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Ein Erlebnis

Egal wo ich bin – wenn Menschen auftauchen, dann beobachte ich sie. Ich kann nicht anders. Menschen zu beobachten und meine Schlüsse daraus zu ziehen, ist mein ältestes Spezialinteresse. Damit habe ich direkt nach der Geburt angefangen. Das habe ich auch zu meinem Beruf gemacht.

 

Heute will ich über einen Mechanismus berichten, den ich häufig finde, wenn ich versuche, das Verhalten von Menschen zu erklären. Ich nenne das: „Mit minus eins multiplizieren.“

 

Wenn man irgendeine Zahl mit minus eins multipliziert, bekommt man ihr „Gegenteil“ heraus. (Eingefleischte Mathematiker mögen mir diese unmathematische Aussage verzeihen). Multipliziere ich drei mit minus eins, dann erhalte ich minus drei. Multipliziere ich minus fünf mit minus eins, so erhalte ich fünf. Und so weiter.

 

Was bedeutet das auf das Verhalten von Menschen angewandt?

Ich will es an verschieden Beispielen beleuchten:

 

a)    Wenn ich richtig zähle, habe ich bislang 13 Menschen näher kennengelernt, die mir ungefragt und häufig (öfter als fünfmal) versichert haben: „Geld ist nicht wichtig!“

Alle diese Menschen sind Millionäre.

b)    Ich habe in meinem Leben bislang knapp 30 Vorgesetzte gehabt. Fünf von ihnen haben immer wieder besonders hervorgehoben, wie wichtig es ihnen ist, dass man ein vertrauensvolles Verhältnis miteinander hat und sich alles erzählen kann.

Genau diese fünf erlebte ich als besonders vertrauensunwürdige Personen.

c)    Ich habe zahlreiche Führungskräfte erlebt, die mir gegenüber (ungefragt) wieder und wieder beteuerten, dass es ihnen „überhaupt nicht“ um Karriere ginge, sondern dass sie nur auf interessante Aufgaben scharf wären. Dreimal dürft ihr raten, welche Führungskräfte dann aber doch „irgendwie“ Karriere machten.

 

Ich will diesen Mechanismus auf zwei Trends anwenden, die mir aufgefallen sind. Der eine ist ein paar Jahrzehnte alt und flaut gerade etwas ab. Der andere kommt erst noch in seine Hochphase. Fangen wir mit dem älteren Trend an.

 

Partner

Es fiel mir auf, als ich Zivildienst machte – auf einmal entstanden überall Partnerschaften. Aus dem Opel-Händler wurde auf einmal der „Opel-Partner“, aus der Versicherungsagentur wurde der „Partner in allen Versicherungsfragen“, aus dem Reisebüro wurde ein „Reise-Partner“ und so weiter. Das griff richtig um sich: Partner hier, Partner da.

Da ich damals mit solchen Trends noch nicht so vertraut war wie heute, dauerte es ziemlich lange, bis ich begriff, was hier geschah:

Ganz offenbar reagierte hier die Werbewirtschaft auf einen Mangel, den ganz breite Bevölkerungsschichten erlebten: Ein Mangel an Partnerschaft.

Offenbar vereinsamten immer weitere Bevölkerungskreise.

 

Mit anderen Worten:

Je mehr die Wirtschaft „Partnerschaft“ anbietet, desto größer ist offenbar der Mangel, den die Menschen hier erleben. Natürlich kann keine Wirtschaftsbeziehung eine vertraute Partnerschaft ersetzen. Aber darum geht es in diesem Text auch nicht. Es geht darum, dass sich ein diffus erlebter Mangel breiter Bevölkerungsschichten in den Angeboten der Wirtschaft niederschlägt. 

 

Kommen wir jetzt zu dem Trend, der mir aktuell so auf den Geist geht:

 

Erlebnis

Das ist mir erst vor ein paar Jahren zum ersten Mal aufgefallen:

Auf einmal wird alles zum Erlebnis:

Erlebniseinkauf, Erlebnisurlaub, Erlebnispark, Erlebnisbauernhof, Erlebnisbad, Erlebnisbergwerk, Erlebniswanderung, Erlebnismuseum, Erlebnisküche, Erlebniswerkstatt, Erlebniskraftwerk, Erlebnisraststätte …

(Googelt das mal – es ist faszinierend zu sehen, wie das Erlebnis um sich greift).

