicher du bist, dass ich das schaffen werde und dass ich an mich glauben soll und solchen Stuss. Auch wenn es dich danach drängt: Lass das! Lass mich in Ruhe!

 

Ich bin sicher, du schaffst das.

 

 

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09. September 2017

Frag' nicht - reprise

Vor ein paar Wochen habe ich hier einen Text veröffentlicht, in dem es darum ging, dass ich in einer Beziehung sehr viele Dinge nicht gefragt werden möchte:

„Wie war dein Tag?“

„Wo gehst du hin?“

„Wann kommst du wieder?“

„Was liest du da?“

Und so weiter. Das alles will ich nicht gefragt werden.

 

Ich fand jetzt im Internet eine Reaktion auf diesen Text, die ich hier beantworten will.

Eine Frau schrieb:

 

„Viele fragen resultieren aber auch darauf das man Interesse am leben des anderen hat. Würden sie dann sagen das ausschließlich nt's lernen sollten mit autisten um zu gehen? Das finde ich innerhalb einer Beziehung sehr schwierig denn auch nt's haben Gefühle die dadurch oft verletzt werden. Gerade in Beziehungen die wohl von beiden seiten gewollt waren, sollten beide auf einander zu gehen, lernen und Verständnis auf bringen. Wie soll man denn Nähe aufbauen wenn man nicht mal einfache fragen stellen darf? Ich würde das nie tun um jemanden zu verletzen! Man bekommt praktisch keinerlei Chance nicht etwas falsch zu machen und das tut weh. Sieht das auch jemand oder sind die Gefühle anderer nichts wert?“

 

In diesem Text werden Fragen aufgeworfen, die mir NTs ziemlich oft stellen, wenn ich öffentlich über meinen Autismus berichte. Verschiedenes wird für mich hier exemplarisch deutlich. Ich will auf die einzelnen Punkte eingehen:

 

sind die Gefühle anderer nichts wert?

 

Doch. Auf jeden Fall. Jedoch gilt in einer Beziehung für mich: „Ich bin verantwortlich für meine Gefühle. Du bist verantwortlich für deine Gefühle.“ Diese Sicht scheint den meisten NTs ziemlich fremd zu sein. Für mich ist sie unabdingbar, damit eine Beziehung gelingen kann.

 

Viele fragen resultieren aber auch darauf das man Interesse am leben des anderen hat.

 

Das finde ich nett, dass der, mit dem ich in einer Beziehung bin, Interesse an meinem Leben hat. Aber ich bin Autist. Wenn sich mir jemand mit seinen Fragen auf diese Weise aufdrängt, dann ist das so als würde er mit einem laut plärrenden Radio in ein Vogelschutzgebiet gehen und sagen: „Ich interessiere mich sehr für Vögel.“

Ich bin Autist. Frag mich, was ich gelesen habe, wenn ich mit dem Lesen fertig bin. Unterbrich mich mit deinen Fragen nicht bei dem, was ich gerade tue. Störe meine Kreise nicht. Lass mich in Ruhe!

Ich bin Autist. Wenn du Interesse an mir und meinem Leben hast, dann stelle dich ein auf meine Art in der Welt zu sein. Unterbrich mich mit deinen Fragen nicht bei dem, was ich gerade tue und stelle mir keine globalgalaktischen Fragen wie „Wie war dein Tag?“ Nutze deine Fragen nicht, um Zuwendung zu erpressen.

 

Würden sie dann sagen das ausschließlich nt's lernen sollten mit autisten um zu gehen?

 

Nein. Auf keinen Fall. Aber bei allen Beziehungen AS-NT, die ich bislang erlebt habe, war es so, dass sich der autistische Partner wesentlich mehr auf seinen NT-Partner eingestellt hatte als umgekehrt.

 

auch nt's haben Gefühle

 

Davon gehe ich aus, ja.

 

die dadurch oft verletzt werden

 

Es wird in dem Text, aus dem ich zitiere, nicht deutlich, wodurch die Gefühle der NTs verletzt werden. Ich schließe aber aus dem Zusammenhang, dass sie durch das autistische Verhalten des AS-Partners verletzt werden.

Dazu sage ich:

Es ist eine weit verbreitete Illusion, dass in einer Beziehung zwischen erwachsenen Menschen der eine verantwortlich für die Gefühle des anderen ist. Ebenso ist es eine Illusion, dass die Person A die Gefühle der Person B „machen“ könnte.

