· 

Weggefährten

Daniela Schreiter hat den dritten Band ihrer Schattenspringer-Reihe veröffentlich. (Für mich eine absolute Kauf- und Leseempfehlung). In diesem Band interviewt sie andere Autisten, deren Erfahrungen und Erlebnisse sie dann als Comic darstellt. Unter anderem geht es um die Erfahrungen mit Einsamkeit, Beziehungen und Freundschaft. Und da gibt es diese Autistin (Klara), die sagt:

 

„Das Klischee des Autisten, der sich nicht nach Kontakten sehnt, trifft auf mich absolut nicht zu! (Und auch auf keinen anderen Autisten, den ich kenne!)“

 

Klara macht in diesem Interview sehr deutlich, dass sie Freunde will und braucht. Und darüber denke ich intensiv nach, seitdem ich das gelesen habe. Was ist meine Sicht der Dinge?

Ich will das mal skizzieren:

 

1

Dass ich seit über 20 Jahren keinen einzigen Freund mehr habe, habe ich in einem anderen Blogtext schon mal zum Thema gemacht („Die Sekunde“). Dass es mir damit sehr gut geht, auch („Oh Freunde“).

 

2

Dass Klara sagt, dass sie keinen Autisten kennt, dem es in Sachen Kontakte anders geht als ihr, das glaube ich ihr gerne. Menschen wie ich suchen weder Freundschaft noch Kontakt. Jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Wir werden daher praktisch nicht sichtbar für die, die Kontakt suchen und brauchen.

 

3

Ich habe keine Freunde. Aber ich habe Weggefährten. Und das ist für mich etwas ganz anderes. Was ist der Unterschied zwischen Freund und Weggefährte?

Auch das will ich skizzieren. Aber dazu muss ich ein bisschen ausholen.

 

 

Persönliche Treffen

Ich war bislang zweimal für längere Zeit in einem Asperger-Forum aktiv. In dem einen Forum tummelten sich vor allem Schweizer, in dem anderen vor allem Deutsche. In beiden Foren konnte ich nicht bleiben, da ich wegen meiner Art, in der Welt zu sein, angefeindet wurde.

 

Die meisten Asperger-Autisten wirken auf die meisten NTs fremdartig.

Nach allem, was ich sehen kann, toppe ich das noch: Ich wirke auf die meisten NTs und auf viele Asperger-Autisten fremdartig. Geschenkt. Ob andere mich mögen oder nicht, ist mir fast völlig gleichgültig. Ich nehme es, wie es kommt.

 

Aber im deutschen Forum erlebte ich mal mit, wie Asperger-Autisten begannen, sich für ein Treffen in irgendeiner mittelgroßen Stadt zu verabreden. Und mir war dieses Ansinnen derart fremd, dass ich sofort neugierig wurde:

Was sollte hier passieren? Was erwarteten sich die AS von diesem Treffen?

 

Immer, wenn ich mich mit einem Menschen treffe, frage ich mich vorher, was ich in diesem Treffen erreichen will, und was nach dem Treffen anderes sein soll als vorher. Denn nur dann kann ich abschätzen, ob sich dieses Treffen für mich überhaupt lohnen kann oder nicht.

Also stellte ich im Forum dementsprechende Fragen.

 

Wenn ich es richtig erinnere, ließen sich die Antworten der Autisten, die sich persönlich treffen wollten, in diese Kategorien einteilen:

a)    Wir wollen uns näher kennenlernen.

b)    Wir wollen uns die Stadt mal anschauen.

c)    Wir wollen reden.

 

Das war mir sehr fremd.

 

a)

Ja, ich muss Menschen sehen, um sie näher kennen zu lernen. Und wenn ich mich ernsthaft für jemanden interessiere, dann kommen wir ab einem bestimmten Punkt um ein persönliches Treffen nicht herum. Ich habe diese Fähigkeit, die ich „Sehen“ nenne. Wenn ich mit jemandem im schriftlichen Dialog bin, entstehen in mir Bilder, die mir sagen, wie es in diesem Menschen aussieht. Aber nur, wenn wir uns persönlich begegnen, entstehen diese Bilder in der Intensität, die ich brauche, um mir über den anderen wirklich klar zu werden. (Dafür brauchen wir jedoch kein Wort zu wechseln).

 

b)

Aber … Stadt anschauen?! (WTF?!!)

Ich hasse Städte. Jede Gemeinde, die mehr als 1.000 Einwohner hat, brauche ich so notwendig wie Fußpilz. Da eile ich rein, weil ich irgendwas erledigen will und dann so schnell wie möglich wieder raus. Aber anschauen?! Und dann auch noch freiwillig?! Echt, jetzt?! Städte sind tödlich für mich.

 

c)

Und dann: … reden. Im Ernst: Reden?!

Über was? Zu welchem Zweck? Mit welchem Ziel?