 

Ich komme gerade aus den Alpen zurück, wo ich meinen Sommerurlaub verbrachte. Und so wahr ich hier sitze und in meinem Laptop tippe:

In Österreich hielt ich Milchtüten in der Hand, die aus einer „Erlebnissennerei“ kamen.

 

Wenn es sogar Erlebnismilch aus der Erlebnissennerei gibt, dann gibt es also buchstäblich nichts, was nicht zum „Erlebnis“ hochgejazzt werden könnte.

 

Worum geht’s hier?

Wir kriegen es raus, wenn wir das mit minus eins multiplizieren.

Wenn ich „alles ist ein Erlebnis“ mit minus eins multipliziere, dann kommt dabei heraus „nichts ist ein Erlebnis“. (Oder – für die Mathematiker unter uns: „alles ist ein nicht-Erlebnis“).

 

Und darum scheint es mir bei diesem Trend zu gehen. Ich habe es in meinem Text „Zu viele Filter im Kopf“ bereits thematisiert:

Breite Schichten der NTs scheinen das diffuse Gefühl zu haben, nichts mehr zu erleben. Sie haben derart viele Wahrnehmungsfilter im Kopf, dass sie - verglichen mit normalen Asperger-Autisten - regelrecht abgestumpft und mit leeren Sinnen durchs Leben gehen. Normale Reize dringen kaum noch zu ihnen durch, ihre Sinne sind leer, ihr Leben ist buchstäblich sinnentleert - sinnlos. Und tatsächlich erlebe ich die allermeisten NTs als so abgestumpft und so unsensibel, dass sie nur noch dann etwas erleben, wenn das Ereignis

a)    sehr ungewöhnlich ist oder

b)    in einer extrem hohen Reizintensität daher kommt.

Das ist in etwa wie bei Drogensüchtigen: Die Dosis muss ständig erhöht werden, damit überhaupt noch eine Wirkung eintritt. Die NTs, die mich umgeben, führen ein so sinnloses Leben, dass ich von ihnen am Ende eines jeden Jahres sehr häufig höre:

„Was?! Schon wieder Weihnachten?!“

Sie sind entsetzt. Das ganze Jahr ging rum und sie haben so gut wie nichts erlebt, und jetzt können sie auch dieses Jahr als unerlebt abhaken.

(Das sind dann aber auch exakt die NTs, die mich zu Beginn des Neuen Jahres fragen:

„Na? Das Weihnachtsfest gut überstanden?“)

 

Sie erleben also wenig bis nichts, diese abgestumpften NTs mit ihren vielen Wahrnehmungsfiltern im Kopf.

Tja. Und nun?

 

Ich erlebe es immer häufiger, dass die NTs in ihrer Hilflosigkeit versuchen, sich Erlebnisse zu kaufen. Aber davon wird ihr leeres Leben auch nicht voller. Wer sein leeres Leben mit Styroporflocken ausstopft, damit es sich rund und prall anfühlt, führt deshalb noch lange kein sinnerfülltes Leben. Im Gegenteil: Wie Drogenabhängige jagen sie dem nächsten Kick hinterher – Urlaube in noch unberührteren Landschaften, noch stärkerer Thrill in Vergnügungsparks, noch ausgefeiltere und multimedialere Musicals, noch größere Flachbildfernseher, noch ausgefallenere kulinarische Extravaganzen, noch, noch, noch …

 

Hilft alles nichts.

 

Genauso wenig wie es gegen Einsamkeit hilft, wenn du dir dein nächstes Auto bei deinem „Opel-Partner“ kaufst und der Verkäufer dir mit tränenschimmernden Augen eröffnet, dass du ab jetzt zur exklusiven Opel-Familie gehörst.

 

Alles Stuss.

 

Als ich jetzt in den Alpen war, habe ich mich mal aus dem Tal mit einer Seilbahn auf einen über 3.000 Meter hohen Gipfel fahren lassen, zum „Gipfel-Restaurant.“ Ich wollte das mal ausprobieren und von dort oben mit dem Fernglas einige Gipfeltouren in Augenschein nehmen, die auf der Landkarte ganz vielversprechend aussahen.