In meiner Welt ist es so:

Du bist verantwortlich für deine Gefühle, und ich bin verantwortlich für meine Gefühle. Wenn du verletzt bist durch das, was ich tue (eine Illusion), dann ist das zunächst mal dein Problem und nicht meines. Aber wir können gerne darüber reden, welches Verhalten du dir von mir wünschst. Ich werde dann schauen, ob ich dieses Verhalten zeigen kann und will.

 

Gerade in Beziehungen die wohl von beiden seiten gewollt waren, sollten beide auf einander zu gehen, lernen und Verständnis auf bringen.

 

Das sehe ich genauso.

 

Wie soll man denn Nähe aufbauen wenn man nicht mal einfache fragen stellen darf?

 

Oh, da gibt es buchstäblich tausenderlei Möglichkeiten.

Aber mit den Fragen ist es wie zum Beispiel mit dem Pfeifen. Wenn du dazu neigst, vor dich hin zu pfeifen, dann werde ich deine Nähe meiden, wo immer ich das kann. Denn ich ertrage es nicht, wenn jemand pfeift. Es bereitet mir große Schmerzen. Wenn du dann fragst:

„Wie soll man denn Nähe aufbauen wenn man nicht mal pfeifen darf?“

dann werde ich dir antworten:

Oh, da gibt es buchstäblich tausenderlei Möglichkeiten. Aber wenn du eine Beziehung brauchst, in der du pfeifen kannst, dann sollten wir getrennte Wege gehen. Denn dafür stehe ich nicht zur Verfügung.

Und nun zu den Fragen: Wenn du mich so fragst, wie ich es in meinem Text beschrieben habe, dann werde ich deine Nähe meiden, wo ich nur kann. Denn es bereitet mir großes Unbehagen, so gefragt zu werden.

 

Ich würde das nie tun um jemanden zu verletzen!

 

Nein, ich weiß.

Die NTs die pfeifen, pfeifen auch nicht, um mich zu verletzen. Sie pfeifen, weil ihnen danach ist. Es gehört zu ihrer Art, in der Welt zu sein.

Am Ergebnis ändert das nichts.

Hast du einen Autisten wie mich im Haushalt, dann musst du woanders pfeifen oder dich von dem Autisten trennen. Mit den Fragen verhält es sich genauso.

 

Eigentlich ist es ganz einfach: Stelle mir keine NT-Fragen. Stelle mir AS-Fragen. NT-Fragen dienen sehr oft dem Aufbau und der Pflege von sozialem Kontakt. Meine Fragen dienen dem Austausch von Informationen. Wenn du sozialen Kontakt mit mir willst, dann sag mir das. Aber dränge dich nicht mit deinen Fragen in mein Leben.

 

In meinem Leben gibt es oft Dialoge wie diese:

 

1

(Situation: Ich stehe in der geöffneten Wohnungstür und will die Wohnung verlassen. Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, bekommt irgendwie Wind davon und eilt herbei):

Ehefrau de jure: „Wo gehst du hin?“

Stiller: „Weg.“

Ehefrau de jure: „Wann kommst du denn wieder?“

Stiller: „Später.“

 

2

(Situation: Ich komme heim und stehe schon wieder in der Wohnung. Die Tür habe ich bereits hinter mir geschlossen. Die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, eilt herbei):

Ehefrau de jure: „Wo kommst du her?“

Stiller (auf die Wohnungstür weisend): „Ich bin durch diese Tür gekommen.“

 

Falls das interessiert, bin ich gerne bereit, in einem weiteren Text ausführlich zu schildern, was in mir vorgeht, wenn mir in diesen Situationen diese Fragen gestellt werden und warum ich dann ausgerechnet diese Antworten gebe. Ich kann aber an dieser Stelle schon versichern: Wenn ich in diesen Situationen Antworten dieser Art gebe, dann bin ich kein verstockter oder frecher NT, sondern ein Autist, der sich nicht an die NT-Welt anpasst und autistische Antworten gibt. Ich weiß, aus welchem Grund mir die Ehefrau de jure diese Fragen stellt und was sie hören will. Ich habe genug Lebenserfahrung, um das zu wissen. Aber manchmal will ich, wenn ich heimkomme oder die Wohnung verlasse, einfach nur Autist sein. Ich muss draußen schon dauernd den NT mimen.

 

Der Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, sage ich manchmal:

„Ja, du lebst hier mit zwei Autisten zusammen. Das kann für einen NT ziemlich schwierig sein. Ich weiß das. Für uns AS ist es genauso schwierig, mit NTs zusammen zu sein. Du kannst draußen unter deinesgleichen sein. Da musst du dich nicht verstellen. Wir (meine AS-Tochter und ich) müssen draußen dauernd so tun, als ob wir neurotypisch seien. Wenn wir dann auch noch hier daheim so tun müssen, als ob wir NTs seien, dann haben wir nirgendwo mehr einen Ort, wo wir so sein können, wie wir sind.“

 

Man bekommt praktisch keinerlei Chance nicht etwas falsch zu machen und das tut weh.