Ich kann reden, keine Frage – wie ein Wasserfall, stundenlang und ohne Pause. Meine Kunden halten mich für einen begnadeten Geschichtenerzähler. Aber meinem Wesen nach bin ich eher der stille Beobachter.

 

 

Reden

Wenn ich rede, dient das fast immer dem Zweck, Informationen auszutauschen. Und das dient vor allem dazu, Probleme zu lösen. Dass ich einfach so plappere oder plaudere oder gar quassele, kommt beinahe nie vor.

Wenn du mit mir reden willst, mache mir bitte vor deinem Reden klar, worüber du mit mir reden willst, und welches Ziel du damit verfolgst. Danach werde ich entscheiden, ob es sich für mich lohnt, an diesem Gespräch teilzunehmen und mich entsprechend verhalten. 

 

Wenn ich mich mit Autisten treffen würde, die ich noch nie gesehen habe, die zusammenkommen, um sich kennenzulernen und eine Stadt anzuschauen, dann hätte ich wirklich keine Idee, über was wir reden sollten.

 

Und immer, wenn ich mitbekomme, was für andere Menschen Freundschaft ist, dann entsteht in mir dieses Bild:

Freunde kommen zusammen – und reden.

Manchmal machen sie auch was zusammen, aber vor allem reden sie.

Und das ist mir wirklich ziemlich wesensfremd. Das passt überhaupt nicht zu mir.

 

 

Freunde

Wenn ich andere befrage, was für sie Freundschaft ist, und was Freunde wirklich wertvoll macht, bekomme ich Antworten, die sich grob in vier Kategorien einteilen lassen:

a)    Freunde sind für einen da, wenn es einem nicht gut geht.

b)    Mit Freunden kann man seine privaten Probleme besprechen.

c)    Mit Freunden kann man was zusammen unternehmen, man ist dann nicht so allein.

d)    Freunde sind die, die einen verstehen.

 

Drei von diesen vier Kategorien kann ich nicht brauchen.

a)    Freunde sind für einen da, wenn es einem nicht gut geht.

Wenn es mir nicht gut geht, mache ich das mit mir aus oder konsultiere Fachleute, die dafür ausgebildet wurden und bezahlt werden. Ich will dann einen Coach oder einen Therapeuten aber keinen Freund. Wenn ich mir den Arm verletzt habe, gehe ich damit zum Arzt, nicht zu einem Freund. Wenn ich mir die Seele verletzt habe, halte ich es genauso.

 

b)    Mit Freunden kann man seine privaten Probleme besprechen.

Meine privaten Probleme bespreche ich mit mir selber, danke schön. In seltenen Fällen lege ich schwierige Situationen Menschen vor, die bessere Analysefähigkeiten haben als ich. Sie unterstützen mich dann bei der Analyse und können neue Sichtweisen und Perspektiven in die Sache einbringen. Aber dafür brauche ich Menschen mit Analysefähigkeit, keine Freunde.

 

c)    Mit Freunden kann man was zusammen unternehmen, man ist dann nicht so allein.

Danke, ich bin sehr gern alleine. Ich brauche das Alleinsein wie andere die Luft zum Atmen. In mir wuseln hunderte kleine Kinder herum (lauter kleine Stillers), die den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit beanspruchen. Es geht mir sehr gut mit ihnen. Dass ich da jemand anderen brauche, kommt beinahe nie vor. Man könnte es überspitzt auch so ausdrücken:

Wenn ich alleine bin, bin ich nicht einsam – meine wuseligen Kleinen sind ja da.

Wenn ich mit anderen zusammen bin und geredet wird, dann bin ich einsam, weil dann der Kontakt zu meinen Kleinen gestört wird oder sogar abreißt.

 

d)    Freunde sind die, die einen verstehen.

Ok. Wer versteht mich denn? Um einander verstehen zu können, muss man einander ähnlich sein. Nicht gleich, aber ähnlich. Wer ist mir denn ähnlich?

Jahrzehntelang habe ich intensiv nach einem Menschen gesucht, der mir ähnlich ist. Einem NT gegenüber brachte ich es vor vielen Jahren mal so auf den Punkt:

„Es ist so, als ob ich der einzige Eisbär der Welt wäre. Und nirgendwo gibt es einen anderen Eisbären. Nicht mal ein weißgestrichener Braunbär ist zu sehen.“

 

Als ich dann meine Diagnose bekam, dachte ich, dass ich jetzt haufenweise Eisbären treffen würde. Lauter Menschen wie ich. Oder zumindest Menschen, die mir ähnlich sind.

Irrtum. Auch die anderen AS sind nicht wie ich.

Im schweizer Asperger-Forum eröffnete ich mal einen Thread, in dem ich nachforschte, ob andere Eisbären anwesend waren. Ich gab ihm den Titel, der auch mein Lebensmotto hätte sein können: „Bis hierher und weiter.“

Ich hätte mich genausogut auch an den Meeresstrand stellen und was übers Wasser rufen können.

