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Ein guter Mensch

Neurotypische Menschen (NTs), die mich nicht kennen, erleben mich oft als „finster“, „gefährlich“ oder irgendwie bedrohlich. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als junger Erwachsener erstaunt registrierte, dass ich in belebten Fußgängerzonen keine Mühe mehr hatte, zügig voranzukommen – die Leute wichen vor mir zurück. Sie gingen mir aus dem Weg.

 

Ich wirke nicht absichtlich so. Ich gehe also nicht in die Innenstadt, um „cool“ zu sein oder die Leute zu erschrecken oder irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Mir ist im Gegenteil ziemlich egal, wie ich auf andere wirke. Aber da Menschen zu beobachten mein ältestes Spezialinteresse ist, nehme ich aufmerksam wahr, was geschieht, wenn ich unter Menschen gehe.

 

Auf diese Weise auf Fremde zu wirken kann Vorteile haben. Es kann aber auch gravierende Nachteile haben. Zum Beispiel, wenn man eine Arbeitsstelle sucht. Oder wenn man eine Arbeitsstelle behalten will, nachdem man sie bekommen hat. Beides gehörte für mich lange, lange Jahre zu den schwierigsten Aufgaben, die mir gestellt wurden.

 

Wenn die NTs mich dann kennenlernen, dreht sich der Wind meistens um 180 Grad.

„Ich dachte immer, du bist ein Arschloch, aber das bist du ja gar nicht!“

(So reagierte ein Kollege nach dem ersten Gespräch mit mir).

„Als ich dich gesehen habe, dachte ich, du bist der Hausmeister hier.“

(Diese Reaktion ist eher typisch für Seminarteilnehmer von mir).

Irgendwann – lange vor meiner Diagnose – fiel mir auf, dass es da ein Muster gab, das sich stets wiederholte:

Wenn ich irgendwo anfing zu arbeiten, war ich der mit Abstand unbeliebteste Kollege. Wenn ich dann nach einiger Zeit die Abteilung oder die Aufgabe wechselte – was immer wieder vorkam – war ich mit Abstand der beliebteste Kollege.

Ich konnte es mir nicht erklären.

 

Die Rückmeldungen der NTs, die mich kennen, sind immer wieder geradezu hymnisch:

„Du hast mir so viel gegeben!“

„Für dich würde ich so ziemlich alles tun!“

„Wenn du irgendwas brauchst – du kannst immer auf mich zukommen! Ich verdanke dir so viel!“

Ich habe nichts zu geben, also gebe ich auch nichts. Das wenige, was ich habe – materiell und seelisch, das brauche ich selber.

Und ich habe keine Ahnung, was die Leute für mich tun wollen.

Aber ich nehme das, was sie sagen zur Kenntnis, auch wenn ich es mir nicht erklären kann.

 

Eine Zeitlang hatte ich im Berufsleben Führungsaufgaben. Irgendwann fiel mir auf, dass so ziemlich jeder, den ich mal geführt hatte, Jahre später bei mir anrief, um sich für diese Art der Führung zu bedanken.

Ich konnte es mir nicht erklären.

 

Den Gipfel erreicht das Ganze, wenn die NTs mir unterstellen, dass ich ein „guter Mensch“ sei. Das passierte zum ersten Mal, als ich Zivildienst machte. Zarte 19 Jahre war ich damals alt. Ich arbeitete in einem Wohnheim für nichtsesshafte und strafentlassene Männer. Ein wirklich rüder Haufen! Wenn ich alleine Schicht hatte, dann drängelten sich die Jungs oft in meinem kleinen Büro, weil sie sich da so wohl fühlten und keiner mit ihnen schimpfte. Dann hatte ich da oft über 200 Jahre Knast rumstehen. Aber ich kam mit den Jungs klar. Sie sprachen Klartext mit mir und ich sprach Klartext mit ihnen.

„Stiller! Ich hab’s beschlossen – ich bring‘ mich um.“

Das war derselbe Mann, der mir vor ein paar Tagen erzählt hatte, wie er seinen ersten Polizisten umgebracht hatte:

„Dem hab‘ ich mit einem Stuhlbein das Gesicht zu Matsche gekloppt – den konnten sie nur noch anhand seiner Fingerabdrücke identifizieren.“

Jetzt war er also mies drauf, und da er so impulsiv und extrem gewalttätig war, war seine Ankündigung durchaus ernst zu nehmen.

„Wie willst du das denn machen?“, wollte ich wissen.

„Ich schneid‘ mir die Pulsadern auf. Der Länge nach. Ich mach das! Ich tu‘s!“

„Gute Idee. Aber mach‘ das nicht hier, sondern draußen, wo die Kacheln sind. Hier auf dem Teppich geht das Blut so schwer raus.“

 

Irgendwann an einem heißen Sommertag hatte ich die Spätschicht und goss in der Abenddämmerung auf dem Hof des Wohnheims ein paar Blumen, die hier und da an den Hauswänden wuchsen. Die Küchenchefin – ein ziemlicher Drachen – sah das und sagte mir:

„Sie sind ein guter Mensch!“

Es war das erste Mal, dass ich das hörte.

Ich konnte es mir nicht erklären.

 

Aber in den folgenden Jahren bekam ich diese Rückmeldung häufiger:

„Sie sind ein guter Mensch.“

 

Getoppt wurde das vor ein paar Wochen, als mir eine gläubige Christin allen Ernstes sagte:

„Du bist ein Engel.“

 

Manchmal haben die NTs halt nicht mehr alle Tassen im Schrank.

 

Was ist aus meiner Warte dazu zu sagen?

Wenn es gute Menschen gibt, dann gibt es auch schlechte Menschen. Oder böse Menschen. Ansonsten hätte es keinen Sinn, das Adjektiv „gut“ in diesem Zusammenhang zu nutzen. In meiner Welt gibt es aber keine „guten“ oder „schlechten“ Menschen, sondern es gibt einfach nur Menschen. Schlicht und ergreifend. Sie sind weder gut noch böse (oder schlecht), sondern sie sind einfach nur da. So wie die Wolken da sind oder die Gräser auf der Wiese oder ein Stein, der am Feldrand liegt.

 

„Gut“ und „böse“ sind keine geeigneten Kategorien, um die Wirklichkeit zu beschreiben.

 

Wenn es „gute“ Menschen gibt, dann gibt es auch „böse“ oder „schlechte“ Menschen. Und was „bösen“ oder „schlechten“ Menschen von selbsternannten „guten“ Menschen in der Geschichte alles angetan wurde und auch noch heute angetan wird, ist einfach grauenvoll.

 

Menschen in „gut“ und „böse“ einzuteilen ist oft der erste Schritt in die systematische Benachteiligung, Ausgrenzung, Herabwürdigung der „bösen“ Menschen. In letzter Konsequenz kann das im Genozid münden. Das ist einer der Gründe, warum ich von den Offenbarungsreligionen eine denkbar schlechte Meinung habe.

 

„Gut“ und „böse“ sind keine geeigneten Kategorien, um die Wirklichkeit zu beschreiben. Diese Kategorien existieren nur im Kopf derer, die sie benutzen und haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Und da es deshalb logischerweise keine guten und schlechten Menschen gibt, sondern einfach nur Menschen, müssen die NTs sich irren, die mir immer wieder sagen:

„Du bist ein guter Mensch!“

 

Ich bin einfach nur da.

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