 

Das kann ich nicht interpretieren. Die NTs, mit denen ich bislang in Beziehungen war, haben so ziemlich jede Chance, etwas in Bezug auf meine autistische Lebensweise falsch zu machen, gefunden und genutzt. Die Lebensweisen von AS und NTs unterscheiden sich nach meiner Erfahrung derart stark und deutlich, dass beide Seiten da eine ganze Menge Fehler machen. Jahrelang.

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Kommentare: 2
  • #1

    SUSI (Mittwoch, 01 November 2017 09:18)

    Hallo, ich lese deine Artikel mit Interesse.

    Meine Frage: Warum sucht ein AS überhaupt Kontakt zu einem NT?

    Und warum sagt der AS nicht, dass er ein AS ist?

    Vielen Dank für deine Antwort.

    Susi

  • #2

    Stiller (Mittwoch, 01 November 2017 13:46)

    Hallo SUSI,

    danke für dein Interesse.

    Warum ein AS diese Dinge tut bzw. nicht tut, kann ich nicht beantworten.
    Aber ich kann Stellung nehmen dazu, wie die Dinge bei mir liegen:

    1
    Warum suche ich Kontakt zu einem NT?
    a) Notwendigkeit: Geld verdienen, einkaufen, ärztliche Hilfe bekommen, Auto reparieren lassen etc.
    b) Hat sich so ergeben - eine meiner Töchter ist NT.
    c) Freiwillig - es gibt einen NT, zu dem ich freiwillig den Kontakt suche.

    2)
    Warum sage ich nicht, dass ich ein AS bin?
    Wenn ich einem NT sage, dass ich AS bin, aktiviere ich hunderte Bilder/Vorstellungen/Vorurteile zum Thema Autismus in seinem Kopf. Über diese Bilder habe ich keine Kenntnisse. Selbst wenn der NT mir von einigen dieser Bilder erzählt - die allermeisten wird er gar nicht bewusst zu fassen kriegen. Über diese aktivierten Bilder habe ich keine Hoheit. Der NT kann mit ihnen machen, was er will.
    Die weitaus meisten Bilder/Vorstellungen/Vorurteile, die ich bei NTs bislang zum Thema Autismus erlebt habe, sind
    a) nicht zutreffend auf mich und/oder
    b) nicht zutreffend auf die Masse der AS und/oder
    c) ziemlich negativ

    Zu 2a)
    Ich kenn' mich mit Computern nicht aus.
    Ich habe keinen technischen Beruf.
    Ich mag es nicht, im Berufsleben mit Detailkram beschäftigt zu werden.
    Ich hasse im Berufsleben Routinetätigkeiten.
    Ich arbeite vergleichsweise unsorgfältig. Präzise bin ich nur in meinen Spezialgebieten.
    Ich bin kein Savant.
    ich falle unter NTs nicht direkt auf.
    Und so weiter

    Zu 2b)
    Im Gegensatz zum Bild vieler NTs neigen AS in aller Regel nicht zu Gewalttätigkeit.
    Die AS, die ich kennengelernt habe, sind keine emotionalen Analphabeten.
    Die AS, die ich kenne, sind bindungsfähig.
    Die allermeisten AS sind keine Savants.
    Die AS, die ich kenne, sind sehr umgänglich, wenn sie ausreichend in Ruhe gelassen werden.
    Und so weiter

    Zu 3b)
    Schreibe ich auf Anfrage gesondert.

12. August 2017

Frag‘ nicht!

Wenn du mit mir zusammen leben willst, wirst du mich als einen Menschen kennen lernen, dem Autarkie besonders wichtig ist. Wirtschaftliche Autarkie, aber auch seelische Autarkie. Ich hasse es, von anderen abhängig zu sein. Mir ist es unangenehm, wenn andere von mir abhängig sind.

 

Und falls du ein NT bist und mit mir zusammen leben willst, dann ist es von großer Bedeutung, dass du weißt:

Frag‘ nicht!

 

„Wo gehst du hin?“

„Wann kommst du wieder?“

„Was machst du da gerade?“

„Was denkst du?“

 

Frag‘ nicht. Wenn ich dir das sagen wollte, hätte ich es bestimmt getan. Ich bin lebenserfahren genug, um zu wissen, dass du solche Fragen vor allem stellst, um Zuwendung zu bekommen. Du fühlst dich einsam, und du willst mehr Kontakt mit mir.