 

Und dennoch: Ich habe nach ziemlich exakt fünf Jahrzehnten der intensiven Suche jemanden gefunden, der mir ähnlich ist. Das bedeutet mir sehr viel. Besonders, da dieser AS ein Weggefährte ist. Nicht alleine zu sein kann sehr schön sein.

 

 

Weggefährten

Ich habe keine Freunde. Und Bekannte habe ich schon gar nicht.

Dennoch gibt es da Menschen in meinem Leben, denen ich unbedingt vertraue, mit denen ich mein Leben teile und mit denen ich so ziemlich alles bespreche, was es zu besprechen gibt. Das sind meine Weggefährten. Was hat es damit auf sich?

 

Mein Leben ist eine Reise. Ich bin unterwegs. Immer schon gewesen. Was das Ziel ist, kann ich gar nicht so genau sagen. Aber es geht immer um die Befreiung der kleinen Kinder in mir. In mir sind noch so viele tote, kleine Kinder … die wollen alle aufgeweckt und wiederbelebt werden. Und danach wollen sie mit mir und den anderen Kindern zusammen sein. Das ist mein Lebensweg.

Und in diesem Zusammenhang interessieren mich beinahe nur Gefühle. Gefühle sind so ziemlich das einzige, was in meinem Leben von Bedeutung ist. Und ganz wichtig:

Über Gefühle will ich nicht reden – ich will sie fühlen.

Das ist wie mit dem Besuch in einem Restaurant: Ich will essen, nicht die ganze Zeit die Speisekarte lesen oder übers Essen reden. Fühlen und reden sind in meinem Leben Gegensätze. Manchmal muss das eine dem anderen vorausgehen, keine Frage. Aber wenn ich rede, löse ich Probleme. Wenn ich fühle, dann fühle ich.

 

Was machen die Weggefährten in meinem Leben?

Sie haben in ihrem Leben das gleiche Ziel wie ich oder zumindest ein ähnliches. Dann können wir ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Aber diesen Weg geht jeder für sich.

 

Ich will es an einem konkreten Beispiel erklären:

 

Was mich seit Monaten am meisten beschäftigt, ist, dass meine leiblichen Eltern mich töten wollten, als meine leibliche Mutter im achten (oder neunten) Monat mit mir schwanger war. Und als ich dann auf der Welt war, versuchten sie es erneut. Damit kamen meine Kleinen vor ziemlich genau zehn Jahren zum ersten Mal zu mir. Seit Beginn des Jahres wird das für sie zur stärksten Macht auf Erden.

 

Meine leiblichen Eltern wollten mich tot haben. Das hat mir nie jemand erzählt. Es ist mir gegenüber nie auch nur mit einer Silbe erwähnt oder angedeutet worden. Aber ich erinnere mich. Ich war da. Ich erinnere mich an meine Geburt und an die Zeit davor und danach. Meine Vergangenheit ist in mir sehr präsent und lebendig. (Und die allermeisten Menschen, denen ich begegne, sind heilfroh, wenn sie ein paar Szenen aus der Zeit vor ihrem fünften Geburtstag erinnern können!)

 

Meine leiblichen Eltern wollten mich tot haben. Was das für mein Leben bedeutet, können die ermessen, die ähnliches erlebt haben. Die anderen nicht.

Und wenn ich mich jetzt mit irgendeinem Menschen treffen würde – Autist oder nicht - worüber sollten wir dann reden? Ich will das fühlen. Kinder im Mutterbauch und Neugeborene reden nicht. Die haben zwar eine Sprache aber keine Worte. Die haben auch keine Freunde.

 

Meine Kleinen brauchen mich, und ich brauche meine Kleinen. Wir sind sehr intensiv zusammen – Tag und Nacht. Aber auch wir reden nur selten. Meistens sind wir nur da. Und wenn ich mich in so einer Situation mit einem Weggefährten treffe, dann kann das zu den erfüllendsten und schönsten Momenten in meinem Leben gehören. Und ja, manchmal reden wir dann tatsächlich. Aber vor allem sind wir dann auf dem Weg – jeder für sich und gemeinsam. Wenn du einen ähnlichen Lebensweg hast, kannst du unter Umständen ein Weggefährte sein, sonst nicht. Dieser Weg erfordert ungemein viel Mut und Risikobereitschaft. Da, wo wir hingehen, war noch keiner und es ist (auch objektiv gesehen) ziemlich gefährlich. Keiner kann dir garantieren, dass das auch wirklich gut geht. Das ist immer ein Weg ins absolut Dunkle, in Angst und Gefahr. Und wir wissen nicht, wo uns unser Lebensweg hinführt.

 

Aber wer weiß das schon?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0