 

Oben angekommen erwartete mich ein Glitzerpalast aus Stahl und Glas. Und so wahr ich hier sitze und in meinen Erlebnislaptop tippe, – als ich dieses Haus betrat, kam ein Ober in Livree auf mich zu und fragte mich nach meinem Begehr. Ich war auf alles mögliche gefasst gewesen, aber das übertraf dann doch meine kühnsten Erwartungen. Also murmelte ich irgendwas von „Speisekarte“ und schaute, ob ich mich in diesem Gipfel-Restaurant in eine stille Ecke verdrücken konnte.

 

Eigentlich wollte ich „gipfelgerecht“ essen, also irgendwas mit Bratkartoffeln oder Nudeln oder sowas. Ich war in den letzten Tagen in einigen Hütten in großer Höhe gewesen (zwei von denen hatten auf über 3.000 Metern Höhe gestanden), und wenn ich da nach stundenlangem Aufstieg angekommen war, hatte ich mich sehr nach „schlicht“ und „reichlich“ gesehnt.

 

Sowas gab’s hier nicht. Statt Suppen gab’s Consomées, und ich zählte insgesamt sieben verschiedene Sorten Red Bull, die sie da vorrätig hielten. (Von Red Bull gibt’s tatsächlich „Special Editions“ – das hat sicher irgendwas mit „Erlebnis“ zu tun). Am Tisch neben mir war einem Ehepaar mittleren Alters irgendeine „Dessertcreation“ serviert worden. Und jetzt baten die beiden aufgeregt den zuständigen Ober, sie doch mit dem Handy zu fotografieren. Dem kam er gerne nach. Offenbar war so ein Auftrag Alltag für ihn. Die Prozedur selber zog sich ziemlich in die Länge. Ich zählte mindestens neun Versuche, die Leute und ihre „Dessertcreation“ richtig in Szene zu setzen (vor Alpenpanorama und so). Aber außer mir schien niemand das befremdlich zu finden.

 

Ich bestellte Wiener Schnitzel und schaute mir durch das Panoramafenster die Leute an, die da zu Hauf auf dem Gipfelplateau rumliefen. Lange, lange, lange saß ich da und ließ das alles auf mich wirken, um zu begreifen, was hier eigentlich passierte.

 

Letztlich kam ich immer zum selben Schluss:

Die allermeisten Leute, die da waren, waren von Bewegungstalent, Kleidung und Kondition so, wie ich das aus dem Flachland kannte. Über 2.000 Meter Höhe hatte ich solche Menschen (abseits der Seilbahnen) noch nie gesehen, geschweige denn in 2.500 Metern Höhe oder gar in Gipfelregionen.

Aber so, wie sie sich da draußen auf dem Gipfel verhielten, hatte ich ganz stark den Eindruck, dass sie „Berg-Erlebnis“ oder „Gipfel-Erlebnis“ gebucht hatten. Sie wollten was erleben und hatten versucht, sich ein Erlebnis zu kaufen.

 

Aber nach allem, was ich sehen konnte, erlebten sie auf dem Gipfelplateau buchstäblich nichts. Die Leere, die sie ausfüllte, hatten sie aus dem Tal mit nach oben gebracht. Mit der gleichen Leere würden sie nachher auch wieder zu Tal fahren.

 

Sie schienen zu glauben, dass Sensationen Erlebnisse sind. Aber das ist ein fundamentaler Irrtum. Wer sein leeres Leben mit Sensationen füllt, der stopft sich seine leere Seele mit Styroporflocken aus. Kann man so machen, aber davon wird man nicht satt. Für ein erfülltes Leben muss man was erleben.

 

Erlebnisse kann man sich nicht kaufen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Träumer (Sonntag, 04 November 2018 03:54)

    Hallo Stiller.

    Danke, dass du deine Beobachtungen und Gedanken hier in Worte fasst und veröffentlichst.
    Du triffst, meiner Meinung nach, sehr oft den Nagel mitten auf den Kopf (Redewendung).

    Träumer