 

Dafür, dass du dich einsam fühlst, kann ich nichts. Und wenn du mehr Kontakt mit mir willst, sind solche Fragen ganz sicher nicht das richtige Mittel. Sag‘ mir, dass du dich einsam fühlst, dann reden wir darüber. Aber schleich dich nicht so von der Seite in mein Leben.

 

„Wo warst du gestern Abend?“

„Wie war dein Tag?“

„Wie hat es dir auf der Wanderung gefallen?“

„Schmeckt’s?“

 

Frag‘ nicht. Ich erlebe solche Fragen von Erwachsenen als dummdreiste Annäherungsversuche. Als meine Töchter klein waren, habe ich ihnen solche Fragen gerne gestattet. Denn sie waren meine Kinder und ich war ihr Papa. Es war ihr gutes Recht, sowas zu fragen und vernünftige, freundliche Antworten zu bekommen. Aber du bist nicht mein Kind, und nach allem, was wir wissen, wirst du es wohl auch nie sein.

 

„Hast du gut geschlafen?“

„Was hast du heute vor?“

„Was liest du grade?“

„Was hältst du von Putin?“

 

Frag‘ nicht. Niemand hat dich als meinen Überwacher oder Kontrollierer bestellt. Ich weiß, aus Erfahrung, dass du an meine Antworten eine Flut von Kommentaren anknüpfen wirst, die alle nur den Zweck haben, Zuwendung von mir zu erpressen. Für all das bin ich mir zu schade. Was ich denke, tue und fühle, werde ich dir mitteilen, wenn ich den Zeitpunkt für richtig halte. Und wenn ich es dir nie mitteile, dann ist das eben so. Dann wirst du damit leben müssen.

 

„Was denkst du – soll ich mich neu bewerben?“

„Wie gefällt dir meine neue Frisur?“

„Wer, glaubst du, wird die Wahl gewinnen?“

„Findest du nicht auch, dass die Sommer immer heißer werden?“

 

Frag‘ nicht. Was du tun sollst oder nicht tun sollst, kann ich dir auch nicht sagen. Und bei Frisuren, Kleidung etc. gilt immer: Hauptsache, es gefällt dir. Du musst damit rumlaufen. Benutze mich nicht als dein Lexikon oder als dein Orakel. Wenn du profunde Informationen willst, dann lies dich in die Thematik ein. Wenn du über irgendeinen Sachverhalt nur plaudern willst, dann such‘ dir jemand anderen dafür. Ich bin Autist und stehe für sowas nicht zur Verfügung.

 

Und zum Schluss:

Wenn es dir gelungen ist, all diese Quatschfragen in dir zum Schweigen zu bringen, dann wirst du feststellen, dass es nur ganz wenige Dinge gibt, über die zu reden sich wirklich lohnt. Über die sollte man sich ernsthaft und in aller Ruhe unterhalten. Dafür braucht man dann viel Zeit und den entsprechenden Rahmen. Zwischen Tür und Angel geht das jedenfalls nicht.

 

Frag‘ nicht.

 

Der Rest ist Schweigen.

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Kommentare: 3
  • #1

    K (Samstag, 12 August 2017 18:15)

    Sehr interessant.
    Ich habe beim Lesen dieses Eintrages zwei Gedankenstränge erlebt.
    Zum einen erlebe ich derartige Fragen als übergriffig. Sie stören meinen inneren Frieden, sie zwingen mich zur Selbstoffenbarung.
    Zum anderen Stelle ich diese Fragen selbst aber auch. Wenn ich etwas gekocht habe, möchte ich sehr gerne wissen, wie es dem anderen schmeckt.
    Wenn ich etwas plane, möchte ich gerne wissen, ob mein Partner teilnimmt oder nicht ("Wann kommst du wieder?").
    Viele dieser Fragen sind mit echtem Interesse verbunden und teilweise richte ich mein weiteres Vorgehen/meine Tagesplanung und somit meine Routinen nach der Antwort auf solche Fragen.

  • #2

    Stiller (Samstag, 12 August 2017 22:26)

    Vielleicht verstehe ich die Gedanken des zweiten Strangs.
    Aber ich gehe anders vor, wenn ich selber frage. Ich frage nicht, um Zuwendung zu bekommen, sondern um Information zu erhalten:
    "Ich will um 22:00 Uhr in den Wald gehen. Wenn du willst, kannst du mit. Kannst und willst du da?" - Das ist etwas ganz anderes als "Wann kommst du wieder?"

    Wenn ich gekocht habe, und andere essen davon, kann ich sehen, ob es ihnen schmeckt oder nicht. Da brauche ich nicht zu fragen. Wenn ich an Details interessiert bin, störe ich sie nicht beim Essen, sondern frage sie später, damit sie sich auf das Essen konzentrieren können.

  • #3

    K (Sonntag, 13 August 2017 14:42)

    Vielen Dank für deine Antwort.
    Ich vermute, dass wir das selbe meinen.
    "Ich frage nicht, um Zuwendung zu bekommen, sondern um Information zu erhalten." - So ist es bei mir auch.
    Gerade dein Beispiel über die Deutung der Reaktionen beim Essen finde ich wieder interessant.
    Ich kann es nicht deuten. Sicher - wenn jemand angeekelt das Gesicht verzieht erkenne ich das. Und wenn jemand wohlige Geräusche von sich gibt (was allerdings für mich wieder ein großer Störfaktor wäre) ist mir das auch klar.
    Mein Erleben nicht-autistischer Menschen ist jedoch, dass sie auch Lob aussprechen, wenn sie es nicht so meinen. Aber das ist ein anderes, altbekanntes Thema ;-)

16. Juni 2017

Kommentiere mich nicht

Es gibt eine Verhaltensweise, die sehr viele Neurotypische (NTs) an den Tag legen. Diese Verhaltensweise macht mir das Zusammenleben mit NTs extrem schwer. Auf Dauer ist es mir nicht möglich, dieses Verhalten irgendwie zu ertragen: Sie kommentieren mich. Aus dem heiteren Himmel bekomme ich zu hören:

„Ah, du hast heute deine blaue Jacke an.“

„Ach, du bist ja auch schon da.“

„Oh, du hast dir was zu essen gemacht.“

„Du bist aber wirklich besonders ruhig heute.“

„Du schreibst ja richtig viel, hier.“

„Hast du abgenommen?“

„Du hast ja deine Haare ganz anders.“

 

Liebe NTs, ich bitte euch eindringlich: Lasst das! Es ist fürchterlich für mich, wenn ihr sowas tut. Der Stress, den ihr damit in mir auslöst, ist jedes Mal wie eine Flutwelle. Manchmal brauche ich Stunden, um mich davon wieder zu erholen.

Wieder einmal quatscht ihr irgendwas an mich ran, was ich erst einmal übersetzen muss, damit ich verstehen kann, was ihr eigentlich von mir wollt. Wieder einmal reißt ihr mich aus meinem Rhythmus. Wieder einmal dringt ihr ungefragt und völlig distanzlos in meine Welt ein. Dann steht ihr da in meiner Welt, und ich frage mich, was jetzt eigentlich schon wieder los ist. (Ihr könnt mir das nicht beantworten, denn ihr wisst es selber nicht). Ich bitte euch eindringlich:

Lasst das sein!

 

Ich weiß, dass es den meisten von euch unmöglich ist, mich nicht zu kommentieren, denn ihr könnt euer Sprechen nur in sehr geringem Maße steuern. (Wenn euch das selber auffällt, bekomme ich in der Regel sowas von euch zu hören:

„Ja, das musste ich einfach mal sagen.“

„Das musste einfach mal raus, jetzt.“

„Ja, wieso?! - Das ist doch nicht schlimm! Das macht doch jeder so!“)

 

Der Alptraum beginnt für mich in der Regel schon, wenn ein NT in Sichtweite kommt. Er ist da. Er nimmt visuell Maß. Er kommt näher. Jetzt ist er in Hörweite. Und jetzt … jetzt kann es jederzeit losgehen mit den Kommentaren. Ab jetzt bin ich im Bunkermodus: Ich spanne mich an. Ich igel‘ mich ein. Ich warte auf den nächsten Tränengasangriff. Und das kostet mich sehr viel Kraft.

 

Ich weiß, liebe NTs, dass es den meisten von euch unmöglich ist, das ungefragte Kommentieren zu lassen. Ihr könnt es einfach nicht. Aber vielleicht gibt euch dieser Text einen kleinen Einblick in das, was ihr damit in mir auslöst. Vielleicht ist das ein gangbarer Kompromiss:

Kommentiert euch doch gegenseitig. Euch scheint das ja nichts auszumachen.

 

Ausblick

Liebe NTs, wenn es euch gelingt, euer Kommentieren unter Kontrolle zu bringen, gibt es weitere Dinge, die ihr üben könnt:

·      Fragt mich nicht, wo ich hingehe, wenn ich den Raum verlasse. Wenn ich euch das sagen wollte, hätte ich es mit Sicherheit getan.

·      Fragt mich nicht, wo ich war, wenn ich den Raum wieder betrete. Ihr seid nicht die Polizei, und ich bin kein Verdächtiger.

·      Fragt mich nicht, was ich tue, wenn ihr in den Raum kommt, und ich bin schon da.

·      Fragt mich nicht, was ich esse, wenn ihr mich essen seht. Schaut euch an, was ich esse – in aller Regel ist sehr gut sichtbar und erkennbar, was ich esse.

·      Fragt mich nicht, wie es mir schmeckt, wenn ich etwas esse. Wenn ihr das nicht an meinem Gesichtsausdruck und meiner Körpersprache ablesen könnt, werden meine gesprochenen Worte euch auch nicht weiter helfen.

 

 

Liebe NTs, ihr macht mir mein Leben buchstäblich zur Hölle mit euren Kommentaren.

Nach beinahe nichts sehne ich mich so sehr, wie nach einer Welt, in der ich da sein kann, ohne dass das, was ich tue oder nicht tue, kommentiert wird.

 

Ich will einfach nur unkommentiert da sein. Ist das denn so schwer? In eurer Gegenwart scheint das jedenfalls unmöglich zu sein.

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Kommentare: 2
  • #1

    Kerstin Kolbert (Samstag, 24 Juni 2017 22:11)

    Als hätte man in mein Tagebuch gesehen u gelesen so genau passt es auf mein Leben. Danke

  • #2

    Stiller (Dienstag, 27 Juni 2017 18:24)

    Ich freue mich sehr, dass es für dich so passend ist.
    Bislang hatte ich erst ein- oder zweimal den Eindruck, mich in dieser Sache verständlich machen zu können.
    (Dem gegenüber stehen die vielen hundert Male, wo ich entweder gar nicht verständlich machen konnte, worum es mir geht, oder ich auf ziemlich vollkommenes Unverständnis stieß).

    Danke für deinen Kommentar.

29. April 2017

Garantien 01 – Sprich mich nicht von hinten an

Vor vielen Jahren bat mich die Frau, mit der ich de jure verheiratet bin, mal aufzuschreiben, was ich in unserer Beziehung von ihr brauchen würde.

Ich habe ihr eine Liste von Garantien erstellt, die ich in einer Beziehung brauche.

Bestimmte Dinge dürfen auf keinen Fall passieren. Das muss garantiert sein. Ich muss mich darauf verlassen können. Bestimmte Dinge müssen auf jeden Fall passieren. Das muss garantiert sein. Ich muss mich darauf verlassen können.

 

Ich habe mit den Jahren gelernt, dass es den meisten NTs unmöglich ist, auf diese Forderungen einzugehen. Sie können es nicht. Aber als ich mir die Liste gerade nochmal anschaute, dachte ich, dass das vielleicht auch interessant für andere sein könnte.

Deshalb will ich immer wieder mal in loser Folge einige dieser Garantien thematisieren.

 

Also

 

Sprich mich nicht von hinten an

 

Wenn ich mit irgendwas beschäftigt bin, dann bin ich damit beschäftigt. Und mit sonst nichts. Ich gehe fast immer vollkommen auf in dem, was ich tue. Diese Art, sich auf einzelne Tätigkeiten zu konzentrieren, scheint den NTs sehr fremd zu sein. Sie können mehrere Sachen auf einmal tun. Ich nicht.

 

Nehmen wir an, dass ich ein Buch aus dem Regal nehme. Dann nehme ich nur ein Buch aus dem Regal. Sonst nichts. Nehmen, wir an, dass ich mir die Schuhe zubinde. Dann binde ich mir nur die Schuhe zu. Sonst nichts.

Für die NTs unter meinen Lesern:

Ihr könnt euch das so vorstellen, dass es dann auf dieser Welt für mich nichts anderes gibt. Alles andere ist buchstäblich aus meinem Bewusstsein verschwunden. Alle Sinne, Gefühle, Gedanken und Handlungen sind dann einzig auf diese eine Sache konzentriert: Buch aus dem Regal nehmen. Schuhe zubinden.

 

Wenn ihr mich dann von hinten ansprecht, ist das in meinem Leben wie eine Detonation. Ihr könntet genauso gut hinter mir einen riesigen Stapel Porzellanteller fallen lassen – das hätte den gleichen Effekt:

Ich erschrecke mich zu Tode.

Ihr materialisiert euch auf einmal aus dem Nichts in meiner Welt. Und die besteht dann nur noch aus Angst, Panik und Entsetzen.

Es dauert dann oft Stunden, bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt habe. Es dauert meist Stunden, bis Angst und Anspannung aus meinem Körper gewichen sind und mein Herz wieder normal schlägt. Sprich mich zwei-, dreimal am Tag von hinten an, und der Tag ist für mich gelaufen. Ich kann dann nicht mehr. Ich bin fertig. Ich kann allenfalls noch ein paar Routineaufgaben erledigen und dann ins Bett gehen. Aber da finde ich dann meistens auch keinen Schlaf.

 

An die NTs unter meinen Lesern:

Soll ich euch was sagen? Den NTs, die mein Leben bevölkern und denen ich das gesagt habe, denen ist das völlig egal. Sie tun bestürzt. Sie geloben, darauf zu achten, dass sie mich nicht von hinten ansprechen werden. Aber das haben sie nach wenigen Momenten schon wieder vergessen. Sie haben ihr Sprechen nicht unter Kontrolle. Sie reden (potenziell) buchstäblich überall dort, wo sie gehen und stehen. Und wenn ihr Mundwerk gerade losgeht, wenn sie direkt hinter mir sind, dann können sie auch nichts dafür. Ist eben so. Und wenn ich mich dann zu Tode erschrecke, finden sie das allenfalls putzig. Aber meistens ist es ihnen vollkommen gleichgültig. Ich soll mich halt nicht so anstellen.

 

An die NTs unter meinen Lesern:

Könnt ihr euch vorstellen, was diese Erfahrungen für Gefühle und Gedanken in mir auslösen?

 

Wenn ihr also überhaupt irgendeine Chance haben wollt, Zugang zu meinem Leben zu haben:

Garantiert mir, dass ihr mich nicht von hinten ansprechen werdet.

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Unter der Rubrik Gebrauchsanweisung sammle ich Texte, in denen ich darstelle, worauf man im Umgang mit mir achten muss. Inwieweit die Hinweise, die ich hier gebe, auch für andere Autisten gelten, weiß ich nicht.

Das Wesentliche

Die abendländische Philosophie unterscheidet gerne die Existenz der Dinge (= ihr Sein) von ihrer Essenz (= ihrem Wesen). Die Philosophen haben es über die Jahrtausende tatsächlich fertig gebracht, hunderte Regalmeter vollzuschreiben mit dem Streit darüber, was denn nun Vorrang haben soll: Das Sein der Dinge oder ihr Wesen.

 

Wenn man sonst keine Hobbys hat, kann man sich natürlich auch mit sowas beschäftigen. Irgendwie kriegt man das Leben schon rum.

 

Wenn ich mich entscheiden müsste (was ich aber nicht muss), würde ich ganz klar den philosophischen Richtungen den Vorrang geben, die das Sein der Dinge über ihr Wesen stellen. Trotzdem steht für mich in meinem Leben – in fast jeder Situation – das Wesentliche im Vordergrund.

 

Tja. So weit so verwirrend. Was ist das Wesentliche und warum steht es für mich im Vordergrund?

 

Eigentlich ist es ganz einfach: Fast überall in meinem Leben gilt - Lass das Überflüssige weg! Konzentriere dich auf das Wesentliche! Je mehr zum Wesentlichen hinzugefügt wird, desto schwerer ist es für mich zu ertragen.

 

Beispiele

 

Ein Esstisch ist ein Esstisch. Er ist dazu da, dass man sich da hinsetzt und isst. So weit, so klar. Und jetzt drängen die Nichtautisten (NTs) in mein Leben und fangen an, Dinge hinzuzufügen: Tischdecke, Kerzen, Blumen, Tischaufsteller, Duftstäbchen und was weiß ich, was sonst noch. Ich will, dass ein Esstisch ein Esstisch ist und sonst nichts. Alles, was sonst noch hinzukommt, empfinde ich als starke Belastung.

 

Ein Stuhl ist ein Stuhl. In meinem Leben ist es wichtig, dass ein Stuhl ein Stuhl ist und sonst nichts. Die NTs neigen dazu, Stühle mit irgendwelchen verspielten Applikationen anzureichern – Schnitzereien, Bemalungen, bunte Farben, Drechselarbeiten und was weiß ich, was sonst noch. Für mich ist es meistens eine Qual, solchem Zusatzklimbim ausgesetzt zu sein.

 

Ein Auto ist für mich ein Auto und sonst nichts. Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie jemand sich an seinen Innenspiegel irgendwelchen Klimbim hängen kann. Mich würde das buchstäblich in den Wahnsinn treiben! Das gleiche gilt für irgendwelche Stofftierchen oder Souvenirs auf der Hutablage, peppige Aufkleber am Heck oder Dekoration im Innenraum.  

 

Eine Wand (in einer Wohnung) ist eine Wand und sonst nichts. Ich lebe mit NTs zusammen, die das anders sehen und mir damit das Leben ziemlich schwer machen. Ich ertrag’ das nicht, wenn da Bilder, Fotos, Blumengebinde, bunte Teller oder andere Sinnesstörer an den Wänden hängen. Das ist so als würden mich die Wände jedes Mal anschreien, wenn ich an ihnen vorbeigehe.

 

So zieht sich das durch mein ganzes Leben. Ein Messer (Essbesteck) ist ein Messer und sonst nichts. Haben Sie schon mal darauf geachtet, was NTs mit so einem einfachen Messer alles anstellen können? (Ich glaube, das nennt man dann Design). Ein Schuh ist ein Schuh und sonst nichts. Eine Uhr ist eine Uhr und sonst nichts. Diese Liste ist schier endlos verlängerbar. Ich will, dass die Sachen, die mich umgeben, so schlicht wie irgend möglich sind.

 

Es hat nichts mit Philosophie zu tun, wenn ich sage: In meinem Leben kommt es auf das Wesentliche an. Es ist meine Art, in der Welt zu sein. Ich kann nicht anders. Vielleicht ist diese Art, in der Welt zu sein, autistisch.

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Fragen

Wenn Nichtautisten (NTs) mich was fragen, empfinde ich das meistens wie einen heimtückischen Feuerüberfall. Ihre Fragen neigen dazu, unpräzise und intergalaktisch zu sein, und sehr gerne stellen sie vier Fragen auf einmal: „Sagen Sie mal, was halten Sie denn von der Finanzkrise, ich meine, sollten die EU-Staaten da nicht stärker zusammenarbeiten oder sind Sie eher der Meinung, alle Staaten sollten zu ihren alten nationalen Währungen zurück kehren? Oder wie sehen Sie das?“

 

Ganz ehrlich – was soll ich darauf antworten?

 

Hier ist eine Liste: Einen Asperger-Autisten (AS) was Sinnvolles fragen in neun einfachen Schritten:

 

1

Werden Sie sich klar, was sie vom AS eigentlich wissen wollen und warum Sie das wissen wollen, bevor Sie anfangen zu reden. Der AS ist nicht dazu da, dass Sie sich Klarheit darüber verschaffen, was Sie eigentlich denken wollen. (Es sei denn Sie haben ihn eigens dafür engagiert und bezahlen ihn anständig). Wenn Sie nur fragen wollen, um ihre sozialen Kontaktbedürfnisse zu befriedigen, wenden Sie sich bitte an jemand anderen.

 

2

Stellen Sie sicher, dass der AS (1.) jetzt (2.) mit Ihnen (3.) über dieses Thema sprechen will. (Wenn er das nicht will, dann will er das nicht. Dann müssen Sie sich (verdammt nochmal!) an jemand anderen wenden oder warten. Und zwar ohne zu grollen und zu schmollen).

 

3

Strukturieren Sie Ihr Anliegen vom Allgemeinen zum Speziellen. Stellen Sie zuerst die Fragen, die die Thematik eingrenzen und stellen Sie dann die spezifischeren Detailfragen.

 

4

Stellen Sie immer nur eine Frage auf einmal.

 

5

Wenn Sie sicher sind, dass der AS Ihre Frage gehört und verstanden hat, haben Sie Sendepause. Er sucht jetzt nach einer Antwort. Das kann ein paar Minuten dauern.

 

6

Fragen Sie präzise. Eine Frage die sich so anhört: „Warum ist das alles so?“ ist keine Frage, sondern ein Manifest Ihres Unvermögens, einen klaren Gedanken zu fassen.

 

7

Bleiben Sie (um Himmels Willen) bei der Sache! Einem AS eine ernsthafte Frage stellen und danach ins Plaudern übergehen ist ziemlich heimtückisch.

 

8

Sprechen Sie leise.

 

9

Wenn Sie fertig sind mit Fragen, seien Sie bitte wieder still.

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass (beinahe) jeder NT mit jedem einzelnen dieser Punkte an die absolute Grenze dessen getrieben wird, was ihm überhaupt möglich ist. Es ist mir wohl bewusst, wie schwer es NTs fällt, AS-gerecht zu fragen. Aber wenn Sie ein Herz für AS haben (und nicht nur gutmenschlich über „Inklusion“ faseln), will ich Sie ermutigen, nicht aufzugeben. Arbeiten Sie an sich. Die AS werden es Ihnen danken.

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Kommentare: 1
  • #1

    Renate (Samstag, 03 Dezember 2016 19:21)

    Vielen Dank, super geschrieben, treffend beschrieben, eine schöne Anleitung für NTs.